Das ukrainische Militär hat aktuell keine Wehrpflicht für Frauen erlassen

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Hunderte User haben Mitte Juni 2022 einen Artikel auf Facebook geteilt, in dem behauptet wird, das ukrainische Militär verpflichte nun alle wehrfähigen Frauen zum Wehrdienst. Belegen soll das ein offiziell wirkendes Dokument. Ukrainische Behörden dementieren jedoch die Wehrpflicht für Frauen und auch die Echtheit des verbreiteten Dokuments, das auch einige Fehler enthält. In der Ukraine gibt es allerdings eine allgemeine Wehrpflicht für Männer.

Hunderte User haben die Artikel über die Wehrpflicht für Frauen Mitte Juni 2022 auf Facebook geteilt (hier, hier). Auch auf Twitter und Telegram kursierte ein entsprechender Artikel der Plattform Report 24, der mittlerweile aktualisiert wurde. AFP hat Report 24 bereits mehrfach auf irreführende und falsche Artikel überprüft (etwa hier, hier, hier, hier).

Die Behauptung: Im geteilten Artikel wird behauptet, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe den Einzug aller ukrainischen Frauen zwischen 18 und 60 Jahren bis zum 31. Juni 2022 befohlen. Das soll ein geteiltes Dokument belegen. Grund für die Maßnahme seien "unvorstellbar schreckliche" Verluste auf ukrainischer Seite. Facebook-User kommentieren diese angebliche Maßnahme mit den Worten: "Es ist dabei unerheblich, ob es sich um Mütter mit Kindern handelt. Das könnte die Grausamkeit der Diktatoren im zweiten Weltkrieg noch übertreffen."

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 28.6.2022

Seit der Invasion russischer Truppen in der Ukraine im Februar 2022 kursieren immer wieder falsche Informationen über den Krieg. So auch (hier, hier) über die tatsächliche Generalmobilmachung von 18- bis 60-jährigen Männern in der Ukraine im Februar 2022, denen die Ausreise untersagt ist (hier, hier, hier). Die aktuell verbreitete Behauptung steht auch im Kontext einer bereits vor dem Krieg geplanten Musterung von Frauen für das Militär im Oktober 2021. Über diese gab es in der Ukraine Streit. Mit dieser Registrierung führte die Ukraine allerdings noch keine allgemeine Wehrpflicht für Frauen ein. Dennoch kämpfen auch Frauen unter den Streitkräften (hier, hier).

Zweifel an der Echtheit des verbreiten Dokuments

AFP hat das ukrainischsprachige Dokument übersetzt. Es soll angeblich vom Generalstab der Streitkräfte in der Ukraine stammen und vom Generalleutnant C. O. Schaptala unterzeichnet worden sein. Darin heißt es auf Grundlage zweier Gesetze zur Mobilmachung (Nummer 69 von 2022) und zur Musterung von Frauen (Nummer 313 von 2021) angeblich:

"Ich befehle: Erstellen Sie bis zum 15. Juni 2022 Listen der beim Militär registrierten Frauen gemäß der Anordnung des Verteidigungsministeriums der Ukraine und führen Sie Mobilisierungsaktivitäten durch. Organisieren Sie bis zum 31. Juni 2022 Veranstaltungen zur Registrierung von Frauen im Alter von 18 bis 60 Jahren und ohne Einschränkungen. Bereiten Sie Pläne für den Einsatz und die allgemeine militärische Ausbildung der gemäß diesem Befehl mobilisierten Personen vor."

Faktencheck-Organisationen haben in der Vergangenheit immer wieder angebliche offizielle Dokumente geprüft und darin offensichtliche Fehler (hier, hier) wie etwa falsche Berufsbezeichnungen gefunden. Auch in dem aktuell geteilten Dokument gibt es Ungereimtheiten, die an der Echtheit des Dokuments zweifeln lassen.

Bereits auf den ersten Blick scheinen das Datum und die Nummer im Briefkopf des Befehls in einer untypischen Schriftart eingetragen worden zu sein. Auch im originalen Behörden-Schreiben werden die Daten teils händisch oder analog (hier, hier), teils digital eingetragen (hier, hier), allerdings in anderen Layouts und Schriftarten. Die einzelnen Textblöcke sind dabei teils pixelig umrandet und haben im Hintergrund eine andere Farbe als der Rest des Dokuments. Das ist besonders bei der Unterschrift deutlich sichtbar.

Screenshot des verbreiteten Befehls mit Einkreisungen durch AFP der zweifelhaften Stellen: 28.06.2022

Viele offizielle Dokumente sind außerdem online abrufbar. AFP hat nach dem Dokument des "Generalstabs der Streitkräfte in der Ukraine" mit der Nummer 321 online gesucht, auch mit verschiedenen ukrainischen Textpassagen. AFP hat online keinerlei Hinweise auf die Existenz dieses Dokuments gefunden. Auch auf der Seite des übergeordneten Verteidigungsministeriums fand AFP keine Hinweise auf dieses Dokument.

Bei der Suche nach dem Generalleutnant "C. O. Schaptala" (Ukrainisch: "Шаптала") fand AFP tatsächlich den Generalleutnant Sergij Oleksandrowitsch Schaptala. Seine Rangbezeichnung ist korrekt. Allerdings sind von ihm unterzeichnete Befehle in den öffentlich zugänglichen Dokumenten üblicherweise ohne das "O.", das für seinen Vatersnamen steht, unterschrieben (etwa hier, hier, hier). In dem auf Facebook verbreiteten Dokument ist dieser Zusatz aber enthalten. Vatersnamen sind in einigen slawischen Ländern ein üblicher Bestandteil des offiziellen Namens, der auf dem Vornamen des Vaters beruht.

Ein offensichtlicher Fehler ist, dass der angebliche Befehl zur Mobilmachung der ukrainischen Frauen zum 31. Juni 2022 umgesetzt werden soll. Der Juni 2022 hat allerdings keinen 31. Tag, er endet bereits am 30. Juni 2022.

Ukrainische Behörden dementieren das Dokument und die Wehrpflicht für Frauen

Die ukrainische Behörde Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation untersteht dem Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine und wurde am 11. März 2021 per Präsidentendekret gegründet. Das Zentrum reagiert auf Falschinformationen über die Ukraine.

Die Behörde reagierte auch auf den aktuell geteilten Befehl zur Mobilisierung von Frauen. Am 12. Juni 2022 hieß auf Telegram: "Eine Reihe von prorussischen Telegrammkanälen verbreitete ein Foto eines Dokuments, das angeblich vom Chef des Generalstabs der Streitkräfte der Ukraine, S. Shaptala, unterzeichnet wurde [...] diese Informationen sind jedoch nicht wahr und das Dokument selbst ist gefälscht."

Weiter heißt es: "Wenn wir über die aktuelle Situation sprechen, besteht jetzt keine Notwendigkeit für die Zwangsrekrutierung von Frauen."

Auch der Leiter des regionalen Militäreinberufungsbüros in Lwiw erklärte am 1. Juni 2022 gegenüber "Lviv.Media" Ähnliches: "Die Einberufung von Frauen zum Militärdienst während der Mobilmachung ist nur mit ihrer Zustimmung möglich. Das Gesetz der Ukraine sieht keine obligatorische Wehrpflicht von Frauen für die Mobilisierung vor, und es besteht derzeit keine Notwendigkeit dafür."

AFP fand darüber hinaus keine Medienberichte über von der ukrainischen Regierung in den Krieg gezwungene Frauen.

AFP hat auch bei der ukrainischen Botschaft in Berlin nach der Wehrpflicht für Frauen gefragt. Die Botschaft verwies am 23. Juni 2022 auf eine Äußerung der stellvertretenden Verteidigungsministerin Hanna Maliar, die auch in mehreren ukrainischen Medienberichten (hier, hier) vom Juni 2022 zu finden ist: "Bei uns steht heutzutage keine Frage zur Mobilisierung von Frauen auf der Agenda, also ist es klar: Dies ist nicht die einzige Fälschung, die Russland auf den Markt bringt."

Maliar erklärte allerdings auch: "Wir können nicht vorhersagen, was morgen oder übermorgen in dieser Situation passieren wird, weil die Frage der Mobilisierung direkt von der Situation an der Front abhängt. Bis heute ist die Mobilisierung völlig nach Plan verlaufen, wir haben keine Überraschungen, Störungen oder Massenfluchten."

Report 24 spricht von möglicher Fälschung

Der Blog Report 24, der über das Dokument und die vermeintliche Wehrpflicht für Frauen in der Ukraine berichtet hatte, hat mittlerweile seinen Artikel aktualisiert. In der Ergänzung erklärt der Autor, dass Zweifel an der Echtheit des Dokuments aufgekommen seien. Unter anderem, weil es den 31. Juni 2022 nicht gibt, heißt es: "Es könnte sich um einen Fehler im Original handeln – oder eben um eine Fälschung."

Fazit: Die Behauptung, das geteilte Dokument belege eine Wehrpflicht für Frauen in der Ukraine, ist falsch. Ukrainische Behörden dementieren eine solche Wehrpflicht und die Echtheit des Dokuments. Auch das Dokument selbst wirft an mehreren Stellen Zweifel an seiner Echtheit auf.

30. Juni 2022 Datumsangabe von Juli auf Juni korrigiert
Ukrainekonflikt