Wetter versus Klima: Warum milde Winter den menschengemachten Klimawandel nicht widerlegen

Ob Flut oder Dürre: Die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels sind weltweit zu beobachten. Wiederholt kursierte ein Zeitungsausschnitt in sozialen Medien samt der Falschbehauptung, milde Winter in der Vergangenheit würden belegen, dass es den Klimawandel immer schon gegeben hätte und nicht vom Menschen verursacht worden wäre. Fachleute sind sich jedoch einig, dass einzelne Wetterereignisse den menschengemachten Klimawandel nicht widerlegen.

"Ist der Klimawandel wirklich vom Menschen verursacht?", stellte ein Facebook-User am 29. Dezember 2025 infrage. "Wenn man dies liest, kann man sich das nicht vorstellen", führte er aus. Dazu teilte er einen vergilbten Zeitungsausschnitt. "Kein Grund zu Panik" ist darauf zu lesen.

Eine Aufzählung der "milden Winter von einst" soll belegen, dass es etwa im Jahr 1229 Veilchen zu Weihnachten gegeben haben soll, im Jahr 1659 kein Schnee gelegen hätte und am 27. Dezember 1861 "im Freien gekegelt" worden sein soll. Des Weiteren ist von Bäumen und Gärten im "Blütenschmuck" zu lesen.

Und das, obwohl es damals "kein Auto gab und die Industrie unbedeutend war. Geschweige denn 1/3 der Bevölkerung zu Heute existierte", fügte der Nutzer in der Postbeschreibung hinzu. Auch auf Threads sowie auf X kursierte die Behauptung. Der älteste Eintrag, den AFP dazu fand, wurde im Jahr 2020 in einem österreichischen Forum geteilt.

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Facebook-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 5. Februar 2026

Der Ausschnitt erschien laut den darin zu lesenden Angaben "in der Zeitung 'Allgemeiner Anzeiger'" in Ermsleben in Sachsen-Anhalt am 26. Januar 1899. AFP konnte seinen Ursprung in online verfügbaren Archiven nicht endgültig bestätigen. Herauszulesen ist jedoch, dass es sich dabei um einen Brief eines Lesers aus der sachsen-anhaltischen Kleinstadt Ballenstedt handelt. Laut ihm sei ein "Irrtum", vom Winter "unbedingt Schnee und Frost zu erwarten". Der menschengemachte Klimawandel wird nicht erwähnt.

Nutzerinnen und Nutzer kamen zum falschen Schluss, dass der Zeitungsausschnitt den menschengemachten Klimawandel entkräften würde. Die Wissenschaft ist sich jedoch einig, dass der menschengemachte Klimawandel existiert, wie führende Fachleute gegenüber AFP erklärten.

Globale Temperaturen stiegen erheblich

In der Wissenschaft herrscht Konsens darüber, dass Deutschland und Österreich von der Klimaerwärmung besonders betroffen sind. In beiden Ländern stieg die Durchschnittstemperatur seit der vorindustriellen Periode überdurchschnittlich. Weltweit sprechen Forschende von einem Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau, also dem Zeitraum von 1850 bis 1900. Sven Fuchs vom Institut für Alpine Naturgefahren an der Universität für Bodenkultur Wien, der in Österreich an einem umfassenden Bericht dazu aus dem Jahr 2025 beteiligt war, erklärte im Gespräch mit AFP am 26. Januar 2026, dass dieser "drastische Anstieg" auf den Menschen zurückzuführen ist.

Laut Fuchs sei die Unterscheidung zwischen dem natürlichen und dem menschengemachten Klimawandel wichtig. Das Klima ändere sich aufgrund der "Variationen der Erdbahnparameter um die Sonne und der daraus resultierenden unterschiedlichen Einstrahlung" langfristig. Auch die Position von Hoch- und Tiefdruckgebieten in der Atmosphäre ändere sich dadurch.

Zwar sei das Klima im vergangenen Jahrtausend insgesamt wärmer geworden. Doch seit der Industrialisierung sei der CO2-Ausstoß erheblich gestiegen. Kohlendioxid (CO2) ist ein Treibhausgas, welches das Klima beeinflusst, indem es zu mehr gespeicherter Wärme auf der Erde führt. "Die wärmeren Winter in den vergangenen 20 Jahren sind also eindeutig auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen", sagte Fuchs.

Meteorologin und Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb sagte am 28. Januar 2026 gegenüber AFP: "Die gegenwärtige, rasche Erwärmung lässt sich schlüssig nur durch die Zunahme der Treibhausgaskonzentrationen aufgrund von Aktivitäten der Menschen ableiten."

Dass einige milde Winter in der Vergangenheit den menschengemachten Klimawandel widerlegen würden, ist auch laut dem deutschen Umweltbundesamt (UBA) "falsch". Zwar sei in den vergangenen 2000 Jahren eine "natürliche Variabilität des Klimas" zu erkennen, wie Jens Tambke, wissenschaftlicher Mitarbeiter des UBA, am 30. Januar 2026 auf AFP-Anfrage ausführte. "Dies beeinträchtigt aber in keiner Weise den eindeutigen Befund der Klimawissenschaft, dass die starke und besonders schnelle Erwärmung der letzten Jahrzehnte durch menschliche Treibhausgasemissionen verursacht wurde." Dabei gehe es neben CO2 auch um Methan. "Ohne diese Emissionen, also nur mit natürlichen Faktoren", könne "diese Erwärmung in Klimamodellen auch überhaupt nicht reproduziert" werden, erklärte Tambke. "Die aktuellen globalen Durchschnittstemperaturen sind auch mindestens in den letzten 120.000 Jahren nie erreicht worden, und vorher nicht in einer solchen Geschwindigkeit."

Lokales Wetter mit globalem Klima verwechselt

Laut Leserbrief handele es sich bei den Wetterbeobachtungen um Zusammenstellungen "nach Magdeburger Aufzeichnungen". Über die Aufzeichnungen sprach AFP am 29. Januar 2026 mit Hans Schipper, der das Süddeutsche Klimabüro am Karlsruher Institut für Technologie leitet. "Es mag sein, dass an einem bestimmten Ort Veilchen früh im Jahr blühten, aber das sagt nichts über die Temperatur in Deutschland oder in der Welt insgesamt aus – und lässt auch keine Rückschlüsse auf das Klima zu." Das Klima bezeichnet den durchschnittlichen Temperaturwert über eine längere Zeit. Das Wetter hingegen schwanke "je nach Zeit und Ort unabhängig vom Klimawandel". Es habe in der Vergangenheit immer wieder wärmere Winter oder kältere Sommer gegeben. Für Schipper kommt es auf den langfristigen Trend an: "Seit der Industrialisierung vor circa 150 Jahren ist jedes Jahrzehnt wärmer als das vorherige."

Aus demselben Grund konnten im Januar 2026 in Deutschland oder Österreich niedrige Temperaturen verzeichnet werden, obwohl die globale Erderwärmung voranschreitet. Franz Kanngießer, Meteorologe am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar) in Kiel, wies gegenüber AFP am 30. Januar 2026 darauf hin, dass die globale Erwärmung den langfristigen Anstieg der globalen Mitteltemperatur bezeichnet. "Das bedeutet einerseits, dass nicht jedes Jahr wärmer als das vorhergehende sein muss und andererseits kann es regionale Unterschiede geben."

Auch Tambke vom UBA sagte, dass Temperaturen in einzelnen Regionen und Wochen stark vom globalen Trend abweichen können: "Es gibt eben fundamentale Unterschiede zwischen 'Wetter' und 'Klima'." Der menschengemachte Klimawandel schaffe den Winter "als Jahreszeit auch nicht ab" – er mache ihn "einfach nur im Durchschnitt wärmer".

Die globale Erwärmung könne aber auch "einzelne Kältewellen begünstigen". Dies liege daran, dass die Arktis sich relativ gesehen besonders stark erwärmt, woraufhin starke Winde die "kalte Polarluft weiter nach Süden" leiten würden und "zu regionalen Kälteeinbrüchen und Schneefällen" führen – "obwohl der Globus insgesamt weiterhin wärmer wird", sagte Tambke.

Was über das Klima in der Vergangenheit bekannt ist

Forscherinnen und Forscher erklärten, dass es im Laufe der Erdgeschichte zu wärmeren Phasen gekommen ist. Dafür waren historisch zum Beispiel Vulkanausbrüche, eine erhöhte Sonnenaktivität oder die Verschiebung der Kontinente verantwortlich. Die einzelnen Angaben im Zeitungsausschnitt seien dennoch schwer messbar.

UBA-Experte Tambke sagte, "dass es von circa 950 bis 1250 nach Christus eine Phase gab, in der die gemittelten, jährlichen Erdoberflächentemperaturen in einzelnen Teilen der Welt höher waren als in der Zeit von 1400 bis 1700 nach Christus". Hierbei werde in der Klimatologie von einer mittelalterlichen Klimaanomalie gesprochen. In einzelnen Weltregionen seien höhere Temperaturen gemessen worden – in anderen wiederum niedrigere, sodass "im globalen Durchschnitt nur eine kleine Erhöhung in der zeitlichen Temperaturkurve" zu sehen sei. Der menschengemachte Klimawandel habe im Vergleich zu jener Zeitspanne allerdings zu einer "sehr viel" höheren globalen Erwärmung geführt.

Abgesehen davon seien die Ursachen für die mittelalterliche Klimaanomalie "umstritten" und könnten auch durch Unsicherheiten der Datenlage begründet sein, erklärte Jacek Raddatz gegenüber AFP, physikalischer Geograph am Geomar. Ein anderer "wesentlicher" Unterschied zum menschengemachten Klimawandel sei: "Die mittelalterliche Klimaanomalie war ein lokales Phänomen, das auf die nördliche Hemisphäre beschränkt war." Der heutige Klimawandel sei jedoch "ein globales Phänomen, das durch einen erhöhten CO2-Ausstoß ausgelöst wurde und zu einem Temperaturanstieg von mehr als 1,5 Grad Celsius weltweit führt."

Nutzerinnen und Nutzer stellten wiederholt die Existenz des menschengemachten Klimawandels infrage. Sie sahen die Ursache der Erderwärmung beispielsweise fälschlich in natürlichen Zyklen des MagnetfeldesSonnenzyklen oder begründeten Temperaturveränderungen mit natürlichen Wetterereignissen. AFP widerlegte weitere Falschbehauptungen zum Thema Klima.

Fazit: Einzelne milde Winter in der Vergangenheit widerlegen den menschengemachten Klimawandel nicht, entgegen online geteilter Behauptungen aus einem alten Zeitungsbeitrag. Entscheidend sei der langfristige globale Erwärmungstrend, den Fachleute eindeutig auf menschliche Treibhausgasemissionen zurückführten. 

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