Dieses Bild ist manipuliert – seine Originalversion zeigt eine Aufnahme aus der Nazi-Zeit

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Tausende User haben auf ein Facebook ein Bild geteilt, worauf eine historische Aufnahme eines vermeintlichen Zugangsverbots zu einem "Wohngebiet der Ungeimpften" zu sehen ist. Viele User stellen die Aufnahme in den Kontext der Spanischen Grippe Ende 1920. Das Foto ist allerdings manipuliert, es stammt aus dem 1961 veröffentlichten Film "Eichmann und das Dritte Reich", der unter anderem das Leben von Jüdinnen und Juden in Ghettos thematisiert.

Die Geschichte wiederhole sich. Dieser Ansicht sind im April Tausende von Usern auf Facebook. Sie teilen das Schwarz-Weiß-Bild zweier Soldaten vor Stacheldraht und einem großen Schild, darauf steht: "Wohngebiet der Ungeimpften (...) Betreten Verboten" (hier, hier, hier, hier).

Unter dem Bild heißt es in den Postings etwa ohne nähere Zeitangabe: "Ein Bild aus lange vergessenen Zeiten, das heute leider wieder an Aktualität gewinnt!" Andere User werden genauer und ziehen einen klaren zeitlichen Bezug: "1918...Wollt ihr eine Wiederholung? Habt ihr nichts daraus gelernt? (...) Spanische Grippe 1918...100 Jahre später deja vu???"

Facebook-Screenshot: 29.04.2021

Immer wieder tauchen vermeintlich historische Fakten auf, die aktuelle Probleme der Corona-Pandemie bereits vor langer Zeit thematisiert haben sollen. Dazu gehörte etwa eine angeblich dokumentierte Foltermethode aus dem alten Ägypten, die heutigen Corona-Tests gleichgekommen sei. Dazu gehörte auch eine Zeichnung aus den 60er-Jahren, die das distanzierte Leben 2022 vorhergesagt haben soll. Auch die deutsche Geschichte spielt häufig eine Rolle, etwa bei diesem falschen Zitat von Sophie Scholl über die schweigende Mehrheit der Bevölkerung. Das jetzt verbreitete angebliche Wohngebietsbild vom Anfang des 20. Jahrhunderts gehört ebenfalls in diese Reihe an Falschbehauptungen.

AFP hat eine Bildersuche nach der Aufnahme durchgeführt. Diese führte zu einem Eintrag der Filmdatenbank IMDB über den Film "Eichmann und das Dritte Reich" aus dem Jahr 1961. Hier ist das Original (links) der Aufnahme zu sehen, in der nicht das Wort "Ungeimpften", sondern das Wort "Juden" zu lesen ist. Außerdem handelt es sich bei den beiden Wachen eindeutig um Soldaten der deutschen Wehrmacht, wie ihre Uniform zeigt.

Links das Original aus dem Film "Eichmann und das Dritte Reich", rechts die aktuell verbreitete Aufnahme. Screenshots: 29.04.2021

Die Aufnahme aus dem Dokumentarfilm findet sich noch in zahlreichen anderen Bilddatenbanken wieder (hier, hier, hier). Das Jüdische Museum Berlin schrieb über den Film:

"Aus Archivbildern erstellt der Dokumentarfilm Eichmann und das Dritte Reich ein Panorama des nationalsozialistischen Antisemitismus bis hin zu den Deportationen der europäischen Jüd*innen. Einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von sechs Millionen Menschen war der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der nach dem Krieg untertauchen und nach Argentinien fliehen konnte. 1961 wurde er in Israel vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt."

Es kann weiterhin zur Zeit der Spanischen Grippe keine Ghettos für Ungeimpfte gegeben haben, weil es keine Impfungen gab. Das hat AFP bereits in einer Überprüfung im September 2020 festgestellt. Die erste Massenproduktion einer Grippeimpfung begann demnach erst während des Zweiten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten.

Fazit: Die Originalaufnahme aus einem Dokumentarfilm zeigt ein Ghetto für Jüdinnen und Juden und kein Lager für Ungeimpfte, nicht während des Zweiten Weltkriegs noch während der Spanischen Grippe. Der Schriftzug wurde im Nachhinein manipulativ verändert.

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