Das Tragen von Masken führt nicht zu Krebs

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Das Tragen von Masken verursacht keinen Krebs. Trotzdem stellen User in Postings anhand eines angeblichen Zitats des deutschen Nobelpreisträgers Otto Heinrich Warburg diese Verbindung her, um gegen das Tragen von Masken aufzurufen. Das Tragen von Masken führt allerdings nicht zu Sauerstoffmangel oder Krebs. Für gesunde Menschen sind Masken ungefährlich.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben auf Facebook immer wieder ein Posting geteilt, in dem zu einem Stopp des "Maskenwahnsinns" aufgerufen wird. Eine ähnliche Behauptung auf Telegram sahen weit mehr als Hunderttausend User. Die Telegram-User fragen: "Ist jeder Maskenträger ein potentieller Krebspatient von morgen?" In anderen Postings wird außerdem ein dramatischer Anstieg von Krebserkrankungen seit 2021 behauptet.

Die Behauptung: Zum Foto eines Maske tragenden Mädchens stellen User ein angebliches Zitat des Nobelpreisträgers Otto Warburg: "Wenn eine Zelle 48 Stunden lang 35 Prozent Sauerstoffmangel erhält, verwandelt sie sich in eine Krebszelle".

Facebook-Screenshot der Behauptung: 11.08.2022

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben User zahlreiche Falschbehauptungen über Masken verbreitet. Dass Masken bei gesunden Menschen keine überhöhten CO2-Werte verursachen oder zu Sauerstoffmangel führen, hat AFP bereits widerlegt, genauso wie eine Studie, die vermeintlich einen Zusammenhang zwischen Krebs und Masken belegen sollte. Auch das Warburg-Zitat kursierte bereits in der Vergangenheit auf Facebook. AFP hat es hier auf Serbisch überprüft.

AFP berichtete hingegen bereits mehrfach über den Nutzen von Masken (hier, hier, hier). Sie bieten Schutz vor Infektionen und helfen so bei der Eindämmung der Pandemie.

Otto Warburg und die Warburg-Hypothese

Otto Heinrich Warburg war ein 1883 geborener deutscher Physiologe und Biochemiker, dessen Arbeiten über die Zellatmung bahnbrechend für die Erforschung von Zellen und Krebserkrankungen waren. 1931 erhielt er den Nobelpreis "für seine Entdeckung der Natur und Wirkungsweise des Atmungsenzyms".

Die Warburg-Hypothese war die Annahme, "dass der Mangel an Sauerstoff beziehungsweise die defekte Atmung ein zentrales Element für die Krebsentstehung ist", erklärte Angela Otto am 21. August 2022 in einer Mail an AFP. Otto forscht an der Technischen Universität München und hat sich intensiv mit der Arbeit Warburgs beschäftigt.

Otto H. Warburg (Bundesarchiv, Bild 102-12525 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0)

Diese These wurde in den letzten Jahren in der Wissenschaft aber zunehmend infrage gestellt, erklärte Otto. "Der heutige Konsens ist, dass Krebs je nach Gewebetyp multifaktorielle Ursachen haben kann: Es gibt keine 'letzte' Ursache – wie ein Bakterium oder Virus bei einer Infektionskrankheit. Somit ist die These, dass Sauerstoffmangel zur Krebsentstehung führt, heute überholt." Es gebe viele Tumore, deren Mitochondrien keine metabolischen oder respiratorischen Defekte aufwiesen.

Das erklärte auch Matthias Preusser, Professor für Onkologie an der Medizinischen Universität Wien, am 18. August 2022 an AFP: "Die in der Warburg-Hypothese vertretene Ansicht, dass eine Änderung der Zellatmung (aerobe Glykolyse statt mitochondrialem Citratzyklus) der einzige Auslöser von Krebs ist, gilt als überholt."

Die Warburg-Hypothese zur Krebsentstehung beruht auf dem nach ihm benannten Warburg-Effekt. Gibt es genügend Sauerstoff, führen normale Zellen die Glykolyse, den Abbau von Glukose, durch und leiten das Endprodukt in den Stoffwechselzyklus. Mangelt es an Sauerstoff ändert sich das und das Endprodukt wird stattdessen in Milchsäure umgewandelt. Warburg beobachtete, dass auch Krebszellen diesen veränderten Glukose-Stoffwechsel aufweisen und dieses Verhalten auch bei ausreichender Sauerstoffversorgung zeigen.

"Die Rolle des Warburg-Effekts ist noch immer umstritten, aber er hat wahrscheinlich viele Vorteile für das Wachstum von Tumoren", schrieb Jason Locasale am 29. September 2021 über die dazu noch andauernde Forschung. Locasale ist Experte für Krebs und Stoffwechsel und ist Professor und Krebsexperte an der US-amerikanischen Duke University. Er fügte hinzu, dass die Forschung dazu noch nicht abgeschlossen sei.

Ursprung des Zitats

AFP hat Angela Otto nach dem angeblichen Zitat in den Postings gefragt, wonach eine Zelle sich nach zwei Tagen mit 35 Prozent Sauerstoffmangel in eine Krebszelle verwandle.

Sie verwies auf ein ähnliches Zitat in einer Arbeit Warburgs aus dem Jahr 1965. Dort heißt es: "Eine Atmungshemmung von 33 Prozent, hervorgerufen durch Erniedrigung des O2-Drucks, genügt also, um den Krebsstoffwechsel zu erzeugen."

Dass eine Zelle Verhalten zeigt, das Warburg als Krebsstoffwechsel beschreibt, bedeutet allerdings noch nicht, dass eine Zelle sich in einen Tumor verwandelt hat. "Heute wissen wir, dass Zellen über Sauerstoff-Sensoren verfügen, die ihren Stoffwechsel so regulieren, dass sie Zeiten mit niedrigem Sauerstoff-Gehalt überleben, ohne sich in Tumorzellen zu verwandeln. Ich habe in der Vergangenheit einige Arbeiten mit Tumorzellen in Hypoxie (Sauerstoffmangel, Anm. d.Red.) durchgeführt und bin nie auf einen Bericht oder eine Bemerkung gestoßen, dass eine normale Zelle allein dadurch, dass sie einige Tage lang Hypoxie ausgesetzt ist, zu einer Krebszelle wird. Auch gesunde Zellen sind so angepasst, dass sie vorübergehende Perioden mit niedrigem Sauerstoffgehalt überleben können", sagte Angela Otto am 30. September 2021. Krebsstoffwechsel alleine definiere noch keine Krebszelle.

Die Möglichkeit, dass Warburg die These formulierte, wonach Zellen 35 Prozent ihres Sauerstoffs zu berauben sie in Krebszellen verwandle, scheint für Slobodan Devic unwahrscheinlich. Er ist Assistenzprofessor an der McGill University in Kanada und Autor einer Studie über den Warburg-Effekt. "Wenn diese (andere Hypothese) richtig wäre, wüsste die gesamte wissenschaftliche Welt davon, mich eingeschlossen", sagte er.

In Warburgs veröffentlichten Arbeiten zu Stoffwechsel aus dem Jahr 1926 und zur Ursache von Krebszellen aus dem Jahr 1956 kommt das Zitat aus den Postings nicht vor.

Eine Zelle verwandele sich aber nicht in eine Krebszelle, wenn sie für zwei Tage unter Sauerstoffmangel stehe, so Otto: "Krebs entsteht über mehrere, viele Jahre. Das wusste schon Otto Warburg." Metabolische Veränderungen seien in der Regel reversibel, da sich Zellen ihren Umgebungsbedingungen anpassen.

Maskentragen führt nicht zu Sauerstoffmangel

AFP hat sich bereits in der Vergangenheit mehrfach mit der Behauptung von Sauerstoffmangel durch Masken beschäftigt. Für einen solchen Faktencheck schrieb Philipp Lepper, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und Oberarzt des Universitätsklinikums Saarland. Er erklärte am 6. Oktober 2020 per E-Mail: "Da die Luftmenge hinter der Maske sehr gering ist und die Maske bei der Einatmung jeweils wieder mit frischer Luft durchmischt wird, hat dies keinen Einfluss auf die im Körper gemessenen Werte von Sauerstoff und Kohlendioxid."

Yves Coppieters, Epidemiologe in Brüssel, sagte im Juli 2020 ebenfalls gegenüber AFP, dass eine Maske für einen gesunden Menschen keine Gefahr darstelle. "Die Maske ist kein geschlossener Kreislauf, sie lässt Sauerstoff durch", betonte er. Allerdings könne sie die Atmung einer Person mit Herz- oder Atemproblemen oder bei großer Anstrengung beeinträchtigen oder ein unangenehmes Gefühl verursachen." Nur bei falscher Anwendung oder schweren medizinischen Beeinträchtigungen sei von Masken abzuraten. Im Juni 2020 warnte etwa Vinita Dubey von der School of Public Health im kanadischen Toronto davor, dass durch Panik verursachte Hyperventilation beim Tragen einer Masken zu Schwindel führen könnte.

Auch die WHO schreibt auf ihrer "Mythbusters"-Website: "Die längere Verwendung medizinischer Masken kann unangenehm sein. Sie führt jedoch weder zu einer CO2-Vergiftung noch zu einem Sauerstoffmangel."

Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC fasst auf seiner Website den Forschungsstand zum Maskentragen zusammen. Obwohl noch weitere Forschung nötig sei, hätten Studien keinen oder nur geringe Auswirkungen durch Masken gezeigt. Auch eine arbeitsmedizinische Studie aus Deutschland zeigt das.

Keine Auffälligkeiten bei Krebsneuerkrankungen durch Masken

Die Postings sprechen teilweise außerdem vom angeblich starken Anstieg von Krebserkrankungen seit 2021. Behauptungen zu vermeintlichen Zusammenhängen zwischen Masken und verschiedenen Beschwerden, darunter Krebs, hat AFP in der Vergangenheit bereits überprüft.

Jason Locasale schrieb dazu: "Es gibt keine Beweise dafür, dass das Tragen einer Maske die Krebserkrankung beeinflussen könnte, zumal sie bei richtigem Tragen die Atmung kaum beeinträchtigen dürfte. Bewegung und Veränderungen der Atmung könnten sich auf Krebs auswirken, und das ist ein Gebiet, das derzeit intensiv untersucht wird."

Matthias Preusser schloss am 18. August 2022 gegenüber AFP aus, dass das Tragen von Masken oder vermeintlich dadurch bedingter Sauerstoffmangel Krebs verursachen könne. "Sauerstoffmangel ist nicht unter den krebserzeugenden Risiken der International Agency for Research on Cancer (IARC) der WHO gelistet." Er verwies außerdem auf mehrere Studien, die zeigen, dass die Sauerstoffsättigung durch das Tragen von Masken kaum beeinflusst wird (hier, hier, hier). Ein Anstieg der Krebsinzidenz seit 2021 ist ihm nicht bekannt.

Angela Otto wies allerdings darauf hin, dass das Aufschieben von Vorsorgeuntersuchungen während der Pandemie danach zu einem Anstieg bei der Erkennung bestimmter Krebserkrankungen verursachen kann.

AFP hat außerdem bei Alexander Katalinic, Vorsitzendem der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland (Gekid) nachgefragt. Er schrieb am 30. August 2022, dass die exakten Daten von 2021 zwar noch in der Auswertung seien, sodass eine exakte Auskunft für deutsche Krebszahlen schwer sei, aber: "Orientierend können wir aber mit hoher Sicherheit sagen, dass wir keinen 'massiven ' Anstieg der Fallzahlen sehen. Ganz sicher keinen exponentiellen Anstieg. Wäre der Anstieg massiv, dann würden wir bereits etwas sehen. Wir sehen auch innerhalb der großen Einrichtungen, die wir betreuen, keine deutlichen Veränderungen der Behandlungszahlen aus dem Jahr 2021 im Vergleich zu den Vorjahren." Anderes Verhalten während der Pandemie könnte sich aber auch auf Krebsfallzahlen auswirken.

Fazit: Richtig angewendet sind Masken für gesunde Menschen unbedenklich. Sie führen nicht zu Sauerstoffmangel oder Krebs. Es gibt außerdem keine Beweise dafür, dass Krebs durch Sauerstoffmangel ausgelöst werde.

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