Diese angeblichen Zitate aus einem Interview mit Olaf Scholz sind verfälscht

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Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben Anfang Mai einen Beitrag auf Facebook geteilt, in dem behauptet wird, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) habe in einem Interview mit dem US-amerikanischen "Time"-Magazine gesagt, er würde einen Krieg zwischen Deutschland und Russland in Kauf nehmen. Eine Leserbriefschreiberin legt das Originalinterview irreführend aus, die Postings verfälschen es weiter. Die genannten Zitate fallen darin nicht.

Seit Anfang Mai haben Tausende User auf Facebook einen Beitrag geteilt (hier, hier), der den Eindruck erweckt, Bundeskanzler Olaf Scholz habe gesagt, er würde in Kauf nehmen, dass "Deutschland gegen Russland in den Krieg zieht". Auf Telegram sahen Zehntausende eine ähnliche Behauptung. AFP erhielt zudem per WhatsApp mehrere Anfragen zu dem Beitrag.

Die Behauptung: Der Beitrag zeigt ein Foto einer Zeitungsseite, auf der ein Bild von Olaf Scholz zu sehen ist. Im Text kritisiert die Leserbriefschreiberin unter der Überschrift "Bedenkliche Ansichten von Olaf Scholz" dessen "erschütterndes Demokratieverständnis". Zum Zeitungsausschnitt heißt es in den Postings: "So sieht's aus. SCHOLZ im Interview mit der Times: 'Europäische Lösungen stehen an erster Stelle, auch wenn Deutschland dafür in den Krieg mit Russland zieht. Die Interessen des Volkes dürfe man ohnehin nicht allzu Ernst nehmen."

Facebook-Screenshot der Behauptung: 11.05.2022

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine kursieren immer wieder Falschinformationen über den Krieg und seine Folgen. AFP sammelt Faktenchecks zum Ukraine-Krieg hier. Darunter sind auch immer wieder Behauptungen über angebliche Veröffentlichungen von Medien, die es so allerdings nie gab. AFP widerlegte in der Vergangenheit etwa dieses gefälschte "Stern"-Cover, diesen gefälschten CNN-Tweet oder diese angeblich inszenierten Fernsehaufnahmen.

Eine Googlesuche mit Textteilen des geteilten Zeitungsausschnitts führt zu einem Beitrag der österreichischen "Kronen Zeitung". Dabei handelt es sich um die Zuschrift einer Leserin, die am 6. Mai 2022 in der Rubrik "Das freie Wort" veröffentlicht wurde, nicht um einen Bericht der Zeitung selbst. Die Absenderin zitiert darin indirekt aus einem Interview des US-amerikanischen "Time"-Magazine mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz. Demnach habe Scholz gesagt: "Das Volk dürfe man sowieso nicht allzu ernst nehmen, so Scholz – und europäische Lösungen gehen für ihn strikt vor, selbst wenn sie Deutschland in einen Krieg mit Russland ziehen."

Scholz' Interviewaussagen wurden verfälscht

Das "Time"-Magazine veröffentlichte am 27. April 2022 ein Interview mit Olaf Scholz, in dem es vor allem um den Wandel der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik in Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine geht. Scholz hatte in einer Sondersitzung des Deutschen Bundestages am 27. Februar 2022 anlässlich der russischen Invasion erklärt: "Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents."

Tatsächlich hat Scholz die Sätze in dem "Time"-Interview so nie gesagt. In Bezug auf die Rolle Deutschlands in dem Konflikt sagte er: "Wir sollten die Nation sein, die bereit ist, europäische Lösungen zu finden, die für alle gut sind, nicht nur für unser Land." Dass er bereit sei, für solche europäischen Lösungen Deutschland in einen Krieg mit Russland ziehen zu lassen, wie in dem aktuell geteilten Posting behauptet wird, sagte Scholz nicht.

Vielmehr betonte er die historische Verantwortung Deutschlands "dabei zu helfen, den Frieden zu sichern". Wer in Deutschland lebe, so Scholz, könne sich nicht von den von Deutschland verursachten Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts distanzieren. "Sie finden sich in allen unseren politischen Entscheidungen wieder, und sind auch in meinem Bewusstsein stets präsent", sagte Scholz.

Screenshot des "Time"-Interviews: 11.05.2022 (Hervorhebung durch AFP)

Scholz sagte in dem Interview auch nicht, "die Interessen des Volkes dürfe man ohnehin nicht allzu Ernst nehmen", wie es in dem aktuell geteilten Posting heißt. Der "Time"-Text gibt an dieser Stelle Scholz’ eigene Einschätzung seines Politik- und Führungsstils in Form eines indirekten Zitats wieder: "Er ist der Auffassung, dass er vom deutschen Volk beauftragt wurde, das Land auf Grundlage seiner Überzeugungen zu führen – und nicht auf Grundlage von Umfragen." Wörtlich sagt Scholz: "Wenn man eine gute Führungspersönlichkeit ist, hört man auf das Volk. Aber man darf niemals glauben, dass es wirklich will, dass man genau das tut, was es vorschlägt."

Screenshot des "Time"-Interviews: 11.05.2022 (Hervorhebung durch AFP)

Der Leserbrief in der "Kronen Zeitung" überspitzt einzelne Aussagen aus dem "Time"-Interview teils fälschlich, legt sie ihm aber nicht direkt in den Mund. Der Postingtext, mit dem der Zeitungsausschnitt geteilt wird, suggeriert, es handele sich dabei um direkte Zitate aus dem Interview. Die Aussagen finden sich jedoch in dem "Time"-Interview nicht.

Auch Kristin Matzen, Pressesprecherin des "Time"-Magazine, erklärte auf AFP-Anfrage am 16. Mai 2022 per E-Mail: "Die Zitate tauchen in dem Interview, das 'Time' veröffentlicht hat, nicht auf." Die "Kronen Zeitung" war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Olaf Scholz hatte in den vergangenen Wochen mehrfach erklärt, dass er im Ukraine-Krieg für ein gemeinsames europäisches Vorgehen plädiert, ein militärisches Eingreifen jedoch ablehnt. "Deutsche Alleingänge wären falsch", sagte er am 20. April dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Die Nato werde nicht in den Krieg eingreifen.

Auch in seiner Fernsehansprache zum 77. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 2022 sagte Scholz, es werde keine deutschen Alleingänge geben. Jede Entscheidung im Ukraine-Konflikt werde mit den europäischen und transatlantischen Partner abgestimmt. "Wir werden keine Entscheidung treffen, die die Nato Kriegspartei werden lässt. Dabei bleibt es!", sagte Scholz.

Fazit: Die angeblichen Scholz-Zitate aus dem "Time"-Interview sind falsch. Der Zeitungsausschnitt in dem aktuell geteilten Beitrag ist lediglich ein Leserbrief aus einer österreichischen Tageszeitung. In dem Originalinterview tauchen die angeblichen Aussagen des deutschen Bundeskanzlers nicht auf. Das bestätigte auch eine Sprecherin des Magazins.

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