
Nein, dieser Kinderarzt belegt keine Gefahren für Kinder durch Masken
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- Veröffentlicht am 8. Januar 2021 um 17:51
- Aktualisiert am 8. Januar 2021 um 17:58
- 8 Minuten Lesezeit
- Von: Jan RUSSEZKI, AFP Deutschland
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Mehr als 9000 Facebook-User haben einen Artikel (Paywall) des rechtspopulistischen Nachrichtenportals Epoch Times Deutschland über das Video des Kinderarztes seit dem 15. Dezember 2020 geteilt. Dieser Artikel wiederum fasst dessen Video vom 12. Dezember 2020 zusammen. Auf Facebook haben es hier mehr als 12.000 User geteilt. Unter den Epoch-Times-Verbreitern befindet sich auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse, dessen Post alleine rund 1300 Shares nach sich zog. Außerdem teilten auch Internetseiten den Artikel, die Corona-Maßnahmen kritisch sehen (etwa hier und hier). Das Video taucht auch auf Instagram auf (etwa hier). In mehreren Telegram-Gruppen kursiert der Artikel ebenfalls, etwa in diesem Channel mit 74.000 Usern und in diesem Channel mit rund 26.000 Usern.

Worum geht es im Artikel und im Youtube-Video?
Der geteilte Artikel bezieht sich auf ein Youtube-Video des Kinderarztes Eugen Janzen aus Bad Salzuflen in Nordrhein-Westfalen. Auf Youtube kursieren zahlreiche Videos, in denen er sich immer wieder kritisch zu den Corona-Maßnahmen der Bundes- und Landesregierungen äußert (etwa hier und hier). Im aktuellen Video behauptet er, dass das Tragen von Masken für Kinder gefährlich sei.
Der Epoch-Times-Artikel gibt dabei mehrere im Video aufgestellte Behauptungen getreu wieder. Janzen kündigt darin an, eine "Bombe platzen" lassen zu wollen. Ihm habe die "vermehrte CO2-Rückatmung und die vasodilatatorische Wirkung von CO2 Sorgen gemacht."
Der Kinderarzt erklärt seine These: Durch die CO2-Rückatmung beim Tragen von Masken erhöhe sich die CO2-Konzentration im Blut, was zur Erweiterung der Blutgefäße führe (Anm. d. Red.: "Vasodilatation" genannt). Damit der Blutdruck nicht falle, so Janzen weiter, produziere die Nebenniere die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin, um die Blutgefäße wieder zu verengen. Das wiederum kompensiere dann die vermehrte Rückatmung von CO2.
Um diese Behauptung zu beweisen, habe er 20 Kinder mit Beschwerden und sich selbst untersucht, sagt Janzen. Er habe die Atem- und Herzfrequenz, den Blutdruck und die Sauerstoffsättigung bei seinen Probandinnen und Probanden gemessen und zum Teil auch Blutgase und den Adrenalingehalt im Urin analysiert – im ersten Durchgang ohne und im zweiten mit zuvor getragenen Masken.
Janzen fasst seine Ergebnisse zusammen: Die Kinder hätten mit Maske schneller oder tiefer geatmet. "Die Maske verändert die normalen Atemmuster", sagt Janzen in seinem Video. Bei ihm und den Kindern seien außerdem die CO2-Werte im Blut und der Adrenalin und Noradrenalin-Gehalt im Urin "um einiges höher", wenn sie eine Maske getragen hätten.
Abschließend sagte er: "Ich habe die Beweise, dass die Maske schadet" und "Alle jammern, dass die Maske ihnen schlecht tut." Eltern berichteten ihm, dass ihre Kinder Kopfschmerzen, Herzrasen und andere Beschwerden hätten. Auch verweist Janzen auf die Auswirkungen von Stress auf den Körper und fordert ein Verbot von Masken sowie eine Erklärung von Endokrinologen, inwieweit diese gesundheitlich noch vertretbar seien. (Anm. d. Red.: Der Begriff "Endokrinologie" bezeichnet die Lehre von Hormonen)
AFP hat Janzens Video mehreren führenden Endokrinologen, Kinder- und Jugendmediziner sowie einem Pneumologen vorgelegt. Sie alle bemängeln unabhängig voneinander formale und inhaltliche Probleme bei Janzens Experiment. Laut den Experten lassen sich dessen Beobachtungen nicht ohne Weiteres auf das Tragen von Masken zurückzuführen: Adrenalin- und Noradrenalin-Werte werden im Körper von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Die von AFP befragten Experten sind sich außerdem einig: Janzen arbeite unwissenschaftlich und seine Ergebnisse ließen sich wissenschaftlich nicht halten. Die von ihm beobachteten Veränderungen seien auch aus medizinischer Sicht für Patientinnen und Patienten nicht relevant.
Kritischer Adrenalin-Anstieg nicht durch Maske möglich
Janzen beschreibt im Video die biologische Reaktion auf eine CO2-Erhöhung im Blut, die zu einer Adrenalinerhöhung im Körper führe. Diese ist bereits bekannt.
AFP hat zum Thema mit Dr. med. Burkhard Rodeck gesprochen, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin (DGKJ) und Leiter der Kinder-Gastroenterologie am Christlichen Kinderhospital Osnabrück. Auch er kennt die Auswirkungen von CO2 auf den Körper. Dieses Wissen sei obligatorisch in einem medizinischen Studium.
Er hält erst einmal grundlegend fest: Ein Zusammenhang zwischen diesem normalen Prozess und gesundheitlichen Gefahren durch die Gefäßerweiterung gebe es nicht. Nur eine Überschreitung von Normbereichen stelle ein Risiko dar. Masken jedenfalls führten nicht dazu: "Ich habe da eine Mathearbeit oder vielleicht bin ich gestresst durch die Maske und habe deshalb eine etwas höhere Adrenalinausschüttung", erklärte er in einem Telefonat mit AFP am 17. Dezember 2020. Um eine gefährliche Vasodilatation zu erzeugen, bräuchte es aber einen Grad an Adrenalinausschüttung, wie ihn etwa nur ein Tumor auslösen könne.
Das bestätigte auch Prof. Dr. Angela Hübner, Leiterin des Fachbereiches Endokrinologie und Diabetologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Carl-Gustav Carus in Dresden auf AFP-Anfrage am 7. Januar 2021: "Wir kennen eine längerfristige und deutliche Erhöhung von Adrenalin und verwandten Stresshormonen nur bei Kindern, die bestimmte Tumore haben, wie beispielsweise ein Phäochromocytom." Dabei handelt es sich um eine Erkrankung des Nebennieremarks, wo Adrenalin gebildet wird, erklärte Hübner.
Das Tragen von Masken führe nicht zu solch einer kritischen Adrenalin-Ausschüttung: "Es ist in keiner Weise vorstellbar, dass das Tragen einer Maske zu Erhöhungen der Stresshormone in diesem Ausmaß führen könnte", sagte Hübner.
Methodische Fehler in Janzens Experiment
Auch der Versuchsaufbau vom Kinderarzt Janzen ist für den Gastroenterologen Rodeck fragwürdig: "Es gibt verschiedene Faktoren, die Stress auslösen, die Janzen gar nicht erfragt hat. Wenn ich mich nur auf einen Faktor konzentriere, dann kann ich natürlich nicht sagen, dass ein zeitlicher oder kausaler Zusammenhang besteht. Es gibt methodische Probleme in der Argumentation des Kollegen."
Prof. Dr. Dr. Matthias Kroiß, Sprecher des Beirats der Sektion Nebenniere der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie und Oberarzt am Münchner Ludwig-Maximilians-Universitätsklinikum sieht Janzens Experiment ebenfalls kritisch. "Die Messung von Adrenalin und Noradrenalin im Urin ist starken Schwankungen unterworfen", schrieb er am 18. Dezember in einer E-Mail an AFP. Die Veränderungen könnten auch an körperlicher Aktivität oder der Tageszeit liegen.
Die drei Expertinnen und Experten sind sich einig, dass Janzens unveröffentlichter Versuch nicht den wissenschaftlichen Standards für eine Veröffentlichung standhält. Weder sei klar, welche Methoden Janzen bei der Laboranalyse verwendete, noch habe der Kinderarzt gezeigt, wann, wie und welche Masken er und die getesteten Kinder getragen hatten.
Wie sind Janzens Adrenalin-Werte zu bewerten?
Janzen dagegen erklärt im Video, dass er eindeutige Ergebnisse erbracht habe. AFP konnte zunächst allerdings abgesehen vom Video keine solchen Ergebnisse online finden. Dazu später mehr.
Janzen gibt im Clip lediglich einige Zahlen preis – seine eigenen Adrenalinwerte, die sich mit und ohne Maske verändert hätten. Eine Urinprobe habe er dazu an einem Montag nach einem Arbeitstag mit einer dichten FFP2-Maske genommen. Eine zweite Probe habe er am Freitag nach einem kürzeren Arbeitstag mit einer OP-Maske genommen, die er immer wieder auch abgenommen habe. Ein dritter Wert stamme von einer Probe vom arbeits- und für Janzen auch maskenfreien Sonntag. Das Ergebnis: Die Adrenalinwerte fielen bei den jeweiligen Proben immer niedriger aus.
Dieser Zahlen-Vergleich ist aber für Endokrinologen Kroiß nicht aussagekräftig. Er erklärte gegenüber AFP: "Schwankungen in dem beobachteten Bereich können bei ein und demselben Menschen in vergleichbaren Situationen zu verschiedenen Zeitpunkten auftreten, und auch die Werte von verschiedenen Menschen unterscheiden sich." Für ein aussagekräftiges Ergebnis müsse man das Experiment bei einem Menschen mehrfach durchführen oder eine große Anzahl von Menschen beobachten.
Genau wegen solcher Unsicherheiten werde in der klinischen Routine weitgehend auf Adrenalin-Messungen im Urin verzichtet. Kroiß betonte nochmals: Selbst wenn die Werte stimmig seien, könnten sie von mannigfaltigen Faktoren beeinflusst werden und seien nicht zwingend auf die Masken zurückzuführen. Laut Kroiß sind die von Janzen gezeigten Schwankungen außerdem "so klein, dass sie medizinisch nicht relevant sind".
Studien oder Adrenalin-Schwellenwerte für maskentragende Kinder gibt es nicht. Das bestätigen Rodeck, Hübner, Kroiß. Auch eine AFP-Suche auf Google Scholar ergab kein Ergebnis.
Nach Ansicht Hübners ist so eine Studie auch nicht sinnvoll, weil allein schon die Probenentnahme für Kinder messbaren Stress auslösen könne. Auch Rodeck sagte zum Ergebnis, das Janzen als "Beweis" für den "Schaden der Masken" bezeichnete: "Natürlich kriege ich durch Stress eine erhöhte Adrenalinausschüttung. Das weiß man und muss es nicht beweisen. Ob es Effekte auf die Gesundheit hat, hat Janzen nicht gezeigt."
Können Masken überhaupt zu einem gefährlichen CO2-Wert im Blut führen?
Laut Dr. med. Dominic Dellweg, Chefarzt für Pneumologie und Intensivmedizin am Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, steigt der Adrenalinwert im Körper wie beschrieben an, wenn sich im Blut mehr CO2 befindet als gewöhnlich. Die Behauptung Janzens, Masken führten zu diesem Effekt. stimme allerdings nicht, erklärte Dellweg in einer E-Mail an AFP vom 17. Dezember. Zwar verändere sich die Atmung der Kinder.. Das sei aber für Blutwerte nicht relevant.
"Es fehlt bisher jeder Beweis, dass es bei gesunden Kindern durch das Tragen einer Maske zu einem über die Norm erhöhten CO2-Wert im Blut kommt. Das wäre aber die Voraussetzung für Janzens Kausalität", schrieb Dellweg.
In einem Faktencheck von November 2020 hatte Dellweg bereits erklärt: "Die Maske stellt einen zusätzlichen Widerstand für unsere Atmung dar, das heißt, unsere Atemmuskeln, hauptsächlich unser Zwerchfell, müssen sich mehr anstrengen, um die Luft durch die Maske zu atmen. Diese vermehrte Anstrengung wird über Rezeptoren in den Atemmuskeln dem Gehirn als Luftnot gemeldet, obwohl die Werte für Sauerstoff und Kohlendioxid im Normbereich liegen." Anders gesagt: Das Tragen von Masken führt überhaupt nicht zu einem solchen Anstieg von CO2 im menschlichen Körper, was somit keine gefährlichen Adrenalin-Werte auslösen kann.
Was sagt Janzen selbst zu den Einschätzungen?
AFP hat mit dem Kinderarzt Janzen am 8. Januar telefoniert. Er hielt grundsätzlich an seinen Beobachtungen fest. Er präsentierte auch weitere Details aus seinem Versuch. Diese hat er laut eigenen Angaben am 6. Januar 2021 auf seiner Homepage veröffentlicht.
In dieser Veröffentlichung beschreibt Janzen erneut den von Expertinnen und Experten als problematisch beschriebenen Versuchsaufbau. Auch fehlt weiterhin eine genaue Übersicht seiner Messergebnisse sowie ein Kontrollmechanismus für den Ausschluss ergebnisverfälschender Faktoren. Die Zahlen, die der Kinderarzt präsentiert, lassen daher wie oben beschrieben keine tragbaren Schlüsse zu.
Für die Kritik der Expertinnen und Experten zeigte Janzen Verständnis: "Für andere, die das anders sehen, ist das höchstens ein Hinweis. Um einen Beweis zu haben, muss man eine transparente Studie mit 100 bis 200 Kindern machen, die von vielen Ärzten kontrolliert wird." Solch eine Kontrolle der Kinder habe es in seiner eigenen Beobachtung nicht gegeben, sagte Janzen.
In dem Telefonat räumte er außerdem Fehler bei den Formulierungen im Video ein: "Ich hätte einfach die Werte nennen und sagen sollen, jeder soll sich selbst Gedanken machen. Ich hätte nicht sagen sollen, dass Masken schaden. Ich hätte da mehr Fragen stellen müssen – ohne Behauptungen. Ich habe da unvorsichtig formuliert. Das tut mir leid."
Fazit
Janzen behauptet den Beweis zu präsentieren, dass Masken Kindern Schaden zufügen können. Dieser hält einer Überprüfung aber nicht stand. Seine Methode wird von mehreren Experten formal und inhaltlich kritisiert. Sein Experiment lasse zu viele unkontrollierte Einflussfaktoren auf die Adrenalin- und Noradrenalinwerte zu und habe keine Aussagekraft in Bezug auf mögliche Gefahren.
Selbst wenn dies aber der Fall wäre, hätten Janzens Ergebnisse den Experten zufolge aber keine medizinische Relevanz. Dazu seien die vom Kinderarzt gemessenen Veränderungen der Adrenalinwerte noch immer zu klein.
Vor allem aber kann demnach das Maskentragen überhaupt nicht zu CO2-Anstiegen im Körper gesunder Kinder führen, die solche gefährlichen Adrenalinwerte auslösen könnten.