Die Impfung gegen die Spanische Grippe tötete 1918 keine 50 Millionen Menschen

Copyright © AFP 2017-2020. Alle Rechte vorbehalten.

Ein auf Facebook tausendfach geteiltes Meme behauptet, 50 Millionen Menschen seien im Jahr 1918 an den Folgen einer Impfung gegen die Spanische Grippe gestorben. Diese Behauptung ist falsch. Es gab 1918 keine Impfung gegen die Spanische Grippe. Die erste Massenproduktion einer Grippeimpfung begann erst während des Zweiten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten.

Seit Mitte August 2020 haben Nutzerinnen und Nutzer das Meme mehr als 2000 Mal auf Facebook geteilt. Zum Beispiel hier, hier, hier und hier.

 
Screenshot des Memes mit der falschen Behauptung vom 6. September 2020

Der untere Teil des Beitrags zeigt ein historisches Schwarz-Weiß-Bild, das aus Mill Valley, Kalifornien aus dem Jahr 1918 stammt. Darauf trägt eine Frau ein Schild mit der Aufschrift "Maske tragen oder ins Gefängnis gehen". Darüber werden mit der Aussage "Schon 1918 hieß es" Parallelen zur Gegenwart gezogen. Das Meme verbreitete sich nur eine Woche vor der großen Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin im August, an der auch viele Impfgegner teilnahmen.

1918 gab es keine Impfungen

Die Behauptung des Memes, 50 Millionen Menschen seien an den Folgen der Impfung gestorben, ist falsch. Prof. Dr. Volker Hess, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité Universitätsmedizin Berlin, sagt der AFP via Email: "Es hat damals keine Grippe-Impfung gegeben. Man wusste nicht einmal, worum es sich bei dieser neuen Krankheit genau gehandelt hat." Weiter erklärt er: "Wie wir ja gerade erleben, braucht die Entwicklung eines Impfstoffes eine gewisse Zeit – auch damals."

Das Journal of Preventive Medicine and Hygiene veröffentlichte hier im September 2016 einen Artikel, wonach es dem amerikanischen Virologen und Epidemiologen Thomas Francis Junior und Jonas Edward Salk erstmals 1938 gelang, die amerikanischen Streitkräfte zu schützen. Salk nutzte diese erfolgreichen Erfahrung später, um 1952 einen wirksamen Polio-Impfstoff zu entwickeln.

Massenhafte Impfstoff-Produktion dann erstmals um 1944 in den USA

Die Idee zur Grippeimpfung kam zwar schon 1918 auf, die tatsächliche Umsetzung erfolgte aber wesentlich später. Harald Salfellner, Medizinhistoriker, Grippeforscher und Autor des Buches "Die Spanische Grippe: Eine Geschichte der Pandemie von 1918" (erschienen im April 2020), sagt der AFP via Email: "1942 wurde in Amerika ein bivalenter Impfstoff aus inaktivierten Viren vom Typ A und Typ B lizenziert, in größeren Studien überprüft und zum zivilen Einsatz freigegeben. Die Massenherstellung von Grippeimpfstoffen setzte in den Vereinigten Staaten um 1944 ein."

Er ergänzt, dass "in zahlreichen Ländern (so auch Deutschland) überhaupt keine Massenimpfungen durchgeführt wurden." Allein die Idee des Impfens reichte aber bereits, um Ängste zu schüren. Sein Fazit zu angeblichen Impftoten: "Es ist schlicht Nonsens. Schon 1918 stieß jedoch eine irrationale Impfkritik besonders durch die Naturheilapostel und Homöopathen auf eine große und gläubige Anhängerschaft  Bis heute kursieren bis tief in die ärztlichen Kreise hinein alternative Wahnideen."

Somit ist klar, dass es keine Toten durch Impfungen gegen die Spanische Grippe gab. Es ist nicht einmal klar, wieviele Menschen an der Grippe selbst gestorben sind – die Zahl kann nur geschätzt werden. Expertinnen und Experten gehen von einer Spanne von 20 bis 50 Millionen Toten aus. Wie etwa in dieser Präsentation eines Vortrags von Birgit Ross am Universitätsklinikum Essen.

Das Center for Disease Control and Prevention dagegen geht hier von mindestens 50 Millionen Toten weltweit aus. Das Journal of Preventive Medicine and Hygiene setzt wiederum an der Untergrenze der Spanne an: "Die Pandemie der Spanischen Grippe in den Jahren 1918-1919 verursachte weltweit schätzungsweise 21 Millionen Todesfälle", heißt es im Journal-Beitrag.

Umgang mit der Spanischen Grippe in den 1920er Jahren

Weil es keine zuverlässigen Therapiemöglichkeiten gab, lag der Schwerpunkt im Umgang mit der Spanischen Grippe auf der Infektionsprävention, sagt Salfellner. Es gab nach seiner Einschätzung einige nutzlose Empfehlungen, wie die Verabreichung von Chinin, das Trinken von Whiskey oder die Spülung von Mund und Rachen mit Hypermangan. "Man propagierte die räumliche Separation erkrankter Familienmitglieder – eine Maßnahme, die in den ärmlichen Arbeiterunterkünften in der Vorstadt jedoch kaum Aussicht auf Umsetzung hatte", sagt Salfellner.

Gleichzeitig wurden "nützliche Maßnahmen" wie in der aktuellen Corona-Pandemie empfohlen. "Die Gesundheitsämter empfahlen den Verkehr mit Familien zu vermeiden, in denen die Grippe ausgebrochen war und sich von Versammlungen sowie überfüllten und schlecht gelüfteten Räumen fernzuhalten. Aber die Verwendung von Mund-Nasen-Schutz in Mitteleuropa war die Ausnahme”, sagt Salfellner.

Auch damals gab es Kritik an der Maßnahme. "Man verglich die Gaze-Schutzmasken mit den Pestschnäbeln der Pestdoktoren und empfand das Tragen solcher Masken als unzumutbar", sagt Salfellner.

Das sei in der Schweiz, in Frankreich und in Teilen der USA anders gewesen. "Es gab berechtigte Diskussionen über die Bakteriendichtigkeit – von ultramikroskopischen Viren ganz abgesehen", sagt Salfellner. Über weitere historische Hintergründe im Umgang mit der Spanischen Grippe schrieb er in diesem Artikel für die österreichische "Ärzte Woche".

Foto zeigt Menschen in Kalifornien im Jahr 1918

Das Meme auf Facebook zeigt tatsächlich ein historisches Foto mit Maskenträgern in Kalifornien. Die Google-Bilderrückwärtssuche legt verschiedene Bildquellen offen. Dieser Artikel in der New York Times erschien mit einem Verweis auf die Fotodatenbank alamy. Die Datenbank bestätigt in der Bildunterschrift der Fotos (hier), dass es sich um ein historisches Foto aus den Jahren 1918-1919 handelt.

Auch der Guardian hat das Foto hier veröffentlicht. Die Bildunterschrift verweist auf die Mill Valley Public Library in Kalifornien. Der kleine Geschichtsraum “Lucretia” der Bibliothek beherbergt originales Material zu vielen historischen Aspekten des Lebens in Mill Valley. Die Bibliothek stellte das Material zur Verfügung, aber das U.S. Institute of Museum and Library Services “California Revealed” veröffentlichte das historische Foto online mit allen Informationen hier.

CORONAVIRUS