Dieses Video zeigt einen Seriendreh in Russland, keine Inszenierung ukrainischer Kriegsopfer

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Tausende User haben seit Anfang April ein Video in sozialen Netzwerken geteilt, das angeblich zeigt, wie ukrainische Einheiten den Dreh eines gefälschten "Massakers an Zivilisten" durch russische Truppen vorbereiten. Zu sehen sind zwei Männer, die auf der Straße eine menschengroße Puppe drapieren. Das Video stammt aber gar nicht aus der Ukraine, sondern von einem Seriendreh in Russland. Die Ermordung von Zivilisten in der Ukraine wurde zudem von AFP dokumentiert.

Dutzende Nutzerinnen und Nutzer haben das Video der Puppe auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Auf Telegram sahen es Zehntausende (hier, hier). Medienberichte und Faktenchecks aus anderen Ländern zeugen davon, dass sich die Behauptung in zahlreichen Sprachen wie Französisch, Italienisch, Polnisch, Russisch und Ukrainisch verbreitet hat. Auch der russische Staatssender Rossija 24 verbreitete die Behauptung.

Die Behauptung: In einem online verbreiteten Video ist zu sehen, wie auf einer Straße zwei Männer Klebeband an einer lebensgroßen Puppe anbringen. Dazu heißt es: "Die Vorbereitungen für einen neuen Filmdreh von 'Massakern an Zivilisten' laufen auf Hochtouren." Das Video zeige Einheiten des "Zentrums für Informations-Psychologische Operationen der Streitkräfte der Ukraine". Diese würden eine Modellpuppe für den nächsten gefälschten Mord an Zivilisten durch die Russen vorbereiten. Weiter wird darauf verwiesen, dass die Szenen der Opfer deshalb häufig aus der Ferne gefilmt würden, damit nicht zu erkennen sei, dass es sich nicht um Menschen, sondern Puppen handele.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 13.04.2022

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 kursieren immer wieder falsche Informationen über einzelne Kriegshandlungen. Dazu gehören auch Behauptungen über vermeintliche Inszenierungen von Kriegsopfern und Zerstörung (siehe hier, hier, hier, hier). AFP hat Faktenchecks zum Ukraine-Krieg hier gesammelt.

In diesem Kontext sorgten Anfang April Leichenfunde im Kiewer Vorort Butscha für Entsetzen und große mediale Aufmerksamkeit (hier, hier, hier). Die russische Regierung dementierte den Vorwurf, Kriegsverbrechen in Butscha begangen zu haben (hier, hier). User in sozialen Netzwerken behaupteten bereits anhand eines anderen Videos, die Leichen in Butscha seien eine Inszenierung mit Statisten. AFP prüfte diese Behauptung bereits hier. Das nun geteilte Video stammt aber weder aus Butscha, noch aus dem Krieg in der Ukraine.

Das Video wurde ursprünglich auf Tiktok veröffentlicht

Der etwa 16 Sekunden lange Clip wurde ursprünglich am 29. März vom russischen Komiker Philipp Fedortschuk auf Tiktok hochgeladen. Im Beitragstext des Videos heißt es dazu: "Vorbereitung einer Puppe für einen Sturz im Film".

Tiktok-Screenshot des Videos vom Konto von Philipp Fedortschuk: 12.04.2022

Auf anderen Plattformen wurde die Aufnahme allerdings ohne den nötigen Kontext verbreitet. Der Telegram-Kanal "U_G_M", dessen Wasserzeichen auf dem weiter verbreiteten Video zu sehen ist, veröffentlichte den Clip am 6. April. Im Beitragstext heißt es dort nun, es sei zu sehen, wie die "ukrainischen Streitkräfte [ihre] inszenierten Videos [vorbereiten]. Auch ein einflussreicher russischsprachiger Account verbreitete das Video mit der Behauptung der inszenierten Ukraine-Opfer.

Telegram-Screenshot des Videos: 12.04.2022
Twitter-Screenshot des Videos: 12.04.2022

 

 

Aufnahmen zeigen einen Fernsehdreh in Russland

Auf AFP-Anfrage bestätigte Philipp Fedortschuk am 11. April, der Urheber des Videos zu sein. Dieses sei "am 20. März in Wsewoloschsk" in der Nähe von Sankt-Petersburg bei den Dreharbeiten zu einer Fernsehserie, in der er als Statist auftrat, aufgenommen worden.

Die Metadaten des Originalvideos, die AFP auf der Website "Metadata2go" einsehen konnte, bestätigen das Datum der Aufnahme. Sie entstand am 20. März 2022 um 17:43 Uhr Moskauer Zeit auf einem iPhone 11 Pro Max.

Screenshot der Website Metadata2go: 12.04.2022

Die GPS-Daten können durch Übertragung auf einen GPS-Konvertierungsservice ebenfalls nachverfolgt werden. Diese verweisen ebenfalls auf die Stadt Wsewoloschsk, etwa 20 km nordöstlich von Sankt Petersburg.

Screenshot der GPS-Konvertierungswebsite Coordonnées GPS: 12.04.2022

Die Puppe wurde vor ihrem Sturz mit Schutzklebeband umwickelt

Auf AFP-Anfrage erklärte Maria Nistryanu, ein Mitglied des Drehteams zur Fernsehserie, am 12. April, das Video sei kurz vor den Dreharbeiten zu einer Szene aufgenommen wurde, die den tödlichen Sturz eines Mannes aus einem der oberen Stockwerke eines Gebäudes zeigt.

"Man sieht, wie unser Stuntmanager und sein Assistent die Puppe vorbereiten: Sie umwickeln sie mit Klebeband, damit sie beim Sturz nicht in Stücke zerbricht." Anschließend sei die Puppe mit Tierorganen bedeckt und eingekleidet worden, um sie für den Aufprall auf ein am Fuß des Gebäudes geparktes Auto vorzubereiten.

Aus dem Produktionsplan der Serie, den Nistryanu AFP bereitstellte, geht zudem hervor, dass der Dreh einer solchen Sequenz tatsächlich für den 20. März in Wsewoloschsk geplant war.

Nadeschda Kolobajewa, erste Regieassistentin der Serie, hatte im April auf ihrer Facebook-Seite mehrere Fotos und Videos von den Dreharbeiten zu der Szene veröffentlicht, um auf die Behauptungen rund um den im Netz kursierenden Clip einzugehen. In einem Posting am 7. April erklärte sie, dass keine Ukrainer in Militäruniform zu sehen seien: "Das sind wir in Wsewoloschsk, um den Sturz aus dem Fenster für unsere Show am 20. März zu filmen."

Facebook-Screenshot: 12.04.2022
Facebook-Screenshot: 12.04.2022

 

 

In einem Facebook-Post ist unter anderem der Sturz der Puppe zu sehen. Ein anderer Beitrag zeigt ein Foto der Puppe in den Händen des Stuntregisseurs der Serie, Alexander Uwarow, mit der Bildunterschrift: "Für alle, die Albertik vermissen. Stuntregisseur Alexander Uwarow, der Hauptheld (nach Albertik)".

Die Puppe namens Albertik ist laut Maria Nistryanu eine lokale Berühmtheit unter den Filmteams der Region: "Er gehört zu unserem Stuntteam, das ihn ziemlich oft für verschiedene Projekte einsetzt, insbesondere wenn es darum geht, Explosionen, Stürze oder gefährliche Sequenzen zu filmen. Das Stuntteam ist eines der beliebtesten in der Filmszene von Sankt-Petersburg, also arbeiten sie mit vielen Leuten zusammen und Alexander Uwarow ist ein sehr bekannter Profi."

Kolobajewa sendete zudem am 12. April ein Foto der Drehkulissen an AFP. Ein Abgleich mit dem Kartendienst Google Street View bestätigt, dass die Dreharbeiten in der Leningradskaja Straße 8/9 in Wsewoloschsk stattgefunden haben.

Foto des Drehorts: bereitgestellt von Nadeschda Kolobajewa ( Saladin SALEM)
Screenshot des Orts auf Google Street View: 12.04.2022

 

 

Zivile Opfer in der Ukraine

Bereits Anfang April verbreiteten sich im Netz Behauptungen, die in der Stadt Butscha, nahe Kiew, gefundenen Leichen, seien inszeniert. AFP entkräftete die Behauptung bereits hier und hier.

AFP-Journalisten vor Ort konnten dort am 2. April etwa 20 Leichen in ziviler Kleidung ausmachen. Der AFP-Reporter Danny Kemp berichtete gegenüber AFP:

"Schon bei unserer Ankunft konnten wir sehen, dass die Straße mit Leichen übersät war", erklärte Kemp. "Wir sahen zuerst nur drei und bemerkten dann Weitere in beiden Richtungen. Sie waren entlang der Straße in unterschiedlichen Abständen auf einem Abschnitt von etwa 400 Metern verteilt, einige allein, andere in Gruppen von zwei oder drei. Wir sind den gesamten Schauplatz mindestens zweimal abgelaufen. Wir haben die Körper gezählt, es waren 20, fotografierten und filmten sie. Wir haben zu keinem Zeitpunkt gesehen, dass sich jemand von ihnen bewegt hat."

Auch die BBC konnte in einer eigenen Untersuchung feststellen, dass die Behauptungen, das Massaker sei inszeniert gewesen, unbegründet seien. Mehrere westliche Staaten und die Vereinten Nationen brachten nach dem Fund der Leichen ihre Empörung zum Ausdruck. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, zeigte sich am 4. April "entsetzt" über die Berichte, die "ernste und besorgniserregende Fragen über mögliche Kriegsverbrechen" aufwerfen.

Moskau bestritt am 4. April jedoch jegliche Übergriffe von russischer Seite und kündigte an, es werde diese "hasserfüllte Provokation" untersuchen.

Fazit: Nein, das Video zeigt keine ukrainischen Einheiten bei der Vorbereitung gefälschter Morde durch die russische Armee. Der Clip entstand am 20. März bei einem Filmdreh nahe Sankt Petersburg. Der geteilte Clip hat weder einen Bezug zum Krieg in der Ukraine, noch zu den Geschehnissen in Butscha.

Übersetzung:
Ukrainekonflikt