
Laut dieser italienischen Professorin führten Corona-Impfungen zu milden Verläufen, nicht zu Infektionen
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- Veröffentlicht am 7. Juni 2022 um 17:36
- 4 Minuten Lesezeit
- Von: Jan RUSSEZKI, AFP Deutschland
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Dutzende User haben die Behauptung Anfang Mai 2022 auf Facebook geteilt (hier, hier). Auch auf Twitter und Telegram erreichte die Behauptung zahlreiche User. Unter den Verbreitenden dieser Behauptung ist auch die impfkritische Schweizer Plattform „Corona Transition". Diese ist AFP bereits mit anderen Falschbehauptungen aufgefallen (hier, hier). Auch die rechtspopulistische Plattform "philosophia perennis", dessen Inhalt AFP ebenfalls mehrmals geprüft hat (hier, hier) verbreitete die Behauptung. Leserinnen und Leser machten AFP auch auf Whatsapp darauf aufmerksam.
Die Behauptung: User teilen einen Videoausschnitt aus einem Interview mit dem italienischen Sender "TG5". Dazu heißt es im Beitragstext: "SHOCK im italienischen Fernsehen. Der Journalist fragt Professor Anna Teresa Palamara, Direktorin für Infektionskrankheiten am Italienischen Hochschulinstitut für Gesundheit, aber auch Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses des Italienischen Pasteur-Instituts und Präsidentin der Italienischen Gesellschaft für Mikrobiologie, warum so viele Fälle von Infektionen? Was ist hier los?" Die angebliche Antwort: "Der erste Grund ist, dass die Variante in Italien, wie auch in anderen europäischen Ländern, hauptsächlich geimpfte Menschen infiziert, und zwar vor allem Menschen, die mit drei Dosen geimpft wurden."

In der Vergangenheit wurden immer wieder fremdsprachige Videoausschnitte mit falschen Übersetzungen in sozialen Netzwerken geteilt. Im Februar legten User etwa wiederholt dem russischen Präsidenten Wladimir Putin falsche Worte in den Mund (hier, hier). Auch die aktuell auf Facebook geteilte irreführende Übersetzung ist aufgrund der Sprachbarriere schwerer zu entdecken.
Woher stammt das Interview?
In dem Video ist unten rechts das Logo "TG5" zu sehen. Eine Googlesuche ergab, dass es sich dabei um den privaten Nachrichtensender "Tele Giornale 5" handelt, der zum niederländischen Medienunternehmen "MFE Media for Europe" gehört.
In dem auf Telegram verbreiteten Video ist außerdem der 13. Januar 2022 eingeblendet. Im Archiv ist die Nachrichtensendung von diesem Tag nicht mehr abrufbar. AFP hat deshalb beim Sender nach der Sendung und der Behauptung gefragt.
Paolo Calvani, Sprecher von Mediaset Italia, zu dem auch TG5 gehört, sagte am 19. Mai gegenüber AFP, es handele sich bei dem kursierenden Video um eine Manipulation. Er verwies dabei auf einen Faktencheck der italienischen Online-Plattform "Open".
Was wurde tatsächlich im Interview besprochen?
Außerdem schickte Calvani ein ins Englische übersetzte Transkript der Interview-Passage mit dem Moderatoren Luciano Onder und der Professorin Anna Teresa Palamara. Palamara ist Direktorin der italienischen Gesundheitsbehörde ISS. Das Transkript beginnt nach der Vorstellung der Professorin und einer kurzen Einführung ins Thema bei Sekunde 24. Es heißt sowohl im Video auf Italienisch als auch im von AFP übersetzten Transkript:
Luciano Onder fragt: "Viele positive Erkrankte sind asymptomatisch, haben höchstens die Symptome einer Erkältung oder einer leichten Grippe. Was hat das zu bedeuten? Was passiert da?" Die Postings legen Onder allerdings die Frage in den Mund, warum es so viele Infektionen gebe.
Anna Teresa Palamara antwortet ihm: "Hierfür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Der erste Grund ist, dass die Variante [Omikron, Anm. d. Red.] vor allem in Italien und anderen europäischen Ländern vor allem geimpfte Personen betrifft, und zwar vor allem solche, die mit der dritten Dosis geimpft wurden [...]
Das Video bricht an dieser Stelle ab und wiederholt Palamaras Satz zur dritten Dosis mit dramatischer Musik. Onder fragte also nach dem Grund für lediglich milde Krankheitsverläufe, nicht wie in den Post behauptet nach dem Grund der Infektionen. Mit dem Abbruch des Videos unterschlägt der Post allerdings auch wichtigen Kontext. AFP bekam die ungeschnittene Passage des TG5-Interviews im Original vom Sender. Dort geht die Antwort Palamaras weiter. Sie erklärte:
"Und das [die dritte Dosis, Anm. d. Red.] ist in der Tat eine Barriere für eine ernsthafte Erkrankung, und daran müssen wir denken. Der zweite Grund ist, dass diese Variante die oberen Atemwege zu bevorzugen scheint und es daher leichter ist, sich in den oberen Atemwegen auszubreiten und weniger leicht in die tiefen Atemwege zu gelangen."
Palamara erklärte also, dass die Covid-Infektionen in Europa vor allem Geimpfte treffen würden. Die Erklärung dafür ist bereits in einem AFP Faktencheck von November 2021 zu finden. Dort hieß es in einem RKI-Bericht: "Dass im Laufe der Zeit mehr Impfdurchbrüche verzeichnet werden, ist erwartbar, da generell immer mehr Menschen geimpft sind und sich Sars-Cov-2 derzeit wieder vermehrt ausbreitet. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen." Ist eine Gesellschaft weitgehend durchgeimpft, sind Infektion von Geimpften erwartbar.
In Italien waren laut der Datenbank Our World in Data zur Ausstrahlung des Interviews am 13. Januar 2022 bereits 42 Prozent der Bevölkerung dreimal und 75 Prozent zweimal geimpft. Aktuell haben 67 Prozent der italienischen Bevölkerung eine Boosterimpfung erhalten.

Palamara erklärte in dem ausgelassenen Teil des Interviews weiter, dass die dritte Impfung schwere Covid-Erkrankungen verhindern würde. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt Covid-Impfungen diesen Schutz vor schweren und symptomatischen Infektionen zu.
Fazit: Die Behauptung, die Professorin Anna Teresa Palamara erkläre im italienischen Fernsehen, dass es so zahlreiche Covid-Infektionen gebe, weil die dort verbreitete Coronavariante vor allem Geimpfte infiziere, ist irreführend. Die Professorin wurde nicht nach Infektionsursachen, sondern nach den Gründen für zahlreiche milde Verläufe befragt. Diese erklärte sie mit der Schutzwirkung der Covid-Impfung. Das kursierende Video ließ diese Erklärung allerdings aus.