
Nein, diese Eindringlinge im US-Kapitol gehörten nicht zu einer Inszenierung oder zur Antifa
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- Veröffentlicht am 7. Januar 2021 um 17:19
- Aktualisiert am 3. Februar 2021 um 17:42
- 7 Minuten Lesezeit
- Von: Max BIEDERBECK, Eva WACKENREUTHER, AFP Deutschland, AFP Österreich
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Die Behauptungen zu den Eindringlingen verbreiten sich nach den Ereignissen in Washington am 6. Januar Hunderte Male auf Facebook (etwa hier, hier, hier) und zehntausendfach auf Telegram (hier, hier, hier). Viele der Postings teilen den Link zu einem Blog-Artikel mit der Überschrift: "Lügenpresse entlarvt: Der Sturm auf das Kapitol war inszeniert!" Dieser Artikel wiederum stellt aktuellen Fotos älteren Bildern gegenüber, die die vermeintliche Inszenierung aufdecken sollen. Andere Postings wollen außerdem ein entlarvendes "Hammer und Sichel"- Tattoo auf der Hand eines der Eindringlinge entdeckt haben.
Verschwörungsmythen zu einer angeblichen Unterwanderung durch Antifa-Aktivisten hatten kurz nach den chaotischen Demonstrationen in Washington bereits die Kongressabgeordneten Louie Gohmert und Mo Brooks verbreitet. Sie stehen Donald Trump nahe.

Die erste Behauptung bezieht sich auf einen der auffälligsten Eindringlinge, dessen Bilder um die Welt gingen. Nach übereinstimmenden US-Medienberichten handelt es sich bei dem Mann um den langjährigen QAnon-Aktivisten Jake Angeli aus Arizona (hier, hier). Auch sein Spitzname "QAnon Schamane" geht gerade um den Globus (hier). Die Zeitung "Arizona Central" bezeichnete ihn als "eine feste Instanz bei rechten Demonstrationen in Arizona während des vergangenen Jahres." Aufnahmen von Angeli gibt es von zahlreichen anderen Versammlungen, etwa im Mai 2020 bei einem Trump-Besuch in Phoenix, Arizona oder am Rande einer BLM-Demo im Juni 2020 in Phoenix, wo er ruft: "Die Antifa ist von George Soros gekauft und bezahlt!"
Der BLM-Schamane
Noch während der Ereignisse in Washington taucht ein älteres Bild von Angeli auf Twitter auf, das ihn als Fake-Demonstrant überführen soll, es stammt von einer Demo der Black-Lives-Matter-Bewegung (BLM) im Juni in Tempe, Arizona. Die Suche nach dem Ursprung der Aufnahme brachte AFP zunächst keine eindeutigen Ergebnisse. Das aktuell verbreitete Foto stammt von Cari Kelemen, die sich selbst als Trump-Unterstützerin bezeichnnet. Sie ist auch diejenige, die die Gerüchte über angebliche BLM-Hintergründe von Jake Angeli überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Hier ihr zugehöriger Tweet. Kelemen wiederum bezieht sich auf den freien Fotografen Brett Lewis, der das Bild im Juni aufgenommen haben will. Lewis stellte kurze Zeit später eine eigene Version des Bildes online (hier). Dazu gleich mehr.

Um zu verifizieren, ob das Foto wirklich aus Tempe stammt, hat AFP den Fotografen Patrick Breen kontaktiert. Breen hat im Sommer die Black-Live-Matters Proteste in Phoenix und Region begleitet und war auch in Tempe. Am 7. Januar schrieb er AFP in Bezug auf Angeli: "Ja, er war bei ein paar der BLM-Märsche in Tempe und Phoenix in Arizona – aber er war nie ein Teil davon oder ein Unterstützer dieser Märsche. Er trug immer seine Q-Zeichen und wenn er einmal in der Lage war, ein Mikrofon zu bekommen, nutzte er das für Verschwörungstheorien. Er wollte dort Aufmerksamkeit für QAnon generieren und Donald Trump unterstützen." Breen schreibt weiter: "Ich fotografierte Angeli später bei den 'Stop the Steal'-Protesten vor dem Maricopa Tabulation Center nach dem Wahltag im November."
Die aktuelle Aufnahme stammt also tatsächlich aus Tempe, neben den Zweifeln des Fotografen fällt außerdem auf, dass das kursierende Foto manipulativ zugeschnitten ist. Zahlreiche User, unter anderem eben auch der oben erwähnte Lewis, teilen auf Social Media eine zweite Version (etwa hier), auf der ein wichtiges Detail zur Einordnung erst sichtbar wird.

Klar ist jetzt auch auf dem Bild der Aufdruck "Q sent me" des Schilds von Angeli zu erkennen, also "Q hat mich geschickt". Bei QAnon handelt es sich um eine verschwörungsmythische Bewegung, die in den USA entstand und sich für den noch amtierenden US-Präsidenten Trump ausspricht (mehr dazu hier). Das Foto beweist also nicht, dass Angeli zusammen mit Black- Lives-Matter-Aktivisten demonstriert hat. Wie Breen es bereits angesprochen hat: Angeli hat gegen BLM demonstriert, so wie auch schon bei der oben beschriebenen Veranstaltung in Phoenix.
AFP hat außerdem noch einmal Angelis Spuren bei politischen Versammlungen im vergangenen Jahr nachverfolgt. Eine Suche nach weiteren seiner öffentlichen Auftritte führte zu zahlreichen Videos und Bildern, die ihn während des Jahres bei unterschiedlichen Anlässen zeigen (etwa hier, hier). Auch hielt er eine Pro-Trump-Rede bei der Auszählung von Wählerstimmen nach der US-Wahl in Phoenix (hier). In einer weiteren Aufnahme des österreichischen Rundfunks ORF trägt Angeli auch ein "Q sent me"-Schild. Bei all diesen Auftritten spricht er sich für die QAnon-Bewegung und für Donald Trump aus, er hat sogar einen eigenen Youtube-Kanal, auf dem er seine Ideen verbreitet.
Fazit: Bei Angeli handelt es sich um einen Anhänger der QAnon-Bewegung und nicht um einen Anhänger von BLM.

Ein zweites Bild greift eine weitere kursierende Behauptung über Angeli auf, nämlich dass dieser ein bezahlter Schauspieler gewesen sei. Als Beweis dazu zeigen viele Postings ein vermeintliches Schauspieler-Profil Angelis bei der US-amerikanischen Schauspiel-Agentur "Backstage". Das Profil selbst existiert nicht mehr. AFP hat am 7. Januar bei der Agentur nach weiteren Informationen gefragt, aber bislang noch keine Antwort erhalten. Eine Google-Suche nach tatsächlichen Film- oder anderen Rrollen Angelis blieb ergebnislos.
Daneben stellt das zweite Bild Behauptungen über weitere Männer auf, die neben Angeli im Kapitol zu sehen sind. Auf Social Media gibt es unterschiedliche Vermutungen darüber, um wen es sich dabei handeln könnte.
Die sich in Deutschland verbreitenden Facebook-Postings vergleichen sie wie in der Aufnahme zu sehen mit einem anderen Bild zweier Männer. Dazu steht als Quelle die Website "phillyantifa.org". Damit, so heißt es auch in dem eingangs erwähnten Blog-Artikel, sei der Beweis erbracht: Bei den beiden Männern handele es sich um Anhänger einer Antifa-Bewegung.
AFP hat das Bild tatsächlich bei "phillyantifa.org" gefunden. Die Seite führt die beiden Männer allerdings nicht als eigene Aktivisten auf, sondern beschreibt und dokumentiert sie als mutmaßliche Mitglieder der US-amerikanischen Neo-Nazi-Szene.

Bei dem Mann in dem gelben Pullover würde es sich demnach um den Rechtsradikalen Jason Tankersley handeln, bei dem Mann mit der blauen Maske um den bekannten US-Neonazi Matthew Heimbach, der auch hier gut auf einer rechtsradikalen Versammlung zu erkennen ist. Mit letzter Sicherheit bestätigen lassen sich diese Informationen allerdings nicht. Klar wird: Die beiden Männer, die Tankersley und Heimbach ähneln, tauchen nicht auf der Website auf, weil sie in der lokalen Antifa-Szene aktiv sind. Vielmehr werden die von phillyantifa.org gezeigten Männer von der Antifa-Szene als Rechtsextreme beobachtet.
Ein anderes Foto auf der Website phillyantifa.org sowie andere Blogeinträge lassen außerdem vermuten, dass es sich bei dem Mann im gelben Pulli im Kapitol nicht einmal um Jason Tankersley handelt. Er trägt nämlich ein anderes Tattoo, aber dazu gleich mehr.
Fazit: Es lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, um wen es sich bei den infrage stehenden Männern handelt. Als Beweis für ihre Antifa-Aktivität taugt das kursierende Foto aber nicht. Auf der Website der Antifa-Szene tauchen die Männer nur auf, weil diese Seite Rechtsextreme beobachtet und die beiden als Teil der rechten Szene identifiziert hat.
Das angebliche Kommunismus-Tattoo
Zahlreiche vor allem englischsprachige Postings auf Facebook (hier, hier) und Twitter (hier) begründen ihre Antifa-These auf einem weiteren Detail. Der Mann im gelben Pullover neben Angeli trage ein kommunistisches Hammer-Sichel-Tattoo auf der Hand. Das Symbol mit Hammer und Sichel wurde nach der russischen Oktoberrevolution entwickelt und ist noch immer Bestandteil der Logos zahlreicher kommunistischer Parteien.
Ein genauerer Blick auf seinen Handrücken zeigt allerdings: Das Tattoo zeigt nicht Hammer und Sichel, sondern ein Symbol aus einem Videospiel. Im Stealth-Actionspiel "Dishonored" vergibt der "Outsider" das sogenannte "Outsiders Mark" an Spielerinnen oder Spieler. Das Zeichen verleiht ihnen dann übernatürliche Fähigkeiten. Mit Hammer oder Sichel oder einer politisch linken Ausrichtung hat dieses Zeichen nichts zu tun.

Im Eintrag von "phillyantifa.org" findet sich übrigens noch ein weiteres Foto von Tankersley (AFP fand dieses Bild auch auf dessen Facebook-Profil wieder). Auf dieser Aufnahme trägt er am rechten Arm ebenfalls ein Tattoo, allerdings nicht das Dishonored-Tattoo des Eindringlings von Washington und auch kein Sichel-Tattoo. Die Identität des Kapitol-Stürmers bleibt also ungewiss, um den mutmaßlichen Neonazi Tankersley handelt es sich vermutlich nicht.

Fazit: Sowohl der echte Tankersley, als auch die Person im Kapitol tragen zahlreiche Tattoos, allerdings unterschiedliche Motive. Der Mann im Kapitol hat nicht Hammer und Sichel tätowiert, sondern ein Symbol aus einem Videospiel. Als Beweis für seine linke Gesinnung ist das Videospiel-Tattoo nicht aussagekräftig.
Update, 08.01.21: Link ergänzt.