Die Europäische Arzneimittel-Agentur bestätigte keine 3963 Todesverdachtsfälle nach Impfungen

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Seit Mitte März 2021 haben Hunderte Facebook-User eine Tabelle geteilt, die Zahlen der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zu Verdachtsfällen von Covid-19-Impftoten zeigen soll. Demnach könnten 3963 Menschen an möglichen Impfreaktionen gestorben sein, heißt es in den Postings. Die Datenbank liefert allerdings keine solchen Zahlen zu Todesopfern. Sie listet lediglich Reaktionen nach der Impfung auf. Weil in der Regel einzelne Verstorbene mehrere Symptome zeigten, tauchen sie mehrfach in der EMA-Liste auf. Die echte Zahl an Menschen, die in zeitlicher Nähe einer Impfung gestorben sind, ist kleiner. Einen kausalen Zusammenhang dieser Todesfälle mit einer Covid-Impfung stellen die Zahlen nach Angaben der EMA ausdrücklich nicht dar.

Die Tabelle mit vermeintlichen Todesfällen nach einer Corona-Impfung haben seit dem 17. März rund tausend Menschen auf Facebook geteilt (etwa hier und hier). Die Postings verweisen auf "Fact Sheet Austria" als Urheber. Bereits seit dem 16. März kursiert der Beitrag im gleichnamigen Telegram-Kanal und erreichte dort mehr als 50.000 User (hier).

Der verbreitetste Beitrag auf Facebook stammt mit mehr als 900 Shares von der österreichischen FPÖ-Nationalratsabgeordneten Dagmar Belakowitsch (hier). Sie schreibt in ihrem Posting: "EU-weit 3.963 Todesfälle in möglichem Zusammenhang mit COVID-19-Impfungen. Das klingt wahrlich besorgniserregend!"

Facebook-Screenshot: 23. März 2021

Am 15. März hatte Deutschland zwischenzeitlich seine Impfkampagne mit dem Impfstoff von Astrazeneca ausgesetzt, nach dem es in mehreren Fällen zu Nebenwirkungen bei Geimpften gekommen war. Einen Tag später kam die irreführende Behauptung zur EMA-Datenbank auf. AFP widerlegte in der Vergangenheit bereits eine vermeintliche Bestätigung von 223 Impftoten durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Auch die Behauptung, Impfstoffe seien radioaktiv, giftig und würden zum Zellsterben führen, widerlegte AFP.

Daten beweisen keinen kausalen Zusammenhang zu Corona-Impfungen

Die Tabelle des Postings führt unterschiedliche gesundheitliche Beschwerden auf, die im Kontext mit Impfstoffen von Pfizer/Biontech, Moderna und Astrazeneca aufgetreten sein und zum Tode geführt haben sollen. Als Quelle dient die Europäische Datenbank der EMA der gemeldeten Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen.

Die Europäische Datenbank gemeldeter Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen führt diese Zahlen tatsächlich auf. Sie sammelt nach eigenen Angaben "Verdachtsfälle von unerwünschten Nebenwirkungen" im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), die möglicherweise im Zusammenhang mit zugelassenen Arzneimitteln stehen. Diese Nebenwirkungen definiert die EU als mögliche "Reaktion auf ein Arzneimittel, die schädlich und unbeabsichtigt" sind. Die Datenbank führt zu Pfizer/Biontech, Moderna und Astrazeneca etwa neben Herz- und Augenbeschwerden, auch Hautirritationen und psychische Störungen auf. Laut einer Präsentation der EMA sind Kopfschmerzen, Fieber und Muskelschmerzen die häufigsten Nebenwirkungen.

Alessandro Faia, Sprecher der EMA, erklärte zu diesen Daten am 22. März in einer E-Mail an AFP: "Diese Zahlen bedeuten nicht unbedingt, dass die gemeldeten Ereignisse durch den Impfstoff verursacht wurden." Es könne sich auch um Symptome einer anderen Krankheit handeln oder mit einem anderen Medikament zusammenhängen, dessen Auswirkungen sich mit dem Zeitpunkt der Impfung überschneiden. In den Hinweisen zur Interpretation der Daten weist die EMA zusätzlich auf Wechselwirkungen gleichzeitig eingenommener Medikamente hin.

Weiter heißt es: "Die Informationen auf dieser Website können nicht herangezogen werden, um die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, mit der eine Nebenwirkung auftritt." Dafür brauche es mehr Daten wie zum Beispiel die Zahl aller Menschen, die das Medikament oder die Impfung erhalten haben.

Was sagen die Zahlen über Todesfälle aus?

Faia, Sprecher der EMA, antwortete auf die Frage zur Echtheit der Tabelle des Postings: "Wir sind uns bewusst, dass vor allem in den sozialen Medien viele Zahlen kursieren, die falsch sind und auf einem Missverständnis der Daten beruhen."

Das Problem: In der Tabelle des Postings sind die Nebenwirkungen mit tödlichem Ausgang mit angeblichen Stand 13. März 2021 aufgelistet. Darin werden alle Beschwerden mit Todesfolge als einzelne Todesfälle zusammengerechnet. So kommt es zur Überschrift: "3.963 Todesfälle". Aus den Daten lässt sich jedoch die reale Zahl der nach einer Impfung Verstorbenen gar nicht ableiten.

Faia erklärte, dass ein Bericht über die Reaktionen eines einzelnen Patienten gleich mehrere Einträge in der Datenbank zur Folge haben könne. Ein Beispiel: Im Falle eines am 19.März im zeitlichen Zusammenhang mit einer Moderna-Impfung verstorbenen Patienten wurden neun unterschiedliche tödliche Reaktionen aufgelistet  Die EMA führt diese entsprechend in neun Kategorien auf. Dennoch handelt es sich nur um einen Todesfall, dessen kausaler Zusammenhang zur Impfung überdies nicht bewiesen ist.

Hier die Auflistung für den beschriebenen Patienten:

Screenshot der EMA-Datenbank: 23. März 2021

Die Zahl der tatsächlichen Todesfälle ist also kleiner als im Facebook-Posting behauptet. Die EMA gibt die Zahl der Todesfälle nach einer Impfung in der Europäischen Union auf ihrer Internetseite nicht an. Auf AFP-Anfrage erklärte die Sprecherin Rebecca Hardling am 26. März, dass die Fälle aktuell durch eine Expertengruppe geprüft würden. "Während dieser Überprüfung können wir keine Kommentare zur aktuellen Anzahl vermuteter Nebenwirkungen abgeben."

In Deutschland wurden dem Paul-Ehrlich-Institut laut aktuellem Sicherheitsbericht 351 Todesfälle in zeitlichem Kontext mit einer Impfung gemeldet. Der längste Abstand zur Impfung lag bei 40 Tagen. Dem österreichischen Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) wurden laut eigenem Bericht 51 Todesfälle gemeldet. In der Schweiz sind laut Bericht der Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte, Swissmedic, 21 Menschen gestorben.

Ein Sprecher der EMA erklärte: "Täglich sterben in der EU etwa 12.000 Menschen an verschiedenen Ursachen, davon sind 83 % über 65 Jahre alt." Auch während der Impf-Kampagnen gebe es verschiedenste Todesursachen – "und diese können auch kurz nach einer Impfung auftreten". Die Todesfälle in zeitlichem Zusammenhang mit Covid-19-Impfungen würden von den EU-Zulassungsbehörden aktuell geprüft.

Fazit

Die Behauptung, die Datenbank der EMA führe 3963 Todesfälle nach Covid-19-Impfungen auf, ist irreführend. Diese Zahl gibt lediglich die tödlichen Symptome an, von denen verstorbene Menschen oft mehrere haben. Die tatsächlichen Todesfälle sind in der Datenbank nicht aufgeführt. Die echte Zahl ist kleiner.

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