Dieser Protest im ukrainischen Fernsehen ist gefälscht

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Nutzerinnen und Nutzer haben Mitte März das vermeintliche Protestvideo einer ukrainischen Medien-Mitarbeiterin geteilt, die angeblich mit einem Plakat eine Live-Übertragung des Fernsehsenders Ukraine24 unterbrach. Das Video ist allerdings eine Fälschung, die Sendung wurde nicht durch einen Protest gegen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gestört.

Hunderte Nutzerinnen teilten das Video des angeblichen Protests gegen den ukrainischen Präsidenten auf Facebook, Zehntausende sahen es auf Telegram. User verbreiteten die Aufnahme auch auf Englisch, Russisch, Italienisch und Niederländisch. Auf Französisch überprüfte AFP die Behauptung bereits zuvor.

Die Behauptung: "Eine mutige ukrainische Medien-Mitarbeiterin hatte gestern in einer Live-Schaltung im Studio des ukrainischen TV-Senders "Ukraina-24" (Sendung "Freedom") ein regimekritisches Plakat vor die Kamera gehalten", steht in den Postings vom März 2022. Mit dem Plakat habe die Frau den ukrainischen Präsident Wolodymyr Selenskyj kritisiert. "Selenskij kapituliere, hör auf Drogen zu nehmen und kehre lieber zurück auf die Bühne!", habe auf dem Plakat gestanden, das angeblich live im Fernsehen zu sehen war. Damit spielte es auf Selenskyjs Vergangenheit als Schauspieler an.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 08.04.2022

In einer ähnlichen Aktion hatte kurz zuvor am 14. März die russische Redakteurin Marina Owsjannikowa im russischen Fernsehen ein Schild mit der Aufschrift "Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen" in die Kamera gehalten. Owsjannikowa war nach ihrer Protestaktion vorübergehend festgenommen und zu einer Geldstrafe von 30.000 Rubel (rund 250 Euro) verurteilt worden. Ihrem Anwalt zufolge droht ihr weiterhin ein Strafverfahren und eine lange Haftstrafe. Am 11. April teilte der Axel-Springer-Verlag mit, dass Owsjannikowa als freie Korrespondentin für die "Welt" berichten werde.

Über den Krieg zwischen Russland und der Ukraine kursieren zahlreiche Falschinformationen. AFP sammelt Faktenchecks zu falschen oder irreführenden Behauptungen zum Krieg in der Ukraine hier.

Auffälligkeiten im Video

Während die Demonstrantin mit ihrem Plakat vermeintlich das Studio stürmt, bleiben die Moderatorin und der Moderator hinter ihr im Bild von der Szene überraschend ungerührt und reagieren gar nicht auf das angebliche Geschehen im Studio.

Außerdem fällt auf, dass die Frau teilweise leicht durchsichtig erscheint. Bei Sekunde drei sieht man etwa einen Teil der gelben Studiobeleuchtung durch ihre Schulter durchscheinen.

leicht transparente Schulter im geteilten Video, Hervorhebung durch AFP; Screenshot: 08.04.2022

Kein echter Protest

Im Video ist außerdem der Name eines Tiktok-Accounts zu sehen. Dort veröffentlichte das mittlerweile gelöschte Video eine Userin namens "Olga_Stiffler", die auch einen Telegram-Kanal betreibt. Auf Telegram schrieb die Userin am 15. März selbst, dass das Video eine Fälschung sei: "Das ist eine Montage vor einem Greenscreen!" Filmproduktionen verwenden die Technik, um beliebige Hintergrundaufnahmen einzubauen. Auf ihrem Kanal veröffentlichte sie auch ein Foto des hochgehaltenen Plakats. Die Userin kritisiert in ihren Videos regelmäßig die ukrainische Regierung und transportiert prorussische Botschaften in humorvollem Ton, wie der französische Fernsehsender France24 feststellte. Auf AFP-Anfrage vom 31. März reagierte die Userin bisher nicht.

Auch der Fernsehsender Ukraine24 dementierte die Behauptung auf Facebook. Zu einem mit "Fake" überschriebenen Bild aus dem Video schrieb der Sender: "Noch eine Fälschung von den russischen Besatzern!"

Die italienische Faktencheck-Plattform Open Online hat außerdem den Ausschnitt gefunden, der im verbreiteten Video verwendet wurde. In der am 14. März auf Youtube übertragenen Nachrichtensendung kommt die Passage bei Minute 42:40 vor. In der Originalfassung protestiert allerdings niemand. Im echten Video folgt ein Interview mit einem Militärberater Selenskyjs.

Auf AFP-Anfrage erklärte Tiktok Mitte März, dass es "verstärkte Mittel" bereitgestellt habe, um "schädliche Desinformationen zu entfernen". Die Plattform arbeitet mit zahlreichen internationalen Medien, darunter AFP, zur Überprüfung von Falschmeldungen zusammen.

Fazit: Das Video des Protests in einer ukrainischen Nachrichtensendung ist eine Montage. Das Originalvideo zeigt keinen Protest, der Sender bezeichnete die Behauptung als "Fake". Auch die Userin, die das Video hochgeladen hatte, schrieb von einer Montage mittels Greenscreen. Darauf weisen auch semitransparente Bildteile im Video hin.

Übersetzung:
Ukrainekonflikt