Das Tragen von Alltagsmasken führt nicht zum Sauerstoffmangel und zur CO2-Überflutung

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Auf Facebook haben seit Ende September mehr als 30.000 User das Video einer Neurologin geteilt. Sie kritisiert darin die Maskenpflicht der Bundesregierung und weist auf vermeintlich dadurch entstehende Gesundheitsgefahren hin. Die Rückatmung der Luft zwischen Maske und Gesicht führe angeblich zu einem Sauerstoffmangel, einer CO2-Überflutung des Körpers und zu Hirnschäden. AFP hat die vier wichtigsten Behauptungen im 20-minütigen Video der Neurologin Dr. Margareta Griesz-Brisson geprüft: Experten zufolge sind ihre Behauptungen falsch oder ungenau.

Die ältesten Posts mit Griesz-Brissons Video, die AFP finden konnte, wurden am 25. September 2020 auf Youtube und auf Facebook veröffentlicht. Seitdem verbreiteten sich die Behauptungen des Videos der Neurologin. Mehr als 400.000 Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer spielten das Video bereits ab. Mehr als 30.000 Menschen teilten es. Allein die vier folgenden Instagram-Beiträge trugen bisher weitere 15.000 Aufrufe bei (hier, hier, hier und hier).

Auch in zahlreichen Telegram-Gruppen verbreitet sich das Video. So etwa in der Gruppe des Querdenken-Aktivisten Bodo Schiffmann "Alles ausser Mainstream" mit mehr als 65.000 Mitgliedern, im “Freiheits-Chat" mit etwa 44.000 Mitgliedern und in der Gruppe des Verschwörungsideologen Attila Hildmann mit 102.000 Mitgliedern. Das Video ist beispielsweise auch hier auf Twitter mit Hunderten Retweets zu finden.

Darin kritisiert Griesz-Brisson die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung und warnt vor dem Tragen von Alltagsmasken. Sie behauptet, dass eine Maske keineswegs vor dem Virus schütze und dass die Rückatmung unter der Maske zu einem Sauerstoffmangel sowie einer CO2-Überflutung im Körper führe. Die Neurologin behauptet außerdem, dass Nervenzellen im Gehirn ohne Sauerstoff nach kurzer Zeit irreversibel absterben würden. AFP untersuchte die vier wesentlichen Behauptungen in ihrem Video.

Wer ist Griesz-Brisson?

Griesz-Brisson stellt sich im Video selbst als Neurologin vor, die eine Praxis in London und eine Gutachterpraxis in Müllheim betreibt. In einem Profil auf der Homepage ihrer Londoner Praxis behauptet sie, an der Universität Freiburg promoviert zu haben. In der Universitätsbibliothek befindet sich eine Dissertation einer Margareta Griesz aus dem Jahr 1989, die auch thematisch zu Griesz-Brissons neurologischem Hintergrund passt.

Griesz-Brisson arbeitet mit natürlichen Behandlungsmethoden. Das zeigt diese DVD, die eine Aufzeichnung eines Kongresses aus dem Jahr 2006 beinhaltet. Dort sprach sie über die Entgiftung von Schwermetallen im Körper mit Hilfe von Koriander und Elektrosensitivität. Die Neurologin wird auch an anderer Stelle im Zusammenhang mit einer entgiftenden Ionenfußbadtherapie genannt. In einem weiteren Video auf Vimeo aus dem Jahr 2017 spricht sie über ihren natürlichen Behandlungsansatz: Sie lehnt so weit wie möglich alles Unnatürliche in ihren Behandlungen ab – so zum Beispiel auch Pflaster.

Das Video über die Sauerstoffprobleme durch Masken war angeblich ihr "erstes Video", sagt Griesz-Brisson. Seitdem sprach sie öfter in der Öffentlichkeit. So zum Beispiel am 5. Oktober 2020 in einem Video auf Bitchute, in dem sie allen Menschen Atteste zur Maskenbefreiung verspricht, auch ohne diese überhaupt gesehen zu haben. Jüngst war sie auch Gast auf der Bühne einer Querdenken-Demo in Konstanz am 4. Oktober 2020.

In den Datenbanken von Google Scholar oder PubMed sind keine Publikationen von Griesz-Brisson zu finden. Sie begründet den Mangel an Veröffentlichungen im Bitchute-Video damit, dass sie nicht gerne schreibe und rede.

1. Falsche Behauptung: Unter Alltagsmasken kommt es zur Rückatmung, welche zu einem Sauerstoffmangel und einer Überflutung des Körpers mit Kohlendioxid führt

AFP hat sich Griesz-Brissons Video angeschaut. Sie stützt ihre gesamte Argumentation auf eine erste Behauptung, wonach Alltagsmasken gesundheitsschädlich seien. So sagt sie: "Bei der Rückatmung unserer Ausatemluft entsteht unvermeidbar Sauerstoffmangel und eine Kohlendioxidüberflutung."

Unter einem Mund-Nasen-Schutz zu atmen, kann tatsächlich unangenehm sein, wenn es zum Beispiel sehr warm ist oder man zum Bus rennen muss. Griesz-Brissons Behauptungen mögen deshalb auf den ersten Blick für viele Zuschauerinnen und Zuschauer nachvollziehbar wirken, dennoch halten ihre Behauptungen einer Einschätzung von Experten nicht stand.

AFP befragte dazu Prof. Dr. med. Philipp Lepper, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und Oberarzt des Universitätsklinikums Saarland. Er erklärte am 6. Oktober per E-Mail:

"Da die Luftmenge hinter der Maske sehr gering ist und die Maske bei der Einatmung jeweils wieder mit frischer Luft durchmischt wird, hat dies keinen Einfluss auf die im Körper gemessenen Werte von Sauerstoff und Kohlendioxid."

Die Durchmischung sei möglich, weil die Luft durch die Maske strömen könne, erklärt Lepper. "Ein Sauerstoffmolekül hat eine Größe von etwa 260 Pikometern (pm). Die Porengröße von medizinischen Mund-Nasen-Masken ist in etwa 100.000 bis 1.000.000 Mal größer als ein Sauerstoff-Molekül", sagt er. Eine Alltagsmaske würde keine der Komponenten aus der Luft zurückhalten – nicht Sauerstoff und auch nicht CO2.

AFP hat bereits in der Vergangenheit Behauptungen über CO2-Ansammlungen unter Schutzmasken widerlegt. Zum Beispiel hier.

Kann ein Atemwiderstand zu diesen Symptomen führen?

Aber warum fällt es uns manchmal schwerer, unter einer Maske zu atmen, wenn es keinen Sauerstoffmangel gibt? Für eine Antwort auf diese Frage kontaktierte AFP Dr. med. Dominic Dellweg, Chefarzt für Pneumologie und Intensivmedizin am Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft und ebenfalls Mitglied der DGP. Er schreibt am 6. Oktober per E-Mail:

"Die Maske stellt einen zusätzlichen Widerstand für unsere Atmung dar, das heißt, unsere Atemmuskeln, hauptsächlich unser Zwerchfell, müssen sich mehr anstrengen, um die Luft durch die Maske zu atmen. Diese vermehrte Anstrengung wird über Rezeptoren in den Atemmuskeln dem Gehirn als Luftnot gemeldet, obwohl die Werte für Sauerstoff und Kohlendioxid im Normbereich liegen."

Auch die WHO schreibt auf ihrer "Mythbusters"-Website: "Die längere Verwendung medizinischer Masken kann unangenehm sein. Sie führt jedoch weder zu einer CO2-Vergiftung noch zu einem Sauerstoffmangel."

Sind Alltagsmasken für alle sicher?

Wenn also das Atmen als solches unter der Maske durchaus schwerer sein kann, kann es dann für Menschen mit einer Lungenerkrankung gefährlich werden? Diese Frage kann nicht für alle Krankheiten auf einmal beantwortet werden. Aber zumindest für Menschen mit einer dauerhaften atemwegsverengenden Lungenerkrankung (COPD) schließt ein Experte gegenüber AFP eine Gefahr aus. Prof. Dr. med. Philipp Latzin, Abteilungsleiter der pädiatrischen Pneumologie und Allergologie an der Universitäts-Kinderklinik Inselspital Bern, antwortet auf die Frage, ob Alltagsmasken zu einer Veränderung der Sauerstoffsättigung oder des CO2-Gehalts im Blut führt: "Weder bei gesunden Personen noch bei Patienten mit schwerer COPD war dies der Fall", sagt er mit Verweis auf eine neue Studie.

Diese Studie von der Universität Miami wurde am 2. Oktober 2020 im Journal Annals of the American Thoracic Society (AnnalsATS) veröffentlicht. Das Journal unterzieht seine Veröffentlichungen einem wissenschaftlichen Peer-Review-Verfahren zur Qualitätssicherung.

Die Studie hat 30 Probanden untersucht: Die Werte von 15 gesunden Menschen im Durchschnittsalter von 30 Jahren und 15 COPD-erkrankten Menschen im durchschnittlichen Alter von 70 Jahren wurden dafür bei einem sechsminütigen Spaziergang und einer 30-minütigen Pause untersucht. Die so entstandenen Ergebnisse vermitteln zumindest einen Eindruck von den möglichen Auswirkungen von Masken. Die erhobenen Daten zeigen, dass die Blutwerte sich nicht signifikant veränderten, wenn Operationsmasken getragen wurden – auch nicht bei einer schweren Lungenbeeinträchtigung.

Eine weitere Studie, die das Deutsche Ärzteblatt am 2. Oktober 2020  veröffentlicht hat, kam bei gesunden Probanden zu einem ähnlichen Ergebnis. Darin heißt es: "Zusammenfassend scheint eine kurzfristige hohe Arbeitsbelastung unter gängigen im Krankenhaus eingesetzten Maskentypen einen messbaren, jedoch klinisch nicht relevanten Einfluss auf die Blutgase und Vitalparameter bei Menschen im arbeitsfähigen Alter ohne bekannte kardiopulmonale Grunderkrankung zu haben."

Yves Coppieters, Epidemiologe und Professor für öffentliche Gesundheit an der Freien Universität Brüssel (ULB), erklärte AFP im Juli weiterhin, dass eine Maske für Menschen mit guter Gesundheit zu keinem Sauerstoffmangel führt: "Die Maske ist kein geschlossener Kreislauf, sie lässt Sauerstoff durch." Aber: "Es kann möglicherweise die Atmung einer Person mit Herz- oder Atemproblemen oder bei großen Anstrengungen beeinträchtigen."

AFP hat bereits in der Vergangenheit Behauptungen widerlegt, Masken würden einen Sauerstoffmangel im Körper verursachen. So beispielsweise hier und hier.

2. Kein Zusammenhang: Der durch Alltagsmasken verursachte Sauerstoffmangel kann zum Absterben bestimmter Gehirnzellen führen

Im Video, in dem Griesz-Brisson zahlreiche Behauptungen zu den Folgen der Rückatmung unter Masken aufstellt, sagt sie außerdem: "Wir wissen aber, dass das menschliche Gehirn sehr empfindlich auf Sauerstoffmangel reagiert. Es gibt Nervenzellen, zum Beispiel im Hippocampus, die nicht länger als drei Minuten ohne Sauerstoff überleben können."

AFP kontaktierte dazu Prof. Dr. med. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Er war zuvor 25 Jahre Chefarzt der Neurologischen Klinik mit Klinischer Neurophysiologie am Alfried Krupp Krankenhaus Essen. Er antwortete AFP am 7. Oktober 2020 per E-Mail, dass es in der Tat Nervenzellen gebe, die ohne Sauerstoff nicht länger als Minuten überleben und irreversibel absterben würden. Wie bereits in diesem Faktencheck gezeigt, kann dies jedoch nicht durch eine Maske ausgelöst werden. Masken führen zu keinem Sauerstoffmangel.

3. Falsche Behauptung: Beim Tragen einer Alltagsmaske führt ein chronischer Sauerstoffmangel zu mehreren Symptomen und zu einer Gewöhnung an diese

Griesz-Brisson sagt im Anschluss an die eben erwähnte Behauptung, dass die akuten Warnsymptome eines Sauerstoffmangels Kopfschmerzen, Benommenheit, Schwindel, Einschränkung der Konzentrationsfähigkeit und Reaktionszeit seien. "Bei chronischem Sauerstoffmangel verschwinden diese Symptome. Sie gewöhnen sich daran. Aber Ihre Leistungsfähigkeit, Ihre Effizienz bleibt weiterhin beeinträchtigt. Und die Sauerstoffunterversorgung in Ihrem Gehirn schreitet weiterhin fort", sagt sie. Etwas später beschreibt sie ihren eigenen Umgang mit Masken: "Ich trage keine Maske. Ich brauche mein Gehirn zum Denken. Ich möchte meinen Patienten mit klarem Kopf und klarem Verstand entgegentreten – nicht in Kohlendioxid-Narkose."

AFP stellte bereits heraus, warum Masken keinen solchen "chronischen Sauerstoffmangel" verursachen können. Außerdem sagt Peter Berlit von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, dass die von Griesz-Bisson genannten Symptome "nicht beim Tragen von Alltagsmasken aus Stoff oder OP-Masken" auftreten können. Er erklärt: "Bei der dauerhaften Rückatmung von CO2, zum Beispiel bei der Rückatmung aus einer luftdichten Plastiktüte, können die genannten Symptome auftreten."

4. Falsche Behauptung: Alltagsmasken schützen nicht vor dem Coronavirus

Griesz-Brisson sagt in ihrem Video: "Eine gängige Maske schützt also keineswegs vor einem Virus." Dies begründet sie damit, dass die Maskenporen größer als das Virus seien. AFP hat solche Behauptungen schon im Juli entlarvt. Sie stützen sich öfter auf die Annahme, dass Maskenporen nicht klein genug sind, um Viren aufzuhalten, die von Aerosolen in der Luft getragen werden. Das ist aber irreführend: Zwar passt das Coronavirus tatsächlich durch die Maskenporen, dennoch bieten diese Schutz.

Der Pneumologe Dominic Dellweg erklärt AFP: "Ein reiner Größenvergleich reicht nicht aus. Jedes Partikel hat Diffusionsbewegungen, dadurch hat das Partikel keine gerade, sondern eine wellenförmige Flugbahn. Man kann sich das so vorstellen, dass jemand durch die Tür passt, wenn er geradeaus geht. Läuft er aber Schlangenlinien, dann ist die Chance, am Türrahmen hängen zu bleiben höher."

Wie bereits erwähnt, wird das Virus durch größere Aerosole in der Luft übertragen. "Handelsübliche Mund-Nasen-Masken sind dabei in der Lage, respirable Partikel zu filtern. Die Filtrationsleistung der Masken sowie der Luftwiderstand der Masken variieren aber je nach Material", sagt Philipp Lepper.

Im Mai 2020 veröffentlichte Pneumologe Dellweg eine Studie, die belegt, dass Alltagsmasken vor allem andere Menschen vor kontaminierter Ausatemluft schützen (Table 2).

AFP kontaktierte Griesz-Brisson per E-Mail am 14. Oktober 2020. Sie beantwortete keine der gestellten Fragen zu ihrem Video, aber formulierte einen Text, der um Respekt für ihre Arbeit und Erfahrung bat. Sie kritisierte darin auch erneut die Maskenpflicht der Bundesregierung.

Fazit

Die Aussagen und Warnungen der Neurologin Griesz-Brisson stützen sich in erster Linie auf eine falschen Behauptung. Alltagsmasken führen aber weder zu gefährlichem Sauerstoffmangel noch zu einer Kohlendioxid-Überflutung des Körpers.

Dementsprechend sind auch die gesundheitlichen Folgen unplausibel, die die Neurologin für das Tragen der Alltagsmasken beschreibt. Studien und Experten widersprechen diesen ausdrücklich: Weder neurologische Schäden noch besorgniserregende Warnsymptome werden durch das Tragen von Alltagsmasken oder der Rückatmung ausgelöst.

Update, 20. Oktober 2020: Doktortitel von Griesz-Brisson zu der ersten vollen Nennung eingefügt und vierte Falschbehauptung um die Erklärung der Maskenporen erklärt.

Update, 26.10.2020: Link zum Video auf Vimeo korrigiert, das Griesz-Brisson zeigt.

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