Kinder in der nordsyrischen Stadt Ariha nach einem Granatenbeschuss der syrischen Armee am 20. Oktober 2021. ( AFP / MOHAMMED AL-RIFAI)

Dieses Video zeigt ein Bombenopfer, nicht die Folgen einer Impfung

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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben seit Mitte Januar ein Video in sozialen Netzwerken geteilt, das einen toten Jungen zeigt, der angeblich an den Folgen einer "experimentellen Injektion" gestorben sein soll. Das Video ist allerdings aus dem Kontext gerissen. Es zeigt ein Mädchen, das im Oktober 2021 bei einem Artillerieangriff auf die syrische Stadt Ariha getötet wurde.

Achtung: Dieser Artikel beinhaltet Darstellungen von Opfern von Gewalt.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben das Video seit Mitte Januar auf Facebook (hier, hier), Telegram und der Video-Plattform Odysee geteilt. Das rund 30-sekündige Video zeigt den reglosen Körper eines Kindes, der auf einer blauen Decke auf dem Boden eines Ganges liegt. An den Wänden stehen schwarze Sitzreihen. In dem Raum befinden sich mehrere Menschen, einige tragen medizinische Schutzkleidung, Einmalhandschuhe und Gesichtsmasken. Einer der anwesenden Männer kniet vor dem Kind, schreit auf und schlägt die Hände über dem Gesicht zusammen. Andere Männer versuchen, den Mann festzuhalten und zu beruhigen.

Die Falschbehauptung: Im Postingtext heißt es: "Ein 11-jähriger Junge stirbt nach einer experimentellen Injektion. Der verzweifelte Vater weiß nicht, was er tun soll. So was wird wieso nicht ohne Strafe enden." Auf Odysee steht in der Videobeschreibung: "Unschuldige Opfer von Impfstoffen, zerbrechliche und wehrlose Kinder, die durch ihre Eltern und deren guten Glauben an die Pharmaindustrie abgeschlachtet werden."

In den Kommentaren fordern mehrere Nutzerinnen und Nutzer Konsequenzen für Ärzte, die Impfungen verabreichen. Andere bezeichnen impfende Ärzte als "Mörder". Das Video wurde in ähnlichen Postings auf Englisch, Koreanisch, Polnisch, Serbisch und Portugiesisch verbreitet.

Warnung: Sensibler Inhalt

Screenshot der Falschbehauptung auf Facebook: 01.02.2022


Eine Bilderrückwärtssuche ergab, dass der Fotograf Ali Haj Suleiman die Aufnahme am 22. Oktober 2021 auf seinem Twitter-Account gepostet hat. Laut seines Twitter-Posts hat er das Video am 20. Oktober 2021 nach einem Angriff der syrischen Armee in der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes aufgenommen. Am 6. Januar 2022 dementierte Suleiman auf Twitter Behauptungen in brasilianischen sozialen Netzwerken, sein Video zeige ein Kind, das an den Folgen einer Corona-Impfung gestorben sei.

"Das angehängte Video, das ich in Ariha in Idlib aufgenommen habe, kursiert in sozialen Medien in Brasilien und anderen Regionen der Welt als das Video eines Kindes, das nach einer Corona-Impfung gestorben ist. Es zeigt ein Mädchen, das am 20.10.2021 nach einem Bombardement des syrischen Regimes gestorben ist", schrieb Suleiman. Auch AFP berichtete damals über den Angriff.

Warnung: Sensibler Inhalt


Nach Angaben der NGO Human Rights Watch wurden bei dem Angriff mindestens zwölf Menschen getötet, unter ihnen vier Kinder. Die Raketen schlugen demnach in einem belebten Viertel von Ariha, einer Kleinstadt in der nordsyrischen Provinz Idlib, ein, während zahlreiche Kinder auf dem Weg zur Schule waren, heißt es in dem Bericht. Die Vereinten Nationen verurteilten den Angriff auf Ariha.

Am 21. Oktober 2021 veröffentlichte die syrische Zivilschutzorganisation "The White Helmets", auf Twitter ein zweiminütiges Video, das die Opfer desselben Angriffs in einer Klinik zeigt. Ein Vergleich beider Filme ergab, dass es sich um denselben Raum handelt. Beide Aufnahmen zeigen dieselben Möbel, dieselbe Ausstattung und dieselben Personen. Aus der Beschreibung des Videos der Weißhelme geht zudem hervor, dass das Mädchen Remas hieß und an diesem Tag zur Schule ging. Am 13. Januar 2022 bestätigte Fotograf Ali Haj Suleiman in einer E-Mail an AFP, dass in beiden Videos dasselbe Mädchen namens Remas zu sehen sei.

Kaum Impfstoff für junge Syrerinnen und Syrer

"Kinder in Syrien haben bislang noch keine Impfungen gegen Covid-19 erhalten", sagte Juliette Touma, Regionalchefin für den Mittleren Osten und Nordafrika bei UNICEF, am 11. Januar 2022 gegenüber AFP.

Ein UNICEF-Bericht, der am 30. Oktober 2021 – acht Tage nach der Veröffentlichung des Videos – erschien, besagt, dass in Syrien nur Menschen über 30 Jahren gegen Covid-19 geimpft seien. "Die niedrigen Impfquoten in Syrien ergeben sich aus der geringen Verfügbarkeit von Impfstoffen", heißt es in dem Bericht.

Fazit: Das in verschiedenen sozialen Netzwerken verbreitete Video zeigt nicht das Opfer einer "experimentellen Injektion", sondern ein Mädchen, das im Oktober 2021 bei einem Angriff syrischer Regierungstruppen auf die Stadt Ariha getötet wurde.

Übersetzung:
COVID-19 IMPFUNGEN