Dieser Vergleich von Extremtemperaturen führt in die Irre

Copyright © AFP 2017-2022. Alle Rechte vorbehalten.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben Ende Juni die Berichterstattung über eine Hitzewelle im deutschsprachigen Raum als reine Panikmache bezeichnet. Da es auch früher bereits heiße Tage gegeben habe, seien die Temperaturen im Juni 2022 nicht außergewöhnlich. Die als Vergleich zu früheren Höchstwerten angeführten Artikel aus den Jahren 1957 und 1975 sind irreführend. Ein Bild zeigt allerdings lediglich eine Prognose, ein weiteres einen im Inneren einer Uhr gemessenen Wert. Klimaforschende sind sich einig, dass die Anzahl der heißen Tage aufgrund des Klimawandels zunimmt.

In einer Collage sind übereinander drei Artikel zu sehen: Zwei Berichte der deutschen "Bild"-Zeitung aus den Jahren 1975 und 1957 sowie ein aktueller Artikel der österreichischen "Kronen Zeitung". Sie sollen zeigen, wie überzogen Medien aktuell über Tage mit hohen Temperaturen berichten, die bereits früher immer wieder vorkamen. Tausende User verbreiteten den Vergleich auf Facebook (hier, hier, hier).

Die Behauptung: Die Berichterstattung über die Hitzewelle vom Juni 2022 empfinden die Nutzerinnen und Nutzer als "Panikmachjournalismus". Zu den drei Nachrichtenartikeln schreiben User: "So werden wir tagtäglich durch die Medien angelogen!", oder "Auch früher gab es im Sommer heiße Tage."

Facebook-Screenshot der Behauptung: 22.06.2022

Immer wieder nehmen User einzelne Wetterereignisse zum Anlass, um den menschengemachten Klimawandel und seine Auswirkungen zu relativieren. Nutzerinnen und Nutzer stellten etwa den aktuellen Klimawandel anhand eines Niedrigwassers im Jahr 1904 in Frage. AFP prüfte außerdem bereits Behauptungen, wonach die Erderwärmung natürlich und nicht ungewöhnlich sei oder dass für die Klimaerwärmung nicht der Mensch, sondern Sonnenzyklen oder Veränderungen in der Erdumlaufbahn verantwortlich seien.

Bericht von 1975 war nur Prognose

"40 Grad Hitze. Jetzt wird das Wetter lebensgefährlich!", titelte die "Bild"-Zeitung am 8. August 1975. Christian Senft, Sprecher der "Bild"-Gruppe, bestätigte am 21. Juni 2022 gegenüber AFP die Echtheit des Artikels. Der Artikel wurde bereits in der Vergangenheit dafür benutzt, um die aktuelle Erderwärmung anzuzweifeln, wie Faktenchecks von dpa und "Correctiv" aus dem Jahr 2019 zeigen.

Bei der Schlagzeile handelt es sich allerdings um keinen gemessenen Wert in Deutschland, sondern lediglich um eine Prognose, die dann nicht eintrat. Dass es sich nur um eine Vorhersage handelt, wird auch im Beitragstext klar, der in den aktuell geteilten Postings allerdings meist kaum lesbar ist. Dort steht: "Am Sonntag könnten es 40 Grad im Schatten werden, meint der Diplom-Meteorologe Rainer Ripke vom Wetteramt Essen. Damit wäre der Sonntag der heißeste Tag in diesem Jahrhundert."

Die möglicherweise auftretenden 40 Grad waren also auch für die Berichterstattung im Jahr 1975 eine Besonderheit. Dazu kam es am Sonntag, den 10. August 1975 aber gar nicht. Auf der Seite des Deutschen Wetterdienstes (DWD) lassen sich historische Temperaturdaten einsehen. Am 10. August 1975 wurden an drei Messstationen in Deutschland eine Temperatur über 35 Grad gemessen: In Ahrensburg lag die Höchsttemperatur bei 35,4 Grad, in Bremen und Worpswede-Hüttenbusch bei je 35,2 Grad. In Essen – ein Meteorologe des dortigen Wetteramtes kam im "Bild"-Bericht zu Wort – waren es am 10. August 30,8 Grad.

Temperaturen von 40 Grad gabes in ganz Deutschland an diesem Tag nicht. Die Werte von 35,4 beziehungsweise 35,2 Grad waren auch die höchsten im Zeitraum zwischen dem 8. August 1975, dem Tag des Erscheinens des "Bild"-Artikels, und dem 24. August, zwei Wochen nach der Prognose.

Maximalwerte der täglich gemessenen Temperaturen am 10. August 1975 ( Deutscher Wetterdienst / DWD)

Der Sommer 1975 war allerdings tatsächlich besonders warm. Der DWD fasste 2002 in einem Klimastatusbericht Wetter- und Klimaereignisse des 20. Jahrhunderts zusammen. Zum August 1975 heißt es dort: "wärmster August seit 1851".

Temperatur 1957 in einer Uhr gemessen

Die "Bild"-Schlagzeile vom 7. Juli 1957 ist ebenfalls echt, wie "Bild"-Sprecher Christian Senft erneut bestätigte. Bereits im Juni 2021 hatten User den Bericht zum Anlass genommen, um die Erderwärmung zu hinterfragen, was AFP damals in einem Faktencheck überprüfte.

Auch hier ist in den aktuell verbreiteten Beiträgen ein wichtiges Detail nicht mehr zu erkennen. Im Kleingedruckten steht: "Bei 56 Grad im Gehäuse versagte die Bahnhofsuhr von Wanne-Eickel den Dienst." Bei den 56 Grad aus der "Bild"-Überschrift handelt es sich also nicht um normal gemessene Lufttemperaturen, sondern um die Temperatur im Gehäuse einer Uhr.

"Bild am Sonntag" vom 7. Juli 1957, Hervorhebung durch AFP

Anfang Juli 1957 war es tatsächlich außergewöhnlich heiß. Der Bonner "General Anzeiger" berichtete 2017 in einer Rückschau auf den Juli 1957 von Temperaturen bis zu 37 Grad in Bonn, sogar der Teer auf dem Dach des Bundeshauses habe sich damals gelöst, heißt es im Artikel. Ein Blick in die Temperaturdaten des DWD vom Juli 1957 zeigt einen Höchstwert von 39,3 Grad am 7. Juli 1957 in Bad Blankenburg in Thüringen.

Einen Wert von 56 Grad gab es übrigens überhaupt noch nie in Deutschland. Der bisher gemessene deutsche Höchstwert ist weit davon entfernt – er lag bei 41,2 Grad, gemessen am 25. Juli 2019 in den beiden nordhrein-westfälischen Stationen Duisburg-Baerl und Tönisvorst.

Die auf dem Kontinent Europa am höchste je gemessene Temperatur lag laut Weltmeteorologie-Organisation (WMO) 1977 bei 48,0 Grad in Spanien. Weltweit war die höchste je gemessene Temperatur 56,7 Grad im Juli 1913 im US-amerikanischen Death Valley.

Das Interview von 2022

Der dritte Bericht ist ebenfalls echt. Er erschien am 17. Juni 2022 in der österreichischen "Kronen Zeitung". Darin spricht Meteorologe Klaus Reingruber über den kommenden Sommer. An einer Stelle antwortet er auf die Frage, ob die Wahrnehmung vieler Menschen, es gebe kein normales Wetter mehr, richtig sei. Im Interview erklärt er daraufhin: "Es ist schon so, dass Temperaturen um 34 oder 35 Grad ungewöhnlich sind, das hat es früher nicht gegeben. Aber es ist nicht so, dass es eine Aneinanderreihung von wilden Ereignissen ist, so ist das nicht."

Die Artikelüberschrift "Um die 35 Grad, das hat es früher nicht gegeben" bezog sich also darauf, dass 35 Grad früher ungewöhnlich gewesen seien, nicht dass es früher noch nie 35 Grad gegeben hatte. Am 22. Juni 2022 von AFP kontaktiert, erläuterte Reingruber seinen Standpunkt. Im Interview mit der "Kronen Zeitung" bezog er sich darauf, dass 35 Grad für den Sommeranfang ungewöhnlich seien, was auch durch Klimamodelle belegt werden könne, nicht, dass es noch nie 35 Grad gegeben habe.

Eine Auswertung der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (Zamg) vom Mai 2022 zeigte etwa, dass die 30-Grad-Marke in Österreich mittlerweile um durchschnittlich eineinhalb Wochen früher erreicht wird als noch vor einigen Jahrzehnten. Zur Anzahl der Hitzetagen mit mehr als 30 Grad, schrieb die Zamg 2021: "Was früher ein Rekord war, ist heute Durchschnitt." Dieser Trend könne sich bei einem weltweit ungebremsten Ausstoß von Treibhausgasen weiter zuspitzen.

Kurz nach Erscheinen des Artikels kam es in Österreich tatsächlich zu ungewöhnlich hohen Temperaturen. In Vorarlberg wurde am 19. Juni mit 36,5 Grad ein neuer Hitzerekord für den Juni gemessen.

Zunahme von Hitzewellen

Auch wenn nicht jedes einzelne Extremwetterereignis auf den Klimawandel zurückzuführen ist, lässt sich eine systematische Veränderung des Klimas feststellen.

Eine Zeitreihe des Deutschen Wetterdienstes zeigt die jährlichen Temperaturabweichungen in Deutschland. Die Anomalien nach oben in roter Farbe nehmen dabei in den letzten Jahren klar zu, die Abweichungen nach unten in blau ab. Der allgemeine Trend, eingezeichnet mit der gestrichelten Linie, geht dabei nach oben.

Temperaturanomalien Jahr in Deutschland ( Deutscher Wetterdienst / DWD)

Dass Sommer in Deutschland, Österreich und der Schweiz immer heißer werden und Hitzewellen zunehmen stellten DWD, Zamg und das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz in einer gemeinsamen Auswertung bereits 2020 fest. In den vergangenen 40 Jahren zeichne sich ein Trend zunehmender Hitze-Extrema ab, Hitzetage mit mindestens 30 Grad würden immer häufiger.

Auch der europäische Klimadienst Copernicus (C3S) stellte Ende April 2022 in seinem Jahresbericht fest, dass der Sommer 2021 mit einem Grad Celsius über dem Durchschnitt der letzten 30 Jahre der heißeste je gemessene in der europäischen Geschichte gewesen sei.

Forschende auf der ganzen Welt sind sich über die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung einig. Das deutsche Umweltbundesamt (UBA) schrieb 2022 auf seiner Website: "Der Klimawandel führt nachweislich vermehrt zu extremer Hitze am Tag und in der Nacht."

Fazit: Heiße Temperaturen nehmen zu. Alte Artikel von bereits in den 1950er- und 1970er-Jahren gemessenen Temperaturen sind irreführend – sie zeigen keine tatsächlichen Lufttemperaturen, sondern eine Prognose sowie einen Bericht über das heiße Innere eines Uhrengehäuses. Meteorologische Institute in Deutschland, Österreich und der Schweiz verzeichnen eine Zunahme von Hitzetagen.

KLIMA