Nein, die Corona-Maßnahmen haben laut ILO weltweit keine 300 Millionen Jobs gekostet

Copyright © AFP 2017-2020. Alle Rechte vorbehalten.

Corona-Maßnahmen sollen weltweit 300 Millionen Jobs gekostet haben. Das behauptet Anfang Dezember ein hundertfach auf Facebook geteilter Post. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) soll diese Zahl ermittelt haben. Die ILO hat allerdings lediglich verlorene Arbeitsstunden erhoben, die sie nur zur Veranschaulichung in Arbeitsplätze umgerechnet hat. Diese Darstellung bedeutet aber nicht, dass tatsächlich so viele Arbeitnehmende gekündigt wurden. Das zu behaupten ist irreführend.

Seit dem 1. Dezember haben mehr als 500 Facebook-User den Screenshot eines Twitter-Beitrags geteilt, wonach weltweit mehr als 300 Millionen Menschen ihre Jobs wegen der Corona-Maßnahmen und einer "Coronapolitik ohne wissenschaftlich saubere Grundlage" verloren haben sollen. Auf Facebook ist der Screenshot auch etwa hier und hier zu finden. Er taucht auch auf Twitter auf, mit 800 Retweets und mehr als 3200 Likes (hier).

Facebook-Screenshot: 4.12.2020

Die Internationale Arbeitsorganisation ist eine UN-Sonderorganisation. In der ILO arbeiten nach eigenen Angaben Regierungen, Arbeitgebende und Arbeitnehmende aus 187 Staaten zusammen, um internationale Arbeitsstandards weiterzuentwickeln.

Die ILO erstellt quartalsweise auch Berichte, die bestimmte Faktoren des weltweiten Arbeitsmarktes darstellen. So geschehen auch bei den Auswirkungen der Corona-Pandemie in dem im September 2020 veröffentlichten Bericht "ILO Monitor: Covid-19 und die Arbeitswelt". Darin stellt die Organisation ihre Schätzungen zu den temporär geschlossenen Arbeitsplätzen, Einnahmeverlusten und auch zu bisher verlorenen Arbeitsstunden auf Grundlage einer im Ausland oft üblichen 48-Stunden-Woche dar.

AFP schaute sich die am 23. September 2020 veröffentlichten Schätzungen in Hinblick auf die aufgestellte Behauptung an. Dabei fiel auf, dass die konkrete Zahl "300 Millionen" in Bezug auf Arbeitslose so nicht auftaucht. Der gesamte Bericht nennt nirgends eine konkrete Zahl zum tatsächlichen Verlust von Arbeitsplätzen.

Stattdessen schätzt die ILO im Bericht, dass die temporären Schließungen von Arbeitsplätzen die Arbeitsmärkte auf der ganzen Welt beinträchtigten, was zu Arbeitszeitverlusten führe. Diese sind laut ILO höher als bisher angenommen. "Die geschätzten Gesamtverluste an Arbeitsstunden im zweiten Quartal 2020 betragen im Vergleich zum vierten Quartal 2019 nun 17,3 Prozent. Das entspräche umgerechnet 495 Millionen Vollzeitstellen auf Basis einer 48-Stunden-Woche. 2019 waren es demnach umgerechnet etwa 400 Millionen Vollzeitstellen.

Weiter wird im Bericht geschätzt, dass im dritten Quartal 2020 die Verluste zwar sinken würden, aber dennoch hoch blieben: 345 Millionen Vollzeitstellen würden sich laut ILO aus der verlorenen Arbeitszeit ergeben.

Diese Zahlen sind zwar höher als die Zahl in der Behauptung, sie bedeutet aber nicht, dass der Twitter-Nutzer lediglich untertrieben hätte. Tatsächlich sind auch seine 300 Millionen Arbeitslosen viel zu hoch angesetzt.

Weniger verlorene Arbeitsplätze als behauptet

ILO-Sprecherin Isabel Piquerhubert erklärte AFP am 4. Dezember per E-Mail, warum die verlorenen Arbeitsstunden in Vollzeitstellen umgerechnet wurden: "Diese Umstellung dient nur zur Veranschaulichung und bedeutet nicht, dass diese Anzahl von Arbeitnehmenden ihren Arbeitsplatz verloren hat."

Sie bestätigte dabei die Erklärungen aus dem ILO-Bericht: Die Arbeitszeitverluste ergeben sich nicht nur aus tatsächlich verlorenen Jobs, sondern auch aus kürzeren Arbeitszeiten, beurlaubten Angestellten und der Inaktivität von Arbeitnehmenden aus individuellen Gründen. Dabei sei die Gewichtung der einzelnen Bereiche zwar von Land zu Land unterschiedlich, aber in vielen Staaten würde die Arbeitslosigkeit "nur einen kleinen Teil" der nicht gearbeiteten Arbeitsstunden ausmachen.

Welchen Anteil Arbeitslosigkeit an den verlorenen Arbeitsstunden tatsächlich hat, steht weder im Bericht, noch teilte ihn Piquerhubert auf Anfrage mit. "Derzeit haben wir keine Schätzung für die Auswirkungen von Covid-19 auf die weltweite Arbeitslosigkeit oder Beschäftigung", sagte sie.

Piquerhubert betonte in ihrer E-Mail auch: "Die Schätzungen der ILO zielen darauf ab, die Situation auf dem Arbeitsmarkt so zu erfassen, wie sie die Pandemie verursacht hat und nicht die Maßnahmen dagegen."

Steigt die Arbeitslosigkeit in Deutschland?

Welche Schäden die Pandemie auch der deutschen Wirtschaft zufügt, lässt sich aktuell schwer beziffern. Medienberichte zu den allgemeinen wirtschaftlichen Auswirkungen machen unterschiedliche Angaben (etwa hier, hier und hier).

Ein Anhaltspunkt, um den aktuellen Arbeitsmarkt einzuschätzen, kann das Bruttoinlandsprodukt sein. Das ist laut Statistischem Bundesamt tatsächlich im zweiten Quartal 2020 auf ein Minus von 9,8 Prozent im Vergleich zu den Vormonaten gefallen. Im dritten Quartal hat es sich immerhin wieder auf ein Plus von 8,5 Prozent gebessert.

Statista-Screenshot: 4.12.2020

Die Arbeitslosenzahlen in Deutschland hat die Bundesagentur für Arbeit in einem Bericht im November 2020 veröffentlicht. Die Statistik zeigt, dass die Arbeitslosenzahl während der Corona-Maßnahmen im April 2020 um 308.377 Arbeitslose gestiegen ist. Einen Monat zuvor war die Zahl der Arbeitslosen noch um 60.000 Menschen zurückgegangen. Seit September sinkt die Arbeitslosenzahl in Deutschland wieder langsam. 

Im selben Bericht ist auch ein Faktor zu finden, der die Arbeitszeitverluste in Deutschland beeinflusst: die Anzahl der Kurzarbeitenden. Im Juni 2020 erreichte sie ihren bisher höchsten Wert mit 6,7 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Zum Vergleich: 2019 lag dieser Wert im Juni bei circa 51.000.

Statista-Screenshot: 4.12.2020

FazitDie Behauptung, dass laut der ILO die Corona-Maßnahmen weltweit mehr als 300 Millionen Jobs gekostet hätten, ist irreführend. Die ILO hat keine Zahlen zu tatsächlicher Arbeitslosigkeit veröffentlicht. Sie gab lediglich zur Veranschaulichung die verlorene Arbeitszeit in Vollzeitstellen an – und zwar in Hinblick auf die Pandemie als Ganzes, nicht auf bestimmte Maßnahmen zu ihrer Eindämmung.

CORONAVIRUS