Nein, mRNA-Impfungen verändern nicht die DNA

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Auf Facebook kursiert seit Ende Mai hundertfach die Behauptung, dass genverändernde Impfstoffe direkt in die Erbsubstanz der Geimpften eingreifen würden. Das Erbgut würde somit dauerhaft verändert, heißt es. Experten und Expertinnen widersprechen dieser Behauptung. Die sogenannten mRNA-Impfstoffe senden lediglich genetische Anweisungen an den Körper, der diese danach wieder abbaut. Die DNA verändert sie nicht.

Mehr als 600 Facebook-User haben seit Ende Mai nahezu identische Beiträge geteilt, die einen Brief zum Thema vermeintlicher DNA-Manipulation zitieren. Der älteste Post, den AFP auf Deutsch finden konnte, stammt vom 25. Mai. Er und ein zweiter Post vom selben Tag zitieren besagten Brief einer namenlosen Ärztin. Einen Tag später tauchte in einer weiteren Facebook-Version des Briefs der Name "Anette Lillinger" als Verfasserin auf. In englischsprachigen Beiträgen kursiert der Name bereits seit dem 23. Mai. Ende Juni und Anfang Juli wurde der gleiche Text auch mit dem Namen "Dr. Kaiser (Hausarzt aus Parsberg)" signiert.

Alle Beiträge formulieren identische Behauptungen: "Die sog. mRNA-Impfstoffe der neuesten Generation greifen zum ersten Mal in der Geschichte des Impfens direkt in die Erbsubstanz, in das genetische Erbmaterial des Menschen/Patienten ein und verändern damit das individuelle Erbgut im Sinne einer bislang verbotenen, ja kriminellen Genmanipulation."

Facebook-Screenshot: 15.12.2020

Immer wieder stellen Impfgegnerinnen und -gegner ähnliche Behauptungen über die Gefahren der neuartigen mRNA-Impfstoffe auf. Dazu gehörte etwa Robert F. Kennedy Jr., Neffe des 35. Präsidenten der USA (auf Englisch hier). AFP hat die Behauptung bereits auf Englisch (hier) und auf Französisch (hier) entkräftet.

Eine Googlesuche nach Anette Lillinger führte AFP zu ihren Kontaktdaten. Lillinger dementierte auf AFP-Anfrage dann allerdings, den Post verfasst zu haben. Am 9. Dezember sagte sie am Telefon: "Ich habe den Text aus einem Telegram-Kanal nur mit meinen Kontakten geteilt. Irgendjemand muss dann meinen Namen dazu geschrieben haben. Ich bin nicht mal Naturheilkundlerin. Ich bin Lehrerin." Lillingers geschäftliches Online-Profil gibt dementsprechend an, dass sie viele Jahre als Volksschullehrerin gearbeitet hat und mittlerweile als selbstständige Verkäuferin Wasserfilter-Systeme vertreibt. Eine Mitarbeiterin des Filter-Herstellers bestätigte das am 9. Dezember gegenüber AFP.

Auch der Allgemeinmediziner Dr. med. Matthias Kaiser aus Parsberg gibt an, den Post nicht verfasst zu haben. Am 11. Dezember sagte er AFP am Telefon: "Das ist nicht von mir. Ich habe auch eine Anzeige erstattet, weil das schon im März kursierte. Sie wurde von der Staatsanwaltschaft aber als aussichtslos niedergeschmettert." Die Staatsanwaltschaft Nürnberg bestätigte am 14. Dezember auf AFP-Anfrage diese Anzeige. Damals sei es nicht möglich gewesen, einen Täter zu ermitteln.

Weitere mögliche Verfasserinnen oder Verfasser des vermeintlichen Ärzte-Schreibens konnte AFP nicht ausfindig machen.

Wie funktionieren mRNA-Impfstoffe?

Für mRNA-Impfstoffe sind vor allem die Unternehmen Moderna und Pfizer/Biontech bekannt. Der Impfstoff von Pfizer/Biontech wurde bereits in Großbritannien mit einer Notfallzulassung eingeführt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach sich für Deutschland am 15. Dezember für eine ordentliche Zulassung aus. Die Schweiz und Österreich wollen erst einmal abwarten. Für Europa ist die bedingte Zulassung eines mRNA-Impfstoffes am 21. Dezember vorgesehen, also eine an bestimmte Voraussetzungen (Studien, Nutzen-Risiko-Evaluation etc.) geknüpfte Zulassung.

Bei herkömmlichen Impfungen werden Patienten und Patientinnen normalerweise kleine Mengen eines abgeschwächten Virus injiziert. Sie sollen den Körper anregen, Antikörper gegen eine Infektion zu bilden. Bei Kontakt mit dem echten Virus kann er dann die Erreger schneller und besser bekämpfen. Es gibt aber auch weitere Impfarten, wie das Robert Koch-Institut erläutert und wie folgende AFP-Grafik zeigt.

Bei mRNA-Impfstoffen wird kein aktiver Virus injiziert. "mRNA" steht für "messenger RNA", auch Boten-Ribonukleinsäure genannt. Diese RNA liefert dem Körper sozusagen einen genetischen Bauplan, dessen Zellen auf dieser Grundlage dann Antikörper herstellen. 

Diese Website der Cambridge-Universität erklärt die Funktionsweise von mRNA:

Verändern mRNA-Impfstoffe die DNA?

Internationale Experten und Expertinnen sowie medizinische Institute sind sich einig: Eine mRNA-Impfung verändert die DNA eines Menschen nicht. Sie erklären unisono, dass die geimpfte RNA lediglich in einem bestimmten Teil der Zelle zur Anwendung kommt. Der genetische Bauplan gelangt aber nicht in den Kern einer Zelle, wo sich die DNA befindet. Auf Grundlage der geimpften RNA bildet der Körper Teile des Corona-Virus nach, sogenannte Antigene. Mit der eigentlichen DNA der Zellen hat dieser Vorgang aber nichts zu tun.

Auf AFP-Nachfrage teilte die Professorin für Infektionskrankheiten an der Universität von Chile, Jeannette Dabanach Peña, mit: "Sie (die Impfungen) manipulieren nicht die menschliche DNA. Sie sind dafür gemacht, bestimmte Proteine herzustellen, damit unser Körper sie identifizieren und die notwendigen Abwehrkräfte aufbauen kann. Das macht ein Virus natürlicherweise auch und es verändert dabei nicht unsere DNA."

María Victoria Sánchez, Forscherin im argentinischen Institut für experimentelle Medizin und Biologie, erklärte auf AFP-Anfrage, dass es dabei einen Übersetzungsprozess des verabreichten genetischen Codes in ein Coronavirus-Protein gebe. Sie präzisierte: Dieser Prozess finde im sogenannten Zytoplasma statt, das den Zellkern umgibt, nicht aber im Zellkern selbst, in dem sich die DNA eines Menschen befindet. "Boten-RNA kann nicht in unsere DNA gelangen", sagte sie.

mRNA wird nicht in DNA umgewandelt werden

Der französische Genetiker und Präsident der Liga gegen Krebs, Axel Kahn, erklärte den genetischen Weg so eines Übersetzungsprozesses im Körper: "Die DNA wird in RNA transkribiert (...). Den umgekehrten Weg sehen wir nicht."

Das bestätigte Christophe D'Enfert, wissenschaftlicher Direktor des Pasteur-Instituts in Paris, welches zur Prävention und Behandlung von Infektionskrankheiten forscht. Um RNA in das Genom zu integrieren, müsse es "retrotranskribiert", also zurück umgeschrieben werden. "Und das passiert nicht spontan in Zellen", erklärte er AFP (hier).

Kahn zufolge wird stattdessen die RNA wieder abgebaut, "Nachdem die Antigene entstanden sind, die zur Bildung von Antikörpern führen, wird die RNA aus dem Impfstoff zerstört", sagte er.

Das bestätigte auch Kenneth Witwer, Professor für molekulare und vergleichende Pathobiologie an der Johns Hopkins Universität: "mRNA wird einfach in Protein übersetzt, schnell abgebaut und kann nicht in DNA umgewandelt werden."

Die Behauptung der Facebook-Posts widerlegte außerdem der Professor für Immunologie, Jean-Daniel Lelièvre gegenüber AFP mit einem Vergleich: Zu sagen, dass die über den Impfstoff verabreichte mRNA die DNA transformiere, sei "ein bisschen so, als würde man sagen, dass ein Kind seine Mutter zur Welt bringen kann. Wir können nicht zurück."

Die Aussagen der Experten und Expertinnen, dass mRNA-Impfungen die DNA nicht verändern, teilen auch staatliche Stellen. So etwa das deutsche Robert-Koch-Institut auf seiner Website: "Die mRNA der RNA-Impfstoffe wird nach kurzer Zeit von den Zellen abgebaut. Sie wird nicht in DNA umgebaut und hat keinen Einfluss auf die menschliche DNA, weder in Körperzellen noch in Keimbahnzellen. Nach dem Abbau der mRNA findet keine weitere Produktion des Antigens statt."

Das bestätigen schließlich auch die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) hier.

Korrektur, 1. Juni 2021: Der Impfstoff von AstraZeneca wurde im Faktencheck versehentlich als mRNA-Impfstoff bezeichnet. Es handelt sich aber um einen Vektor-Impfstoff.
 
Thomas Saint-Cricq
Übersetzung:
COVID-19 IMPFUNGEN