Nein, die britische Gesundheitsbehörde hat keine langfristige Immunschwäche durch Impfung festgestellt

Copyright © AFP 2017-2022. Alle Rechte vorbehalten.

Hunderte User haben Ende Januar erneut eine alte Behauptung auf Facebook geteilt, wonach eine Corona-Impfung das Immunsystem langfristig zerstöre. Als Quelle dafür dient ihnen ein Bericht der britischen Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA). Dieser Bericht beschreibt allerdings lediglich, dass Geimpfte bei einer Corona-Infektion eine geringere Menge eines bestimmten Antikörper-Typs aufweisen. Das Immunsystem funktioniert trotzdem nach wie vor weiter und schützt gegen Infektionen, wie die UKHSA und ein unabhängiger Virologe gegenüber AFP erklärten.

Im Januar haben erneut Hunderte Facebook-User die UKHSA-Behauptung geteilt (hier, hier). Mehrere Blogs hatten sie bereits im November 2021 verbreitet (hier, hier, hier).

Die Falschbehauptung: Ein Bericht der britischen Gesundheitsbehörde zeige, dass die Anzahl an Antikörpern im Körper nach der Corona-Impfung geringer ausfalle. Darauf aufbauend titelt etwa das rechte Portal “Unser Mitteleuropa”: „Nun schwarz auf weiß: Corona-Impfung zerstört langfristig das Immunsystem!“. Die britische Gesundheitsbehörde habe eingeräumt, dass Geimpfte dauerhaft weniger Antikörper hätten, schreibt die impfkritische Schweizer Plattform „Corona Transition“. Menschen, die sich jetzt impfen lassen würden, seien daher weitaus anfälliger für etwaige Mutationen.

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 13.01.2022

Der britische Bericht

Die Postings beziehen sich auf eine Passage aus dem „Covid-19-Impfstoffüberwachungsbericht Woche 42“ der UK Health Security Agency (UKHSA) vom Oktober 2021. Die UKHSA veröffentlicht regelmäßig Überwachungsberichte über die Corona-Impfstoffe.

Auf Seite 23 heißt es im damaligen UKHSA-Bericht tatsächlich, dass ein spezieller Antikörperspiegel bei zweifach Geimpften niedriger ausfalle. Das hätten Beobachtungsdaten dieser Antikörper im Blut gezeigt. Die Häufigkeit bestimmter Antikörper im Blut nennt man Seroprävalenz.

In ihrer Studie zu dieser Seroprävalenz hat sich UKHSA dabei zwei Arten von Antikörpern genauer angesehen: S-Antikörper und N-Antikörper. Antikörper gegen das Nukleoprotein (N) bildet der Körper nur bei einer Infektion mit Corona. Antikörper gegen das Spikeprotein (S) entstehen hingegen sowohl bei einer Erkrankung als auch nach der Corona-Impfung, erklärte eine UKHSA-Sprecherin am 7. Januar gegenüber AFP. Eine Untersuchung auf N-Antikörper hilft deshalb dabei, Antikörper durch eine Infektion von solchen nach einer Impfung zu unterscheiden, erklärt das RKI zu ähnlichen Untersuchungen.

Erwartbare Ergebnisse

Der UKHSA-Bericht stellte fest, dass der N-Antikörperspiegel bei Geimpften niedriger ist. Das sei aber überhaupt nicht überraschend, erklärte die UKHSA-Sprecherin gegenüber AFP. Die Ergebnisse zeigten lediglich, dass die Impfung wirke und Corona-Infektionen im Körper klein halte. Eine mildere Infektion, etwa aufgrund des bereits vorhandenen Impfschutzes, könne deshalb zu einem niedrigeren N-Antikörperspiegel führen. Diese Erklärung ergänzte die UKHSA auch in späteren Berichten zur Studie: „Diese niedrigeren N-Antikörperreaktionen bei Personen mit Durchbruchsinfektionen (nach der Impfung) im Vergleich zur Primärinfektion spiegeln wahrscheinlich die kürzeren und milderen Infektionen bei diesen Patienten wider.“

Warum dieses Ergebnis erwartbar war, erklärte auch Daniel Sauter am 12. Januar gegenüber AFP. Er ist Professor am Institut für Medizinische Virologie und Epidemiologie der Viruskrankheiten des Universitätsklinikums Tübingen. „Durch die erfolgreiche Eliminierung und kürzere Verweildauer des Virus im Körper wird die Bildung von N-Antikörpern weniger stark angeregt“, schrieb Sauter. Die Beobachtung im UKHSA-Bericht sei deshalb „nicht besonders überraschend“ und stehe im Einklang mit weiterenStudien, wonach Geimpfte das Virus bei einer Infektion schneller eliminieren können.

Das Immunsystem wird nicht zerstört

Der reduzierte N-Antikörperspiegel deutet also nicht auf ein zerstörtes Immunsystem hin. „Aus niedrigeren N-Antikörperwerten allein lässt sich nicht schließen, dass das Immunsystem geschädigt ist“, erklärte Daniel Sauter und weiter: „Ganz im Gegenteil, niedrigere N-Antikörperwerte bei geimpften im Vergleich zu ungeimpften infizierten Personen deuten eher darauf hin, dass das Immunsystem funktionsfähig ist und als Antwort auf die Impfung eine erfolgreiche Immunantwort gegen das Spike-Protein aufbauen konnte.“

Sauter fasst zusammen: „Die Fähigkeit an sich, Antikörper gegen Virusbestandteile zu bilden, wird durch die Impfung nicht beeinträchtigt. Das Immunsystem wird durch die Impfung nicht geschädigt.“

Auf AFP-Anfrage erklärte eine UKHSA-Sprecherin ebenfalls, dass die Impfung das Immunsystem auf keine Art und Weise beeinträchtigte. Niedrigere N-Antikörper-Werte bedeuteten nicht, dass es einen Schaden am Immunsystem gebe. Die UKHSA selbst empfiehlt, sich gegen Corona impfen und auffrischen zu lassen.

Keine höhere Mutations-Anfälligkeit

Bei der Vermehrung eines Virus entstehen manchmal Abweichungen in den Eigenschaften des Virus. Diese Veränderungen am Virus nennt man Mutation. Der Behauptung aus den Postings, dass Geimpfte anfälliger für solche Mutationen des Virus seien, widerspricht Sauter ebenfalls: „Die Mutationsrate von SARS-CoV-2 wird durch die Impfung nicht beeinflusst.“ Selbst wenn es Veränderungen im Virus gäbe, die der Körper schlechter mithilfe von vorhandenen Antikörpern bekämpfen könnte, bliebe die Vermehrung dieser Viren in geimpften im Vergleich zu ungeimpften Personen geringer, erklärte Sauter.

Fazit: Die Studie aus dem Vereinigten Königreich belegt keine angeblichen Langzeitschäden des Immunsystems durch die Impfung. Stattdessen hält sie fest, dass Geimpfte bei einer Infektion mit dem Virus kleinere Mengen eines bestimmten Antikörpers produzieren, was auf einen milderen Krankheitsverlauf bei Geimpften hindeutet. Sie steht damit im Einklang mit anderen Studienergebnissen und zeigt, dass die Impfung gegen Corona wirkt.

IMPFUNGEN COVID-19