Die Great Barrington Declaration warnt lediglich vor den Folgen von Lockdowns

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Tausende User haben seit Anfang Dezember mehrere Blog-Artikel auf Facebook geteilt, wonach angeblich zehntausende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Ärztinnen und Ärzte mit der Unterzeichnung der Great Barrington Declaration einen globalen Corona-Impfstopp forderten. Die Deklaration stammt aus dem Oktober 2020 und warnt vor "schädlichen Auswirkungen der vorherrschenden Covid-19-Maßnahmen", besonders durch den Lockdown. Eine Impfstopp-Forderung ist darin nicht zu finden. Zwei Initiierende der Erklärung widersprechen der Behauptung.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer teilten die Artikel-Links des rechten Portals "Unser Mitteleuropa", des rechtspopulistischen Blogs "Philosophia Perennis" und des Blogs "Uncut News". Alle drei hat AFP in der Vergangenheit bereits mehrfach überprüft (etwa hier, hier, hier).

Die irreführende Behauptung: Facebook-User teilen meist unkommentiert die Links zu den Blog-Artikeln mit nahezu identischen Titeln wie "60.000 (!) Wissenschaftler und Ärzte fordern ein sofortiges Ende der globalen Massen-Corona-Impfungen". Laut diesen Texten machen sich die drei Initiatorinnen und Initiatoren der Great Barrington Declaration Sorgen wegen der Nebenwirkungen einer Massenimpfung auf die Bevölkerung. Explizit werden von den Blogs mRNA-Impfungen genannt, welche angeblich eine "kollektive Immunität unmöglich" machten.

Screenshot der irreführenden Behauptung auf Facebook: 01.02.2022

Was ist die Great Barrington Declaration?

Die Great Barrington Declaration ist eine Erklärung mit Empfehlungen zum Umgang mit Covid-19 vom Oktober 2020. Darin warnen die Professoren Martin Kulldorff von der Harvard Medical School, Sunetra Gupta von der Zoologie-Abteilung der Oxford University und Jay Bhattacharya von der Stanford University vor den "schädlichen Auswirkungen der vorherrschenden Covid-19-Maßnahmen auf die physische und psychische Gesundheit". Sie empfehlen stattdessen einen Ansatz, den sie "gezielten Schutz" nennen. Damit meinen sie den gezielten Schutz von Risikogruppen, während etwa junge Menschen ihr Leben wie zuvor weiterführen sollen. Sie sprechen sich dabei insbesondere gegen Lockdowns für die Gesamtbevölkerung aus.

Bis heute sammelten die Initiierenden der Erklärung laut eigenen Angaben online 920.477 Unterstützungs-Unterschriften. Davon sind laut der Internetseite der Erklärung rund 62.000 Unterzeichnende aus dem medizinischen Bereich. Allerdings ist die Zahl der realen Unterzeichnenden nicht eindeutig. Auf der Seite selbst heißt es: "Einige Witzbolde fügten gefälschte Unterschriften hinzu, wie Dr. Johnny Bananas, Prof. Spon'Ge'Bob SQ.UarePants, Dr. Neal Ferguson, Prof. Ware Thamask und Dr. Person Fakename." Solche gefälschten Unterschriften machen laut Angaben der Seite nur einen Prozent aus und werden vom Zähler entfernt.

Das steht in der Erklärung über Impfungen

In der Great Barrington Declaration kommt der Begriff "mRNA-Impfstoffe" an keiner Stelle vor. Auch warnt die Erklärung nicht vor Nebenwirkungen oder Massenimpfungen und fordert an keiner Stelle einen Impfstopp. Im Oktober 2020 waren noch gar keine Covid-Impfstoffe auf dem Markt. Erste Impfkampagnen in Europa begannen erst mehr als zwei Monate später, Ende Dezember 2020.

Der Text widerspricht der Behauptung sogar. Die Erklärung befürwortet Impfungen explizit, vor allem für Risikogruppen: "Wir wissen, dass alle Populationen schließlich eine Herdenimmunität erreichen – das heißt den Punkt, an dem die Rate der Neuinfektionen stabil ist. Dies kann durch einen Impfstoff unterstützt werden, ist aber nicht davon abhängig." In der FAQ heißt es außerdem: "Bei kluger Anwendung sind Covid-19-Impfstoffe ein wichtiges zusätzliches Instrument für einen gezielten Schutz."

Ob die Unterzeichnenden persönlich für oder gegen Corona-Impfungen sind, lässt sich nicht sagen. Mit ihrer Unterschrift unter der Great Barrington Declaration fordern sie aber kein "sofortiges Ende der globalen Massenimpfungen".

Die Initiierenden der Deklaration dementieren

AFP hat die drei Initiierenden der Erklärung am 30. Januar 2022 gefragt, ob sich die Great Barrington Declaration tatsächlich gegen Covid-Impfungen äußert. Sunetra Gupta schrieb in einer E-Mail: "Die GBD hat sich nicht gegen Impfungen ausgesprochen."

Jay Bhattacharya schrieb am selben Tag: "Alle drei Hauptautoren des GBD befürworten eine weltweite Covid-Impfung. Sie ist ein äußerst wichtiges Instrument für den gezielten Schutz der Schwachen."

Auch auf Twitter veröffentlichten Bhattacharya und Gupta auch Beiträge, in denen sie Corona-Impfstoffe befürworteten (hier, hier).

Martin Kulldorff hat bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks nicht auf die AFP-Anfrage regiert.

So reagieren die Blog-Betreiber

AFP hat die Blogs "Uncut News", "Unser Mitteleuropa" und "Philosophia Perennis" am 30. Januar 2022 via E-Mail zu den fehlenden Belegen für die Behauptungen über die Impfstoppforderung befragt. "Unser Mitteleuropa" und "Philosphia Perennis" haben auf die AFP-Anfragen nicht reagiert.

"Uncut News" hat nach AFP-Anfrage den Artikel zunächst zur Prüfung aus dem Netz genommen. Am 1. Februar wurde der Artikel dann mit einer Stellungnahme erneut veröffentlicht. Darin schreibt "Uncut News": "Es ist richtig, dass auf der Originalwebseite der Great Barrington Erklärung nicht über die mRNA-Impfung geschrieben steht."

Weiter heißt es, dass es sich lediglich um eine Übersetzung eines englischen Artikels handele und dass "Uncut News" davon ausgehe, dass "die Unterzeichner ein Jahr später durchaus diesen experimentellen Impfstoff [...] nicht gutheißen können". Zwei der Hauptinitierenden sprachen sich gegenüber AFP und auf der Internetseite der Declaration für Covid-Impfungen aus.

Fazit: Die Behauptung, 60.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hätten mit ihrer Unterschrift unter der Great Barrington Declaration ein sofortiges Ende der globalen Covid-Impfungen gefordert, ist irreführend. Die Great Barrington Declaration warnte im Oktober 2020 lediglich vor den Folgen von Lockdowns. Die Erklärung selbst und zwei der drei Hauptinitiierenden sprachen sich gegenüber AFP für Covid-Impfungen aus.

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