Ein Mann läuft durch Butscha. ( AFP / RONALDO SCHEMIDT)

Nein, der Leichenfund in Butscha ist keine "Inszenierung" mit Statisten

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Die Entdeckung zahlreicher Leichen in Butscha, einer Kleinstadt nordwestlich von Kiew am 2. April, sorgte für internationales Entsetzen. Die Ukraine beschuldigte die kürzlich von dort abgezogenen russischen Truppen, ein Massaker an Zivilisten verübt zu haben. Moskau bestreitet dies jedoch. In sozialen Netzwerken wird in zahlreichen Beiträgen behauptet, dass es sich um eine Inszenierung des "Kiewer Regimes" handele. In einem Video soll zu sehen sein, wie eine der Leichen die Hand hebe. AFP-Journalisten vor Ort bestätigten jedoch, dass die in den Straßen von Butscha gefundenen Leichen bereits seit mehreren Tagen tot waren. Die online verbreiteten Bilder zeigen nicht, dass sich die Körper bewegen.

Dutzende User haben die Beiträge zu einem angeblich inszenierten Leichenfund auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Auch auf Youtube und Telegram (hier, hier) sahen Tausende ein Video mit der Behauptung. Auf Twitter teilten Hunderte den Clip.

Auch die russische Botschaft in Deutschland äußerte sich auf Twitter zu den gefundenen Leichen. Bei den Foto- und Videoaufnahmen aus Butscha handele es sich um "eine weitere Inszenierung des Kiewer Regimes für westliche Medien".

Die Behauptung: "Umgehend hat das Kiewer Regime der Ukraine damit begonnen, im Nordwesten von Kiew (bei Butscha) Fake Videos von "massenweise" getöteten Zivilisten zu verbreiten.", heißt es zu einem online verbreiteten Video. Zu sehen ist ein Konvoi, der an mehreren Leichen auf einer Straße vorbei fährt. Am unteren Bildrand wird als Sender "Espresso.TV" angegeben. In dem Clip sei erkennbar, wie eine der Leichen die Hand hebe. Im Rückspiegel sei dann zu sehen, wie sich diese aufsetzt. Auch das russische Verteidigungsministerium teilte am 3. April auf seinem Telegram-Kanal das Video. Angeblich sei zu sehen, wie eine der "Leichen" den Arm bewegt und eine weitere sich im Rückspiegel aufrichtet. Weiter heißt es auf Facebook, die russische Armee habe das Gebiet bereits am 30. März ohne Gefechte verlassen. Das Video sei allerdings erst am 3. und 4. April aufgetaucht, um die russische Armee zu "diskreditieren" und Hass zu verbreiten.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 05.04.2022

Woher stammt das Video?

Der Clip wurde am 2. April auf dem Youtube-Kanal des ukrainischen Fernsehsenders Espresso.TV hochgeladen. Eine Moderatorin erklärt zu den Bildern, diese seien der Beweis für die "Gräueltaten der russischen Besatzer in Butscha".

Das Video wurde aus einem Fahrzeug in einem ukrainischen Militärkonvoi heraus aufgenommen und zeigt mehrere Leichen, welche verteilt auf einer Straße liegen, die der Konvoi befährt. Im Hintergrund sind Granattrichter und beschädigtes Gelände zu erkennen.

Eine längere Version des Videos in besserer Qualität wurde am 2. April auf dem Twitter-Account des ukrainischen Verteidigungsministeriums veröffentlicht. Dort heißt es, das Video zeige "willkürlich hingerichtete Zivilisten".

Zu sehen ist die Yablunska Straße in Butscha. Dies kann anhand mehrerer Merkmale im Video im Abgleich mit dem Kartendienst Google Maps festgestellt werden. Auf der rechten Seite der Straße ist dort ebenfalls das weiße Haus an einer Straßenecke zu sehen. Es hat ein großes Tor, ein zweigeteiltes Fenster im Obergeschoss sowie einen auffälligen Baum im Garten. Im Hintergrund ist auf der linken Seite ebenfalls ein Strommast zu erkennen.

Die Leichen bewegen sich nicht

Auf Facebook wird das Video verlangsamt und in geringer Qualität verbreitet. Mehrere User in sozialen Netzwerken wiesen bei genauer Beobachtung des Clips aber bereits darauf hin, dass die zu sehende Leiche sich nicht bewege (hier, hier, hier).

Der erste Mann rechts im Video hebt seine Hand tatsächlich nicht. Es handelt sich in Wirklichkeit um einen Tropfen auf der Windschutzscheibe des Fahrzeugs, aus welchem die Szene gefilmt wird, wie auch dieser Tweet beschreibt:

AFP-Team vor Ort bestätigt die Szenen

AFP-Journalisten reisten zudem am 2. April nach Butscha und konnten dort etwa 20 Leichen in ziviler Kleidung ausmachen. Einer von ihnen waren die Hände verbunden worden.

Das Team aus dem Journalisten Danny Kemp, dem Fotografen Ronaldo Schemidt und dem Video-Reporter Nicolas Garcia erreichte den Ort am 2. April um etwa 15:30 Uhr, wie Kemp gegenüber AFP Factuel berichtete.

"Schon bei unserer Ankunft konnten wir sehen, dass die Straße mit Leichen übersät war", erklärte Kemp. "Wir sahen zuerst nur drei und bemerkten dann weitere in beiden Richtungen. Sie waren entlang der Straße in unterschiedlichen Abständen auf einem Abschnitt von etwa 400 Metern verteilt, einige allein, andere in Gruppen von zwei oder drei. Wir sind den gesamten Schauplatz mindestens zweimal abgelaufen. Wir haben die Körper gezählt, es waren 20, fotografierten und filmten sie. Wir haben zu keinem Zeitpunkt gesehen, dass sich jemand von ihnen bewegt hat", berichtet Kemp in einer E-Mail.

"Wir bemerkten zu dem Zeitpunkt, dass die Körper alle zivile Kleidung trugen. Sie hatten wächserne, gelbliche Haut und steife Finger, einige hatten verfärbte Fingernägel oder komisch positionierte Gliedmaßen. (...) Sie waren eindeutig seit mehreren Tagen, wenn nicht länger, tot."

AFP hat das verbreitete Video mit den in Butscha entstandenen Bildern der AFP-Reporter vor Ort abgeglichen. Mehrere Hinweise in den Bildern zeigen, dass es sich um dieselben Szenen handelt. In den folgenden Aufnahmen ist der Körper des Opfers zur Nachvollziehbarkeit Rot markiert. Übereinstimmende Merkmale, wie ein beschädigtes Fahrzeug, ein Pfosten im Hintergrund und der Bürgersteig, sind in Grün zu sehen.

Warnung: Sensibler Inhalt

Twitter-Screenshot vom Account des ukrainischen Verteidigungsministeriums: 05.04.2022


Zum Vergleich hat Danny Kemp zwei Fotos übermittelt, die er selbst am 2. April, dem Tag, an dem die Leichen gefunden wurden, aufgenommen hat:

Warnung: Sensibler Inhalt

Butscha, 2.April 2022 ( Danny Kemp / AFP)
Butscha, 2.April 2022 ( Danny Kemp / AFP)


Zwei weitere AFP-Fotos, die einen Tag später aufgenommen wurden, als ein zweites Team vor Ort war, zeigen Gemeindeangestellte von Butscha, während sie den Leichnam in einen Leichensack legen.

Warnung: Sensibler Inhalt

Gemeindearbeiter bereiten sich darauf vor, die Leiche eines Mannes nach Butscha zu transportieren, 3. April 2022 ( AFP / SERGEI SUPINSKY)
Gemeindearbeiter bereiten sich darauf vor, die Leiche eines Mannes nach Butscha zu transportieren, 3. April 2022 ( AFP / SERGEI SUPINSKY)


Ein weiterer Mann, der sich angeblich aufgerichtet haben soll, erscheint in dem online verbreiteten Video liegend auf der Straße, während das Militärfahrzeug an ihm vorbeifährt. Er erscheint kurz später im Rückspiegel des Wagens.

Warnung: Sensibler Inhalt

Twitter-Screenshot vom Account des ukrainischen Verteidigungsministeriums: 04.04.2022
Twitter-Screenshot vom Account des ukrainischen Verteidigungsministeriums: 04.04.2022


Die Leiche des Mannes wurde ebenfalls von AFP fotografiert, und zwar am 3. April und damit 24 Stunden nach dem Video, aber in der gleichen Position und am gleichen Ort:

Warnung: Sensibler Inhalt

Leiche eines Mannes in Butscha, 3. April 2022 ( AFP / SERGEI SUPINSKY)


Kemp erklärte weiter: "Zeugen in Butscha berichteten uns, dass sie am Dienstagabend, den 29. März, eine Kolonne von etwa 70 russischen Panzern aus der Stadt fahren sahen, dass aber am Mittwoch, den 30. März, der russische Beschuss weiter anhielt und dass der letzte Beschuss, den sie hörten, am Donnerstag, den 31. März, erfolgte."

"AFP-Journalisten, die sich in der Gegend um Irpin, in der Nähe von Butscha, aufhielten, hörten am Donnerstag Granatenbeschuss. Bis Freitag war es nicht möglich, das Gebiet zu betreten, da die ukrainischen Behörden sagten, es sei nicht sicher. AFP betrat Irpin am Freitag, den 1. April, und Butscha am Samstag, den 2. April."

Auch die BBC konnte in einer eigenen Untersuchung feststellen, dass die Behauptungen, das Massaker sei inszeniert gewesen, unbegründet sind. Der Sender erklärt, dass das scheinbare Auftauchen einer Leiche im Rückspiegel wahrscheinlich auf eine Verzerrung des Spiegelbildes zurückzuführen ist.

Was über die Toten in Butscha bekannt ist

Butscha, eine kleine Stadt nordwestlich von Kiew, wurde ab dem 27. Februar von der russischen Armee besetzt. Der Ort blieb über einen Monat lang unzugänglich. Bombardierungen in dem Gebiet wurden am Donnerstag, den 31. März eingestellt und die ukrainischen Streitkräfte konnten erst vor wenigen Tagen vollständig einrücken. Die Ukraine beschuldigte Russland, für die Todesfälle verantwortlich zu sein.

Moskau bestreitet jedoch jegliche Übergriffe von russischer Seite und kündigte an, es werde diese "hasserfüllte Provokation" untersuchen.

Butscha, nordwestlich von Kiew: Die russische Armee wird von der Ukraine beschuldigt, zahlreiche Zivilisten getötet zu haben. ( SABRINA BLANCHARD, SYLVIE HUSSON / AFP)

Laut dem Bürgermeister von Butscha, Anatoli Fedoruk, wurden die Menschen von den russischen Soldaten mit "einem Schuss in den Hinterkopf" getötet. Zudem wurden 57 Leichen in einem Massengrab gefunden, wie der Leiter der örtlichen Rettungsdienste, Serhij Kaplytschny, am 3. April AFP berichtete, als er den Journalisten die Stelle zeigte.

Warnung: Sensibler Inhalt

Ein Massengrab in Butscha, 3. April 2022 ( AFP / SERGEI SUPINSKY)


Etwa ein Dutzend Leichen waren hinter einer Kirche im Stadtzentrum zu sehen, einige davon nur teilweise begraben. Mehrere von ihnen befanden sich in schwarzen Leichensäcken. Bei einigen war Zivilkleidung zu erkennen.

Am 2. April hatte Fedoruk erklärt, dass "280 Menschen" in Massengräbern beerdigt worden seien, da sie nicht auf den Friedhöfen von Butscha beigesetzt werden konnten. Die genaue Zahl der Opfer ist noch nicht bekannt, wie der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, der am 3. April nach Butscha reiste, gegenüber AFP erklärte: "Wir glauben, dass mehr als 300 Zivilisten gestorben sind".

Satelliten-Bilder zeigen Leichen schon im März

Am 4. April veröffentlichte Satellitenfotos scheinen zudem die russischen Behauptungen zu widerlegen, wonach die in Butscha gefundenen Leichen in Zivilkleidung erst aufgetaucht seien, nachdem sich die russischen Streitkräfte aus der zerstörten Stadt zurückgezogen hatten.

Die Satellitenbilder wurden Mitte März aufgenommen und scheinen mehrere Leichen von Zivilisten zu zeigen, die tot auf oder neben der Straße liegen. "Hochauflösende Maxar-Satellitenbilder, die über der ukrainischen Stadt Butscha (nordwestlich von Kiew) aufgenommen wurden, bestätigen die jüngsten Videos und Fotos aus sozialen Medien, auf denen Leichen zu sehen sind, die seit Wochen auf der Straße liegen", erklärte Stephen Wood, Sprecher von Maxar Technologies, am 4. April.

Die "New York Times" veröffentlichte eine Analyse von Satelliten-Nahaufnahmen der Straße in Butscha. Nach einem Vergleich mit Videoaufnahmen vom 1. und 2. April, auf denen Leichen entlang der Straße zu sehen waren, kam die Zeitung zu dem Schluss, dass viele von ihnen bereits seit mindestens drei Wochen dort lagen, als die russischen Streitkräfte die Stadt noch unter Kontrolle hatten.

AFP war zudem in der Lage, auf Basis der "New York Times"-Analyse die Satellitenbilder mit den Fotos abzugleichen, die am 2. April von den AFP-Reportern vor Ort aufgenommen wurden.

Vergleich zweier Bilder vom 19. März (rechts) und 2. April (rechts), die die Leichen in einer Straße in Butscha zeigen (SIMON MALFATTO, VALENTINA BRESCHI / AFP)

Viele Leichen, die auf dem von Maxar bereitgestellten Satellitenbild vom 19. März zu sehen sind, erscheinen an denselben Positionen auf den AFP-Fotos, die zwei Wochen später aufgenommen wurden.

Die fünfte Markierung zeigt die Leiche, welche angeblich ihren Arm bewegt haben soll, auf dem Rücken neben einem beschädigten Fahrzeug. Sie ist in den AFP-Aufnahmen an der gleichen Stelle wieder zu finden, wie auf den Satelliten-Bildern.

Internationale Empörung

Mehrere westliche Staaten und die Vereinten Nationen brachten nach dem Fund der Leichen ihre Empörung zum Ausdruck. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, zeigte sich am 4. April "entsetzt" über die Berichte, die "ernste und besorgniserregende Fragen über mögliche Kriegsverbrechen" aufwerfen.

Die Europäische Union (EU) beriet am 4. April nach Ausstrahlung der Bilder aus Butscha über neue Sanktionen gegen Moskau.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Geschehnisse während eines Besuchs in Butscha am 4. April als "Kriegsverbrechen", und drängte darauf, diese als "Völkermord" anzuerkennen.

Fazit: Das Video aus Butscha zeigt keine sich bewegenden Leichen. Die vermeintlichen Bewegungen der Körper entstanden durch einen Regentropfen auf der Windschutzscheibe eines Militärfahrzeugs und die Verzerrung im Rückspiegel des Wagens. AFP-Journalisten vor Ort konnten die Leichen aus dem Video zudem ausfindig machen. Satelliten-Bilder zeigen, dass die Leichen in Butscha wohl schon seit mehreren Wochen dort gelegen haben.

6. April 2022 Name des AFP-Fotografen korrigiert
6. April 2022 Rechtschreibfehler korrigiert
Übersetzung:
Ukrainekonflikt