Nein, dieses Bild zeigt keine maskierten Kinder während eines "20-Minuten-Schullaufs"

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In Deutschland teilen Social-Media-User tausendfach ein Bild mit maskierten Schülerinnen und Schülern während einer Sportveranstaltung. Die Aufnahme mit zugehöriger Bildunterschrift (BU) soll zeigen, dass Grundschüler zum Tragen von Masken auch während des Sports gezwungen wurden. Tatsächlich stammt das Foto aus der "Westerwälder Zeitung" vom 2. Oktober. Das Lokalblatt räumte gegenüber AFP allerdings Fehler ein: Ein freiberuflicher Fotograf habe das Bild bereits vor dem eigentlichen Rundlauf mit den Kindern inszeniert. Während des Laufs selbst sollten die Schülerinnen und Schüler explizit keine Masken tragen.

AFP hat die beiden reichweitenstärksten Facebook-Posts über die maskierten Kinder am 2. Oktober gefunden (hier und hier). Etwa 1500 User haben ihn allein hier geteilt. Seitdem wurde das Foto auch in verschiedenen Gruppen hochgeladen, die sonst andere Aussagen gegen die Corona-Politik der deutschen Regierung teilen. Besonders viele Menschen erreichte es in der fast 19.500 Anhänger starken Telegram-Gruppe "Team Heimat". Dort sahen mehr als 10.000 Nutzer die rennenden Kinder mit Masken.

Auch die Baden-Württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Christina Baum teilte eine Version des Bildes und kommentierte: "Welche Eltern erlauben das? (...) Politiker, die das zu verantworten haben, gehören auf die Anklagebank‼️ Und Lehrer, die unreflektiert mitmachen, ebenfalls. Und Polizisten, die es durchsetzen, genauso."

Facebook-Post über Masken während des Sports - Screenshot: 10.05.2020

Die Postings beziehen sich auf den Screenshot eines Zeitungsberichts. Die lokale "Westerwälder Zeitung" hatte ihn tatsächlich am 2. Oktober abgedruckt. Die Zeitungsseite liegt AFP als E-Paper vor. Sie besteht aus einem Artikel zur Schulveranstaltung und einem großen Bild, das etwa 25 maskierte Kinder zeigt, die auf einer Straße rennen. Die Beschreibung des Bildes lautet: "Die Kinder der Eisenbach-Grundschule in Girod machten am Mittwoch bei der deutschlandweiten Aktion ‘Jugend trainiert – gemeinsam bewegen setzt Zeichen für den Schulsport’ mit. Hier laufen die Schüler der Klassen 1 und 3 auf einem 20-minütigen Rundkurs."

Zeitungsbericht über den Aktionstag in der “Westerwälder Zeitung” - epaper-Screenshot: 05.10.2020

Kritikerinnen und Kritiker ziehen auf Social-Media immer wieder die angebliche Gefahr von Masken für Kinder als Beweis für eine falsche Corona-Politik der Bundesregierung heran. AFP hatte zuletzt etwa die Verbreitung von Behauptungen über Kinder nachverfolgt, die angeblich durch Masken erkrankt oder sogar gestorben seien (hier). Der Ärger über Bilder von maskierten Kindern beim Schulsport knüpft an solche Behauptungen an. Er ist in diesem Fall aber unbegründet. 

AFP hat mit der "Westerwälder Zeitung", der Schulleiterin und dem Fotografen gesprochen. Die Zeitung hat einen Fehler bei der Beschreibung des Bildes eingeräumt. Die Grundschule lieferte außerdem zusätzliche Bilder, die Kinder während des Laufs und ohne Masken zeigen. 

Fehler bei der Produktion des Zeitungsartikels

Der stellvertretende Redaktionsleiter der Westerwälder Zeitung (eine Lokalausgabe der Rhein-Zeitung), Thorsten Ferdinand, erklärte gegenüber AFP, seine Zeitung habe die Beschreibung der Aufnahme nicht korrekt überprüft. Schülerinnen und Schüler hätten während des Laufs nach seinen Informationen von Schule und Mitarbeitern keine Masken tragen müssen, auch wenn es einige freiwillig getan hätten. "Unser Fotograf versuchte, ein ansprechendes Foto zu machen und ließ die Kinder deshalb noch vor dem eigentlichen Start auf ihn zu rennen. In der Beschreibung schreiben wir allerdings irrtümlicherweise, das Bild stamme vom Lauf selbst. Dem war nicht so", sagt Ferdinand.

Der besagte Fotograf ist der freischaffende Journalist Hans-Peter Metternich, der am 30. September für die Zeitung über den Lauf berichtete. Metternich bestätigt AFP am Telefon, dass er das Bild bereits vor dem eigentlichen Laufs geschossen habe: "Ich hätte kein gutes Foto mit vereinzelten Kindern während des Rennens hinbekommen", sagt er und fügt hinzu: "Ich habe die Kinder vorher dazu ermuntert, zu mir zu rennen. Ich drückte auf den Dauerauslöser und habe alle möglichen Bilder gemacht. Einige mit, einige ohne Maske. Das Agilste davon habe ich veröffentlicht". Metternich fährt fort: "Solche Bilder sind im Lokaljournalismus üblich. Ich habe nicht daran gedacht, den Vorgang in der Beschreibung zu erklären. Genau das aber führte dann zum Missverständnis."

Was ist mit den Masken während des Rundgangs?

AFP fragte auch bei der Grundschule nach, ob Masken während des Laufs Pflicht gewesen seien. Schulleiterin Kerstin Eichmann antwortet: "Nein, wir halten uns an die Regeln für Schulen in Rheinland-Pfalz. Kinder sollen demnach während des Sportunterrichts oder bei Sportveranstaltungen überhaupt keine Masken tragen".

Laut Eichmann hätten die Kinder vor dem Rennen zu einem Gruppenfoto zusammengestanden. Dort hätten sie wegen des mangelnden Abstands noch Masken getragen. Dann seien sie auf den Fotografen Metternich zugerannt. Die Schulleiterin sagt: "Die Kinder stürmten einfach los und vergaßen, die Maske abzunehmen. Unsere Lehrerinnen mussten sogar hinterherrennen, um sie daran zu erinnern, dass sie keine Masken während des Laufs tragen sollen".

Eichmann schickte auch Bilder, die während des Laufes entstanden sein sollen. AFP hat sie überprüft. Sie zeigen tatsächlich dieselben Kinder, die auf dem Zeitungsfoto zu sehen sind. Sie tragen dieselbe Kleidung und auch das Wetter passt zum Veranstaltungstag. Die Kinder tragen auf diesen Aufnahmen keine Masken.

Das linke Bild stammt aus der Zeitung, das rechte schickte die Schule vom Lauf selbst. AFP hat die Gesichter der Kinder unkenntlich gemacht, um ihre Privatsphäre zu schützen. Masken, so lässt sich aber erkennen, tragen sie auf dem rechten Bild keine mehr - Screenshots: 10.05.2020

Fehlgeleiteter öffentlicher Druck

Seit die Zeitung die irreführende Information über die Kinder mit Masken veröffentlicht hat, erhielt die Schulleiterin allein am Wochenende über Hundert Mails, wie sie AFP mitteilte. "Einige waren tatsächlich kritisch, aber freundlich im Ton, andere waren bedrohlich und feindselig", erzählt sie. Daraufhin habe sie beschlossen, einen eigenen Bericht über das Event von der Schul-Website zu nehmen. Auch habe sie von der Veröffentlichung eines dritten Artikels in einem lokalen Anzeigenblatt abgesehen, den sie selbst verfasst hat. Eichmann sagt: "Ich wollte eigentlich, dass die Leute von diesem Ereignis erfahren, weil die Kinder nach all dieser Zeit endlich wieder Sport treiben konnten."

Auch die Westerwälder Zeitung beschloss nach dem öffentlichen Druck, den Artikel und das zugehörige Bild aus dem E-Paper online nicht zu veröffentlichen. Momentan plant die Zeitung eine Korrektur auf Social Media, eine Berichtigung in der gedruckten Zeitung gab es bereits. "Es ist paradox", sagt Fotograf Metternich. "Am Anfang war die Schule so glücklich, weil wir uns als Zeitung für das Sportereignis interessiert haben und dann gibt es solchen Ärger für sie wegen eines Fehlers".

UPDATE, 07.10.2020, 10:58 Uhr: Link zu weiterem Facebook-Post hinzugefügt.
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