In diesem Interview fallen falsche Behauptungen zu angeblichen Krebserkrankungen nach Corona-Impfungen

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Zehntausende User haben ein Interview mit dem Impfgegner Sucharit Bhakdi auf Facebook gesehen, wonach die Corona-Impfung einen Angriff auf das eigene Immunsystem verursache. Dadurch sei es etwa Herpesviren möglich, sich auszubreiten, behauptet Bhakdi. Auch Krebszellen hätten freien Lauf. Laut Expertinnen und Experten, aktuellen Studien und internationalen Behörden und Fachverbänden gibt es allerdings keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Krebs. Dieser hätte nach Millionen von Impfungen auch längst deutlich werden müssen.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben Bhakdis Interview auf Facebook geteilt (hier, hier). Auch die österreichische Politikerin Dagmar Belakowitsch der rechtspopulistischen Partei FPÖ teilte den Beitrag (hier). Auf Telegram sahen Zehntausende Bhakdis Behauptungen (hier, hier).

Die Falschbehauptung: In einem Interview vom 14. Oktober erläutert Bhakdi, die Corona-Impfung verursache einen Angriff auf das eigene Immunsystem. Schuld daran seien die nach der Impfung produzierten Spike-Proteine. Sei das Immunsystem daraufhin geschwächt, würden sich vermehrt Herpesviren im Körper ausbreiten. Das gelte auch für das sogenannte Epstein-Barr-Virus, das daraufhin Hirn-, Herzmuskel- oder Leberentzündungen, sowie Pneumonien verursache. Auch Krebszellen hätten freien Lauf, weshalb es nach der Impfung vermehrt zu neuen oder wiederkehrenden Krebserkrankungen komme. Bhakdi behauptet all dies in einem Interview mit der Webseite "Report 24", die AFP schon öfter wegen der Verbreitung von Falschinformationen überprüfte (hier, hier).


Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 20.10.2021

Mikrobiologe Sucharit Bhakdi erntete in der Vergangenheit öffentlich Kritik wegen seiner nicht belegbaren Behauptungen zum Coronavirus und zu Impfungen. Die Universität Mainz, an der Bhakdi bis 2012 lehrte, distanzierte sich bereits mehrfach von seinen Aussagen. Zuletzt sorgte Bhakdi auch aufgrund antisemitischer Bemerkungen für Aufmerksamkeit. Für die Corona-Maßnahmen-kritische Partei "Die Basis" trat er als Kandidat zur Bundestagswahl an. Eine Bitte um Stellungnahme, die AFP an seine Partei und eine von Bhakdi mitgeführte Wissenschaftsinitiative übermittelte, blieb bisher unbeantwortet.

Das Immunsystem attackiert sich nach der Impfung nicht selbst

Während des Interviews verweist Bhakdi auf eines seiner Videos, das bereits seit Längerem im Netz zirkuliert. Darin behauptet er, die Corona-Impfung verursache heftige Immunreaktionen. Das Immunsystem greife dann den eigenen Körper an. Auch wiederholte Bhakdi in dem Gespräch eine alte Behauptung aus diesem Video, wonach der Körper bereits eine geeignete Immunantwort auf Sars-CoV-2 besitze, auch ohne Impfstoff.

All diese Behauptungen untersuchte AFP bereits in einem Faktencheck mit dem Ergebnis, dass sie irreführend bis falsch sind. Für den von Bhakdi geschilderten angeblichen Zusammenhang fehlen die nötigen Belege. Die Spike-Proteine, die laut Bhakdi für die angeblich gefährlichen Immunreaktionen verantwortlich sind, stellen nach Angaben mehrerer Expertinnen und Experten keine Gefahr dar.

So erklärte etwa David Walt, Professor für Pathologie an der Harvard Medicine School, am 11. Juni in einer E-Mail an AFP: "Es ist wahr, dass die Spikes, die bei einigen schweren Infektionen auftreten, toxisch sind. Die Werte, die wir nach der Impfung bei einigen Personen messen, sind unglaublich niedrig, und wir fanden bei den meisten geimpften Personen keine vollständigen Spikes. Unsere Schlussfolgerung war, dass der Impfstoff wie beabsichtigt wirkt. Der Impfstoff ist unglaublich sicher!"

Das durch den Impfstoff erzeugte Spike-Protein ist nicht das Virus, es ist harmlos. Es wird nur lokal produziert, kann sich nicht vermehren und wird nach kurzer Zeit vom Körper wieder abgebaut. Gefährlich ist nur Sars-CoV-2 selbst (siehe auch hier).

Haben Herpes und Epstein-Barr-Virus freien Lauf?

Bhakdi behauptet im Interview wie oben beschrieben, viele Menschen würden nach der Impfung Herpes bekommen. Auch das sogenannte Epstein-Barr-Virus (EBV), das jeder Mensch in sich trage, erwache nach der Impfung. Normalerweise würde das Virus durch sogenannte Kontroll-Lymphozyten (Anm. d. Red.: Untergruppe weißer Blutkörperchen zur gezielten Abwehr gegen Fremdstoffe und veränderte körpereigene Zellen) beseitigt werden. Wenn diese bei einer Schwächung des Immunsystems aber nicht aktiv würden, komme es zu Leber-, Hirn- und Herzmuskelentzündungen sowie Pneumonien, also Lungenentzündungen.

Mehr als 90 Prozent aller Menschen infizieren sich in ihrem Leben laut Bundesbildungsministerium mit dem Epstein-Barr-Virus. "Die Infektion erfolgt in der Regel im jungen Kindesalter, verläuft dann meist ohne Symptome und bleibt bei den meisten Menschen folgenlos," heißt es auf der Website des Ministeriums. In einigen Fällen könne sich das Virus demnach als Pfeiffersches Drüsenfieber äußern, welches wiederum vereinzelt zu lebensgefährlichen Komplikationen, wie "Atemnot, Milzriss oder Blutzellmangel" führen kann. Das bestätigt auch eine Erklärung der John Hopkins Universität zum Thema.

Laut der Deutschen Aidshilfe sind auch etwa 90 Prozent der Erwachsenen in Deutschland mit "Herpes-simplex-Viren" infiziert. Das Virus lässt sich nicht aus dem Körper entfernen und äußert sich vor allem in Formen von kleinen Bläschen an den Lippen. Viele Infizierte seien aber symptomfrei, schreibt die Aidshilfe. Das bestätigt auch das Bundesbildungsministerium.

Tatsächlich findet sich im aktuellen Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), welches die Sicherheit der Impfstoffe in Deutschland überwacht, eine Bemerkung zu sogenannten Herpes-Zostern. Dort heißt es für die Erkrankung ergab sich "aufgrund der Zahl der Meldungen an das Paul-Ehrlich-Institut kein Risikosignal innerhalb von 14 bzw. 30 Tagen nach allen vier zugelassenen COVID-19-Impfstoffen". Eine Bemerkung zum Epstein-Barr-Virus findet sich im PEI-Bericht nicht.

Auf AFP-Anfrage erklärte Prof. Benedikt Kaufer vom Institut für Virologie an der Freien Universität Berlin am 20. Oktober:

Das Immunsystem werde durch die Impfung nicht geschwächt, sondern aktiviert. Auch den von Bhakdi postulierten Zusammenhang zwischen Epstein-Barr-Virus und Herzmuskelentzündungen kann Kaufer nicht nachvollziehen. 2008 habe es einen einzigen Fall einer solchen Entzündung im Zusammenhang mit EBV gegeben (hier). "Das ist bei 7,8 Milliarden Menschen weit entfernt von einer 'Volkskrankheit'", schrieb Kaufer. Der Grund für solche Entzündungen sei normalerweise ein anderer: Viele Menschen trieben auch mit einer Erkältung Sport und würden sich auf diesem Wege eine Herzmuskelentzündung zuziehen.

Auf AFP-Anfrage vom 22. Oktober erläuterte Prof. Dr. Stefan Kaufmann, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie, zu den angeblichen Ausbrüchen von Herpes und EBV:

Herzmuskelentzündungen und Sinusvenenthrombosen seien als sehr seltene schwerwiegende Nebenwirkungen der COVID-19-Impfstoffe mit "größter Wahrscheinlichkeit nicht auf EBV zurückzuführen".

Entstehen nach der Impfung Krebserkrankungen?

Bhakdi geht davon aus, dass nach der Corona-Impfung Krebserkrankungen rasch zunehmen oder zurückkehren würden. Die Krebs- und Tumorzellen, die Menschen im Laufe ihres Lebens entwickelten, würden nicht länger von Kontroll-Lymphozyten abgetötet, und Krebszellen könnten sich ausbreiten. Es ist nicht das erste Mal, dass Impfungen oder Covid-19-Schutzmasken fälschlicherweise mit Krebs in Verbindung gebracht werden. AFP widerlegte solche Behauptungen bereits in mehreren Faktenchecks (hier, hier).

Auf AFP-Anfrage vom 20. Oktober erklärte Prof. Dr. Marie von Lilienfeld-Toal, Professorin für Infektionsforschung in der Hämatologie und Onkologie an der Universität Jena, diese Behauptungen seien "Unsinn". Sie betonte, es gebe mehrere Belege, die einen Überlebensvorteil von Krebspatientinnen und -patienten aufzeigen, die beispielsweise zwei Impfdosen anstatt einer erhalten haben. Dafür verwies Lilienfeld-Toal auf mehrere wissenschaftliche Artikel, die die Wirksamkeit und Sicherheit des Covid-19-Impfstoffs von Biontech bei Krebserkrankten aufzeigen (siehe hier, hier und hier).

Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums (dkfz) sind Krebspatientinnen und Krebspatienten durch Sars-CoV-2 zudem besonders gefährdet. Eine Corona-Impfung für Krebserkrankte wird empfohlen, wie auch auf der Webseite der Deutschen Krebsgesellschaft nachzulesen ist.

Die Impfung kann laut diesen Informationen bei Menschen mit beeinträchtigtem oder unterdrücktem Immunsystem nur eingeschränkt wirksam sein. "Wie wirksam die ersten Corona-Impfstoffe bei Krebspatienten in ihrer individuellen Erkrankungssituation sind, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher beantwortet werden," erklärt das dkfz. Alle derzeit zugelassenen Impfstoffe würden laut Europäischer Arzneimittelbehörde EMA davon abgesehen auch bei Immungeschwächten als sicher gelten.

Auf Anfrage der AFP vom 20. Oktober erklärte eine Sprecherin des dkfz, schon der behauptete angebliche Zusammenbruch des Immunsystems nach der Impfung sei nicht nachvollziehbar.

Zudem würden Lymphozyten ein Leben lang neu gebildet (mehr dazu hier und hier).

Die Covid-19-Impfung aktiviere verschiedene Arten von Lymphozyten und führe zu einem effektiven Schutz vor Sars-CoV-2. "Wäre es wahr, dass die Impfung einen gegenteiligen Effekt auf die Lymphozyten hätte, könnte sich folglich auch diese Impfwirkung nicht einstellen", erklärte die Sprecherin weiter.

Tatsächlich kann laut dkfz die komplette Hemmung des Immunsystems durchaus die Krebsentstehung begünstigen. Im Zusammenhang mit der Impfung könne davon aber nicht die Rede sein. "Es sind keine gestiegenen Fallzahlen im Zusammenhang mit der Impfung bekannt."

Ein Sprecher des Niederländischen Krebs-Instituts erklärte AFP zudem bereits am 27. August: "Mir sind keine Daten bekannt, die darauf hinweisen, dass das Vorhandensein dieser Impf-Immunisierung eine Immunantwort gegen Krebszellen negativ beeinflussen würde, und aufgrund des Wirkmechanismus der Impfstoffe gibt es auch keinen Grund, dies zu vermuten."

Auch die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) empfiehlt die Corona-Schutzimpfung sowie das Einhalten der Hygienemaßnahmen für Patientinnen und Patienten mit Krebs. In einigen Fällen wird zudem bereits eine Auffrischimpfung empfohlen. Aktiv Krebserkrankte hätten ein besonders hohes Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufs.

In einem Artikel der DGHO vom 11. März heißt es zudem: "Viele Krebspatient*innen befürchten, dass eine Impfung eine 'schlummernde' Krebserkrankung wieder zum Ausbruch bringen kann – aus zahlreichen Impfstudien mit Krebspatient*innen und anderen Impfstoffen gibt es keine Berichte darüber, dass tatsächlich Impfungen einen Krebsrückfall auslösen können." Die Informationen zeigten: Die Covid-19-Impfung würden Krebserkrankungen ebenso wie schwere Autoimmunerkrankungen und Unfruchtbarkeit weder auslösen noch verschlimmern.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bestätigt das auf ihrer Webseite. Dort heißt es, es gebe dafür keine Anhaltspunkte. "In den durchgeführten Studien zur Untersuchung des Impfstoffs wurde ein solcher Zusammenhang nicht festgestellt." Auch das National Cancer Institute in den USA stellt fest, es gebe keine Anzeichen dafür, dass die Impfung einen Anstieg sogenannter Tumormarker verursache, welche zur Beurteilung des Verlaufs einer Krebserkrankung im Blut gemessen werden.

Fazit: Expertinnen und Experten erklärten gegenüber AFP, Bhakdis Aussagen seien nicht nachvollziehbar. Eine Häufung ausgebrochener Herpes- oder Epstein-Barr-Viren sei nach der Corona-Impfung nicht aufgetreten. Dies geht auch nicht aus dem Sicherheitsbericht des PEI hervor. Auch das angebliche Auftreten von Krebserkrankungen durch die Impfung lasse sich nicht belegen. Auch Krebskranken werden die Corona-Impfstoffe empfohlen.

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