Nein, dieses Video beweist keine gefährlichen Blutveränderungen nach der Corona-Impfung

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Zehntausende Facebook-Nutzerinnen und Nutzer in zahlreichen Ländern haben seit August eine Laboranalyse deutscher Impfgegnerinnen und -gegner geteilt. Diese wollen ungewöhnliche Veränderungen im Blut nach Impfungen sowie "metallische" Stoffe entdeckt haben. Von AFP kontaktierte Expertinnen und Experten erklärten, dass die Untersuchung im Video medizinischen Standards nicht genüge und keine Gefahr durch die Impfung beweisen könne.

Für Impfwillige und Geimpfte hat Rechtsanwalt Holger Fischer eine Warnung: "Da ist jedenfalls Zeugs drin, das da offensichtlich nicht reingehören sollte", sagt er in einem Video, das Zehntausende Nutzerinnen und Nutzer seit August auf Facebook geteilt haben (hier, hier).

Hunderttausende sahen es auf Telegram (hier, hier, hier). Zehntausende Nutzerinnen und Nutzer haben die Aufnahme auch auf Tschechisch, Slowakisch oder Französisch gesehen. Auf Englisch griff die US-amerikanische "Stew Peters Show" die Behauptungen gemeinsam mit Jane Rubey auf, mit der er in der Vergangenheit schon mehrmals Falschinformationen verbreitet hat (hier, hier).

Die Falschbehauptungen: Erstens will die untersuchende Heilpraktikerin "extreme" Veränderungen im Blut von Geimpften entdeckt haben, die sie als "Geldrollen" beschreibt. Außerdem spekulieren die Personen im Video über "metallische" Inhaltsstoffe von Corona-Impfungen. Zudem beschleunige eine Impfung potentiell bestehende Krebserkrankungen im Körper. Impfnebenwirkungen würden zudem durch unzureichende Meldungen verharmlost.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 13.09.2021

Über das Blut Corona-Geimpfter kursieren in sozialen Netzwerken zahlreiche Falschinformationen. AFP hat in der Vergangenheit etwa widerlegt, dass Geimpfte kein Blut mehr spenden dürfen oder aufgrund vermeintlicher Blutgerinnsel nicht mehr fliegen sollten. Auch angebliche Blutverfärbungen durch die Impfung hat AFP überprüft. Auch Behauptungen über angeblich giftige Bestandteile von Impfstoffen, etwa Graphenoxid, hat AFP bereits entkräftet.

Wer sind die Personen im Video?

Ganz am Ende des Videos ist als Urheber der Kanal "Die entfesselte Kamera" angegeben. Kanalbetreiber Dominik Stapf hat das Video am 12. August auf Facebook und Telegram veröffentlicht. Er bezeichnet sich als "redaktionell verantwortlich" und nennt zusätzlich die Namen der im Video auftauchenden Personen: Bärbel Ghitalla, Axel Bolland, Holger Fischer und Elmar Becker.

Die Genannten drängen sich im Video in eine kleine Praxis. Sie betrachten vergrößerte Bilder auf einem Bildschirm und diskutieren die angeblichen Ergebnisse. Bärbel Ghitalla spielt im Video die wichtigste Rolle. Sie zeigt den anderen auftretenden Personen Aufnahmen, die sie als das Blut ihrer geimpften Patientinnen und Patienten beschreibt. Mehrere Blogs (hier, hier), darunter auch die Stew-Peters-Show, bezeichnen Ghitalla dabei als Ärztin. Ghitalla ist allerdings keine Ärztin, sondern Heilpraktikerin in Rheinland-Pfalz. Laut ihrer Website ist sie ausgebildete Krankenschwester und bietet unter anderem sogenannte Lebendblutanalysen an. Sie selbst behauptet im Video auch nicht, Ärztin zu sein.

Ebenfalls im Video taucht Axel Bolland auf. Er ist laut Selbstbeschreibung Allgemeinmediziner und auf Naturheilverfahren spezialisiert. Auch er gibt an manchen Stellen im Video Einschätzungen ab und erzählt von den Beschwerden seiner Patientinnen und Patienten infolge von Corona-Impfungen.

Außerdem sprechen Holger Fischer und Elmar Becker, nach eigenen Angaben beide Anwälte. Becker engagiert sich bei den "Klagepaten", eine den Querdenkern nahestehenden Organisation. Auch Fischer sprach bereits bei Querdenker-Demonstrationen und beim sogenannten "Corona Ausschuss", der AFP schon öfter wegen der Verbreitung von Falschinformationen aufgefallen ist (hier, hier, hier).

Keine seriösen Ergebnisse

Die Personen im Video wollen auf den von ihnen gezeigten Bildern sogenannte "Geldrollenbildung und "Stechapfelformen" entdeckt haben. Geldrollenbildung beschreibt Formationen von kettenartigen Stapeln roter Blutkörperchen. Sie kann verschiedene Ursachen haben. Alexander Lerchl ist Professor für Biologie an der Jacobs University in Bremen und schrieb am 20. September an AFP: "Geldrollenbildungen sind normal." Sie treten zum Beispiel natürlich auf, wenn die Blutgerinnung einsetzt, kommen aber auch bei Krebserkrankungen vor.

Rote Blutkörperchen, die in ihrer Form kugelig-stachelig verändert sind und daher an Stechäpfel erinnern, nennt man Echynozyten oder Stechapfelzellen. Sie seien aber "ohne klinische Bedeutung", erklärte Carsten Müller-Tidow, dem AFP die vermeintlich skandalösen Blutbilder gezeigt hat. Müller-Tidow leitet die Klinik für Hämatologie, Onkologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Heidelberg und schrieb am 16. September an AFP: "Hier gibt es nichts Sinnvolles zu sehen, weil es keine korrekte Färbung des untersuchten Bluts gibt. Die Art der Analyse ist unseriös. Nichts zu erkennen für einen Hämatologen." Gefärbte Blutausstriche sähen komplett anders aus. Die Färbung sei jedoch notwendig, um untersuchte Zellen überhaupt identifizieren zu können und darauf basierend eine Diagnose zu stellen.

Die im Video präsentierten Untersuchungen entsprächen dagegen keinem ärztlichen Standard und könnten keine relevanten Ergebnisse liefern. Müller-Tidow erklärte: "Geldrollen und Stechapfelformen lassen sich nur in korrekt fixiertem/angefärbten Material erkennen, was hier nicht der Fall ist." Für eine korrekte Diagnose müsste das Blut auf einem Objektträger ausgestrichen werden und mit einer speziellen Färbetechnik wie oben beschrieben eingefärbt werden: "Ohne Ausstreichen, Färbung und ohne Gerinnungshemmung klumpt das Blut und es ist nichts zu erkennen."

Biologe Lerchl sieht das ähnlich:

Die Beteiligten selbst erklären im Video nicht, welche Methode genau bei ihrer vermeintlichen Analyse zum Einsatz kam. AFP hat bei Bärbel Ghitalla und Axel Bolland sowie dem Redakteur Dominik Stapf am 23. September nachgefragt. Ghitalla und Stapf antworteten bis zur Veröffentlichung nicht, Bolland bestätigte am 4. Oktober, nach Veröffentlichung, dass es sich bei der Methode um eine Lebendblutanalyse mit einem sogenannten Dunkelfeldmikroskop handle. Allerdings räumen die Personen im Video selbst ein, dass die gezeigte Analyse gar keine Diagnostik darstellen soll. Anwalt Fischer etwa erklärt: "Und selbst wenn es für die Diagnostik nicht zugelassen ist, wir machen ja hier keine Diagnostik, sondern wir beschreiben erst mal Phänomene und regen dazu an, dass sich die Wissenschaft jetzt breit aufstellt und einfach nachuntersucht, darum geht es."

Auch über andere Auffälligkeiten wie angeblich "kristalline Strukturen" oder "Pünktchen" sagt Arzt Bolland: Er könne gar nicht interpretieren, "dass die Struktur auf dem und dem Inhaltsstoff beruht, das ist nicht möglich." Den Anspruch des wissenschaftlichen Beweises, den zahlreiche Postings der Untersuchung zuschreiben, erheben also nicht einmal die Personen im Video selbst.

Unklarheiten über die Methodik

Möglicherweise handelt es sich bei der Analyse um eine sogenannte Lebendblutanalyse, die Ghitalla in ihrer Praxis anbietet. Dieses Verfahren beschreibt der Bund Deutscher Heilpraktiker (BDH) so: "Bei der Untersuchung wird ein Tropfen Blut aus dem Finger oder dem Ohrläppchen des Patienten entnommen und direkt unter einem speziellen Mikroskop betrachtet. Durch den seitlichen Lichteinfall dieses Gerätes werden alle Zellen hell angestrahlt, während die Blutflüssigkeit einen dunklen Hintergrund bildet. Der speziell dafür ausgebildete Heilpraktiker beurteilt Formen und Veränderungen von Blutzellen sowie andere in der Blutflüssigkeit vorhandene Strukturen."

Der Bremer Forscher Lerchl hat sich bereits in der Vergangenheit mit vermeintlich aufgedeckten Veränderungen von roten Blutzellen beschäftigt, die mittels Lebendblutanalyse festgestellt wurden. Er erklärte, dass die Methode nicht dafür geeignet sei, mögliche Impfwirkungen nachzuweisen oder metallische Teile zu finden. Theoretisch vorhandene Metallpartikel müssten in solch einer Methode nach der Injektion in die Blutbahn wandern und dann genau in dem für das Mikroskop entnommenen Blutstropfen zu finden sein. Das aber sei mehr als unwahrscheinlich, erklärte Lerchl. Wahrscheinlicher sei eine Verunreinigung in nicht sterilem Umfeld.

Das Projekt "Medizin Transparent" der Donau-Universität Krems und der Wissenschaftsorganisation Cochrane bezeichnet die Dunkelfeldmikroskopie, ein anderer Name für die Lebendblutanalyse, als "zur Diagnose ungeeignet". Zumindest aber die Erkennung von Krebs, zu der die Methode oft verwendet wird, scheint mit der Dunkelfeldmikroskopie nicht zu gelingen, so eine Untersuchung von Medizinern der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Impfung und Thrombose

Die Personen in dem Video erkennen in den angeblich ungewöhnlich veränderten Blutbildern Geimpfter außerdem "eine Ausgangssituation für Thrombose". Eine Thrombose ist der Verschluss eines Gefäßes durch ein Blutgerinnsel. Darauf, wie sie zu dieser Annahme kommen, gehen sie nicht ein.

Tatsächlich hatte die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) im April 2021 bekannt gegeben, dass Blutgerinnsel als "sehr seltene" Nebenwirkungen der Vektorimpfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson gelistet werden sollten (mehr dazu hier). Über mRNA-Impfungen sagte die EMA im Mai, dass es keine Anhaltspunkte für einen Zusammenhang zwischen Blutgerinnseln und den Impfstoffen von Moderna und Pfizer/Biontech gebe (AFP berichtete).

Die Komplikationen mit Astrazeneca liegen aber auch nicht an einer Ansammlung von roten Blutkörperchen, wie das bei der im Video erwähnten Geldrollenbildung der Fall ist. Die bei Astrazeneca beobachteten Thrombosen gingen mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) einher, wie Forscher der Medizinischen Universität Wien und der Universität Greifswald herausgefunden haben. "Die Thrombozytopenie und die Thrombosen sind Folge einer Immunreaktion und haben mit der Entstehung sonstiger Thrombosen nichts gemein", schreiben die Österreichische Krebshilfe sowie die Website "infektionsschutz.de" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung dazu.

Für einen ähnlichen AFP-Faktencheck erklärte Manuel Cliquennois, Leiter des hämatologischen Dienstes des Krankenhauses Saint-Pierre in Brüssel, dass das Auftreten von Blutgerinnseln nicht durch einfache Beobachtung unter dem Mikroskop bestimmt werde. "Die Gerinnung wird mittels Funktionstests beurteilt, durch die Messung der Gerinnungszeit, die Aktivität der verschiedenen Gerinnungsfaktoren, deren Konzentration im Blut oder durch die Gerinnungsabbauprodukte", erklärte Cliquennois.

Mittels eines D-Dimere-Tests könne man "viel präziser" die Blutgerinnung beobachten als unter einem Mikroskop, sagte Chloé James, Fachärztin für Hämatologie und Hämostase am Universitätsklinikum Bordeaux, am 8. September gegenüber AFP. Manuel Cliquennois fügte hinzu, dass man auf einem Blutausstrich, einem auf einem Objektträger verteilten Blutstropfen, zwar rote Blutkörperchen betrachten könne, allerdings lasse das "absolut nicht den Schluss zu, dass eine Gerinnung vorliegt".

Krebs wird nicht durch Impfung beschleunigt

Im Video macht Anwalt Holger Fischer noch eine weitere Behauptung. Er spricht davon, dass sich Krebs durch die Impfung "beschleunigt". Durch die Impfung sei das Immunsystem für zwei Wochen "praktisch außer Gefecht gesetzt". In diesen zwei Wochen könne sich der Körper "schlechter gegen seinen Krebs wehren. Und dann entstehen Metastasen, dann ist einer ganz schnell weg", behauptet Fischer.

AFP hat bei Timm Dauelsberg nachgefragt. Er ist Direktor der Klinik für Onkologische Rehabilitation am Universitätsklinikum Freiburg. Er erklärte am 20. September:

Warum das genau geschehe, wisse die Forschung noch nicht gesichert: "Was der konkrete Auslöser für das Verlassen des ursprünglichen Tumorzellverbandes ist, konnte bisher wissenschaftlich nicht geklärt werden. Die Fragestellung ist für die Krebsforschung sehr bedeutsam, weil sich durch ein besseres Verstehen der Metastasierung möglicherweise neue Therapiemöglichkeiten erschließen." Allerdings:

"Nach dem derzeitigen Verständnis gibt es keinen Zusammenhang zwischen Metastasierung und Impfung. Krebspatient*innen wird seit vielen Jahren die jährliche Grippeimpfung empfohlen und vielfach durchgeführt. Dass davon Metastasierung begünstigt wurde, ist nicht bekannt."

Casten Müller-Tidow ergänzte: "Es gibt keinen Beleg dafür, dass Impfungen Krebsentstehung beschleunigen. Im Gegenteil, viele Impfungen, wie gegen Hepatitis B oder Papillomavieren, beugen Krebserkrankungen vor."

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) empfiehlt Krebspatientinnen und -patientinnen die Impfung: "Prinzipiell sollten sich Krebspatient*innen unbedingt gegen COVID-19 impfen lassen." Die DGHO weiter: "Es gibt keine krebsspezifischen Kontraindikationen gegen eine COVID-19-Impfung." Gegen die Impfung spreche auch bei einer Krebsdiagnose nichts. Bei einer Corona-Erkrankung hätten Krebskranke hingegen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf. Das sieht auch der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) so. Timm Dauelsberg ergänzte, dass die Impfung, wenn möglich vor Beginn einer Krebstherapie erfolgen sollte.

Nicht gemeldete Impfnebenwirkungen?

Außerdem vermutet Bolland im Video, dass schwere Impfnebenwirkungen unzureichend erfasst würden. Er sagt: "Es wird verharmlost." Für die meisten Ärzte sei das Melden von Komplikationen zu viel Arbeit: "Die sagen lieber ‚das ist kein Impfschaden‘ als dass sie dann eben diesen ganzen Aufwand betreiben müssen, um diesen Impfschaden zu melden", behauptet Bolland.

Ob ein Arzt oder eine Ärztin sich aber Zeit für das Melden eines Impfschadens nehmen möchte, liegt nicht im Ermessen der Mediziner. Sie sind laut Infektionsschutzgesetz dazu verpflichtet, jede "über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehende gesundheitliche Schädigung durch die Schutzimpfung" zu melden.

Das für die Überwachung von Arzneimitteln in Deutschland zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) erhält Meldungen zudem nicht nur von Ärztinnen und Ärzten direkt, sondern auch von Gesundheitsämtern, durch die Arzneimittelkommissionen der Apotheken und von Geimpften oder ihren Angehörigen über sein Meldeportal. Jeder und jede kann eine vermuteten Impfnebenwirkung also auch selbst melden.

Fazit

Das Video von Impfgegnern rund um die Heilpraktikerin Bärbel Ghitalla beweist keine Gefährlichkeit der Impfung. Von AFP befragte Experten gaben an, dass die gezeigte Untersuchung keinen ärztlichen Standards entspreche und daher nicht zu relevanten Erkenntnissen führen könne. Diesen Anspruch erheben die Personen im Video aber nicht einmal selbst. Für vermehrte Krebsmetastasen nach einer Impfung gibt es keine Hinweise, impfverursachte Thrombosen sind äußerst selten. Hämatologe Müller-Tidow fasste zusammen: "Insgesamt handelt es sich um nicht-faktenbasierte Aussagen, die keine Grundlage haben." Die Nachrichtenagenturen dpa und Reuters kamen in Faktenchecks unabhängig von AFP zum selben Ergebnis.

5. Oktober 2021 Antwort Axel Bolland ergänzt
IMPFUNGEN COVID-19