Nein, die jährliche Grippewelle wird nicht als Corona-Pandemie ausgegeben

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  • Veröffentlicht am 22. April 2021 um 14:56
  • Aktualisiert am 22. April 2021 um 14:56
  • 7 Minuten Lesezeit
  • Von: Jan RUSSEZKI, AFP Deutschland
Die Grippewelle im Jahr 2020 sei angeblich gar nicht ausgeblieben, sondern vielmehr als "Corona-Plandemie" ausgegeben worden. Den Beweis für diese Behauptung soll eine Grafik liefern, die nach den hohen Grippewellen der vergangenen Jahre im Jahr 2020 eine sehr flache Kurve zeigt. Tausende Facebook-User haben Anfang April diese Grafik geteilt. Allerdings: Die Grippewelle ist, wie von Expertinnen und Experten erwartet, im deutschen Sprachraum tatsächlich fast gänzlich ausgeblieben. Eine Umwandlung der Grippe-Fälle in Corona-Fälle ist demnach unmöglich.

Rund 2000 Facebook-User haben die Grafik zur ausbleibenden Grippe seit dem 3. April 2021 geteilt (hier, hier). Die Daten stammen angeblich von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Darunter heißt es: "Es ist so offensichtlich. Die Grippe wurde für die Covid Plandemie benutz, Punkt!"

Ein Nutzer fragt in seinem Posting: "Ja, wo sind denn die ganzen Grippetoten hin?" Eine andere Nutzerin schreibt: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte..... Und nun sind die Menschen ganz heiß auf eine Spritze, die sie vor dieser angeblichen Bedrohung - ein ganz normaler alljährlicher Grippevirus - retten soll! Leider endet das für viele unerwartet schnell..."

In einem weiteren Facebook-Posting heißt es: "Null Grippe-Todesfälle während der Saison 2020-2021 gemeldet. Noch nie in der Geschichte der Medizin ist eine jährliche Krankheit vollständig verschwunden, um durch eine andere mit genau denselben Symptomen ersetzt zu werden." Kommentiert wird das mit Worten wie "Zauberei" und "It’s magic".

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Facebook-Screenshot: 20.04.2021

Seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 kursieren immer wieder falsche Behauptungen, wonach Sars-Cov-2 bloß die alljährliche Grippewelle sei. AFP widerlegte bereits mehrere solcher Aussagen (hier, hier). In anderen Behauptungen hieß es fälschlicherweise, dass das Sars-Cov-2-Virus überhaupt nicht existiere (hier) oder dass es nicht gefährlicher sei als die saisonale Grippe (hier). Auch über Corona-Testverfahren kursierte die falsche Behauptung, dass diese nicht zwischen Corona und Grippe unterscheiden könnten (hier, hier). Die aktuelle Behauptung, die ausgebliebene Grippewelle werde als "Corona-Plandemie" ausgegeben, passt in diese Reihe von Falschinformationen.

Ist die Grafik echt?

Woher die Grafik mit den roten Balken aus dem Facebook-Posting stammt, konnte AFP nicht eindeutig herausfinden. In der angegebenen Datenbank der WHO ist diese Ansicht oder die Zusammenfassung der unterschiedlichen Jahre und Zahl der Grippefälle so nicht zu finden. Die Daten zur weltweiten Verbreitung könnte man sich jedoch selbst aus mehreren Abfragen in der Datenbank zusammenstellen.

AFP hat dies mit den bestätigten Grippefällen für Europa der vergangenen Jahre getan. Dabei lässt sich zumindest ein ähnlicher Trend feststellen, wie ihn auch die Grafik auf Facebook wiedergibt.

Der Kurvenverlauf ist demnach auch für Deutschland, Österreich und die Schweiz realistisch: Eine Grippewelle blieb in der Saison 2020/2021 aus. Das bestätigen das Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in der Schweiz und die Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (Ages) auf AFP-Anfrage per E-Mail.

RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher belegte den Trend in einer Mail vom 15. April an AFP mit Daten aus dem SurvStat, einer Datenbank für laborbestätigte Influenza-Fälle. Besonders in der Saison 2020/2021 fielen die Fälle pro Woche auf zweistellige Werte. In den Vorjahren gab es Grippefälle im drei- und vierstelligen Bereich pro Woche. Nur insgesamt 519 Grippefälle wurden in Deutschland laborbestätigt (hier, hier, hier).

BAG-Sprecher Daniel Dauwalder schrieb am 15. April in einer E-Mail an AFP in Bezug auf die Grippe: "Innerhalb des Sentinella-Überwachungssystems (Anm. d. Red.: ein Ärztenetzwerk) haben wir während der ganzen Saison 2020/2021 nur eine einzige positive Probe gefunden, in anderen Jahren waren es während des Höhepunkts der Saison um die 60 bis 80 positive Samples pro Woche." Auch außerhalb des Überwachungssystems seien "erstaunlich wenige Influenzaviren nachgewiesen" worden.

Das Ages verwies AFP an die Leiterin des nationalen Referenzlabors für Influenzaviren in Österreich, Dr. Monika Redlberger-Fritz. Am 20. April erklärte sie gegenüber AFP, dass ihr Labor in der Saison 2020/2021 mehr als 10.000 Proben sowohl auf Influenza als auch Corona getestet habe. "Wir hatten in Österreich nur zwei Influenzafälle. Einen im Überwachungssystem und einen außerhalb dieses Systems."

Laut RKI-Homepage sind die hohen Grippefallzahlen der vergangenen Jahre vor allem Schätzungen. Dagegen werden alle Sars-Cov-2-Infektionen mit PCR-Corona-Tests bestätigt und genau gezählt. Die Unterschiede in der Datengrundlage erklärt dieser Faktencheck von Oktober 2020 ausführlich.

Warum ist die Grippewelle 2020/2021 ausgeblieben?

Besonders mit Blick auf die hohe Zahl an Sars-Cov-2-Infektionen stellt sich die Frage, wieso diese gestiegen, die Grippe aber nahezu verschwunden ist.

Für Virologin Redlberger-Fritz von der Ages war die ausbleibende Grippewelle 2020/2021 zu erwarten. Dafür gebe es verschiedene Gründe: "Es gibt eine Reisebeschränkung, mit der internationale Reisen zurückgedrängt wurden. Damit sind die Hürden für das Einschleppen eines Virus nach Europa höher." Die Grippe werde meist von Reiserückkehrern aus tropischen und subtropischen Gebieten eingeschleppt, wo das Virus das ganze Jahr auf einem niedrigen Niveau zirkulieren könne. Deswegen würden Grippewellen meist an großen Handelshäfen beginnen (etwa in England, Frankreich, Portugal oder den skandinavischen Ländern). "Das wurde gestoppt", sagte Redlberger-Fritz.

Dennoch sei einer der beiden Influenzafälle der vergangenen Grippesaison in Österreich ein Reiserückkehrer. Doch bei diesen seltenen Fällen verhinderten die Corona-Maßnahmen die Ansteckung anderer: "Selbst, wenn ein Erkrankter eingereist ist, dann musste er in Quarantäne oder hat eine Maske tragen müssen und konnte die Infektion deswegen nicht weitergeben", erklärte Redlberger-Fritz.

Auf der Website des RKI heißt es ebenfalls: "Die Wirkungen der Maßnahmen in der Datenbank GrippeWeb lassen sich sehr gut verfolgen, da durch die Einhaltung der AHA(+L)-Regeln (Abstand halten, Hygiene beachten, im Alltag Maske tragen und Lüften) von vielen Bürgerinnen und Bürgern ganz allgemein das Ansteckungsrisiko für viele Atemwegserkrankungen deutlich reduziert wird."

Das sieht auch BAG-Sprecher Dauwalder so: "Die getroffenen Maßnahmen wirken wahrscheinlich ähnlich auf beide Viren. Bei Influenza war das scheinbar genug, um eine Verbreitung zu verhindern."

Es gibt außerdem einen dritten Grund, bei dem sich der BAG-Sprecher, die RKI-Sprecherin und Redlberger-Fritz einig sind: Gegen die Grippe gibt es eine Grundimmunität in der Bevölkerung.

Redlberger-Fritz erklärte: "Bei der Grippe kann sich nicht jeder jedes Jahr anstecken. In der Regel macht man in der Kindheit die Erstinfektion durch und hat dann alle paar Jahre immer wieder Reinfektionen. Dazwischen ist man durch die sogenannte Kreuzprotektivität geschützt." Pro Jahr könnten sich nur etwa fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen und zehn bis 20 Prozent der Kinder überhaupt infizieren.

BAG-Sprecher Dauwalder erklärte die Ansteckungsbedingungen ähnlich und ergänzte außerdem, dass die Immunität auch durch Impfungen entstehe.

Wieso stiegen die Corona-Fallzahlen, während die Grippe-Fälle fielen?

Die Bedingungen für Ansteckungen mit dem Sars-Cov-2 sind laut RKI, BAG und Redlberger-Fritz andere. Deswegen könne sich das Virus trotz der Maßnahmen weiter ausbreiten.

RKI-Sprecherin Glasmacher schrieb dazu: "Generell: Bei SARS-CoV-2 handelt es sich um einen Erreger, gegen den es in der Bevölkerung bisher keinerlei Immunität gibt. Das ist nicht vergleichbar mit saisonalen Influenza- oder Erkältungsviren."

BAG-Sprecher Dauwalder schrieb ebenfalls: "Bei SARS-CoV-2 handelt es sich um ein neuartiges Virus. Die Anzahl genesener oder geimpfter Personen war deutlich geringer. Daher kann sich Sars-CoV-2 ausbreiten."

Redlberger-Fritz erklärte, dass in der vergangenen Saison die Möglichkeit einer Ansteckung mit Corona auch viel größer gewesen sei. Etwa 95 bis 99 Prozent der Bevölkerung seien ungeschützt vor Sars-CoV-2 gewesen. "Da hat das Virus es viel leichter."

Außerdem könne man Influenza-Ansteckungen besser verhindern, weil diese anders verlaufen: "Influenza verbreitet sich gleichermaßen über Tröpfchen- wie Schmierinfektionen. Das heißt, wenn man sich oft die Hände wäscht, hat das einen großen Einfluss auf die Übertragung. Bei Coronaviren ist das anders, da sind vor allem Tröpfchen und Aerosole ein großes Thema und Schmierinfektionen weniger", erklärte Redlberger-Fritz.

Seit Dezember werden verschiedene Impfstoffe in Deutschland, Österreich und der Schweiz verimpft. Am 21. April 2021 waren 6,9 Prozent der deutschen, 8,9 Prozent der Schweizer und 9,99 Prozent der österreichischen Bevölkerung vollständig geimpft (beide Injektionen).

Können Grippe- und Sars-Cov-2-Viren verwechselt werden?

Auch wenn es einige Facebook-User behaupten, Grippe-Fälle können nicht als Corona-Fälle ausgegeben werden. Redlberger-Fritz findet für die Behauptung klare Worte: "Es sind absolute Fake-News, das jemand sagt, das Influenza-Positive auf Corona umgelegt wurden. Das ist unethisch und eine pure Lüge."

Warum eine Verwechslung nicht möglich ist, erklärte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher bereits in einem Faktencheck zur Corona-Statistik im Februar: "In die Statistik des RKI gehen die Covid-19-Todesfälle ein, bei denen ein laborbestätigter Nachweis von Sars-CoV-2, also ein direkter Erregernachweis, vorliegt und die in Bezug auf diese Infektion verstorben sind."

Eine Verwechslung von Influenzaviren und den neuartigen Coronaviren ist laut Redlberger-Fritz bei PCR-Tests deshalb nicht möglich. Sie erklärte: "Beim PCR-Testverfahren versucht man mit einer Sonde die genaue Gensequenz zu finden, die genau die Influenzaviren codiert. Die können gar nicht auf einen Coronavirus oder einen anderen Virus anspringen. Corona ist so hochspezifisch, dass die abgefragte Gensequenz nicht auf andere Viren passen kann."

Die gleiche Erklärung gab bereits Christian Bogdan, Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) und Inhaber des Lehrstuhls für Mikrobiologie und Infektionsbiologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, im Februar in einem AFP-Faktencheck. "Eine erregerspezifische PCR wird immer so entwickelt, dass andere Erreger nicht erfasst werden", erklärte er. Dort und in einem anderen Faktencheck zu ähnlichen Fragen bestätigten das weitere Verbände und Organisationen.

Fazit

Die Behauptung, dass die Grippewelle der Saison 2020/2021 gar nicht ausgeblieben, sondern als "Corona-Plandemie" ausgegeben worden sei, ist falsch. Die Grafik im Facebook-Post zeigt zwar tatsächlich einen realistischen Trend der aktuellen Grippefallzahlen. Dieser war aber laut Expertinnen und Experten erwartbar und ist auf die Corona-Maßnahmen in Verbindung mit einer Grippe-Grundimmunität zurückführbar. Eine Verwechslung von Grippe- und Coronafällen ist nicht möglich, weil die Corona-Statistik auf laborbestätigten Diagnosen von Ärztinnen, Ärzten und Testzentren beruht, die Verwechslungen unmöglich machen.

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