Nein, diese Daten der WHO bestätigen keine höhere Gefahr durch Covid-Impfungen im Vergleich zu anderen Impfstoffen

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Tausende Facebook-User haben Mitte November einen Blog-Artikel geteilt, wonach die Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell bestätigt habe, dass Covid-Impfungen im Vergleich zu anderen Impfstoffen gefährlicher seien. Als Beweis zieht der Artikel die WHO-Datenbank "VigiAccess" mit Verdachtsfällen von Impf-Nebenwirkungen heran. Die Datenbank führt allerdings ungeprüfte Verdachtsfälle auf, die keinen ursächlichen Zusammenhang zu Impfungen belegen. Hinweise in der Datenbank selbst, die WHO und Sicherheitsdaten des deutschen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) widersprechen der Behauptung.

Mehr als 11.000 Nutzerinnen und Nutzer haben den Artikel der Plattform "Report24" zum Thema seit dem 18. November 2021 auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Auf Telegram erreichte er Hunderttausende User (hier, hier). AFP hat "Report24" bereits mehrfach wegen Desinformationen über Covid-19-Impfungen überprüft (hier, hier, hier, hier).

Die Falschbehauptungen: "Report 24" veröffentlichte unter dem Titel "WHO bestätigt offiziell: Covid-Impfung ist gefährlich wie keine andere" mehrere Behauptungen. So würden "neue Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) [...] starke Zweifel am Nutzen der experimentellen Covid-Vakzine" und ihrer Risiko-Nutzen-Abwägung aufkommen lassen. Als Beleg führt der Artikel Daten der "VigiAccess" an und schreibt: Dabei handele es sich um eine "Datenbank zu den Nebenwirkungen von Impfstoffen und Medikamenten". Diese Daten würden belegen, dass es innerhalb eines Jahres mehr Nebenwirkungen bei Covid-Impfungen gegeben habe, als bei anderen Impfungen der vergangenen 50 Jahre gegen Mumps, Masern, Polio und Influenza. Auch erklärt der Artikel: Durch Impfungen ausgelöste Myokarditis führe bei 40 Prozent der Betroffenen innerhalb von zehn Jahren zum Tod. Zusätzlich heißt es, die "rudimentäre Schutzwirkung" der Covid-Impfungen hielten "nur wenige Monate an".

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 30.11.2021

Es gibt weltweit unterschiedliche Datenbanken, die Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen von Impfstoffen und Medikamenten sammeln und öffentlich zugänglich machen. Impfgegnerinnen und -Gegner nutzen diese Daten häufig, um angeblich ursächliche Zusammenhänge zwischen Verdachtsfällen auf der einen und Covid-Impfungen auf der anderen Seite zu zeigen. So hat AFP bereits mehrere Faktenchecks zu Behauptungen auf Grundlage der Datenbank der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) widerlegt (hier, hier, hier). Auch die US-amerikanische "Vaers"-Datenbank der dortigen Gesundheitsbehörde (CDC) wurde für solche Behauptungen missbraucht (hier, hier). Die aktuelle Behauptungen von "Report24" stützen sich jetzt auf eine weitere Datenbank: auf die "VigiAccess" der WHO.

Was ist "VigiAccess" und welche Qualität haben die Daten?

Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlichte das Interface "VigiAccess" im Jahr 2015. Die dahinterstehende Datenbank selbst gibt es seit mehr als 40 Jahren. Laut WHO soll damit der Öffentlichkeit der Zugang zu Informationen über mögliche Nebenwirkungen von Arzneimitteln und Impfungen erleichtert werden. Die Daten werden sowohl von Gesundheitspersonal als auch Patientinnen und Patienten selbst gemeldet.

In einem Disclaimer, den man auf der Homepage bestätigen muss, um Zugriff auf die Datenbank zu erhalten, heißt es zu den Daten:

Was zeigen die Zahlen in der Datenbank und was nicht?

AFP hat die "VigiAccess"-Datenbank auf die Zahlen hin überprüft. Sie zeigt am 30. November 2021 tatsächlich für Covid-19-Impfstoffe (2,6 Millionen) mehr Verdachtsfälle als für Nebenwirkungen von Mumps (715), Masern (5836), Polio (122565) und Influenza (275922). Die Daten betrachten einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren.

AFP Faktencheck hat die WHO zu der Häufung von Covid-Meldungen und deren Bedeutung angefragt. Am 29. November erklärte eine Sprecherin in einer E-Mail:

"Wir beobachten ein noch nie da gewesenes Interesse an den Covid-19-Impfstoffen. Dies hat auch die Berichterstattung beeinflusst – sowohl über echte als auch über falsche Ereignisse – eine sehr bedauerliche Entwicklung, da falsche Meldungen den Umfang unserer Arbeit erhöhen und die Chance verringern, die echten unerwünschten Ereignisse zu erkennen und zu behandeln."

Auch sei der massenhafte Einsatz der Corona-Impfstoffe ein Faktor für die vielen gemeldeten Nebenwirkungen: "Die Zahl der Berichte über Nebenwirkungen sollte im Verhältnis zur Gesamtmenge der verwendeten Impfstoffe betrachtet werden. Da wir uns in einer Pandemie befinden, ist das Volumen der Verwendung von Covid-19-Impfstoffen um ein Vielfaches höher als bei Routineimpfungen mit anderen Impfstoffen."

Die Sprecherin erklärte schließlich:

Zweifel der WHO an Covid-Impfstoffen?

Der Artikel von Report24 liefert abgesehen von der Datenbank keine Quellen für mögliche Beweise für einen offiziellen Zweifel der WHO an Covid-Impfstoffen. In der Datenbank ist nirgends etwas Ähnliches formuliert.

Im Gegenteil: Am 20. September erklärte die WHO in einem FAQ, wie sie die Sicherheit der Covid-19-Impfstoffe kontrolliere. Darin verweist die Gesundheitsorganisation auch auf einen älteren Beitrag vom März, in dem es heißt: "Millionen von Menschen haben Covid-19-Impfstoffe sicher erhalten. Alle zugelassenen Covid-19-Impfstoffe wurden sorgfältig getestet und werden weiterhin überwacht."

Gegenüber AFP schrieb die WHO-Sprecherin:

AFP hat bei einer Recherche keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass die WHO die Sicherheit der Covid-Impfstoffe zu einem anderen Zeitpunkt mit anderen Impfstoffen verglichen und somit bezweifelt hat. Gegenüber AFP dementierte die WHO-Sprecherin ebenfalls, dass die WHO solche Zweifel geäußert habe.

Sie stellte klar: "Die Covid-19-Impfstoffe werden kontinuierlich auf ihren Nutzen und ihre Risiken hin untersucht. Bislang wurde in allen Ländern einheitlich festgestellt, dass der Nutzen der Impfstoffe die Risiken überwiegt."

Nach der AFP-Anfrage veröffentlichte die WHO am 1. Dezember selbst noch einmal eine Klarstellung über die Fehlinterpretation der "VigiAccess"-Daten. Darin erklärt sie, dass die vermuteten Nebenwirkungen von Covid-19-Impfstoffen "nicht über das übliche Maß hinausgehen, das für andere Impfstoffe gemeldet wird"

Daten aus Deutschland bestätigen Sicherheit

In Deutschland ist das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) für die Überwachung der Impfstoff-Sicherheit verantwortlich. In Sicherheitsberichten fasst das PEI die Verdachtsfälle von Nebenwirkungen von Covid-Impfstoffen zusammen und erklärt auch Hintergründe zu schwerwiegenden Nebenwirkungen, die möglicherweise mit einer Covid-Impfung zusammenhängen könnten.

Laut dem aktuellsten Sicherheitsbericht vom 26. Oktober 2021 haben Ärztinnen und Ärzte bis zum 30. September bei 53.6 Millionen Covid-Impfungen in Deutschland 172.188 Einzelfallberichte zu Verdachtsfällen von Nebenwirkungen an das PEI gemeldet. Das entspricht einer Melderate von 1,6 Verdachtsfällen auf tausend Impfdosen. Für schwerwiegende Verdachtsfälle liegt die Melderate lediglich bei 0,2 auf tausend Impfdosen.

Auf AFP-Anfrage erklärte PEI-Sprecherin Susanne Stöcker in einer E-Mail am 1. Dezember, dass auch in Deutschland ein Vergleich der Verdachtsfälle unterschiedlicher Impfungen nicht zielführend sei. Sie schrieb:

Die Covid-Impfstoffe seien außerdem "bekanntermaßen sehr reaktogen". Sie würden also üblicherweise in den ersten Tagen nach Impfung mehr und deutlichere vorübergehenden Impfreaktionen verursachen als beispielsweise die saisonalen Grippeimpfstoffe. Zusätzlich sei auch das mediale und behördliche Interesse an Meldungen über Covid-Impfreaktionen sehr groß.

Das PEI erklärte, im bereits genannten Sicherheitsbericht: "Impfungen mit wirksamen und verträglichen Covid-19-Impfstoffen sind eine effektive Maßnahme, die Corona-Pandemie einzudämmen und sich selbst vor Covid-19 zu schützen."

Angeblich tödliche Nebenwirkung: Tötet Myokarditis 40 Prozent der Erkrankten?

Laut PEI ist Myokarditis, eine Entzündung des Herzmuskels, bei 92 Millionen verabreichten Impfdosen nur bei 1243 Geimpften als Verdachtsfall gemeldet worden. Dabei fiel auf, dass die Melderate bei Männern und Jugendlichen unter 30 Jahren am höchsten war – und zwar bei 1,57 Verdachtsfällen bei Biontech und 3,78 Verdachtsfällen bei Moderna auf tausend Geimpfte.

Aber: In diesen Melderaten sind auch Perikarditis-Verdachtsfälle einbezogen. Perikarditis ist eine Entzündung des Herzbeutels, die vermehrt bei 20 bis 50-jährigen Männern auftritt. Ein ursächlicher Zusammenhang wurde laut PEI bisher in den Fällen nicht belegt.

Laut PEI Sicherheitsbericht heißt es, dass anhand der bisher publizierten Daten "die meisten Patienten mit einer Myo-/Perikarditis nach Impfung mit mRNA-Impfstoffen gut auf Behandlung und Ruhe ansprechen und sich schnell besser fühlen, wenngleich im Einzelfall schwerwiegendere Verläufe nicht ausgeschlossen werden" könnten.

PEI-Sprecherin Stöcker erklärte in einer E-Mail am 1. Dezember:

Für die Behauptung einer 40-prozentigen Sterberate nach zehn Jahren hat "Report24" weder im Text noch auf AFP-Anfrage eine Quelle angegeben. Eine zusätzliche Suche danach ergab aber eine mögliche Quelle für die Zahl 40.

Forschende einer im August 2020 veröffentlichten Studie, bei der die Kardiologie der Universität Tübingen federführend war, haben 203 Patientinnen und Patienten nach einer nachgewiesenen viralen Myokarditis länger als zehn Jahre nachbeobachtet. 39,3 Prozent dieser beobachteten Menschen seien in dem Beobachtungszeitraum gestorben – 27,3 Prozent davon an kardialen Ursachen und 10,9 Prozent an plötzlichem Herztod, heißt es in dieser Studie.

AFP hat am 1. Dezember 2021 beim Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) nach der angeblichen 10-Jahres-Sterblichkeit nach mRNA-Impfung gefragt. Dr. med. Daniel Messroghli, Oberarzt am DHZB erklärte in einer E-Mail:

Prof. Dr. med. Roman Pfister, Oberarzt der Inneren am Herzzentrum der Universität zu Köln bestätigte die überwiegend milden Verläufe ebenfalls. In einer E-Mail an AFP am 2. Dezember 2021 erklärte er : Es gebe hierzu eine aufschlussreiche Studie, die die Häufigkeiten von verschiedenen Organkomplikationen zwischen Covid-Impfung und Covid-Erkrankung vergleicht.Der Oberarzt erklärte weiter:

Ist der Covid-Impfschutz nur "rudimentär" und hält nur wenige Monate an?

Nein. Wie bereits in diesem AFP Faktencheck im August erklärt, ist der Impfschutz der Covid-Impfungen sowohl vor Infektionen als auch schweren Krankheitsverläufen gegeben. Zwar nimmt die Schutzwirkung, wie in diesem Faktencheck von Anfang November erklärt, über Monate ab, der Schutz vor schweren Krankheitsverläufen bleibt aber auf einem hohen Niveau bestehen. Die Covid-Impfung bietet außerdem auch noch nach vier bis sechs Monaten einen gewissen Impfschutz vor Ansteckungen.

Da eine Impfung niemals hundertprozentigen Schutz bietet, kann es dennoch zu Impfdurchbrüchen kommen. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) beeinflussen auch Mutationen des Coronavirus, die zum Teil altersbedingte Immunantwort der Geimpften oder eben der beschriebene über die Zeit abnehmende Impfschutz mögliche Impfdurchbrüche.

Stand 30. November 2021 waren rund 57 Millionen Menschen in Deutschland vollständig geimpft. Seit Februar 2021 hat das RKI 261.735 Impfdurchbrüche identifiziert.

Der Impfschutz kann mit einer Booster-Impfung wieder aufgefrischt werden (Seite 41). Eine Studie des israelischen Gesundheitsministeriums mit 1,1 Millionen Teilnehmenden über 60 Jahren zeigte, dass nach einer Auffrischungsimpfung 11,3 Mal weniger Infektionen auftraten als ohne eine Auffrischungsimpfung. Die Booster-Impfung erhöhe den Impfschutz wieder auf 95 Prozent.

"Report24" hat bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks die AFP-Anfrage vom 1. Dezember 2021 zu den Quellen der falschen Behauptungen unbeantwortet gelassen.

Fazit: Die WHO hat nicht bestätigt, dass die Covid-Impfung gefährlicher sind als jede andere. Die Organisation dementierte dies gegenüber AFP. Eine als Beweis herangezogene Datenbank der Organisation, lässt diesen Schluss ebenfalls nicht zu. Weiterhin wirkt die Impfung auch nach mehreren Monaten und Herzmuskelentzündungen sind seine äußerst seltene Nebenwirkung der Impfung.

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