Doch, das Corona-Virus wurde isoliert und ist nachweisbar

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Hunderte Facebook-User haben im März erneut eine alte Behauptung verbreitet, wonach ein chinesischer Wissenschaftler über die wahren Hintergründe des Coronaviruses ausgepackt habe. Demnach sei das Virusgenom in Wahrheit nicht isoliert worden, heißt es in einem dazu geteilten Artikel. Der Forscher bezog sich in seinen Erklärungen aber nur auf eine Frage einer Reporterin nach Daten von vor einem Jahr. Sars-CoV-2 wurde unter anderem von der Universität Düsseldorf isoliert und ist durch PCR-Tests nachweisbar.

Hunderte User auf Facebook haben seit Anfang März erneut die alte Virus-Behauptung geteilt (hier, hier, hier). Bereits im Februar hatten sie Hunderttausende auf Telegram gesehen (hier, hier) und weitere Hunderte auf Twitter (etwa hier). Auch die FPÖ-nahe Website "Wochenblick" aus Österreich griff die Behauptung bereits im Februar in einem Artikel auf (hier).

Geteilt wird das Foto eines nicht näher verorteten Zeitungsartikels aus dem Frühjahr 2021 mit der Überschrift: "Chinesischer Wissenschaftler packt aus. Virus nicht isoliert." Der Text beschreibt ein Interview mit dem Wissenschaftler Wu Zinyou von der chinesischen Gesundheitsbehörde in der US-amerikanischen Nachrichtensendung NBC Nightly News. Der Forscher habe darin zugegeben, dass das alleinige Virusgenom nie vorgelegen habe. Weiter heißt es: “Die angeblich geglückte Isolation des Virus, die in zahlreichen Veröffentlichungen behauptet wird, beruht offenbar auf einer Vermischung von Probenmaterial mit anderen Zellen. Die Proben seien somit "kontaminiert", heißt es.

Die Postings kommentieren den Artikel dazu mit Worten wie: "Und genau deshalb ist der PCR-Test aussagelos, weil er viele andere Viren, die für seine Entstehung genutzt wurden, anzeigt."

Facebook-Screenshot: 11.03.2021

AFP hat zunächst nach dem Interview gesucht, in dem die Aussage des chinesischen Wissenschaftlers getätigt worden sein soll. Wu Zinyou äußert sich tatsächlich am 23. Januar 2021 in einer Sendung von NBC Nightly News entsprechend (Minute 13:33).

In dem Interview wird der Wissenschaftler zum Markt in der Stadt Wuhan befragt, auf dem das Virus zum ersten Mal auf den Menschen übergesprungen sein soll. Auf die Frage der NBC-Reporterin, warum die Daten zum Virus nicht schon vor einem Jahr von China mit dem Rest der Welt geteilt worden seien, antwortete Wu: "Sie hatten den Virus nicht isoliert, das war das Problem". Die Reporterin hakt nach, "Was ist mit Proben von Tieren?" Der Forscher antwortete: "Das wird Ihnen nichts sagen, wenn sie nur positiv testen würden. Ich gehe nicht davon aus, dass das Virus hierher kommt, wie wir ursprünglich dachten".

Wu sagt also im Original-Interview lediglich, dass vor einem Jahr noch keine Isolierung vorgelegen habe. Keineswegs behauptet er, dass das Virus seitdem nicht isoliert und damit nicht nachgewiesen worden sei.

Sars-CoV-2 wurde isoliert und ist nachweisbar

Das Coronavirus wird täglich nachgewiesen. Weltweit dienen PCR-Tests dazu, um das Genom des Coronavirus im Körper von Patienten zu finden. PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion. Hierbei vervielfältigen Labore nur die Sequenzen speziell des Erbguts von Sars-CoV-2 und weisen dieses auf diese Weise nach.

Das US-amerikanische Center for Disease Control and Prevention (CDC) bezeichnet den PCR-Test auf seiner Website als "Goldstandard des klinisch-diagnostischen Nachweises von Sars-CoV-2".

Aus Argentinien antwortete Juan Carballeda, Forscher bei Conicet (Nationaler Forschungsrat für Wissenschaft und Technik) und Mitglied der argentinischen Vereinigung der Virologen, auf AFP-Anfrage schon im Juli 2020, dass der PCR-Test "das Vorhandensein des Virus-Genoms" nachweise. "Daran besteht kein Zweifel."

In Europa sehen es die Gesundheitsbehörden ähnlich. Dr. Cédric Carbonneil, Leiter der Abteilung für die Bewertung der beruflichen Tätigkeiten von Ärzten bei der höchsten französischen Gesundheitsbehörde (HAS), spricht von PCR-Tests als sicherem Werkzeug für die korrekte Bestimmung einer Infektion mit Corona. "Die Spezifität der RT-PCR wird auf etwa 99 Prozent geschätzt", sagte Carbonneil AFP. Das mache "falsch positive" Ergebnisse extrem selten.

Die Schweizer Gesundheitsbehörde weist in einem Merkblatt ebenfalls explizit darauf hin, dass mit einem PCR-Test "auf eine Sars-CoV-2-Infektion geschlossen werden" könne. Weiter heißt es: "Mit dieser sehr empfindlichen Methode wird in Patientenproben spezifisch die Nukleinsäure eines Erregers nachgewiesen, was eine Infektion mit dem Erreger belegt."

Auch hat AFP bereits das deutsche Robert-Koch-Institut zu dieser Frage kontaktiert. Sprecherin Ronja Wenchel sagte Ende September 2020 in Bezug auf missverständliche Behauptungen aus der Schweiz: "Aufgrund des Funktionsprinzips von RT-PCR-Tests und hohen Qualitätsanforderungen liegt die analytische Spezifität bei korrekter Durchführung und Bewertung bei nahezu 100 Prozent."

AFP hatte in einem Faktencheck im November außerdem beim Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH) nach der Ausrichtung von PCR-Tests gefragt. Er vertritt einen Großteil der deutschen Unternehmen, die PCR-Tests bereitstellen. Sprecherin Gabriele Köhne sagte: "Die angewendeten PCR-Tests sind darauf ausgelegt, die typische Signatur des Gen-Strangs von Coronaviren zu erkennen." Bei der Grippe etwa fehle genau dieser Baustein, deswegen könne der Test etwa nicht positiv darauf ausschlagen.

In einem weiteren Faktencheck hatte AFP am 24. November bei der Ständigen Impfkommission (Stiko) zum selben Thema nachgefragt. Dabei handelt es sich um ein unabhängiges Gremium von Expertinnen und Experten, die  Impfempfehlungen für Deutschland erarbeiten. Inhaltliche Unterstützung und Beratung für das Gremium kommt vom Robert-Koch-Institut (RKI). Stiko-Mitglied und Inhaber des Lehrstuhls für Mikrobiologie und Infektionsimmunologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, Christian Bogdan, schrieb in einer Email: Eine COVID-19-Infektion werde mittels PCR-Test molekular im Atemweg nachgewiesen. Dabei erkenne der Test "spezifisch RNA von SARS-CoV2", erklärte Bogdan. "Eine erregerspezifische PCR wird immer so entwickelt, dass andere Erreger nicht erfasst werden."

Erfolgreiche Isolierung des Virus in der Forschung

Bei einer Isolierung wird ein Virus gezielt aus biologischen Proben wie etwa aus infektiösem Material vermehrt, um es anschließend bestimmen zu können (mehr dazu hier).

Unter anderem Forschenden des Instituts für Virologie der Universität Düsseldorf ist dies mit Sars-CoV-2 im Sommer vergangenen Jahres gelungen. Die Universität teilte damals mit: "Forscher (...) um Prof. Dr. Schaal und Prof. Dr. Adams konnten erfolgreich das SARS-Coronavirus Typ 2 aus Patientenabstrichen in Zellkultur isolieren. Molekularbiologische Eigenschaften dieser SARS-CoV-2 Isolate, wie z.B. die Replikation in verschiedenen Zellkultursystemen und die Virus-RNA-Genom-Sequenz konnten bereits erfolgreich in einer anerkannten Fachzeitschrift veröffentlicht werden." In der Fachzeitschrift für Molekularbiologie "Embo Journal" ist die Veröffentlichung im September 2020 zu finden (hier).

Auch Forschende in Korea isolierten das Virus im Februar 2020, außerdem Forschende in Kanada im März 2020 und ein Forschungsbund im vergangenen August in den USA. Auch das RKI schreibt, dass das Virus bereits Anfang 2020 als Auslöser von Covid-19 identifiziert wurde. Damals hatte auch bereits das französische Pasteur-Institut eine erfolgreiche Isolierung vornehmen können.

Auch die unabhängige Faktencheck-Organisation Correctiv kam zum Ergebnis, dass das Erbgut von Sars-CoV-2 sehr wohl bereits isoliert worden sei. 

Fazit: Der zitierte chinesische Forscher Wu Zinyou hat im Interview lediglich erklären wollen, warum seine Regierung damals keine Daten mit der Welt teilte. Er sprach nie davon, das Virus nie isoliert zu haben. Weiterhin lässt sich das Genom des Virus mittels PCR-Tests sehr wohl nachweisen, und unter anderem die Universität Düsseldorf hat es bereits im vergangenen Jahr isoliert.

Update, 09.04.21: Link aktualisiert
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