Niedriger Pegelstand von 1904 widerlegt den menschengemachten Klimawandel nicht

Copyright © AFP 2017-2022. Alle Rechte vorbehalten.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben Ende Mai ein Foto geteilt, das den historisch niedrigen Elbpegelstand in Dresden im Jahr 1904 zeigt. Den damaligen niedrigen Wasserstand ziehen die User als Beleg für den "Klimaschwindel" heran. Aus Einzelereignissen könne man allerdings keine Schlüsse auf das Klima ziehen, so Experten gegenüber AFP. Der menschengemachte Klimawandel ist wissenschaftlicher Konsens.

Auf einem Foto in Sepiatönen sind zahlreiche Schaulustige am Bett eines beinahe gänzlich ausgetrockneten Flusses zu sehen, hinter ihnen spannt sich eine Brücke. Tausende Nutzerinnen und Nutzer verbreiteten die Aufnahme auf Facebook.

Die Behauptung: Den Aufnahmeort des ausgetrockneten Flusses beschreiben die Postings als die Augustusbrücke in Dresden im Sommer 1904. "Kein Wasser in der Elbe und das ohne nennenswerte CO2-Emissionen im Vergleich zu heute", heißt es in einem Posting, das die globale Erderwärmung als "Klimaschwindel" bezeichnet. Die User sehen die Aufnahme als Beweis dafür, dass die Erderwärmung natürlich ist, ein anderer User schreibt: "Das Klima wandelt sich, doch ist das kein Beweis dafür, dass der Mensch der Verursacher ist."

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 08.06.2022

User stellen immer wieder die Existenz des menschengemachten Klimawandels infrage. AFP prüfte bereits Behauptungen, wonach die Erderwärmung natürlich und nicht ungewöhnlich sei oder dass für die Klimaerwärmung nicht der Mensch, sondern die Sonne oder Veränderungen in der Erdumlaufbahn verantwortlich seien. Medien würden die Erderwärmung mit angeblich selektiven Temperaturdaten oder irreführenden Grafiken lediglich dramatisieren. AFP überprüfte außerdem bereits eine ähnliche Behauptung, wonach es schon 1957 in Deutschland angeblich zu einer Temperatur von 56 Grad gekommen sei. Auch die aktuell verbreiteten Postings bezweifeln anhand eines einzelnen Extremwetterereignisses die Rolle des Menschen für die globale Erderwärmung.

Der Elbpegelstand von 1904

Eine Bildrückwärtssuche nach der historischen Aufnahme führte AFP zu mehreren Artikeln der "Sächsischen Zeitung", die die Fotografie aus der Sammlung von Archivar Holger Naumann in Berichten über das Dresdner Niedrigwasser von 1904 verwendet (hier, hier). Die Zeitung beschreibt darin, wie es seit Ende Mai 1904 in der Region kaum mehr regnete und der Elbpegel fiel. Das Wasser sank so weit, dass laut "Sächsischer Zeitung" zahlreiche Dresdnerinnen und Dresdner am nun begehbaren Grund der Elbe nach Schätzen suchten.

Auch historische Berichte bezeugen das fehlende Wasser von 1904. "Der sächsische Erzähler" berichtete in seiner Ausgabe vom 9. August 1904: "Dresden. Der Anblick der Elbe ist nach der Einstellung allen Dampferverkehrs sehr traurig. Über zwanzig der schmucken Schiffe, die sonst das Flussbild beleben, liegen oberhalb und unterhalb der Augustusbrücke am Ufer und sind zur Untätigkeit gezwungen, in einer Zeit, wo sie sonst stark besetzt stromaufwärts und -abwärts zu fahren pflegen."

Dominik Rösch, Sprecher der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG), erläuterte am 13. Juni den Grund des damaligen Niedrigstandes: "Als Hauptursache ist eine anhaltende sommerliche Trockenheit im Einzugsgebiet des Pegels zu nennen, sowie – im Vergleich zur heutigen Situation – der noch fehlende Talsperreneinfluss." In den 1950er- und 1960er-Jahren seien in Tschechien große Talsperren in Betrieb genommen worden, die seither die Durchflusswerte bei Niedrigwasser erhöhten.

Niedrige Wasserdurchflusswerte seien zwar selten, würden jedoch durchaus immer wieder vorkommen, erklärte BfG-Sprecher Rösch. Die Werte etwa der Jahre 1934, 1935, 1947 oder 1952 seien vergleichbar niedrig. Die nachfolgende Grafik der Bundesanstalt für Gewässerkunde zeigt den mittleren Tagesdurchfluss (NQ) am Pegel Dresden ab dem Jahr 1890. Die schwarzen Säulen ab 1961 enthalten den genannten Talsperreneffekt. Während der Abwärtstrend der letzten Jahrzehnte zwar nicht statistisch signifikant war, seien die trockenen Jahre von 2015 bis 2019 auffällig. Diese traten lauf BfG in ähnlicher Weise auch in anderen Flussgebieten auf und waren "vor allem klimabedingt".

Mittlere Tagesdurchflüsse (NQ) am Pegel Dresden ab 1890, zur Verfügung gestellt von der Bundesanstalt für Gewässerkunde ( BfG)

Kein Gegenbeweis zum Klimawandel

Ein Beweis gegen den menschengemachten Klimawandel ist das Niedrigwasser von 1904 allerdings nicht. Matthias Mauder ist Professor für Meteorologie an der Technischen Universität Dresden. Am 3. Juni schrieb er an AFP: "Generell ist es wissenschaftlich nicht haltbar aus Einzelereignissen wie dem von 1904 auf eine Veränderung des Klimas zu schließen."

Das Max-Planck-Institut für Meteorologie genauso wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) erklären online den Unterschied zwischen Klima und Wetter. Wetter ist der Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt, während Klima eine Zusammenfassung des Wetters über einen langen Zeitraum meint.

Aus solchen Klimadaten über 30 Jahre gehe "ganz klar hervor, dass sich das Klima gegenüber der vorindustriellen Zeit global bereits um mehr als ein Grad Celsius erwärmt habe", erklärte Mauder.

Auch Uwe Grünewald sieht die Erderwärmung durch das Niedrigwasser von 1904 nicht entkräftet. Grünewald war Universitätsprofessor für Hydrologie und Wasserwirtschaft an der TU Cottbus, der heutigen Brandenburgischen Technischen Universität. "Das Niedrigwasser von 1904 (an der Elbe) als 'Beweis für einen Klimaschwindel' oder Ähnliches anzuführen greift zu kurz!"

Er verwies außerdem auf einen von ihm verfassten Beitrag aus dem Juli 2021, der einen Überblick über Dürre- und Trockenperioden der letzten 2000 Jahre in Europa gibt. Dafür gebe es nicht nur meteorologische und klimatologische Ursachen, auch der vom Menschen verursachte Landnutzungswandel spiele eine Rolle. Dazu zählen etwa Entwaldung, Flächenversiegelung und der Verlust von Mooren. Erklärungen für Niedrigwasser, die auf nur eine Ursache zurückgehen, würden damit ebenfalls zu kurz greifen.

Auch der Sprecher der Bundesanstalt für Gewässerkunde schrieb: "Die Auswirkungen auf den Wasserhaushalt von Flussgebieten sind ausgesprochen komplex." Bei einzelnen Extremereignissen spielten Zufall und zahlreiche spezifische Gegebenheiten und Abläufe eine wichtige Rolle.

Trotzdem wies Sprecher Rösch die Behauptung vom "Klimaschwindel" zurück: "Es kann nicht ein einzelnes Extremereignis an einem Pegel beziehungsweise Fluss herangezogen werden, um einen anthropogenen Einfluss auf den Klimawandel in Frage zu stellen. Dies gilt besonders auch für das thematisierte Niedrigwasserereignis von 1904, bei dem die lokalen und regionalen Randbedingungen am Pegel, im Gewässer und in dessen Einzugsgebiet berücksichtigt werden müssen." Extreme Ereignisse könnten unter verschiedenen Klimabedingungen auftreten.

Effekte der globalen Erderwärmung

Die "Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 für Deutschland" des Umweltbundesamtes beschäftigt sich mit durch den Klimawandel verursachten Gefahren. Zu Niedrigwasser heißt es dort: "Der Klimawandel wirkt sich aufgrund veränderter atmosphärischer Zirkulationsmuster (Windfelder und Wetterlagen) und Wasserhaushaltsgrößen (Niederschlagsmenge und -art sowie verdunstungssteuernde Größen) auf die Intensität, Häufigkeit und Dauer von Niedrigwasserereignissen an Flüssen aus."

Auch Extremwetterereignisse hängen teilweise mit dem Klimawandel zusammen. Eine Studie internationaler Klimaforscherinnen und -forscher bestätigte den Zusammenhang zwischen der Erderwärmung und der Hochwasserkatastrophe von 2021 in Deutschland.

Laut einer 2020 veröffentlichten Analyse des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV) müssten bereits heute betroffene Regionen in Deutschland aufgrund des Klimawandels mit intensiveren Niedrigwasserereignissen rechnen. Zukunftsprojektionen würden außerdem Gefährdungen durch Hochwasser oder Hangrutschungen aufgrund des Klimawandels zeigen.

Solche Auswirkungen des Klimawandels bestätigt auch die Helmholtz-Klima-Initiative, ein Zusammenschluss mehrerer deutscher Forschungszentren. "Eine Folge des Klimawandels in Deutschland ist die Zunahme von Starkregenereignissen", heißt es auf der Website der Initiative und weiter: "Geht der Klimawandel ungebremst weiter, wird mit einer starken Risikozunahme in Bezug auf Trockenheit und deren Folgen gerechnet. Eine globale Erwärmung um weitere drei Grad Celsius würde zum Beispiel für Teile Südwestdeutschlands gegenüber dem Zeitraum 1971 bis 2000 eine Verdoppelung der Zeiten unter Dürre bedeuten."

Das ist nicht zwingend ein Widerspruch. Eine 2021 im Fachjournal "Science Advanced" veröffentlichte Studie erklärt. Die Erderwärmung mache das Klima in etwa zwei Dritteln der Welt unausgeglichener. "Das bedeutet größere Schwankungen zwischen nassen und trockenen Extremen." Für Sachsen sei eine Änderung der Niederschlagsmenge allerdings trotz der weiteren Erwärmung nicht zwingend zu erwarten, erklärte Matthias Mauder.

BfG-Sprecher Rösch fasste zusammen: "Es gibt zahlreiche Naturereignisse, die mit dem Klimawandel der letzten Jahrzehnte im Zusammenhang stehen oder in Zukunft erwartet werden."

Mensch verursacht Klimawandel

Die derzeit beobachtete Erderwärmung lässt sich nach wissenschaftlichem Kenntnisstand eindeutig auf den Menschen zurückführen. Der Weltklimarat IPCC veröffentlicht regelmäßig Berichte, die in der Wissenschaftsgemeinschaft als zuverlässige und anerkannte Quelle zur globalen Erwärmung angesehen sind. Im ersten Teil des am 9. August 2021 veröffentlichten sechsten Sachstandsberichts hieß es: "Es ist eindeutig, dass der Einfluss des Menschen die Atmosphäre, Ozeane und die Landflächen erwärmt hat."

Auch laut der Bundesanstalt für Gewässerkunde ist der Mensch Treiber zahlreicher Umweltereignisse: "Leitindikator und wichtiger Motor zahlreicher klimawandelbezogener Entwicklungen in globaler und regionaler Größenordnung ist die Lufttemperatur, deren Anstieg deutlich und ursächlich abgesichert dem Menschen zuzuordnen ist. Schon allein aus diesem Grund ist es unsinnig, einen 'Klimaschwindel ' zu vermuten."

Meteorologe Matthias Mauder schrieb ebenfalls: "Diese Erwärmung wäre ohne die Verbrennung fossiler Brennstoffe nicht denkbar. Solange die Menschheit weiterhin CO2 durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre emittiert, wird diese Erwärmung weitergehen."

Fazit: Der Mensch ist maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich. Einzelne Wetterereignisse wie das Niedrigwasser von 1904 stellen den menschengemachten Klimawandel nicht infrage, wie mehrere Experten gegenüber AFP bestätigen. Die globale Erderwärmung kann Extremwetterereignisse wie Niedrigwasser und Dürren verstärken.

KLIMA