Nein, Jens Spahn gab keine Inzidenz-Fälschung bei Anne Will zu

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Tausende User auf Facebook, Telegram und Twitter haben Ende Mai ein angebliches Geständnis von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Bezug auf die Berechnung der Corona-Inzidenzen in Deutschland geteilt. Spahn hatte in der Sendung "Anne Will" über eine große Anzahl falsch-positiver Testergebnisse gesprochen. Die Postings interpretieren: "Die 'Inzidenzen' zur Begründung von 7 Monaten Lockdown sind also Fake". Als Grundlage für die Inzidenzen in Deutschland dienen allerdings die Ergebnisse von PCR-Tests und nicht die von Spahn angesprochenen Antigentests. 

Zumindest das Zitat von Gesundheitsminister Spahn ist echt. Zu Gast bei Anne Will sagte Spahn vor der Kamera die Worte: "Es gibt im Moment mehr falsch-positive als tatsächlich positive Ergebnisse." Die Konsequenz, die Tausende User Ende Mai aus diesen Worten auf Facebook (hier, hier, hier), Telegram (hier, hier) und Twitter (hier) gezogen haben, ist allerdings falsch.

So schrieben unter anderem der AfD-Bundestagsabgeordnete Jörn König und der Autor eines von ihm verlinkten Artikels der rechtspopulistischen Plattform "philosophia perennis":

"Also doch: Inzidenzen zur Begründung des Lockdown waren Fake." Weiter heißt es: "Da man getrost davon ausgehen kann, dass sich das (Zitat Spahns) 'im Moment' nicht nur auf die letzten 24 Stunden bezieht, muss man schlicht feststellen, dass die 'Inzidenzen' zur Begründung von sieben Monaten Lockdown ein willkommener Fake waren."

Facebook-Screenshot: 01.06.2021

Spahn war tatsächlich in der Talk-Show "Anne Will" am 30. Mai 2021 zu Gast. Auch fällt der von den Postings zitierte Satz bei Minute 17:35 in Bezug auf die sogenannte 7-Tage-Inzidenz. Dieser Wert bildet die Fälle pro 100.000 Einwohner*innen in den jeweils vergangenen sieben Tagen ab und gilt als wichtiger Indikator für Corona-Maßnahmen in Deutschland (mehr dazu hier).

Der tatsächliche Dialog bei Will

Eine relevante Einordnung bei Will, mit der Spahn sein vermeintliches Geständnis selbst in einen bestimmten Kontext setzt, lassen die Postings unerwähnt. So sagt Spahn ab Minute 17:05 mit einer Unterbrechung durch Anne Will: 

Spahn: "In die Inzidenz, sozusagen ins offizielle Infektionsgeschehen, gehen ja PCR-Tests ein. Also in dem Moment, wo ein Schnelltest oder ein Selbsttest positiv ist, empfehlen wir ja und bei den Testzentren muss und soll er auch gemacht werden, einen PCR-Test…"

Will: "Aber da waren wir ja gerade, dass die Zentren keinen einzigen positiven Schnelltest melden..."

Spahn: "Gut, ich kann jetzt den Einzelfall nicht beurteilen. Natürlich ist die Inzidenz so niedrig gerade, wenn sie 100.000 Menschen testen, es relativ wenige positive Ergebnisse gibt, null ist sehr unwahrscheinlich. Es gibt übrigens in vielen Fällen mittlerweile mehr falsch-positive als tatsächlich positive Ergebnisse, einfach wegen der niedrigen Inzidenz, deswegen ist das PCR-Nachtesten da so wichtig. Aber für das Infektionsgeschehen ist ja entscheidend tatsächlich das PCR-Testergebnis. Am Anfang war ja die Sorge, dass wir vor lauter Schnelltests die Inzidenzen mit den Schnelltests nach oben treiben, als wir sie eingeführt haben. Meine Meinung ist, es hat uns sehr geholfen (...) die dritte Welle zu brechen."

Der Minister spricht also bereits selbst an, dass die 7-Tage-Inzidenzen nicht mit den von ihm angesprochenen Antigentests berechnet werden, sondern auf PCR-Tests beruhen, die die Antigentests immer noch einmal bestätigen müssen. Falsch positive Ergebnisse bei Antigentests können also keinen "Inzidenz Fake" auslösen, so wie die Postings es behaupten.

Das sagen Robert-Koch-Institut und Ministerium

Auch die nationale Teststrategie in Deutschland gibt vor: Ein positives Ergebnis im Antigentest solle grundsätzlich mittels PCR bestätigt werden. Das Robert-Koch-Institut schreibt außerdem in seinem Epidemiologischen Bulletin am 25.02.2021: "Ein positi­ves Ergebnis mit einem geeigneten Antigentest stellt zunächst einen Verdacht auf eine SARS­-CoV­2­-Infektion dar. Es ist jedoch noch keine Diagnose einer SARS­-CoV­2-­Infektion. Die Diagnose wird erst durch den nachfolgenden RT-PCR-Test sowie die ärztliche Beurteilung gestellt." In einem weiteren Bulletin am 29. April heißt es ebenfalls: "Ein positiver Antigentest muss immer durch eine PCR bestätigt werden."

AFP hat am 1. Juni noch einmal das Gesundheitsministerium kontaktiert. Sprecher Andreas Deffner antwortete in einer E-Mail: "Das, was dort im Internet kursiert, ist schlicht als Desinformation anzusehen."

Fakt sei: "Ein positiver Antigenschnelltest ist meldepflichtig nach dem Infektionsschutzgesetz, und jeder positive Antigenschnelltest wird, bevor er in die Fallzahlen zur Berechnung der Inzidenzen einfließt, durch einen PCR-Test bestätigt. Nur dann, wenn auch der vorgeschriebene PCR-Test positiv war, erhöht sich die Fallzahl. Somit beeinflussen falsch-positive Schnelltest-Ergebnisse nicht die Corona-Fallzahlen."

Fazit: Nein, Jens Spahn ist kein Inzidenz-Fake herausgerutscht. Die Postings unterschlagen den Kontext der Aussagen des Ministers. Falsch-positive Antigentests müssen immer durch einen PCR-Test bestätigt werden, erst dann werden sie in die Fallzahlen und Inzidenzen einbezogen.

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