
Ein bayerischer Arzt erklärt die Pandemie fälschlicherweise für beendet
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- Veröffentlicht am 9. Dezember 2020 um 12:12
- Aktualisiert am 9. Dezember 2020 um 12:18
- 7 Minuten Lesezeit
- Von: Jan RUSSEZKI, AFP Deutschland
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Auf Facebook haben seit dem 5. Dezember mehr als 3000 Nutzer und Nutzerinnen das Foto eines Aushangs geteilt, auf dem ein Dr. med. Hans-Ulrich Mayr die Corona-Pandemie für beendet erklärt und PCR-Tests die Aussagekraft abspricht. Den am weitest verbreitete Facebook-Post, den AFP finden konnte, teilten mehr als 1000 User. Auch in diversen Telegram-Gruppen kursieren Fotos des Aushangs. So etwa in dieser Gruppe mit mehr als 3800 Mitgliedern. Ein Mitglied fordert darin außerdem dazu auf, dem Arzt gute Google-Bewertungen zu schreiben. Hunderte taten es.
In dem Aushang, den Arzt Mayr angeblich verfasste, heißt es weiterhin: "Und wenn Sie weiter Masken tragen, sind Sie selber schuld! Aber bitte nicht in unserer Praxis!!"

Wer ist Hans-Ulrich Mayr?
Hans-Ulrich Mayr ist Stadtrat für die AfD im bayerischen Altötting und arbeitet dort Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie. Auf Google Scholar findet sich eine Forschungsarbeit mit seinem Namen von 1984, in der er sich mit mikrobiologischen Aspekten der Elektrolytlösungen befasst. Eine Arbeit in einem Zusammenhang mit PCR-Tests fand AFP nicht. Auch in der medizinischen Datenbank PubMed ist in diesem Zusammenhang nichts von ihm zu finden.
Auf AFP-Anfrage teilte Mayr am 7. Dezember per E-Mail mit, dass der Aushang in seiner Praxis "außerhalb der Sprechzeiten" angebracht und "nicht für Patienten bestimmt" gewesen sei. Weiter sei er für einen Filmdreh aufgehangen worden, dessen Produktion mittlerweile aber abgebrochen worden sei. Das bestätigte auch der von Mayr angegebene Regisseur Houtan Shirazi am 8. Dezember in einer Mail an AFP: "Wir haben sie unterbrochen, weil die Reaktionen auf das geheime Papier, das nur ein paar Stunden an der Praxis hing, überwältigend waren. Wir machen im Frühling weiter." Welche Rolle dieses Papier in dem Film spielen sollte, blieb auf Nachfrage offen.
Mayr charakterisiert den Kontext des Aushangs im Gespräch zwar als "fiktiv", befürwortet aber die Aussagen darauf in einem verlinkten Video auf seiner Homepage. Gegenüber AFP erklärte er: "Die Aussagen sind in Ordnung" und betont, Patienten könnten auch mit Maske in seine Praxis kommen.
Ob es in seiner Praxis tatsächlich Verstöße gegen die Infektionsschutzmaßnahmenverordnung gab, will das Landratsamt Altötting prüfen. Auf AFP-Anfrage teilte der Sprecher Robert Müller per Mail am 7. Dezember mit: "Seitens des Landratsamtes wurde ein Ordnungswidrigkeitenverfahren gegen Herrn Dr. Mayr eingeleitet." Es bestehe in Arztpraxen sowohl für das Personal als auch die Patientinnen und Patienten die Pflicht, eine Maske zu tragen, soweit es die Situation erlaube. Dem Landratsamt lägen konkrete Hinweise auf Verstöße von Mitarbeitenden und Behandelten vor, die aber noch zu prüfen seien. Sollte sich der Verdacht gegen Mayr erhärten, könne eine Geldstrafe von bis zu 5000 Euro verhängt werden. Auch die lokale "Passauer Neue Presse" berichtete in einem Artikel über den Aushang (Paywall).
Sogar der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) machte den Aushang während einer Regierungserklärung im bayerischen Landtag zum Thema. Am 8. Dezember sprach er laut Livestream des Landtags über kursierende Falschinformationen. Dabei sprach er Mayr direkt an: "Ich finde es besonders schlimm und unethisch, wenn es sogar einzelne Ärzte tun, wie zum Beispiel dieser Fall. Dr. med. Hans-Ulrich Mayr, ein AfD-Stadtrat in Altötting, hat einen Aushang gemacht. (...) Wer so etwas verbreitet, macht sich mitschuldig an der derzeitigen Corona-Situation. Ich bin froh, dass hier ein Verfahren von den zuständigen Behörden eingeleitet wurde."
Falsche Behauptung: Die Pandemie ist beendet
Mayr behauptet auf dem Aushang, dass es einen Beweis dafür gebe, dass die Pandemie vorbei sei. Welcher Beweis das sein soll, bleibt unklar.
Auf AFP-Anfrage verwies Mayr auf seine Homepage. Dort steht: "Die Pandemie ist beendet, weil es nie eine gegeben hat!" Weiter stützt er sich auf die Behauptung, dass PCR-Tests nicht aussagekräftig seien.
Allein die Auslastung der in Deutschland verfügbaren Intensivbetten beweist allerdings, dass die Pandemie nicht vorbei ist und dass der PCR-Test für diese Frage auch nur eine sekundäre Rolle spielt. Dort werden zwar auch Infektionen mithilfe des Tests festgestellt, aber Ärztinnen und Ärzte gleichen diese Test-Diagnose auch in Zusammenhang mit sichtbaren schwerwiegenden Corona-Symptomen wie einer Lungenentzündung ab.
Corona-Lage auf Intensivstationen in Deutschland
Das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) erfasst täglich die Anzahl der belegten Intensivbetten von 1300 Akut-Krankenhäusern in Deutschland. Dabei gibt das Register auch an, wie viele Betten von an Covid-19 erkrankten Menschen belegt sind. Die Daten stammen von den Krankenhäusern selbst.
In einem DIVI-Diagramm vom 7. Dezember ist zu sehen, dass in Deutschland 4179 der belegten Intensivbetten mit Covid-19 Patienten belegt sind. Insgesamt sind bundesweit 21.841 Intensivbetten belegt.

Die Kurve zeigt, dass die Fallzahlen auf den Intensivstationen höher als in den ersten Monaten der Pandemie sind. Am 18. April 2020 lag die höchste Belegung bei 2933.
Somit ist das Infektionsgeschehen in Deutschland nicht nur weiter im Gange, sondern auch auf einem neuen Höchststand. Das zeigen auch die Zahlen für die tatsächlichen Erkrankungen sowie die Anzahl an Covid-19-Verstorbenen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Am 9. Dezember liegt die Zahl der Menschen, die innerhalb der vergangenen 24 Stunden mit oder an Corona verstorben sind, bei 590.

Das aktuelle Krankheitsgeschehen fällt in die Definition einer Pandemie des RKI. Laut Webseite des Instituts handelt es sich bei einer Pandemie um "eine neu, aber zeitlich begrenzt in Erscheinung tretende, weltweite starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen und in der Regel auch mit schweren Krankheitsverläufen. Bei einer fortgesetzten Mensch-zu-Mensch-Übertragung"
Dass das Coronavirus auch über Grenzen hinweg weltweit ansteckend ist, zeigt auch die Karte des Coronavirus Resource Center der John Hopkins University in den USA.
Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkannte die Ausbreitung des Coronavirus bereits am 11. März 2020 als Pandemie an. Die WHO-Definition einer Pandemie gleicht der des RKI.
Mayr kritisiert PCR-Tests als nicht aussagekräftig
Mayrs Aushang gibt keine Quelle für diese Behauptung an. Auf seiner Homepage beruft sich der Arzt auf einen vermeintlichen Peer-Review, in dem 22 Autoren und Autorinnen eine Studie massiv kritisieren, die unter anderem vom führenden deutschen Virologen Christian Drosten und einem Kollegen, Victor Corman, stammt. Diese neue Kritik wurde von den sehr unterschiedlichen Autoren, darunter auch einem 3D-Künstler, als Antrag auf Rückzug der Drosten-Studie im Journal für Infektionskrankheiten "Eurosurveillance" eingereicht.
Unabhängige Gutachter des Journals "Eurosurveillance" prüften Drostens Studie allerdings schon vor Veröffentlichung am 23. Januar 2020 in einem standardisierten Peer-Review-Verfahren. Das ist laut Homepage des Journals vor einer Veröffentlichung Standard.
Den Eingang des Widerrufsantrags bestätigte das Journal AFP am 2. Dezember per Mail. Aktuell prüfe es die Kritik.
PCR-Tests zeigen zuverlässig Infektionen an
Schon seit Monaten verbreiten sich immer wieder Behauptungen über vermeintlich nicht aussagekräftige PCR-Tests (etwa hier und hier). Der mutmaßliche Grund: Die Tests helfen, die Zahl der Neuinfektionen festzustellen, sie sind damit auch in Deutschland ein Bestandteil der Anti-Corona-Strategie der Bundes- und Landesregierungen.
Internationale Expertinnen und Experten sind sich allerdings einig: Das PCR-Testverfahren weist sehr zuverlässig eine Infektion mit Sars-Cov-2 nach. Das erklärten Forscherinnen und Forscher aus Argentinien, den USA, Frankreich, Schweiz und Deutschland in diesem Faktencheck ausführlich.
Darin erklärte unter anderem auch die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts, Ronja Wenchel, Ende September gegenüber AFP: "Aufgrund des Funktionsprinzips von RT-PCR-Tests und hohen Qualitätsanforderungen liegt die analytische Spezifität bei korrekter Durchführung und Bewertung bei nahezu 100 Prozent."
Auch Prof. Dr. Jan Kramer, Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Mitglied im bundesweiten Interessenverband "Akkreditierte Labore in der Medizin", wies AFP in einer Mail am 27. Oktober darauf hin: PCR-Testverfahren seien eine "seit Jahren etablierte Methode in der labormedizinischen Diagnostik und insbesondere auch in der molekularen Erregerdiagnostik, zum Beispiel bei Hepatitis, HIV oder humanem Papillomvirus".
Nach seinen Angaben wird die Sicherheit der Testergebnisse von menschlichen Fehlern beeinflusst. "Die Sensitivität der PCR zum Nachweis von Erkrankten hängt von der Abstrichqualität und dem Zeitpunkt der Abnahme ab." Bei einem gut genommenen Abstrich liege die Sensitivität bei 99 Prozent. Liefere der Abstrich aber wenig menschliches Material, liege die Sensitivität nur bei 60 bis 70 Prozent.
Wie genau sich falsch-positive oder falsch-negative Ergebnisse erklären lassen, steht ebenfalls in diesem ausführlichen Faktencheck zu PCR-Tests. Expertinnen und Experten stellten außerdem bereits heraus, dass der PCR-Tests zwar Infektionen sicher anzeige, nicht aber, ob jemand infektiös, also ansteckend sei.
Fazit
Der Aushang von Hans-Ulrich Mayr verbreitet falsche Informationen über das angebliche Ende einer Corona-Pandemie und vermeintlich nicht aussagekräftige PCR-Tests. Aktuell sind mehr Covid-19-Patienten auf Intensivstationen in Behandlung als zu Beginn der Pandemie. Auch die Totenzahlen steigen stetig an. Das PCR-Testverfahren ist in der internationalen Forschung als Zuverlässigkeit anerkannt.