Nein, diese Daten beweisen keinen Zusammenhang zwischen steigenden Todesraten und Corona-Impfungen in Israel

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Hunderte Facebook-User haben seit Anfang April einen Blog-Artikel geteilt, wonach es einen statistischen Zusammenhang zwischen der Todesrate in Israel und der dortigen Zahl der Impfungen gebe. Grafiken aus verschiedenen Datenbanken sollen das belegen. AFP hat Expertinnen und Experten sowie das israelische Gesundheitsministerium zu der Behauptung befragt. Sie erklärten unabhängig voneinander, dass die verbreiteten Daten keineswegs einen Zusammenhang zeigen. Die Todeszahlen in Israel sind im Verlauf der Impfkampagne außerdem gesunken.

Rund 700 Facebook-Nutzerinnen und Nutzer haben seit dem 1. April einen Artikel des selbst ernannten Wissenschaftsblogs TKP mit der Behauptung geteilt. Das am häufigsten geteilte Posting stammt von Wolfgang Wodarg, seinerseits Arzt, ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter und Anti-Corona-Aktivist. In der Vergangenheit hat AFP Wodargs Corona-Aussagen bereits in mehreren Faktenchecks widerlegt (hier, hier).

Im Artikel selbst heißt es: "Wie in so gut wie allen Ländern weltweit war in Israel ein Anstieg in der Mortalität mit der Zunahme der Zahl der täglichen Impfungen zu beobachten. Und zwar nicht nur in der Altersgruppe über 65 Jahren, sondern auch im Bereich 45 bis 64 Jahre. Als die Impfintensität zurückging, nahm auch die Übersterblichkeit wieder ab." Zwei Grafiken sollen diesen angeblichen Zusammenhang belegen.

Weiter heißt es: "Jedenfalls gab es seit Beginn der Aufzeichnungen noch keine so hohe Übersterblichkeit in Israel, wie durch die Impfungen verursacht."

Auch auf Telegram verbreitet sich die Behauptung bereits seit dem 21. März. Dort erreichte sie über 11.000 User (hier). Auch hier heißt es: "Je mehr Menschen in Israel geimpft werden, desto mehr Todesfälle gibt es."

Facebook-Screenshot: 26.04.2021

Die Israelische Regierung hat am 20. Dezember 2020 seine Covid-Impfkampagne gestartet – bereits am 25. April 2021 waren laut Angaben der Behörden rund 58 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen Corona geimpft. In Deutschland waren zu diesem Zeitpunkt rund sieben Prozent vollständig geimpft. Auch deutschsprachige Medien berichteten über die "reibungslose Impfkampagne" in Israel im "Turbotempo" als "Erfolg". Aber hat das hohe Tempo eine Schattenseite, wie von den Postings dargestellt? AFP hat die drei Hauptbehauptungen geprüft.

1. Stiegen die Todesraten weltweit?

Der Blog führt als Quelle für diese Behauptung die Datenbank Euromomo an, ein internationales Projekt mit Partnern wie dem Robert Koch-Institut (RKI) oder dem Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Seite führt die Todesraten in der Bevölkerung von 29 europäischen Ländern auf, nicht der ganzen Welt. Die Zahlen stehen dabei nicht in Zusammenhang mit bestimmten Todesursachen, sondern zeigen die Gesamt-Todesrate.

AFP hat den Datensatz auf die Behauptung hin überprüft. Laut Euromomo blieben die Todesraten seit Beginn der Impfkampagnen in den meisten Ländern trotz Schwankungen etwa gleich. Eine der Ausnahmen ist tatsächlich Israel, zur Erklärung später mehr. Bis Ende März sanken die Todesraten dann in den meisten Ländern – währenddessen die Impfkampagnen noch liefen und jetzt auch noch weiter laufen.

So auch in Deutschland: Während in Deutschland die Impfungen langsam vorangingen, fiel die Todesrate fast ununterbrochen – auch in den vom Artikel angegebenen Altersgruppen. Lediglich bei 45- bis 64-Jährigen schwankte die Kurve, fiel aber tendenziell ebenfalls ab. Die Datenbank zeigt für Österreich und die Schweiz während der Impfungen ähnliche Trends wie in Deutschland.

Die Behauptung, dass die Todesraten weltweit ansteigen würden, lässt sich also mit Daten von Euromomo nicht bestätigen. Im Gegenteil, die Zahl aller Toten in den europäischen Staaten ist laut dieser Daten rückläufig, seitdem geimpft wird.

2. Höchste Todesrate aller Zeiten in Israel durch Impfungen?

Seit Beginn der Aufzeichnungen Ende 2015 soll laut dem TKP-Artikel die Todesrate in Israel durch Impfungen auf einem Höchststand geschnellt sein. Auch das stimmt nicht.

Die folgende Grafik zeigt, dass die höchste Todesrate in der gesamten Bevölkerung in Israel seit 2016 bereits Anfang Oktober 2020 erreicht war. Zu diesem Zeitpunkt war die dortige Impf-Kampagne noch gar nicht gestartet. Anfang 2021 stieg die Zahl dann zwar noch einmal an (dazu gleich mehr), fiel dann aber wieder ab.

Euromomo-Screenshot: 27.04.2021

3. Je mehr Impfungen, desto mehr Todesfälle in Israel?

Der Verfasser des Blog-Artikels behauptet an mehreren Stellen, es gebe  einen "Anstieg in der Mortalität mit der Zunahme der Zahl der täglichen Impfungen" in Israel. Dies versucht er mit einer Grafik zu belegen, in der er von einer sogenannten Korrelation zwischen Impf- und Todesrate spricht.

Eine statistische Korrelation misst laut Statista, einem deutschen Online-Portal für Statistik, die Stärke eine statistischen Beziehung zweier Variablen. Einfach gesagt: "Je mehr Variable A, desto mehr Variable B" und umgekehrt "Je weniger A, desto weniger B". In Bezug auf die Israel-Behauptung würde das bedeuten: Je mehr Impfungen, desto mehr Todesfälle. Wie stark ein Zusammenhang ist, kann mit unterschiedlichen mathematischen Methoden berechnet werden. Zwei Entwícklungskurven etwa in einer Grafik einfach übereinander zu legen, sagt an sich noch nichts aus. Korrelationen sind außerdem nur ein Hinweis und keineswegs ein Beweis auf einen Kausalzusammenhang.

Der Artikel versucht solch eine Korrelation mit zwei Grafiken zu belegen.

Die erste Grafik im Blog-Artikel stammt wieder aus der Euromomo-Datenbank, wurde allerdings um Hinweise ergänzt. Sie soll zeigen, dass mit dem Impfstart in Israel auch die Todesrate gestiegen ist.

TKP Blog-Screenshot: 28.04.2021

Allerdings ist in der Grafik schon zu sehen, dass die Todesrate bereits eine Woche vor Beginn der Impfungent zu steigen begann und dann auch nach Beginn der Impfkampagne nur weiter stieg. Ende Januar, etwa gleichzeitig mit einer Verlangsamung der Impfungen, fiel auch die Todesrate wieder ab.

Diesen ähnlichen Kurvenverlauf zur gleichen Zeit zeigt auch die zweite Grafik und behauptet erneut eine Korrelation. Die Quelle diesmal: Our World in Data, eine Datenbank, die weltweite offizielle Daten zu verschiedenen Themen sammelt. Auch diese Grafik wurde um Notizen und weitere Daten ergänzt.

Grafik-Screenshot aus dem Artikel: 26.04.2021

Der Kurvenverlauf wirkt auf den ersten Blick gleich. Bei genauem Hinsehen fällt jedoch auf, dass nur einzelne rote Balken der Todesrate (roter Pfeil) in die Höhe schnellen und so von der insgesamt fallenden Tendenz abweichen. Als die Impfungen Anfang Februar wieder beschleunigt wurden, fiel die Todesrate weiter.

Expertinnen und Experten widersprechen der Behauptung aus dem Blog. AFP hat den Leiter für demografische Forschung am Max-Planck-Institut, Dr. Dmitri Jdanov, nach möglichen Korrelationen in den Grafiken gefragt. Am 8. April antwortete er in einer E-Mail: "Das ist falsch." Es gebe keine Korrelation zwischen der Zahl der täglichen Impfungen und übermäßigen Todesfällen. Ein Hinweis auf die fehlende Korrelation lieferten die Zahlen andere Länder wie Deutschland (hier, hier), Frankreich (hier, hier) und USA (hier, hier). Dort verlaufen die Impf- und Todesraten sehr unterschiedlich. Die ähnlichen Kurvenverläufe der Israel-Grafik seien für Jdanov schlicht ein "Zufall".

AFP hat auch die Sprecherin von Our World in Data zur Behauptung befragt. Am 7. April antwortete Hannah Ritchie in einer E-Mail: "Es ist nicht der Fall, dass die Covid-Todesfälle oder die Gesamtzahl der Todesfälle als Reaktion auf die Einführung des Impfstoffes in Israel zugenommen haben."

Ritchie stellte klar, dass die gezeigten Daten nur zum Teil von Our World in Data stammten. Die Todesrate könne von Euromomo stammen. Ihre Einschätzung der eigenen Daten widerspricht der Behauptung des Artikels: 

"Wir haben die neuesten Daten zu Fällen, Krankenhausaufenthalten und Todesfällen in Israel verfolgt, weil es bei der Einführung von Impfstoffen führend war. Die Trends zeigen einen signifikanten Rückgang der Fälle, Krankenhausaufenthalte und Todesfälle in allen Altersgruppen, insbesondere aber der ältesten Altersgruppen, die den Impfstoff zuerst erhalten haben."

Warum verliefen die Kurven in Israel anfangs ähnlich?

Auch erklärte Ritchie, warum die Kurven in Israel zunächst ähnlich verliefen: "Ein Anstieg der Todesfälle sehr früh in der Impfkampagne war wahrscheinlich das Ergebnis einer intensiven Covid-Welle in Israel zu dieser Zeit – und zwar bevor ein erheblicher Prozentsatz der Bevölkerung geimpft wurde und eine Immunität entwickeln konnte."

Die offiziellen Corona-Fallzahlen (hier, hier, hier) und Medienberichte (hier, hier, hier) bestätigen diese Einschätzung. Mitte Dezember begann die dritte und stärkste Corona-Ansteckungswelle in Israel. Erst Mitte Januar erreichte sie ihren Höhepunkt und sank dann kontinuierlich. Auch die täglichen Covid-Todesfälle verliefen ähnlich.

Dashboard-Screenshot zu aktiven Infektionen: 27.2021
Dashboard-Screenshot zu täglichen Covid-19-Todesfällen: 27.2021

Auch zwischen Impfstart und der dritten Coronawelle in Israel gibt es keinen Zusammenhang. AFP hat diese Behauptung bereits hier überprüft. Corona-Impfungen führen nicht zu mehr Covid-Neuinfektionen.

AFP befragte auch das israelische Gesundheitsministerium zur Behauptung über die Impf- und Todesrate. Ein Sprecher schrieb am 12. April in einer E-Mail: "Diese Information ist völlig falsch. Es ist unwissenschaftlich, tägliche Todesfälle mit täglichen Impfungen zu vergleichen."

Anat Danieli Lev, ebenfalls Ministeriumssprecherin erklärte einen Tag später: "Die übermäßige Sterblichkeitsrate ist hauptsächlich auf Covid-19-assoziierte Todesfälle während eines großen Infektionsanstiegs zurückzuführen."

Fazit

Die Behauptung, dass weltweit die Todesraten mit den Impfraten zusammenhängen würden, ist falsch. Der internationale Vergleich zeigt, dass die Kurvenverläufe in einigen Ländern voneinander abweichen. Im Gegenteil: Trotz Impfkampagnen sind sie in Ländern, in denen die Impfkampagnen bereits begonnen haben tendenziell seit Anfang Februar sinkend. Expertinnen und Experten haben außerdem erklärt, dass anhand so weniger Informationen keine ursächliche Beziehung dargestellt werden kann.

Außerdem erklärten die Expertinnen und Experten auch, wie es in Israel zu einem kurzzeitig ähnlich wirkenden Kurvenverlauf bei der Todesrate und den Impfungen kommen konnte. Damit widersprechen sie auch der Behauptung des Artikels: Die Kurven verliefen zwar für einen gewissen Zeitraum ähnlich, sie beweisen aber dennoch keine statistische Korrelation der beiden Datensätze und auch keine Kausalität der Tode durch Impfungen.

Korrektur: Die Angaben zum Impfstand der israelischen Bevölkerung korrigiert am 30. April 2021.
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