
Nein, Masken verursachen bei gesunden Menschen keine überhöhten CO₂-Werte
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- Veröffentlicht am 18. September 2020 um 15:29
- Aktualisiert am 18. September 2020 um 16:04
- 5 Minuten Lesezeit
- Von: Eva WACKENREUTHER, AFP Deutschland
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Das Video wurde auf Facebook bis zum 17. September zum Beispiel hier schon über 3.300 Mal geteilt und taucht in zahlreichen ähnlichen Versionen auf, etwa hier und hier. Es verbreitet sich auch in anderen Sprachen, etwa auf Kroatisch hier und hier, auf Serbisch hier und auf Niederländisch hier. Eine Userin hat das Video auch auf Türkisch auf Instagram hier verbreitet.

Den frühesten von AFP gefundenen Post hat eine österreichische Userin am 3. September abgesetzt. Sie bestätigt gegenüber AFP, die gezeigte Frau im Video zu sein. Nur einen Tag später greift Hannes Brejcha den Clip auf. Er ist einer der Organisatoren der Anti-Corona-Demonstrationen in Österreich und sein Post trägt mit über 1.400 Shares zur Verbreitung der Aufnahme bei.
Am 5. September teilen dann zahlreiche Seiten wie "Killuminati Germany", "Bitte wach auf - pleasewakeup" und "Qanon Austria" das Video auf und erzielen damit tausende Shares.
Im Video misst eine Frau vermeintlich den Kohlenstoffdioxidgehalt in der Luft. Die Anzeige des Geräts zeigt zu Beginn 400 ppm an, einen normalen Wert. Ppm steht für parts per million, also Anteile pro Million und ist eine Maßeinheit für die Konzentration von CO₂ in der Luft. Als die Frau das Messgerät unter ihre Maske schiebt, steigt der Wert schlagartig an. Es beginnt zu piepen, der Wert steigt weiter und erreicht nach zirka eineinhalb Minuten den maximalen Messwert von 10.000 ppm. Das Gerät, das sie dafür benutzt, ist ein gewöhnliches CO₂-Messgerät von Kecheer, das man für knapp 100 Euro kaufen kann. Auch die Frau aus dem Video bestätigt gegenüber AFP, dass es sich um dieses Gerät handelt. „Wenn diese Dame jetzt arbeiten würde, mit der Maske, würde sie stundenlang mit einer CO₂-Konzentration von mehr als 10.000 ppm ihre Arbeit verrichten. Ob das gesund ist, sei dahingestellt", kommentiert ein Mann mit österreichischem Akzent im Video.
Wie viel CO₂ in der Luft ist normal?
Um unsere Zellen mit Energie zu versorgen, benötigt der Körper Sauerstoff. Den erhalten wir beim Einatmen aus der Luft. Beim Ausatmen stoßen wir Kohlenstoffdioxid, CO₂, aus. Zwischen 20 bis 40 Liter CO₂ geben wir pro Stunde bei leichter Aktivität in die Raumluft ab, so fasst 2017 ein Papier des Arbeitskreises Innenraumluft des österreichischen Bundesministeriums für Land und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft die Studienlage zusammen (Seite 9). In Innenräumen sei der Mensch damit sogar die Hauptquelle von CO₂ (Seite 8).
In einem Wohngebäude ist ein Wert von 400 bis 700 ppm normal, führt das Papier des Arbeitskreises aus (Seite 11). Kochen oder sich ohne zu lüften länger in einem Raum aufzuhalten, führt schnell zu höheren Werten. Für Schulräume, Büros, Schlafräume und andere Orte, an denen sich Menschen dauerhaft aufhalten, empfiehlt der österreichische Arbeitskreis Innenraumluft deshalb, einen Wert von 1.000 ppm CO₂ nicht zu überschreiten (Seite 3).
Zum selben Ergebnis kommt auch der der deutsche Ausschuss für Innenraumrichtwerte, der eine CO₂-Konzentration von unter 1.000 ppm als unbedenklich und ab über 2.000 ppm als hygienisch inakzeptabel einstuft. Wie hoch die maximal zulässige Konzentration eines Gases, Stoffes oder Dampfes am Arbeitsplatz sein darf, schreibt der sogenannte MAK-Wert vor. MAK steht für Maximale-Arbeitsplatz-Konzentration. In Österreich, Deutschland und der Schweiz sind diese Werte für CO₂ im Tagesmittel bei 5.000 ppm gedeckelt. Diese untschiedlich hohen Werte (1.000 und 5.000) seien kein Widerspruch, erklärt Heinz-Jörn Moriske, zuständig für Innenraumlufthygiene beim deutschen Umweltbundesamt: „Bei MAK-Werten wird eine maximale Exposition von 8 Stunden am Tag vorausgesetzt, für Wohninnenräume 24 Stunden."
Im Video weist das Gerät zu Beginn einen Wert von 433 ppm auf, was einem normalen Raum entspricht. Unter der Maske gelangt das Gerät an seine Messgrenze und zeigt 10.000 ppm auf, ein deutlich erhöhter Wert.
Der Messwert unter der Maske zeigt allerdings nur die CO₂-Werte der gerade ausgeatmeten Luft an, nicht der gesamten Luft, die ein Mensch unter einer Maske einatmen würde. „Die Messanordnung ist deswegen nicht geeignet, weil man keinen gerichteten Luftstrom in das Gerät bekommt", erklärt Heinz-Jörn Moriske. Bei einem normalen Atemvorgang atmen wir wesentlich mehr Luft ein, als nur die, die sich unter der Maske befindet. Die Bedienungsanleitung eines vergleichbaren Geräts weist sogar explizit darauf hin, das CO₂-Messgerät nicht an Stellen zu platzieren, an der Personen direkt auf den Sensor atmen können. Das Handbuch des Original-Geräts hat AFP online nicht auffinden können.
Atmen möglich
Die hohen Werte im Video bedeuten nicht, dass die Maske gesundheitsschädlich ist. Das ausgeatmete CO₂bleibt großteils gar nicht unter der Maske eingeschlossen. „CO₂ist ein Gas und bleibt im Stoff nicht hängen", erklärt der Berliner Mediziner und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte (BVKJ), Jakob Maske, gegenüber der Stuttgarter Zeitung. Auch die Deutsche Atemwegsliga, die Informationen zu Atemwegserkrankungen für Ärztinnen und Patienten zur Verfügung stellt, weist darauf hin, dass normale Masken nicht völlig dicht seien. Ein bedrohlicher Anstieg von CO₂im Blut für gesunde Menschen sei deshalb aus wissenschaftlicher Perspektive grundsätzlich unwahrscheinlich. Professionelle Masken wie FFP2- und FFP3-Masken dichten hingegen stärker ab und verlangen mehr Atemarbeit, die manche als unangenehm empfinden. Kranke Menschen mit Atemschwäche könnten das dann als Atemnot wahrnehmen.
„Bei Herz- oder Atemwegserkrankungen oder unter großer Anstrengung kann es unter Umständen die Atmung behindern. Es ist auch möglich, dass sich eine Maske unangenehm anfühlt oder den Eindruck des Erstickens vermittelt, aber das ist ein psychologisches Gefühl", sagt Yves Coppieters, Epidemiologe an der Universität Brüssel. In der Praxis nehmen Betroffene die Maske aber einfach ab, sagt die Deutsche Atemwegsliga. „Es ist ausgeschlossen, dass es bei einem gesunden Menschen zu einem Sauerstoffmangel durch die Maske kommt", bestätigt auch Lungenfacharzt Dominic Dellweg in einem Interview im Mai 2020.
Organisationen wie das Robert-Koch-Institut und die Weltgesundheitsorganisation WHO empfehlen das Tragen einer Maske als Teil einer Serie von Maßnahmen gegen das Coronavirus. Die WHO wies im Juni auf Facebook explizit darauf hin, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes weder zu einer Kohlenstoffdioxidvergiftung noch zu Sauerstoffmangel führen könne. Die Klinik München reagiert in ähnlicher Weise auf CO₂-Falschaussagen und erklärte schon für eine ältere Behauptung im Mai 2020: „Ein derzeit oft geteilter ‘Medizinischer Beitrag’ behauptet, dass sich unter dem Mundschutz CO2 ansammelt und für den Träger gefährlich wird. Das ist FALSCH!"
Die Behauptung, CO₂ würde sich unter einer Schutzmaske ansammeln und sei gesundheitsschädigend, ist falsch. Die hohen CO₂-Werte im Video kommen durch einen irreführenden Vorgang beim Messen zustande. In der Forschung gibt es außerdem bisher keine Hinweise darauf, dass das Tragen von Masken ungesund ist. Im Gegenteil, zahlreiche Organisationen empfehlen Masken, um sich und andere vor Infektionskrankheiten zu schützen.
Mythos Maske
Die Behauptung, dass sich unter Schutzmasken CO₂ sammeln und damit Schaden anrichten könne, ist nicht neu. Schon im Juni postete ein Mann in den USA ein ähnliches Video – das von anderen Factcheck-Organisationen hier und hier widerlegt wurde.
AFP hat sich ebenfalls schon mit vielen Mythen und Falschaussagen rund um das Tragen von Masken beschäftigt. Ein ähnliches Experiment hat AFP hier bereits überprüft. Hier geht es etwa um die Frage, ob Masken das Risiko einer Rippenfellentzündung erhöhen oder hier darum, ob Masken zu Sauerstoffmangel führen können.