Foto: DENIS LOVROVIC / AFP (AFP / Denis Lovrovic)

Nein, diese Studie belegt nicht die Gefahr von Spike-Proteinen in Corona-Impfstoffen

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Tausende User auf Facebook und mehr als hunderttausend auf Telegram haben eine vermeintlich skandalöse Studie über das Spike-Protein des Coronavirus geteilt. Sie beweise die Gefahr der Impfungen gegen Sars-CoV-2, heißt es in den Postings. Die Spike-Studie existiert wirklich, sie beweist aber keinerlei Risiko durch Impfungen, wie Expertinnen und Experten gegenüber AFP erklärten.

Die neue Studie soll einen vermeintlich gefährlichen Denkfehler bei den Corona-Impfungen beweisen. Demnach enthielten Covid-Impfungen sogenannte Spike-Proteine, um das Immunsystem gegen Corona in Stellung zu bringen. Genau diese S-Proteine seien aber laut der Studie selbst gefährlich. Tausende haben diese Behauptung Anfang Mai auf Facebook geteilt (hier, hier, hier), darunter auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse (hier). Auf Telegram sahen sie mehr als hunderttausend Nutzerinnen und Nutzer (hier, hier). Auf Twitter teilten ebenfalls hunderte die Behauptung, aufgestellt von Stefan Hockertz, der AFP schon öfter wegen Falschaussagen aufgefallen ist (hierhier).

Sie alle posten den Link zu einem Artikel der "Frankfurter Rundschau", der wiederum eine neue Studie über das Corona-Virus und das darin aktive Spike-Protein im wissenschaftlichen Fachjournal “Circulation Research” behandelt.

Dazu heißt es: "Diese Publikation ist eine Bombe: In Circulation Research wird gezeigt, dass das Spike-Protein zur Schädigung vaskulärer Endothelzellen beiträgt, und Corona in Wirklichkeit eine Gefäßerkrankung ist. UND DIE IMPFUNG ENTHÄLT GENAU DIESES SPIKE PROTEIN!". Andere sehen hier den Grund von vermeintlichen Herzproblemen, Schlaganfällen, Hirnvenenthrombosen. Hier heißt es: "Die massenhaften Impfungen müssen SOFORT pausiert & weitere Studien durchgeführt werden. Denn WENN das stimmt, dann verabreichen wir gerade Milliarden Menschen genau das, wogegen sie geschützt werden sollten."

Facebook-Screenshot: 06.05.2021

Falsche Informationen über Corona-Impfstoffe tauchen immer wieder auf. So hieß es in der Vergangenheit, diese machten Frauen unfruchtbar, sie sorgten für unkontrollierbares Zellsterben oder sie seien sogar radioaktiv. Auch die angeblich gefährlichen Spike-Proteine in den Impfungen gehören in diese Reihe an Falschinformationen.

AFP hat sich zunächst den Artikel der "Frankfurter Rundschau" und die darin genannte Studie angesehen. Tatsächlich haben die Forschenden eines Wissenschaftsverbunds hier das Spike-Protein im Corona-Virus untersucht. Dabei handelt es sich um jenes Protein, mit dem das Virus an Zellen andockt und in sie infiziert.

Was die Studie untersucht hat

Die neue Studie zeigt, wie dieser Andock-Prozess mit S-Proteinen die Zellen nicht nur infiziert, sondern auch beschädigt. "Viele Leute denken, dass es (Corona) sich um eine Atemwegserkrankung handelt, aber in Wirklichkeit ist es eine Gefäßerkrankung", erklärte Uri Manor, einer der Autoren der Studie, in einer Mitteilung des beteiligten Salk Institute for Biological Studies. Das wiederum könnte erklären, warum manche Menschen Schlaganfälle oder Komplikationen in anderen Teilen des Körpers zeigen, nachdem sie erkrankt sind, erklärte Manor weiter: "Die Gemeinsamkeit zwischen ihnen ist, dass sie alle vaskuläre Grundlagen haben."

Die "Frankfurter Rundschau" schreibt dazu: "Über diesen Vorgang besteht bereits ein wachsender Konsens unter Wissenschaftler:innen. Doch wie genau das geschieht, war bisher nicht bekannt. Ebenso haben Forschende, die andere Coronaviren untersuchten, schon lange vermutet, dass das Spike-Protein zur Schädigung vaskulärer Endothelzellen beiträgt, aber dies ist das erste Mal, dass der Prozess dokumentiert wurde." Endothelzellen sind spezialisierte Zellen, die die Innenseite der Blutgefäße auskleiden; "vaskulär" bedeutet so viel wie "die Blutgefäße betreffend". Die Studie bestätigt also tatsächlich, dass Covid-19 eine Gefäßerkrankung ist, jedoch nicht, dass Impfungen deshalb gefährlich sind.

Wie Corona-Impfungen funktionieren

Es stimmt, dass das Spike-Protein zur Kernstrategie von Impfungen gegen das Coronavirus gehört. Diese Impfungen enthalten das Protein selbst allerdings nicht, auch wenn das viele der aktuell geteilten Postings behaupten. Stattdessen enthalten die Impfstoffe genetische Baupläne für das Spike-Protein.

Die mRNA-Impfstoffe von Biontech, Moderna und Curevac nutzen RNA-Schnipsel, um Muskelzellen im Körper zur Produktion von Spike-Proteinen anzuregen (mehr dazu hier). Die Vektorimpfstoffe von Astrazeneca- und Johnson/Johnson schleusen die genetische Information der Spikes mithilfe von ungefährlichen Adenoviren in den Körper ein (mehr dazu hier). Das Ergebnis: Muskelzellen produzieren selbst Spike-Proteine, die die Zellen dem Immunsystem des Körpers präsentieren. Dieses reagiert und erzeugt Antikörper, die dann auch vor dem echten Coronavirus schützen.

Ist das durch Impfungen erschaffene Spike-Protein also gefährlich?

Nein. AFP hat am 5. Mai Forscherin Annette Beck-Sickinger zur Behauptung befragt. Sie leitet die Forschungsgruppe Biochemie und Bioorganische Chemie am zugehörigen Institut der Universität Leipzig. Beck-Sickinger schrieb in einer E-Mail: "Die entstandenen Spike-Proteine werden in der Muskelzelle zum Teil an der Oberfläche dem Immunsystem gezeigt oder in noch kleinere Teile geschnitten und über einen Präsentator den T-Zellen vorgeführt. Wir haben nach der Impfung somit kein freies Spike-Protein, das durch den Körper mäandert und unsere Gefäße zerstört. Die Muskelzellen sind fest im Muskel verankert."

Anders formuliert: Der in der Studie als gefährlich beschriebene Andockprozess der Spike-Proteine des Coronavirus findet bei den Impfungen überhaupt nicht statt. Deswegen kann auf diese Weise auch keine Gefahr von ihnen ausgehen.

Diesen Umstand bestätigt auch eine in diesem Jahr veröffentlichte Forschungsarbeit der University of Southhampton in Großbritannien. Auch sie zeigt, wie Zellen im Körper die S-Proteine der Impfungen auf ihrer Oberfläche präsentieren, ohne dass diese in neuen Zellen eindringen oder diese beschädigen könnten.

Eine Zelle präsentiert Spike-Proteine auf ihrer Oberfläche, nach dem sie deren genetisches Material von einem Adenovirus erhalten und daraufhin selbst S-Proteine produziert hat. Quelle: University of Southhampton

AFP fragte am 5. Mai auch Peter Murray nach seiner Einschätzung. Er leitet die Forschungsgruppe Immunregulation beim Max-Planck-Institut für Biochemie. Murray schrieb in einer E-Mail: "Das Spike-Protein auf dem Virus kann die Lunge auf unterschiedliche Weise schädigen. Die Impfstoffe zielen jedoch darauf ab, den Eintritt des Virus zu blockieren, indem sie eine Immunantwort auf das Spike-Protein erzeugen, die dann den Eintritt des Virus durch Antikörper verhindert und auch eine T-Zellen-vermittelte Reaktion auf das Virus auslösen kann."

Das reduziere die Krankheit und deren Übertragung. "Die Spike-Protein-Komponenten der Impfstoffe werden nicht in den gleichen Mengen wie bei einer normalen Virusinfektion gebildet (wahrscheinlich millionenfach weniger) und befinden sich nicht in der Lunge; alle Impfstoffe werden in den Arm injiziert und die Immunantwort beginnt in den Lymphknoten unter dem Arm. Danach wandern sozusagen die Soldaten der Immunreaktion in die Lunge, um das Virus zu bekämpfen", erklärt Murray.

Auch Christian Münz, Professor für Virale Immunbiologie an der Universität Zürich bestätigte das gegenüber AFP am 6. Mai. Er schrieb in einer E-Mail: "Die Impfung wird intramuskulär verabreicht, dadurch kommt es hauptsächlich zur Expression von Spike in Muskelzellen." Während dieses Prozesses könnten die S-Proteine kaum ins Blut gelangen. "Damit das Spikeprotein Endothelzellen in Blutgefäßen schädigen könnte, müssten davon grosse Mengen im Blutstrom vorliegen", sagt Münz. Die sei aber nach Impfungen eben nicht der Fall.

Schließlich schreiben auch die Studienautoren selbst kein Wort über eine von ihnen vermeintlich bewiesene Gefahr durch die Impfstoffe. Im Gegenteil, im Beitrag in "Circulation Research" heißt es:

"Diese Schlussfolgerung legt nahe, dass durch die Impfung erzeugte Antikörper und/oder exogene Antikörper gegen das S-Protein den Wirt nicht nur vor der SARS-CoV-2-Infektiosität schützen, sondern auch die durch das S-Protein verursachte Endothelschädigung (Anm. d.Red: Die in der Studie untersuchte Gefäßwandschädigung) hemmen."

Eine Sprecherin für die Forschenden der Studie, Allie Akmal vom Salk Institute, ergänzte am 6. Mai gegenüber AFP: "Das Spike-Protein im Coronavirus (und in der Salk-Studie) verhält sich anders als das Spike-Protein in Impfstoffen." Letzteres sei so konzipiert, dass es an der Injektionsstelle verbleibe und nur für eine kurze Zeit vorhanden ist. "Das eigentliche Virusprotein zirkuliert im Körper, und zwar in großem Umfang", schrieb Akmal. Nur dieses untersuchte die Studie.

Auch die Frankfurter Rundschau hat am 6. Mai in einem Text-Update auf die Falschbehauptung reagiert. Im Artikel zur Studie heißt es jetzt: "Die unten erwähnte Studie wird in einigen 'Querdenker'-Kreisen im Netz als Beleg dafür benutzt, dass Corona-Impfstoffe nicht vor Covid-19 schützen, sondern die Krankheit auslösen würden. Allerdings handelt es sich dabei um eine Fehlinterpretation. Die Forschenden geben an, dass dies nicht der Fall ist."

Fazit: Nein, diese Studie beweist nicht die Gefahr der Impfungen. Diese tragen keine Spikes in sich, sondern nur die genetische Information, damit Muskelzellen diese produzieren. Die so entstandenen S-Proteine haben aber keine krank machenden Eigenschaften. Sie sitzen fest auf der Oberfläche der Muskelzellen, bewegen sich nicht frei durch den Körper und dringen auch nicht in neue Zellen ein. Genau dieses "Eindringen" hat aber die neue Studie untersucht. Es kann hier also keinen Zusammenhang zu Herzproblemen, Schlaganfällen oder Hirnvenenthrombosen nach Impfungen geben.

Update, 7. Mai 2021: Twitter-Verbreitung hinzugefügt. 
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