(AFP / Jack Guez)

Nein, dieser Zeitungsartikel beweist keine 483-Prozent-Steigerung von Fehlgeburten nach Impfungen in Israel

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Dutzende User auf Facebook und über 180.000 auf Telegram haben eine Behauptung geteilt, wonach die Rate an Fehlgeburten in Israel seit Beginn der dortigen Impfkampagne um 483 Prozent gestiegen sei. Als Beweis dient ein abfotografierter Zeitungsartikel auf Hebräisch. Dabei handelt sich allerdings um einen israelischen Faktencheck, der die 483 Prozent widerlegt. Auch geht es im Text gar nicht um Israel, sondern um Großbritannien. Die dortige britische Arzneimittelbehörde (MHRA) dementierte gegenüber AFP, dass Zusammenhänge zwischen Impfung und Fehlgeburten bekannt seien.

Dutzende haben die Behauptung über die Fehlgeburten Anfang Juni auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Auf Telegram sahen sie über 186.000 User (hier). Gezeigt wird ein abfotografierter Zeitungsartikel in Hebräisch auf dem nur die Zahlen "483 %" und "550 %" ohne Sprachkenntnisse lesbar sind. Ebenfalls zu sehen sind eine weinende schwangere Frau und der Screenshot eines Artikels eines Portals namens "The Daily Expose". Dazu heißt es im Posting: "Boom (...) 483% mehr Fehlgeburten in Israel SEIT DER COVID 'Impfkampagne'. Oder sollten wir es doch offen als Sterilisationskampagne oder modernen Holocaust bezeichnen?"

Telegram-Screenshot: 8.06.2021

Eine Quelle, die das Gegenteil sagt

AFP hat zunächst den gezeigten Text mithilfe von Redakteuren in Jerusalem übersetzt. Zu lesen ist hier von oben nach unten:

Wichtig bei der Übersetzung ist, dass das hebräische Wort für "Fehlgeburt" mit "natürlicher Abtreibung" ins Deutsche übersetzt werden kann. Auch der Begriff Abtreibung für die Übersetzung wäre demnach zulässig.

Die beiden über den Behauptungen aufgeführten Namen führten AFP zur bekannten israelischen Nachrichtenplattform "Globes" – "Mashrokit" heißt übersetzt so viel wie "Pfeife". Der Name bezeichnet in diesem Fall die Faktencheck-Plattform von "Globes". Dort fand AFP den als vermeintlichen Beleg herangezogenen Artikel in voller Länge. Er  stellt die gemachten Behauptungen keineswegs auf oder beweist sie sogar, vielmehr widerlegt er sie.

So heißt es im Artikel: "Die Behauptung der Postings ist irreführend. Obwohl es in Großbritannien einen Anstieg der Abtreibungen bei geimpften Frauen gab, wurde dies erwartet, weil mehr Frauen geimpft wurden. Es gibt keine Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und Abtreibungen."

Auch geht es im Text nicht um Zahlen aus Israel, sondern um Daten aus Großbritannien.

Ursprünge der Falschmeldung

Die von "Mashrokit" untersuchten Postings sprechen ein vermeintliches Update der British Medicines Agency (MHRA) an, wonach es einen Anstieg der Fehlgeburten im Land von 483 Prozent nach der Impfung seit dem 24. Januar gegeben habe. Nach der Verimpfung des Biontech-Pfizer-Impfstoffs habe es sogar 550 Prozent mehr Fehlgeburten gegeben. Auch zieht "Mashokrit" bereits eine Parallele zu Postings, die sich bereits zuvor zum selben Thema in Französisch, Deutsch und Italienisch verbreitet hatten. Diese sprachen von einem Anstieg von 366 Prozent.

Wie kommen die beiden unterschiedlichen Zahlen 366 und 482 Prozent zustande? 

Die englische Variante der Behauptung stammt etwa von einem Blog mit dem Namen "The Daily Expose" (auch im geteilten Bild zu sehen). Von diesem gibt es zwei unterschiedliche Texte mit ähnlichem Inhalt aber unterschiedlichen Zahlen zum Thema. Beide Artikel beziehen sich auf dieselbe Quelle: Das sogenannte Yellow-Card-System der MHRA. Dieses britische Meldesystem veröffentlicht wöchentlich Berichte und überwacht mögliche Nebenwirkungen von Impfstoffen, ähnlich wie das VAERS-System, das von den US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention unterhalten wird. 

Beide Behauptungen beschreiben also dasselbe angebliche Phänomen und beziehen sich auf dieselbe Quelle allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Die Behauptungen über die Zahlen können deshalb auch zusammen überprüft werden.

AFP hat die Yellow-Card-Behauptung bereits angesehen

AFP hatte die Behauptungen über die 366 Prozent aus Großbritannien bereits mit einem Faktencheck Anfang April 2021 überprüft. So auch mehrere andere Faktencheck-Plattformen (hier, hier).

Die Autoren dieser initialen Veröffentlichungen behaupteten im Detail, dass nach den Daten der britischen Gesundheitsbehörde MHRA die Zahl der Frauen, die mindestens eine Dosis des Impfstoffs erhielten und eine Fehlgeburt erlitten, vom Beginn der Impfkampagne am 9. Dezember bis zum 7. März um 366 Prozent "explodiert" sei. In der ersten Phase der Impfungen (9. Dezember bis 24. Januar) habe sie noch bei 6 gelegen. In Phase 2 (24. Januar bis 7. März) dann bei 22.

AFP hatte deshalb am 1. April Kontakt mit der MHRA aufgenommen. Die Behörde teilte mit: "Die Zahl der geimpften Frauen [im Alter von 18 bis 45 Jahren] ist nach unseren Schätzungen zwischen dem 24. Januar und dem 7. März von 665.424 auf 2.146.866 gestiegen." In diesem Zeitraum wurden also laut MHRA grundsätzlich mehr als doppelt so viele Frauen in diesem Alter geimpft als im Zeitraum zwischen dem 9. Dezember und dem 24. Januar.

"Fehlgeburten im Durchschnitt bei einer von vier Schwangerschaften in Großbritannien auftreten", meist "innerhalb der ersten 12 Wochen", schrieb das MHRA. Dementsprechend nimmt die Zahl an Fehlgeburten mit wachsender Zahl geimpfter Frauen zwangsweise ebenfalls mit der Zeit zu. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr Fälle wird die Datenbank anzeigen. Einen Zusammenhang bedeutet das nicht: "Es gibt keine Beweise für ein erhöhtes Risiko einer Fehlgeburt durch die Covid-Impfstoffe", schlussfolgerte die britische Gesundheitsbehörde.

Außerdem können Frauen, die in Phase Eins geimpft wurden, auch eine in Fehlgeburt in Phase Zwei erlitten haben. Das alleine macht die Behauptung, dass "die Fehlgeburten in sechs Wochen um 366% explodiert sind", obsolet. Die Posting-Autoren liefern weiterhin keine Beweise dafür, dass die Zahl an Fehlgeburten bei geimpften Frauen höher ist als bei Ungeimpften.

Was sagen die Behörden über die Impfung während der Schwangerschaft?

Der Gemeinsame Ausschuss für Impfung und Immunisierung (JCVI) in Großbritannien hat im Mai empfohlen, dass schwangeren Frauen Covid-19-Impfstoffe angeboten werden sollten. In den USA seien rund 90.000 schwangere Frauen hauptsächlich mit Pfizer- und Moderna-Impfstoffen geimpft worden, argumentiert das JCVI, und es seien keine Sicherheitsbedenken festgestellt worden.

Die Impfstoffe würden von der Weltgesundheitsorganisation und den Aufsichtsbehörden in Großbritannien, den USA, Kanada und Europa kontinuierlich überprüft. Pfizer- und Moderna-Impfstoffe seien die bevorzugten Impfstoffe für schwangere Frauen jeden Alters, die zur ersten Dosis kommen. Personen, die bereits mit der Impfung begonnen haben und denen während der Schwangerschaft eine zweite Dosis angeboten werde, sollten eine zweite Dosis mit demselben Impfstoff erhalten, es sei denn, nach der ersten Dosis traten schwerwiegende Nebenwirkungen auf.

Die WHO weist darauf hin (hier, hier, hier), dass schwangere Frauen "mit höherer Wahrscheinlichkeit" eine "schwere Form von Covid-19" entwickeln, wenn sie infiziert sind. Schwangere Frauen könnten den Impfstoff demnach erhalten, wenn der Nutzen der Impfung einer schwangeren Frau die möglichen Risiken der Impfung überwiegt.

"Aus diesem Grund können Schwangere, die einem hohen Risiko einer Exposition gegenüber SARS-CoV-2 ausgesetzt sind (z. B. medizinisches Personal) oder die Komorbiditäten aufweisen, die ihr Risiko einer schweren Erkrankung erhöhen, in Absprache mit ihrem Arzt geimpft werden", schreibt die WHO.

Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in den USA geben auf ihrer Website an, dass eine Impfung "eine persönliche Entscheidung für schwangere Frauen" ist, die zu den vorrangigen Zielgruppen für eine Injektion gehören (wie z.B. Pflegepersonal). Sie weisen auch darauf hin, dass es nur wenige Daten über die Auswirkungen von Covid-19-Impfstoffen im speziellen Fall der Schwangerschaft gibt, stellen aber fest, dass es keine Beweise dafür gibt, dass sich ihre Nebenwirkungen von anderen unterscheiden.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) teilte am 10. Mai für Deutschland mit

"Bisher liegen keine Erkenntnisse aus kontrollierten Studien zum Einsatz der COVID-19-Impfstoffe in der Schwangerschaft vor. Alleine auf Grundlage der kürzlich publizierten Beobachtungen aus den USA wird die STIKO keine generelle Impfempfehlung für Schwangere aussprechen. Der freien Entscheidung der Schwangeren für eine Impfung soll jedoch durch die aktualisierte STIKO-Empfehlung mehr Raum gewährt werden. Schwangeren mit Vorerkrankungen und einem daraus resultierenden hohen Risiko für eine schwere COVID-19-Erkrankung oder mit einem erhöhten Expositionsrisiko aufgrund ihrer Lebensumstände kann nach Nutzen-Risiko-Abwägung und nach ausführlicher ärztlicher Aufklärung eine Impfung mit einem mRNA-Impfstoff ab dem 2. Trimenon angeboten werden."

Fazit: Nein, die geteilten Zeitungsartikel beweisen keine explodierende Prozentzahl an Fehlgeburten in Israel. Es handelt sich um einen Faktencheck, der sich Zahlen aus einem Meldesystem in Großbritannien angeschaut hat. Auch diese beweisen aber keinen Zusammenhang zwischen Fehlgeburten und Impfungen.

Rémi Banet
COVID-19