1957 hatte es keine 56 Grad Lufttemperatur – und die Erderwärmung ist bewiesen

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Im Juni verbreiteten erneut Hunderte Nutzerinnen und Nutzer eine "Bild"-Schlagzeile aus dem Jahr 1957 auf Facebook, wonach es in Deutschland damals zu Temperaturen von 56 Grad gekommen war – also viel heißer als aktuelle Messwerte. Die "Bild"-Überschrift ist jedoch irreführend: Der beschriebene Messwert kam lediglich in einem Uhrengehäuse zustande. 56 Grad Lufttemperatur gab es in Deutschland bei Lufttemperaturmessungen noch nie.

In großen Lettern prangt es auf der Titelseite der "Bild am Sonntag" vom 7. Juli 1957: "56 Grad! Ganz Deutschland ein Brutofen!" Dazu kommentierten Postings "Das war 1957!!! Aber heute muss eine Klimahysterie erzeugt werden..." oder "Juli 1957, da war es noch heisser als die letzten beiden Jahre!" (hier, hier)

Facebook-Screenshot: 23.06.2021

Einzelne Wetterereignisse dienen Klimaleugnenden immer wieder dazu, die Existenz der Erderwärmung infrage zu stellen. AFP hat solche Behauptungen bereits hier und hier überprüft. Auch die Überschrift  über die 56 Grad vor Jahrzehnten fällt in diese Reihe an irreführenden bis falschen Informationen.

Die aktuell geteilte Titelseite gab es tatsächlich, wie ein "Bild"-Sprecher am 24. Juni gegenüber AFP bestätigte. Er wies in einer E-Mail  jedoch auf das Kleingedruckte im Artikel hin. Dort steht: "Bei 56 Grad im Gehäuse versagte die Bahnhofsuhr von Wanne-Eickel den Dienst." Bei den 56 Grad aus der "Bild"-Überschrift handelt es sich demnach nicht um normal gemessene Lufttemperaturen, sondern lediglich um die Temperatur im Gehäuse einer Uhr.

Aktuell geteiltes Bild der "Bild am Sonntag" vom 7. Juli 1957, Hervorhebung durch AFP

Anfang Juli 1957 war es tatsächlich außergewöhnlich heiß. Der Bonner "General Anzeiger" berichtete etwa vor vier Jahren in einer Rückschau auf den Juli 1957 von Temperaturen bis zu 37 Grad in Bonn, sogar der Teer auf dem Dach des Bundeshauses habe sich damals gelöst, heißt es im Artikel. In die Nähe der vermeintlichen 56 Grad kamen die Temperaturen damals aber in ganz Deutschland nicht, wie diese Übersicht von Messdaten von "Kachelmannwetter" zeigt. Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) reagierte bereits Ende 2019 auf Twitter auf die Bild-Schlagzeile und verwies auf Tageshöchstwerte von 39,1 Grad in Köln am 6. Juli 1957, gemessen in der Luft in zwei Metern Höhe.

Es hatte demnach in ganz Deutschland keine 56 Grad im Jahr 1957 gegeben – auch seitdem gab es keine solchen Temperaturen. Die höchsten Temperaturen Deutschlands bis dato stammen aus dem Juli 2019, als in Duisburg und Tönisvorst 41,2 Grad gemessen wurden. Einen am selben Tag in Lingen gemessenen Temperaturrekord von 42,6 Grad annullierte der Deutsche Wetterdienst wieder, da er nur durch einen Wärmestau an der Messstation zustande gekommen war. Die auf dem Kontinent Europa am höchste je gemessene Temperatur bemaß sich laut Weltmeteorologie-Organisation (WMO) 1977 auf  48,0 Grad in Spanien.

Klimaerwärmung ist bewiesen

Eine Auswertung des Deutschen Wetterdienstes aus dem Jahr 2020 in Zusammenarbeit mit der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und dem Schweizer Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz hat gezeigt, dass die Sommer deutlich heißer geworden sind. "In den letzten 40 Jahren zeichnet sich ein Trend zunehmender Hitze-Extrema ab", schrieb der DWD. Die drei heißesten Sommer der Messgeschichte seien ab dem Jahr 2000 vorgekommen. Die Zahl heißer Tage nehme zu, Hitzewellen dauerten länger. 

Über kaum eine Tatsache ist sich die Wissenschaftswelt so einig wie über die menschengemachte Erderwärmung. Dazu gibt es zahlreiche Metastudien, also Studien, die systematisch die Ergebnisse verschiedener Studien zu einem Thema zusammenfassen. Eine Studie aus dem Jahr 2013 überprüfte etwa 11.944 Arbeiten zwischen 1991 und 2011 zum Thema Erderwärmung. 97 Prozent der Forschenden waren sich einig, dass Menschen die Erderwärmung verursachen.

Eine weitere Metastudie fasst sogar die verschiedenen Metastudien über den Konsens in der Wissenschaft zusammen und hält als Ergebnis einen "Konsens über den Konsens" fest. Die Wissenschaftscommunity ist sich also einig wie selten: Die Erderwärmung gibt es, und Menschen verursachen sie.

Fazit: Die 56 Grad im Jahr 1957 bezieht sich nicht auf einen normalen Lufttemperaturmesswert, sondern auf einen selektiv gewählten, besonders heißer Ort im Inneren einer aufgeheizten Bahnhofsuhr. Die ansteigenden Temperaturen in Deutschland und der ganzen Welt sind gut belegt, Hitzeextreme nehmen zu.