Dieser Wetterkartenvergleich belegt keine mediale "Panikmache" über die Hitze

Europa ächzt momentan unter der Hitze. Nutzerinnen und Nutzer in sozialen Netzwerken sahen im Juli 2022 die Berichterstattung über die heißen Temperaturen allerdings lediglich als Übertreibung. Eine Collage soll zeigen, wie die farbliche Darstellung von ähnlich hohen Temperaturen angeblich über die Jahre immer dramatischer geworden sei. Darin stellen die Postings zwei nicht vergleichbare "Tagesschau"-Karten nebeneinander und zeigen eine bearbeitete RTL-Wettervorhersage. Klimaforschende sind sich allerdings einig, dass die Anzahl der heißen Tage aufgrund des Klimawandels zunimmt.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben im Juli 2022 erneut eine Collage verschiedener Wettervorhersagen auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). User verbreiteten die Behauptung auch in anderen Sprachen, etwa auf Englisch, Französisch, Niederländisch und Norwegisch.

Die Behauptung: "Vom Wetterbericht zur Klimahysterie" beschreiben die User die vermeintlich zunehmend übertriebene Berichterstattung über Wetter und Klima. Während eine Karte der "Tagesschau" früher noch grün gehalten war, sei diese bei ähnlichen Temperaturen 2019 bereits rot eingefärbt worden. Eine dritte Karte einer RTL-Sendung aus dem Jahr sei 2020 sei dann sogar mit Feuerbällen illustriert worden. "Immer diese Panikmacherei in den Medien", kommentiert ein Nutzer die Collage.

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Facebook-Screenshot der falschen Behauptung: 21.07.2022

AFP hat erst im Juni 2022 die Gegenüberstellung der beiden "Tagesschau"-Karten als irreführend entlarvt. Eine ähnliche Gegenüberstellung zweier Karten aus Schweden diente Usern außerdem dazu, die Erderwärmung als Fake abzutun. Während der letzten zwei Hitzewellen in Europa wurden solche Karten dazu benutzt, Skepsis über den Klimawandel zu verbreiten. Auch die Erzählung, dass es bereits früher einzelne extreme Wetterereignisse gegeben habe, die Berichte über Erderwärmung also bloß Übertreibung seien, verwenden User immer wieder, um Zweifel am menschengemachten Klimawandel zu schüren.

Die "Tagesschau"-Karten zeigen unterschiedliche Dinge

Die beiden oberen Karten stammen tatsächlich von der deutschen Nachrichtensendung "Tagesschau". Bereits 2019 reagierte die Sendung auf den Vorwurf, ihre Wetterkarte aus ideologischen Gründen manipuliert zu haben. Die beiden Karten würden unterschiedliche Dinge zeigen.

Die grüne Karte zeige eine Wetteraussicht für die kommenden drei Tage. Angezeigt wird darin nicht nur die Temperatur, sondern auch Bewölkung, Niederschlag und Sonnenschein.

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Ausschnitt aus der aktuell geteilten Behauptung, der nur die beiden "Tagesschau"-Karten zeigt, Screenshot: 22.07.2022

Die rot gehalten Karte zeige hingegen eine reine Temperaturvorhersage. "Durch die Einfärbung kann man auch dort, wo keine Zahl steht, erahnen, wie hoch die Temperaturen etwa werden. Die Skala kann dabei von Dunkelrot für heiße Temperaturen bis kaltem Blau reichen", erklärte die "Tagesschau". Dabei kämen unterschiedliche Farbskalen je nach Jahreszeit zum Einsatz.

Ein Blick etwa in Sendungen aus dem Jahr 2009 (der Wetterbericht startet bei Minute 14:15) und 2010 (Start bei Minute 14:36) zeigt, dass die "Tagesschau" schon damals diese zwei Formate verwendete. Eine Wetterkarte zur Vorhersage des Wetters der kommenden Tage sowie eine separate Temperaturkarte, die bei Hitze rot eingefärbt war. Dieses Format nutzte die "Tagesschau" schon lange und färbte Temperaturen zwischen rund 25 und 30 Grad rot ein, wie etwa eine Sendung aus dem Juni 1999 ab etwa Minute 15:25 belegt.

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Youtube-Screenshot der Tagesschau-Sendung vom 15. Juli 2010: 10.06.2022

Trotz leichter Änderungen im Design über die Jahre zeigt etwa die "Tagesschau"-Karte von 2010 bereits damals deutlich die beiden Anwendungen der verschiedenen Karten. Links in rot sagte die "Tagesschau" die Temperaturen vorher und gab rechts einen Einblick in die Bewölkung der kommenden Tage.

Die RTL-Grafik ist bearbeitet

Das dritte Bild stammt nicht von der "Tagesschau". Es stammt aus der Nachrichtensendung "RTL Aktuell". Auch die Einblendung der von RTL betriebenen Wetterplattform "Wetter.de" weist darauf hin, dass der Ausschnitt nichts mit den oberen beiden "Tagesschau"-Sendungen zu tun hat, sondern von einem anderen Sender stammt.

Die Nachrichtenagentur dpa fand bereits 2021 eine weitere Version des Bildes, das schon im August 2019 auf Twitter kursierte. Anders als im aktuell geteilten Bild sind darin aber keine Feuerbälle im Hintergrund zu sehen, sondern ein Sonnenuntergang. RTL verwendet im Hintergrund der Wettergrafik wechselnde Abbildungen.

AFP hat bei RTL nachgefragt. Sprecherin Michelle Wilbois schrieb am 21. Juli 2022: "Der Ausschnitt stammt aus der 'RTL Aktuell'-Sendung vom 22. August 2019." Die Postings beschreiben es hingegen fälschlich als einen Ausschnitt aus dem Jahr 2020. Im Jahr 2020 kursierte die Fälschung bereits in sozialen Netzwerken.

Zum Abgleich stellte RTL AFP einen Clip der Sendung zur Verfügung. Die Layouts der Temperaturen stimmen mit dem aktuell geteilten Bild überein, genauso wie die Kleidung von Moderator Christian Häckl.

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Aktuell geteilte gefälschter Ausschnitt links, rechts der von RTL zur Verfügung gestellte Originalausschnitt aus der Sendung vom 22. August 2019

Was sich unterscheidet: Im Original rechts sind keine Feuerbälle im Hintergrund zu sehen, sondern ein Sonnenuntergang. Im linken manipulierten Bild hat das Gesicht von Moderator Christian Häckl außerdem einen stärkeren Rotton. Im gefälschten Bild fehlt am oberen Bildrand außerdem die Studiobeleuchtung. Sprecherin Wilbois schrieb: "Der Screenshot wurde bearbeitet." Sie versicherte außerdem: "RTL hat im Kontext der Wettervorhersagen zu keinem Zeitpunkt Feuergrafiken verwendet."

Sommer werden heißer

Auch wenn nicht jedes einzelne Extremwetterereignis auf den Klimawandel zurückzuführen ist, lässt sich eine systematische Veränderung des Klimas feststellen. Europas Sommer werden heißer – das zeigt ein Vergleich der Temperaturabweichungen in Europa im Vergleich zu früheren Jahren.

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Temperaturabweichungen im Sommer in Europa von 1950 bis 2021 im Vergleich zu Durchschnittstemperaturen zwischen 1991 bis 2020

Das bestätigen auch meteorologische Institute in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In einer gemeinsamen Auswertung des Sommerklimas aus dem Jahr 2020 stellten die staatlichen meteorologischen Institute der drei Länder fest: "Der Sommer ist in der Schweiz, in Deutschland und Österreich ab den 1990er-Jahren massiv wärmer geworden." Hitzewellen würden häufiger und länger. Zusammengefasst heißt es in der Auswertung: "Was früher ein extrem heißer Sommer war, ist heute ein durchschnittlicher Sommer."

Hitzewellen wie die beiden jüngsten, die weite Teile Europas trafen oder die rekordverdächtige Hitzeperiode, die Indien und Pakistan im März 2022 erlebten, seien nach Ansicht von Expertinnen und Experten ein untrügliches Zeichen für den Klimawandel.

Fazit: Die Collage dreier Wetterkarten belegt nicht, dass Medien dieselben Temperaturen mit der Zeit zunehmend dramatischer beschreiben würden. Die oberen beiden "Tagesschau"-Karten zeigen zwei unterschiedliche Dinge: einmal eine Wettervorhersage, einmal eine Vorschau der Temperatur. Für die beiden Kartentypen verwendet die "Tagesschau" unterschiedliche Layouts. Die dritte Karte stammt aus der Sendung "RTL Aktuell" und wurde bearbeitet. Im Original sind keine Feuerbälle, sondern ein Sonnenuntergang zu sehen.

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