Dieses Bild eines italienischen Künstlers zeigt ein futuristisches Fahrzeug, keine Vorhersage des Jahres 2022

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  • Veröffentlicht am 8. September 2020 um 14:58
  • 3 Minuten Lesezeit
  • Von: AFP Mexiko
  • Übersetzung: Eva WACKENREUTHER
Auf Facebook, Twitter und Instagram verbreitet sich eine Zeichnung, auf der ein italienischer Künstler bereits 1962 das öffentliche Leben im Jahr 2022 prophezeit haben soll. Das Bild zeigt in Wahrheit allerdings lediglich ein futuristisches Fortbewegungsmittel, und wie der Verkehr zukünftiger Städte hätte aussehen können.

Die Zeichnung taucht auf Facebook beispielsweise hier auf und wurde seit dem 9. August bereits über 8.100 Mal geteilt. Angeblich hat sie Walter Molino 1962 gemalt, sie soll den Titel “Leben im Jahr 2022” tragen, so die Bildbeschreibung.

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Screenshot des Postings, aufgenommen am 4. September 2020

Der Post taucht auch in anderen Sprachen mit ähnlichen Behauptungen auf. Auf Englisch wurde das Bild hier und hier, auf Spanisch hier und hier, auf Italienisch hier, auf Niederländisch hier, auf Slowakisch hier, auf Tschechisch hier und auf Portugiesisch hier gepostet. Ein Posting auf Indonesisch stellt auch eine Verbindung zwischen der Corona-Pandemie und den abgebildeten Glaskuppeln her, die angeblich vor einer Infektion schützen können.

Die Behauptung, das Bild zeige eine Zukunftsprophezeiung für das Jahr 2022, ist allerdings falsch.

Zukunftsvision

Eine Rückwärtssuche des Bildes auf Google führt zu einem 2014 veröffentlichten Blog-Beitrag. Dort wird erklärt, dass das Bild eine sogenannte Singoletta illustriere. Dabei handelt es sich um ein Fahrzeug für eine Einzelperson, wie es sich Walter Molino 1962 ausgedacht hat. Das Transportmittel hatte nicht die Aufgabe, vor Krankheiten zu schützen. Molino entwarf es, um damit die Anzahl an Staus im städtischen Verkehr zu reduzieren. Die mittlerweile eingestellte Wochenzeitung „Domenica del Corriere“ hatte die viral gegangene Zeichnung am 16. Dezember 1962 auf ihrer Rückseite abgedruckt. Die Rückseite ist hier abrufbar.

Die untere Bildhälfte zeigt einen italienischen Text. Übersetzt steht dort: „Werden Städte in Zukunft so sein? So könnten Verkehrsprobleme in Städten verbessert, wenn nicht sogar komplett gelöst werden. Anstelle von sperrigen Autos haben wir Singolettas, kleine einsitzige Wagen, die nur wenig Platz verbrauchen. So stellt sich Walter Molino das Straßenbild vor, wenn die neue Lösung großflächig umgesetzt werden würde.”

AFP hat die Archivabteilung von „Corriere della Sera“ kontaktiert. „Corriere della Sera“ ist eine italienische Tageszeitung, zu der die Wochenzeitung „Domenica del Corriere“ gehörte, die von 1899 bis 1989 erschien. Francesca Tramma, die Leiterin des Archivs, bestätigt, dass die Illustration nicht auf das Jahr 2022 anspielt: „Die Zeichnung stellt sich die Zukunft vor und bezieht sich auf das Titelbild von ‚Domenica del Corriere‘, auf dem dieselben Straßen New Yorks zu sehen sind, in denen ein Mann im Stau die Nerven verliert.”

Das hier abrufbare Cover zeigt besagten Mann auf einem Autodach inmitten eines Staus. Der italienische Text beschreibt das Bild so: „Alptraum Stau. In einer Straße in New York dreht der im Verkehr feststeckende Postbeamte George A. Compton nach einer erschöpfenden Wartezeit durch. Er hat seine Schuhe ausgezogen und klettert leichtfüßig von Auto zu Auto über den Fluss von stehenden Autos.”

Ein am 4. Juni veröffentlichter Beitrag mit dem Titel “Die Singoletta von 1962: Wie sie entstanden ist und wer die Idee hatte” zeigt auf den Seiten 6 und 7 außerdem ein Bild des ursprünglichen Artikels von 1962 über das neue Fahrzeug, das in derselben Ausgabe der Zeitung beschrieben wird. Der Artikel hat den Namen “Um das Verkehrsproblem zu lösen, schlagen wir die Singoletta vor” und beschreibt die Idee des Fahrzeugs genauer. AFP hat den gesamten Artikel gelesen – er enthält keine Anspielungen auf das Jahr 2022 oder ein anderes spezifisches Datum in der Zukunft.

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Seite 6 und 7 aus dem Innenteil von “Domenica del Corriere”

Nachdem der Post über die alte Rückseite der Zeitung viral ging, veröffentlichte die Zeitung “Corriere della Sera“ am 18. Mai 2020 einen Artikel, der auf den irreführenden Kontext der Zeichnung eingeht: „Die Singolettas, die sich wie von Walter Molino beschrieben im Verkehr bewegen, scheinen prophetisch. In Zeiten der Coronakrise sind sie eine Erinnerung an die Wichtigkeit, städtischen Verkehr zu überdenken, von neuen Regeln für öffentlichen Verkehr bis hin zu Fahrradwegen.”

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