Nein, die australische Regierung hat nicht erklärt, PCR-Tests seien sinnlos

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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben seit Mitte Mai die Behauptung in sozialen Netzwerken verbreitet, eine australische Gesundheitsbehörde habe erklärt, PCR-Tests könnten eine Corona-Infektionen nicht zuverlässig nachweisen. Das Schreiben der Behörde besagt jedoch lediglich, die Tests könnten nicht zwischen "toten und lebenden Viren" unterscheiden. Trotzdem seien sie nach wie vor die beste Methode, um Infektionen mit Sars-CoV-2 nachzuweisen.

Hunderte User haben seit Mitte Mai ein Video auf Facebook geteilt (hier, hier), in dem die Behauptung verbreitet wird, die australische Arzneimittelbehörde Therapeutic Goods Administration (TGA) habe PCR-Tests für ungeeignet erklärt, Corona-Infektionen nachzuweisen. Auch der FPÖ-Politiker und frühere österreichische Innenminister Herbert Kickl teilte das Video am 23. Mai auf seiner Facebook-Seite. Auf Facebook kursierten zudem Versionen auf Englisch, Griechisch und Vietnamesisch. Auch auf Twitter und Telegram sahen Tausende User die Behauptung, die zudem von dem Blog "Report 24" verbreitet wurde.

Die Behauptungen: Im Postingtext des aktuell geteilten Videos heißt es: "Sinnlose PCR-Tests: Australische Behörde gibt zwei Jahre Betrug am Volk zu." Zu Beginn des Clips sagt ein Sprecher, für viele sei mittlerweile klar, dass die Corona-Pandemie "quasi herbei getestet" worden sei. Weiter sagt er: "Nun hat eine australische Behörde in der Beantwortung einer Anfrage endlich zugegeben, dass die Aussagekraft des PCR-Tests in Wahrheit gegen null tendiert."

Im Beitrag sagt ein Kommentar aus dem Off: "Die Behauptung, dass es sich [bei PCR-Tests] um das zuverlässigste Verfahren handele, um eine akute Infektion mit Sars-CoV 2 abzuklären, ist jedoch schlicht falsch." Der Test könne nicht zwischen lebendigem, beziehungsweise aktivem und totem und somit inaktivem Virusmaterial unterscheiden. Daher ließe sich mit dem PCR-Verfahren eine Infektion nicht sicher nachweisen. "Das Risiko falsch positiver Ergebnisse ist hoch. Wissenschaftler bemängeln dies seit mehr als zwei Jahren." Dies habe die australische TGA in einer Antwort auf eine Anfrage des Senators Gerard Rennick "zum ersten Mal" bestätigt, heißt es in dem Beitrag.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 01.06.2022

Zu PCR-Tests und deren Verlässlichkeit kursieren seit Beginn der Corona-Pandemie zahlreiche Falschmeldungen und Desinformation in sozialen Netzwerken. AFP widerlegte in der Vergangenheit mehrfach Behauptungen, PCR-Tests seien nicht für die Diagnostik zugelassen oder könnten Infektionen nicht nachweisen (hier, hier, hier).

Das knapp drei Minuten lange Video wurde am 19. Mai 2022 auf dem Kanal "RTV Privatfernsehen" veröffentlicht. RTV-Moderator Nicolas Schott kündigt den eigentlichen Beitrag zu Beginn des Clips mit der Behauptung an, eine australische Behörde habe "endlich zugegeben, dass die Aussagekraft des PCR-Tests in Wahrheit gegen null tendiert" und "die PCR-Testung quasi sinnlos ist".

Antwort auf eine parlamentarische Anfrage

Die australische Arzneimittelbehörde TGA hatte am 31. Januar 2022 auf eine parlamentarische Anfrage des Senators von Queensland, Gerard Rennick, geantwortet. Der LNP-Politiker hatte der TGA nach eigenen Angaben am 5. November 2021 einen Katalog mit Fragen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zugesandt. Eine der Fragen lautet: "Unterscheidet der PCR-Test zwischen lebenden und toten Viren?" Rennick veröffentlichte die Antwort der Behörde am 14. Mai auf seiner Facebook-Seite.

Der Senator ist ein strikter Gegner der Maßnahmen der australischen Regierung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. In der Vergangenheit war er zudem mehrfach mit stark umstrittenen Positionen in Erscheinung getreten. So bezeichnete er im Dezember 2021 die Corona-Impfung für Fünf- bis Elfjährige als "Experimente an Kindern". 2019 warf er dem australischen Büro für Meteorologie vor, Wetterdaten zu manipulieren, um eine angebliche Agenda der globalen Erwärmung voran zu treiben.

In der Antwort der TGA heißt es tatsächlich: "PCR-Tests sind zwar hochempfindlich und weisen das genetische Material des SARs-CoV-2-Virus nach, können jedoch nicht zwischen lebenden und toten Viren unterscheiden." Das bedeutet jedoch nicht, dass PCR-Tests für den Nachweis einer Corona-Infektion ungeeignet seien, wie es in den aktuell geteilten Beiträgen behauptet wird.

So erklärt die TGA in ihrer Antwort an Rennick auch, dass das PCR-Verfahren nach wie vor der wichtigste Test für die Diagnose einer Corona-Infektion sei. Kurz nach der Antwort an Rennick, am 12. Januar 2022, veröffentlichte die TGA auf ihrer Website Informationen für Angehörige des Gesundheitswesens zum Thema Corona-Tests, in der sie erneut betont, dass PCR-Tests Infektionen besser als andere Testverfahren nachweisen würden und derzeit der "Goldstandard für die Covid-19-Diagnose" seien. Auch Rennick selbst bezweifelt in seinem Facebook-Posting vom 14. Mai die Wirksamkeit von PCR-Tests nicht. Er fordert vielmehr, positive Testergebnisse zusätzlich mit Hilfe von Bluttests zu bestätigen.

PCR-Tests reagieren auf das Erbgut des Virus

Niels Lemmerman ist Virologe an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In einem Telefoninterview mit AFP am 3. Juni 2022 sagte er: "Sowohl die Frage, als auch die Antwort der TGA sind irreführend formuliert. Grundsätzlich ist es nicht korrekt, zu sagen, dass PCR-Tests nicht zwischen toten und lebenden Viren unterscheiden könnten, weil es keine toten oder lebenden Viren gibt." Viren seien keine Lebewesen im biologischen Sinne, da sie über nicht über einen Stoffwechsel verfügten, ein zentrales Merkmal des Lebens. "Es gibt in diesem Zusammenhang lediglich infektiöse und nicht-infektiöse Partikel", erklärte Lemmermann.

Sowohl infektiöse als auch nicht-infektiöse Viruspartikel enthalten Erbgutmaterial des Virus, dessen Vorhandensein mit Hilfe von PCR-Tests nachgewiesen wird. Davon abgesehen lasse sich mit Hilfe von PCR-Tests allein feststellen, ob ein Patient Träger von Virusmaterial sei oder nicht, sagte Virologe Lemmermann. Anders als in den aktuell geteilten Postings behauptet, gebe es sehr wohl eine Korrelation zwischen den nachgewiesenen Viruspartikeln und der Infektiosität des Patienten, wie verschiedene Studien belegen (hier, hier). "Wir können mit modernen PCR-Testverfahren eine Quantifizierung der Virusbelastung vornehmen, die es uns erlaubt, abzuschätzen, wie infektiös der Patient ist."

Hierzu diene der CT-Wert (Cycle-Threshold-Wert), der vereinfacht gesagt angibt, wie viele Genome in der entnommenen Probe vorhanden sind. Je höher der CT-Wert, desto weniger ansteckender ist der Patient. Nach derzeitigem Kenntnisstand gilt ein Patient ab einem CT-Wert von 30 und mehr als wahrscheinlich nicht ansteckend. In Grenzfällen mit vergleichsweise hohen CT-Werten lasse sich das Ergebnis mit Hilfe eines weiteren PCR-Tests zu einem späteren Zeitpunkt verifizieren, erklärte Lemmermann.

Ein positives Ergebnis mit einem hohen CT-Wert, also einer geringen Infektiosität, sei zudem kein falsch-positives Ergebnis, wie in den aktuell geteilten Postings behauptet werde, betonte Lemmermann, da der Patient ja Träger von Viruspartikeln sein. Als falsch-positiv gelten solche positiven Testergebnisse, die etwa aufgrund von Kontamination von außen entstünden. Auch diese ließen sich jedoch mit Hilfe von Kontrollen und des CT-Werts identifizieren und im Zweifel durch einen weiteren Test widerlegen.

Falsch-positive Ergebnisse sind äußerst selten

Ähnlich äußerte sich Torsten Kiesner, Pressesprecher des Verbands der Diagnostica-Industrie (VDGH). "PCR-Tests sind der Goldstandard", schrieb er am 1. Juni 2022 in einer E-Mail an AFP. Auch er hält die Aussage, PCR-Tests seien sinnlos, da sie nicht zwischen "totem und lebendem Virusmaterial" unterscheiden würden, für abwegig. "Virusmaterial ist entweder infektiös oder nicht infektiös, nicht 'lebendig' oder 'tot'. PCR-Tests weisen das Erbgut des Virus in der Probe nach, unabhängig vom Grad der Infektiosität."

Der Nachweis von nicht infektiösen Virusresten bedeute nicht, dass das Ergebnis "falsch-positiv" ist, sondern dass Erbgut des Virus vorhanden ist. Dies sei jedoch lediglich eine Momentaufnahme zum Zeitpunkt der Probenentnahme. "Wenn beispielsweise die Immunabwehr das Virus bereits bekämpft hat, bleiben Reste des Virus noch einige Zeit nachweisbar – gerade da die PCR-Testung sehr sensitiv ist", erklärte Kiesner.

Falsch-positive PCR-Testergebnisse sind sehr selten. Das Bundesministerium für Gesundheit erklärt dazu auf seiner Webseite: "Die Trefferquote liegt bei 98 Prozent, damit sind PCR-Tests verlässlicher als Antigen-Schnelltests oder Selbsttests." Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) geht in seinem Epidemiologischen Bulletin vom Juni 2021 davon aus, dass die Zahl der falsch-positiven PCR-Tests "sehr gering" sei. "Bei korrekter Durchführung der PCR-Tests und fachkundiger Beurteilung der Ergebnisse gehen wir demnach von einer sehr geringen Zahl falsch-positiver Befunde aus, die die Einschätzung der Lage nicht verfälscht", heißt es in dem Bericht.

Die Corona-Pandemie beruht allerdings nicht nur auf "falsch-positiven Testergebnissen". Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte bereits am 30. Januar 2020 den Ausbruch der Erkrankung zu einer gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite, der höchsten Warnstufe der WHO. Insbesondere zu Beginn der Pandemie gerieten die Gesundheitssysteme vieler Länder an ihre Belastungsgrenzen. Am 12. Mai 2022 meldete die WHO, dass in der Europäischen Union über zwei Millionen Menschen an Covid-19 gestorben sind. Auch in Deutschland stieg die Übersterblichkeit in Folge der Pandemie deutlich an.

Fazit: Die australische Arzneimittelbehörde TGA hat nicht erklärt, dass PCR-Tests "sinnlos" seien. Die Aussage, PCR-Tests könnten nicht zwischen lebenden und toten Viren unterscheiden, ist irreführend. Mit PCR-Tests lassen sich Corona-Infektionen sehr zuverlässig nachweisen und mit Hilfe des CT-Wertes kann zudem bestimmt werden, wie hoch die Infektiosität eines Patienten ist.

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