(AFP / Alain Jocard)

Nein, Corona-Impfstoffe können kein unkontrollierbares Zellsterben verursachen

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Hunderte User auf Facebook und Zehntausende auf Telegram haben Mitte Februar eine Behauptung verbreitet, wonach die Corona-Impfstoffe zu unkontrollierbaren Membranfusionen und damit zu Gewebeschäden und Tod führen könnten. Als Grundlage dafür dient eine neue Studie des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Der Studienleiter selbst allerdings dementiert die Behauptung, auch unabhängige Expertinnen und Experten bestätigen: Eine solche Gefahr besteht nicht.

Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete, Arzt und Anti-Corona-Aktivist Wolfgang Wodarg hat die Behauptung am 21. Februar gepostet. Hunderte haben sie seitdem auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Zehntausende sahen sie auf Telegram (hier, hier, hier). Die meisten Postings teilen dazu einen Link zu einem inhaltlich deckungsgleichen Blog-Artikel Wodargs.

Auf Facebook schreibt dieser: "Die PEI-Forscher warnen, dass bei Corona-Infektionen die Stacheln (Spikes) der Coronaviren für größere Zellfusionen mit gefährlichen Komplikationen in verschiedenen Organen verantwortlich sein können. Diese Studie wurde zur selben Zeit wie die Prüfung jener Impfstoffe durchgeführt, welche die Bildung genau solcher gefährlichen Spikes – nur ohne Virus – in den Zellen der 'Geimpften' hervorrufen sollen."

Weiter heißt es im Posting: "Es muss also befürchtet werden, dass die durch Spike-Proteine ausgelöste starke Neigung zu unkontrollierbaren Zellfusionen starke Gewebsschäden (...) verursachen kann." Solche Schäden wiederum "könnten schwere Krankheitsbilder und den Tod innerhalb kurzer Zeit zur Folge haben."

Das PEI warne bei Corona-Infektion vor solchen Komplikationen einer Zellfusion, verfehle aber gleichzeitig, diese Gefahr auch in Folge von Impfungen zu erwähnen. Für Wodarg ein "völlig unverständlicher" Vorgang.

Facebook-Screenshot: 22.02.2021

Corona-Impfungen, vor allem die neuen mRNA-Impfstoffe der Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna, werden immer wieder Ziel von Falschinformations-Kamapgnen. In solchen heißt es etwa, der Impfstoff mache Frauen unfruchtbar, er verändere die DNA im Körper, oder er sei radioaktiv. Behauptungen wie diese hat AFP in der Vergangenheit widerlegt. Auch die vermeintliche Gewebezerstörung aufgrund "unkontrollierbarer Zellfusionen" gehört in diese Reihe.

Als Quelle dient Wodarg und Co. eine echte PEI-Studie, die das wissenschaftliche Journal "iScience" bereits am 5. Februar 2021 zur Veröffentlichung akzeptiert hatte. Sie trägt den komplizierten Titel "Quantitative Assays Reveal Cell Fusion at Minimal Levels of SARS-CoV-2 Spike Protein and Fusion-from-Without." (Anm. d. Red: "Fusion-from-Without" bezeichnet einen Vorgang, bei dem eigentlich gesunde Zellen miteinander verschmelzen, weil sie sich durch andockende Viruspartikel miteinander verbinden. Dazu gleich mehr.)

AFP hat am 22. Februar mit dem Forschungsleiter dieser Studie, Prof. Christian Buchholz, telefoniert. Er leitet auch die Forschungsgruppe Molekulare Biotechnologie und Gentherapie des PEI. Er sagte: "Wir warnen nicht vor der Anwendung der Impfstoffe, weil zwischen unseren Laborergebnissen und der Wirkungsweise von Impfstoffen kein Zusammenhang besteht, anders als die Autoren des Facebook-Textes das behaupten." Die Studie behandele auch keinen neuen und bisher unbekannten Sachverhalt. "Sie hat sich als methodische Arbeit im Labor damit beschäftigt, wie Forschende die Membranfusionsaktivität des SARS-CoV-2- Spike-Proteins in Zellkulturen modellieren können, ohne tatsächlich Coronavirus verwenden zu müssen."

Zur Erklärung: Eine sogenannte Membranfusion dient Zellen zum Transport von Stoffen wie etwa Hormonen zu ihrem Bestimmungsort. Diesen Vorgang nutzen auch Viren, um in neue Zellen einzudringen (hier eine verständliche Darstellung der Universität Zürich zum Thema). Das Coronavirus etwa braucht spezifische Andockproteine auf der Zelloberfläche, um sich an diese Zelle kleben und dann mit ihr verschmelzen zu können. Beim Menschen befinden sich diese Andockstellen im Rachen und der Lunge.

Jetzt zum Phänomen, welches das Paul-Ehrlich-Institut untersucht hat: Die Laborstudie knüpft an die Beobachtung einer britisch-italienischen Forschungsgruppe an, die bei an Covid-19 Verstorbenen die oben beschriebenen fusionierten Zellen der Lunge beschrieben hat. Theoretisch kann sich ein Virus an mehrere frei bewegliche Zellen gleichzeitig hängen und diese miteinander verkleben. Dann kann beschriebener  "Fusion-From-Without-Effekt" eintreten. Solche Fusionen treten auch mit Hilfe des Spike-Proteins des Coronavirus auf. Kommt es zu einer solchen mehrfachen Fusion, können die betroffenen Zellen tatsächlich verklumpen und absterben. Buchholz erklärt: "Wir haben in unserer Studie Wege aufgezeigt, solche Vorkommnisse besser zu untersuchen."

Wodarg und Co. mutmaßen darauf aufbauend: Wenn ein solches Phänomen bei einer Corona-Infektion bekannt ist, ist es auch für die Corona-Impfung naheliegend. Das stimmt aber nicht.

Können Impfungen solche unkontrollierbaren Membranfusionen versursachen?

Nein. Alle Expertinnen und Experten, mit denen AFP gesprochen hat, gaben unabhängig voneinander gleich mehrere Gründe an, warum eine Impfung dieses Absterben von Zellen nicht auslösen kann.

So erklärte Buchholz: "Die klinischen Studien in Zehntausenden von geimpften Probandinnen und Probanden haben die Sicherheit der Impfstoffe belegt." Auch in den regelmäßig vom PEI veröffentlichten Sicherheitsberichten finden sich keine Hinweise auf etwaige Impfkomplikationen dieser Art.

Weiterhin sagte der PEI-Forscher: "Bei der Impfung geben wir einigen wenigen Körperzellen einen einmaligen Schub an mRNA-Informationen, aus denen diese Zellen auch nur Teile des Corona-Virus herstellen." Die Information für diese Teile aber würde sich im Gegensatz zum echten Virus nicht weiter vermehren und im Organismus ausbreiten. "Die entstehenden Proteine haben schlicht keine krankheitserregenden Eigenschaften", sagte Buchholz. Und weiter: "Selbst wenn sich einzelne Zellen nach einer Impfung einmal verkleben sollten, macht das überhaupt nichts und bleibt ein Einzelfall im Körper."

Bei den neuen mRNA-Impfstoffen sei sogar dieser Einzelfall unmöglich. "Diese Stoffe haben qua Design der Hersteller zwei gezielte Mutationen eingebaut, die es den entstehenden Proteinen unmöglich machen, sich zu bewegen. Da eine Bewegung des Spikeproteins essentiell für seine Fusionsfunktion ist, wird Verkleben dadurch unterbunden", sagte Buchholz.

Diese Informationen bestätigte auch Annette Beck-Sickinger am 22. Februar gegenüber AFP. Sie leitet die Forschungsgruppe Biochemie und Bioorganische Chemie am zugehörigen Institut der Universität Leipzig. (Von Beck-Sickinger stammt auch die eingangs verwendete Kleber-Erklärung). Beck-Sickinger ergänzte: "Auf die Impfung gegen Corona hin können drei Reaktionen im Körper passieren."

  1. Die hergestellten Proteine würden in der Hülle von Muskelzellen eingelagert und dem Immunsystem präsentiert. "Dann kann dies nicht zur Verklumpung führen, da die ‘Klebestellen’ nicht frei beweglich sind."
  2. Die Zellen könnten die Proteine auch freisetzen, selbst dann aber hätten diese noch immer zu wenige "Klebepunkte" – "Für die 'Verklumpung' braucht man jedoch viele dieser Punkte, die fest miteinander verbunden sind, damit die Zellen untereinander verklumpt werden können", sagte Beck-Sickinger.
  3. "Die Proteine werden kleingeschnitten und durch 'Präsentatoren' dem Immunsystem gezeigt, also nur kleine Stückchen davon. Hier spielt die Verklebung gar keine Rolle."

AFP hat am 23. Februar beim Max-Planck-Institut für Biochemie nach der Behauptung gefragt. Der Leiter der Forschungsgruppe Immunregulation, Peter Murray, schrieb in einer E-Mail: "Erst einmal sagt die PEI-Studie überhaupt nichts über die Gefährlichkeit solcher Anhäufungen an Membranfusionen aus wie behauptet. Es geht nur darum, dass sie bei Corona-Kranken vorkommen können." Außerdem schaffe die Impfung lediglich eine abgewandelte Kopie eines Coronavirus-Proteins, das nicht zu einer solchen unkontrollierten Verklumpung führen könne, erklärte Murray. "Wenn diese seltsame Behauptung stimmen würde, hätten Corona-Infizierte oder geimpfte Person binnen kurzer Zeit tausendfach sterben müssen, das ist aber nicht der Fall." Membranfusionen seien normaler Bestandteil vieler Virus-Infektionen, etwa auch bei der Grippe, und der Körper beseitige die beschädigten Zellen, sobald die Immunabwehr einsetze.

Fazit: Nein, das PEI hat keine neue Entdeckung gemacht, sondern beschäftigte sich nur mit der besseren Erfassung eines bereits lange bekannten Phänomens bei Virus-Infektionen. Die Corona-Impfung, so bestätigten sowohl der Studienleiter als auch andere Expertinnen und Experten auf AFP-Anfrage, könne solche unkontrollierte Zellfusionen überhaupt nicht auslösen. Die behauptete Lebensgefahr besteht nicht. Die Forschenden haben also nicht wie behauptet vergessen, das Risiko auch bei Impfungen zu erwähnen, das Phänomen existiert dort schlicht nicht.

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