Dieses Bild beweist keinen Verstoß gegen Kühl-Vorgaben des Biontech/Pfizer-Impfstoffs

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Tausende Facebook-User haben seit Ende Dezember das Foto eines angeblichen Verstoßes gegen Kühlvorgaben des neuen Anti-Corona-Impfstoffs geteilt. Die Aufnahme zeigt eine Szene, in der Ärzte Spritzen des Impfstoffs in einer Plastikkiste des deutschen Baumarktes OBI transportieren. Das Bild stammt aus einem Video, das die erste Corona-Impfung in Polen zeigt. Gegen die Kühlvorgaben haben die gezeigten Ärztinnen und Ärzte darin allerdings nicht verstoßen.

Die vermeintlich entlarvende Aufnahme von falsch transportierten Impfspritzen haben Facebook-User seit Ende Dezember allein hier und hier jeweils über tausend Mal geteilt. Weitere hundertfach geteilte Versionen finden sich hier und hier. Das Bild samt zwei Vergrößerungen taucht auch auf Telegram auf (etwa hier). Dazu schreiben User meist ähnliche Beschreibungstexte inklusive Lach- und Clown-Emojis wie etwa: "Gekühlt, bei - 70 Grad in der OBI-Box. Leute, werdet munter!" oder "Da ist das Ding (...) Der lang ersehnte Impfstoff bei -70 Grad in einer OBI Kiste". Ähnliche Postings verbreiteten sich auch Ende Dezember in Polen, etwa hier mit 3600 Shares.

Facebook-Screenshot: 04.01.2020

AFP stieß bei einer ersten Bildersuche auf einen polnischen Faktencheck der Plattform FakeNews.pl – er zeigt bereits, dass die Aufnahme echt ist und zu einem Youtube-Video über die erste Impfung mit dem neuen Biontech/Pfizer-Impfstoff gegen das Corona-Virus in Polen am 27. Dezember gehört. 

Bei der Geimpften handelt es sich um die leitende Krankenpflegerin des Warschauer Zentralklinikums des Innenministeriums, Alicja Jakubowska (hier, hier). Der gezeigte Screenshot ist also echt, aber zeigt er einen falsch gelagerten Impfstoff?

Die Lagerungsbedingungen des Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer

Der Impfstoff des Mainzer Impfstoffentwicklers Biontech und seines US-Partners Pfizer müssen nach deren Angaben grundsätzlich bei -70 Grad Celsius gelagert werden, so wie auch die Postings es behaupten. Pfizer beschreibt auf seiner Website allerdings drei weitere Möglichkeiten der Aufbewahrung des Impfstoffs: Ultra-Tiefkühltruhen, die im Handel erhältlich sind (-18 bis -24 Grad) und die eine Haltbarkeit von bis zu sechs Monaten gewährleisten können,  Thermotransporter von Pfizer, die als temporäre Lagereinheiten verwendet werden können, indem sie alle fünf Tage mit Trockeneis (-78,4 Grad) für bis zu 30 Tage Lagerung nachgefüllt werden, und Kühleinheiten, die üblicherweise in Krankenhäusern vorhanden sind. 

Anschließend, so schreibt Pfizer, "können die Impfstellen die Fläschchen für weitere fünf Tage bei zwei bis acht Grad lagern, insgesamt also bis zu 35 Tage."

Auch in einem Informationsblatt der für die Zulassung zuständigen Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA heißt es außerdem, der Impfstoff müsse vor der Verwendung aufgetaut werden. Außerdem steht im Blatt: "Nach dem Herausnehmen aus dem Gefrierschrank kann der ungeöffnete Impfstoff vor der Verwendung bis zu fünf Tage bei zwei bis acht Grad und bis zu zwei Stunden bei Temperaturen bis 30 °C gelagert werden."

Auch das folgende Video von AFP erklärt die Kühlsituation für den Impfstoff von Biontech/Pfizer:

AFP hat beim Krankenhaus in Warschau nach dem Vorgang der Kühlung gefragt. Sprecherin Iwona Sołtys sagte, das Krankenhaus habe sich zu jedem Zeitpunkt an die Vorgaben gehalten. "Die Durchstechflasche kann, wenn sie aus dem Gefrierschrank entnommen wird, bis zu fünf Tage bei zwei bis acht Grad gelagert werden, bevor sie verwendet wird", schrieb Sołtys in einer E-Mail und erklärte "Es hat sich außerdem gezeigt, dass das Produkt nach Verdünnung in neun mg/ml Natriumchlorid für sechs Stunden bei zwei bis 30 Grad chemisch und physikalisch stabil bleibt." Nach dem Auftauen solle der Impfstoff nicht wieder eingefroren werden. Der Hersteller habe außerdem vorgegeben, dass die verdünnte Dispersion vor der Verwendung Raumtemperatur erreichen sollte. Das Krankenhaus habe "den Impfstoff korrekt gelagert und zum Ort der Impfung transportiert."

Fazit: Das gezeigte Bild der transportierten Nadeln in den Obi-Boxen ist echt. Es dient allerdings nicht als Beweis für eine unsachgemäße Lagerung des Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer. Der Impfstoff hält nach dem Auftauen bei zwei bis acht Grad noch fünf Tage. Der Transport in einer Kiste innerhalb des Krankenhauses ist also kein Problem für den Impfstoff.

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