Diese Wetterkarten zeigen keine übertriebene Darstellung einer Hitzewelle 2022

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Mehrere europäische Staaten kämpften im Juli 2022 mit einer starken Hitzewelle. In Frankreich wüteten heftige Waldbrände. Unterdessen teilten User im Netz einen Vergleich zweier französischer Wetterkarten, der zeigen soll, dass der heute als Klimakatastrophe beschriebene Temperaturanstieg angeblich vor 20 Jahren noch als "schöner Sommertag" bezeichnet wurde. Die Datierung der Karten ist allerdings falsch, zwischen ihrer Veröffentlichung liegen nur drei Jahre. Behörden und Medien warnten zudem bereits vor 20 Jahren vor den Folgen des Klimawandels, insbesondere vor Temperaturschwankungen.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben den Vergleich der Wetterkarten auf Facebook geteilt (hier, hier). Auch auf Twitter wurde die Behauptung verbreitet. Ähnliche Beiträge finden sich auf Französisch und Rumänisch.

Die Behauptung: "Sommertag oder Klimakatastrophe?" fragt ein User auf Twitter zu einem Bildvergleich zweier Wetterkarten. Zu sehen sind Temperaturkarten für Frankreich, die angeblich aus den Sommern 2022 und 2002 stammen sollen. Obwohl die Temperaturen auf beiden Karten bis zu 40 Grad Celsius erreichen, ist die vermeintlich aus dem Juli 2002 stammende Karte in Orange-Gelb gehalten, während eine auf den 15. Juli 2022 datierte Karte ein rotes bis tiefrotes Farbschema zeigt. "Was heute eine Klimakatastrophe ist, war 2002 ein schöner Sommertag", schreibt ein User auf Facebook dazu.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 25.07.2022

Immer wieder verbreiten sich im Netz Behauptungen, wonach Medien absichtlich Wetterkarten manipulieren würden, um heutige Temperaturen dramatischer darzustellen als noch vor einigen Jahren (hier, hier). User verwenden die Karten zudem, um den Klimawandel als vermeintlichen "Fake" zu bezeichnen. AFP sammelt Faktenchecks zum Thema Klima hier.

Zwischen den Karten liegen drei Jahre

Die Datierung der im Vergleich verwendeten Wetterkarten ist fehlerhaft. Die obere der beiden Karten wurde nicht wie im Bild zu sehen am 13. Juli 2002 veröffentlicht. Das belegt eine Überprüfung der aufgezeigten Temperaturen. Auf der Karte werden 45 Grad Celsius als Höchsttemperatur in der Region um Nîmes im Süden Frankreichs angegeben. Auf Twitter wies allerdings bereits der französischsprachige Faktencheck-Account Defakator darauf hin, dass sich anhand der Temperatur die Datierung der Karte widerlegen lässt. Temperaturaufzeichnungen aus der südfranzösischen Stadt Nîmes zeigen, dass im Zeitraum zwischen dem 13. und 15. Juli 2002 die Temperaturen dort nicht 27,9 Grad Celsius überstiegen.

Eine Temperatur von 45 Grad Celsius in der Umgebung um Nîmes fand AFP in einer Wettervorhersage des französischen Fernsehsenders TF1 für den 27. Juni 2019. Eine Wetterkarte, die der Karte im Vergleich auf Facebook entspricht, wurde zudem vom Nachrichtensender LCI auf Twitter veröffentlicht, der ebenfalls Teil von TF1 ist.

Screenshot der Temperaturkarte von LCI auf Twitter: 19.07.2022

Die zweite Karte des Facebook-Vergleichs findet sich tatsächlich in einem Wetterbericht vom 15. Juli 2022 wieder. Dieser wurde auf dem Youtube-Kanal des französischen Senders Radio Monte Carlo (RMC) veröffentlicht und beschreibt die Temperaturprognose für Sonntag, den 17. Juli 2022. Auch eine Einblendung, die vom Sieg des Briten Tom Pidock auf der zwölften Etappe der Tour de France 2022 berichtet, belegt den Ursprung der Karte.

Screenshot der RMC-Wettervorhersage auf Youtube: 19.07.2022

Zwischen der Veröffentlichung der beiden Wetterkarten liegen also nicht 20 Jahre, wie auf Facebook behauptet. Die Temperaturkarte von RMC wurde etwa drei Jahre nach Veröffentlichung der Karte von LCI ausgestrahlt.

Sender nutzen ein unterschiedliches Layout

Die Karten von LCI und RMC können zudem nicht ohne Weiteres miteinander verglichen werden. Die beiden Nachrichtenmedien verwenden unterschiedliche Designs für ihre Wetterkarten. Während die Temperaturkarte von RMC in einem kräftigen Rot erscheint, ist die Karte von LCI in Orange und Gelb gehalten. AFP hat in der Vergangenheit mehrfach ähnliche Behauptungen auf Basis der Farbgebung von Wetterkarten überprüft (hier, hier).

Evelyne Dhéliat, Leiterin des Wetterdienstes von TF1, erklärte am 21. Juni 2022 gegenüber AFP zum Layout der Karten: "Die Idee ist, dass Zuschauerinnen und Zuschauer sofort verstehen, ob sie sich in normalen, höheren oder niedrigeren Temperaturen befinden, als es für die Jahreszeit normal wäre."

Der Fokus liege für TF1 auf der Lesbarkeit der Karten mit einer Palette von neun Farben. Diese Farbunterschiede sollten die verschiedenen Temperaturen auf der Wetterkarte sowie die aktuellen Durchschnittstemperaturen hervorheben, die alle zehn Tage von Météo France, dem französischen Wetterdienst, aktualisiert werden.

Auf den Wetterkarten der Sender RMC und BFMTV, die beide zum Unternehmen Altice gehören, variiert die Farbgebung zwischen Rot und Blau. "BFMTV ordnet seinen gesamten Temperaturbereich ziemlich einheitlich an", erklärte im Juni 2022 Emmanuel Bocrie, Leiter der Presseabteilung bei Météo-France, gegenüber AFP. "Die Karten haben einen Farbverlauf für die Durchschnittstemperaturen, und wenn wir zu den Extremen kommen, bleiben sie in der gleichen Farbe. Sie sind dann fast ausschließlich rot. Dabei ist es schwierig, die Nuance zwischen 28 und 38 Grad zu erkennen."

Die Karte sei selbst im Dezember rot, wenn die Temperaturen über dem Durchschnitt liegen. Das war zum Beispiel in einem Wetterbericht vom 22. Dezember 2020 der Fall.

Screenshot der BFMTV-Website: 25.07.2022

Hitzewellen in den Medien

Die im Sommer 2019 in Frankreich verzeichnete Hitzeperiode wurde sowohl vom französischen Wetterdienst Météo France als auch von verschiedenen Medien als außergewöhnlich dargestellt. Dass die damals verzeichnete Hitze lediglich als "schöner Sommertag" abgetan wurde, lässt sich aus Medienberichten aus dem Zeitraum nicht nachvollziehen. Auch 2002 wurde bereits von auffälligen Klimaerscheinungen berichtet.

Online schrieb Météo France: "Der Sommer 2019 war geprägt von zwei relativ kurzen Hitzewellen (6 Tage), aber mit einer Rekordstärke." Während einer ersten Welle sei am 27. Juni 2019 mit 27,9 Grad Celsius die höchste jemals gemessene Durchschnittstemperatur für diesen Monat in Frankreich verzeichnet worden. Mit 46 Grad Celsius, gemessen im südfranzösischen Vérargues, sei zudem am 28. Juni 2019 ein neuer Rekord für die höchste je gemessene Temperatur im europäischen Teil Frankreichs aufgestellt worden. In diesem Monat sei die höchste Hitzewarnstufe Frankreichs zum ersten Mal seit Einführung im Jahr 2004 ausgerufen worden, erklärte der französische Wetterdienst.

Eine weitere außergewöhnlich starke Hitzewelle brachte in Frankreich eine Durchschnittstemperatur von 29,4 Grad Celsius für den 25. Juli 2019, der heißeste je in Frankreich registrierte Tag, gleichauf mit dem 5. August 2003, so Météo France.

Auch die führenden Nachrichtenprogramme der Sender TF1 und France 2 berichteten am 28. Juni 2019 über die außergewöhnliche Hitzewelle. "Es war noch nie so heiß in Frankreich", hieß es im Programm von TF1. Auch France 2 sprach von "historischen Temperaturrekorden" in Frankreich. Dazu berichtete der Sender über Brände im Zusammenhang mit der Hitze und die Auswirkungen der Temperaturen auf den menschlichen Körper.

Screenshot der TF1-Nachrichten vom 28. Juni 2019: angefertigt am 19.07.2022
Screenshot der France 2-Nachrichten vom 28. Juni 2019: angefertigt am 19.07.2022

 

 

Die Tageszeitung "Le Monde" berichtete ebenfalls von den 2019 aufgestellten Hitzerekorden in verschiedenen französischen Städten.

Die Zeitung "Ouest France" schrieb am 28. Juni 2019, die Hitzewelle führe dazu, dass die französische Bahngesellschaft SNCF anbiete, Zugtickets gratis umzutauschen oder zurückzunehmen. Auch die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen seien durch die Hitze gefährdet.

Die damaligen Temperaturen werden in zahlreichen Medien als Hitzewelle bezeichnet, ohne das Ausmaß der Situation herunterzuspielen. Die Bezeichnung "schöner Sommertag", wie in den Facebook-Beiträgen genutzt, fällt in den von AFP ausgewerteten Medienberichten nicht.

Auch für das Jahr 2002, welches auf den online verbreiteten Wetterkarten angegeben wird, finden sich mehrere Medienberichte, die von auffälligen Klimaveränderungen sprechen. Es sei "das Jahr der Klimastörungen" gewesen, schrieb die Zeitung "Les Echos" im Januar 2003. Weiter heißt es in dem Artikel: "Die vorläufigen Daten, die von der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) veröffentlicht wurden, bestätigen die Realität der Beschleunigung der 'globalen Erwärmung', die in den letzten zehn Jahren festgestellt wurde."

Im Dezember 2002 schrieb die Tageszeitung "La Dépêche du Midi" unter Berufung auf die Weltorganisation für Meteorologie (WMO), es habe sich um das "zweitheißeste Jahr" seit fast 150 Jahren gehandelt.

AFP berichtete am 1. Juli 2022 von einem Bericht des Büros für wissenschaftliche und technologische Entscheidungen des französischen Parlaments, in dem es hieß: "Zwei Grad: Das ist die durchschnittliche Auswirkung des durch Treibhausgasemissionen verursachten Klimawandels auf Frankreich bis zum Jahr 2100. Zwei kleine Grade, die beunruhigende Folgen haben können.” Bis 2025 seien die Effekte des Klimawandels für den Menschen sichtbar, hieß es weiter.

Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) schreibt im Klimastatusbericht 2002 von "einer offensichtlich stattfindenden und projizierten Klimaänderung". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "Der Spiegel" berichteten 2002 von einem neuen deutschen Hitzerekord für den Monat Juni in Höhe von 39,4 Grad. Zudem berichtete AFP am 22. Juni 2002 von einem Hitzerekord im südfranzösischen Tarascon. Auch weitere Medien griffen den Rekord später auf.

Hitzewellen als Zeichen des Klimawandels

Hitzewellen wie zuletzt, die weite Teile Europas trafen, oder die rekordverdächtige Hitzeperiode, die Indien und Pakistan im März 2022 erlebten, seien nach Ansicht von Expertinnen und Experten ein untrügliches Zeichen für den Klimawandel.

Hitzewellen, die wir heute erleben, seien aufgrund des vom Menschen verursachten Klimawandels heißer und häufiger geworden, erläuterte Friederike Otto, leitende Dozentin für Klimawissenschaften am Grantham Institute for Climate Change and the Environment, im Juli 2022 gegenüber AFP.

"Das ist reine Physik, wir wissen, wie sich Treibhausgasmoleküle verhalten. Wir wissen, dass es mehr davon in der Atmosphäre gibt. Die Atmosphäre wird wärmer, und das bedeutet, dass wir mit häufigeren und heißeren Hitzewellen und weniger häufigen und milderen Kälteeinbrüchen rechnen müssen."

Feuerwehrleute legen bei der Bekämpfung eines Waldbrandes in der Nähe der Gironde gezielt Feuer, um ein Grundstück abzubrennen, während sie versuchen, die Ausbreitung des Waldbrandes aufgrund von Windänderungen zu verhindern. ( AFP / Thibaud Moritz / )

Das bestätigen auch meteorologische Institute in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In einer gemeinsamen Auswertung des Sommerklimas aus dem Jahr 2020 stellten die staatlichen meteorologischen Institute der drei Länder fest: "Der Sommer ist in der Schweiz, in Deutschland und Österreich ab den 1990er-Jahren massiv wärmer geworden." Hitzewellen würden häufiger und länger. Zusammengefasst heißt es in der Auswertung: "Was früher ein extrem heißer Sommer war, ist heute ein durchschnittlicher Sommer."

Wie AFP im Juli 2022 unter Berufung auf Angaben von UN-Expertinnen und Experten berichtete, ist das Auftreten extremer Hitzewellen bei einer durchschnittlichen globalen Erwärmung von 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bereits 4,1 Mal wahrscheinlicher. Bei einer Erwärmung von 2 Grad Celsius würden diese bereits 5,6 Mal so wahrscheinlich auftreten.

Die Erde hat sich seit der industriellen Revolution um etwa 1,2 Grad Celsius erwärmt, und nach Angaben der Vereinten Nationen würden die derzeitigen Bestrebungen der Staaten, wenn sie eingehalten würden, zu einer "katastrophalen" Erwärmung von 2,7 Grad Celsius führen.

Der Klimazyklus hat sich bereits tiefgreifend verändert, wie Matthieu Sorel, Klimatologe bei Météo-France, gegenüber AFP feststellte. Er wies darauf hin, dass die Hitzewellen, die sich in Frankreich häufen, ohne die Auswirkungen des Klimawandels um 1,5 Grad Celsius bis 3 Grad Celsius schwächer ausfallen würden. "Wir bewegen uns auf immer heißere Sommer zu, in denen 35 Grad Celsius zur Norm werden und 40 Grad Celsius regelmäßig erreicht werden."

Fazit: Eine der auf Facebook verbreiteten Wetterkarten wurde fälschlicherweise auf das Jahr 2002 datiert. Sie stammt in Wahrheit aus dem Jahr 2019. Mehrere Medien und der französische Wetterdienst berichteten in diesem Jahr von außergewöhnlichen Hitzewellen. Von einem "schönen Sommertag" war dabei nicht die Rede. Auch 2002 wurde bereits von auffälligen Klimaereignissen berichtet.

Übersetzung:
KLIMA