Foto: Kena Betancur / AFP

Nein, kranke Wölfe führen Rudel nicht an, der Anführer bildet auch nicht die Nachhut

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Hunderte Facebook-User haben Anfang Januar erneut eine alte Behauptung über das soziale Verhalten von Wölfen verbreitet. Demnach würden auf einem geteilten Bild die "Alten und Kranken" das Rudel anführen, um "das Tempo vorzugeben". Die stärkeren Tiere sowie der Rudelführer würden den Schluss des gezeigten Rudels bilden, um dieses zu schützen. Experten widersprechen dieser Beschreibung allerdings.

In Deutschland tauchen die alten Behauptungen seit dem 8. Januar erneut Hunderte Male auf Facebook auf (hier, hier). Geteilt wird dabei das Bild eines Wolfsrudels samt farbiger Markierungen und einer Beschreibung. In dieser heißt es:

"Eine Gruppe von Wölfen: Die drei vorne sind alt und krank. Sie laufen vor, um das Tempo der Gruppe zu setzen, damit sie nicht zurückgelassen werden. Die nächsten fünf sind die Stärksten. Sie sind beauftragt, die Vorderseite zu schützen, wenn es einen Angriff gibt (...) Der Allerletzte im Bild der Anführer. Er sorgt dafür, dass niemand zurückgelassen wird. Er hält das Rudel vereint und auf dem gleichen Weg (...)"

Hier die volle Beschreibung:

Facebook-Screenshot: 11.01.2020

Die Behauptung zu den Wölfen ist nicht neu. In Deutschland und Österreich haben sie bereits die Faktencheck-Plattformen Mimikama und Correctiv widerlegt. Auch AFP hat sich bereits mit fremdsprachigen Versionen beschäftigt. Sie verbreiteten sich seit mindestens 2015 auch auf Spanisch und Englisch. Weitere Beispiele tauchten hier, hier und hier auf.

Eine Bildersuche führte AFP zu einer Fotogalerie der britischen Zeitung "The Guardian" vom 19. Oktober 2011, die mehrere Aufnahmen aus der BBC-Dokumentation "Frozen Planet" zeigt. Der britische Sender hatte sie im selben Jahr ausgestrahlt. In dieser Galerie taucht auch das Bild des Wolfsrudels auf, als Quelle für die Aufnahme wird Chadden Hunter genannt, Regisseur und Produzent für die Natur-Abteilung des Fernsehsenders BBC.

Die Bildunterschrift lautet: "Ein riesiges Rudel mit 25 Timberwölfen auf der Jagd nach Bisons am Polarkreis im Norden Kanadas. Mitten im Winter herrschen im Wood Buffalo National Park Temperaturen um die -40 Grad. Das Wolfsrudel, angeführt vom Alpha-Weibchen, wandert im Gänsemarsch durch den tiefen Schnee, um Energie zu sparen."

Weiter heißt es: "Die Größe des Rudels ist ein Zeichen dafür, wie reichhaltig ihre Beutebasis im Winter ist, wenn es durch weniger Futter und tiefen Schnee weniger Bisons gibt. Die Wolfsrudel in diesem Nationalpark sind die einzigen Wölfe der Welt, die sich auf die Jagd auf Bisons spezialisiert haben, die zehnmal so groß sind wie sie. Sie haben sich zu den größten und stärksten Wölfen der Erde entwickelt."

Für eine genauere Erklärung der Bildunterschrift kontaktierte AFP den Tierverhaltensforscher und Wolfspezialisten David Nieto Macein, der bereits 2015 in seinem Blog auf Spanisch zum Thema geschrieben hatte.

Zu AFP sagte Nieto Macein: "Wolfsgruppen bestehen aus einem brütenden Paar und ihrem Nachwuchs, also den Nachkommen aus dem letzten Wurf und vielleicht dem vorherigen. In Gruppen, die so groß sind wie die, die auf diesem Foto Bisons jagt, kommen normalerweise einige Wölfe aus anderen Gruppen hinzu."

Und weiter: "In diesem Fall ist diejenige Wölfin, die vorne steht, das fortpflanzungsfähige Weibchen, und der Rest folgt ihr einfach. Wenn Wölfe durch den Schnee gehen, folgen sie den Fußspuren der anderen."

Zum Thema Hierarchie und Sozialverhalten sagte Nieto Macein, dass es in der Natur "keine Verletzten, Alten oder Kranken gibt. In der Wildnis können die Tiere krank werden, aber die Kranken und Schwachen sterben."

Im Gegensatz zu den Behauptungen der Postings zeigt die Reihenfolge also nicht an, welche Wölfe krank sind, sondern wer die Mutter oder der Vater ist, "in diesem Fall die Anführerin der Gruppe. Ich weiß nicht, ob es einen männlichen Fortpflanzungspartner gab, oder ob er gestorben ist", sagte der Forscher.

Der Experte schloss auch aus, dass es noch andere Untergruppen in der Herde gibt, wie in den Postings behauptet.

AFP sprach im Oktober 2020 außerdem mit dem Tierarzt Eugenio Fernandez Suarez, der sich mit dem Verhalten von Tieren in der Wildnis beschäftigt. Er bestätigte die Aussagen von Macein.

"Wölfe sind keine Tiere, die dazu bestimmt sind, sich um ältere oder schwache Tiere zu kümmern, und es ist kein natürliches Verhalten, dafür zu sorgen, dass niemand zurückgelassen wird. Die Wahrheit ist, dass diese Tiere als eine der größten Gruppen von großen terrestrischen Fleischfressern auf dem Planeten wenig Schutz brauchen."

Die Postings seien ein klares Beispiel für Anthropomorphismus, also der Zuschreibung von menschlichem Verhalten auf Tiere, sagte Fernandez Suarez.

"Tiere haben etablierte Hierarchien, aber die Mehrheit der Wölfe lebt in Familieneinheiten, und obwohl es Ausnahmen mit großen Gruppen wie der auf dem Foto gibt, haben sie nicht diese Art von Organisation."

Fazit: Die in den Postings aufgestellten Behauptungen sind erfunden.

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