Nein, diese Fotos zeigen keinen ukrainischen Soldaten, der in Dubai durch einen iranischen Angriff getötet wurde
- Veröffentlicht am 15. April 2026 um 13:24
- 5 Minuten Lesezeit
- Von: Alexis ORSINI, AFP Frankreich
- Übersetzung und Adaptierung: Elena CRISAN
Der Iran-Krieg hatte Ende Februar 2026 mit Angriffen der USA und Israels auf die Islamische Republik begonnen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte einen Monat später eine Verteidigungskooperation zwischen der Ukraine und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) an. Am selben Tag erklärte die iranische Armee, sie habe in den VAE ein Lager für ukrainische Drohnenabwehrsysteme zerstört, was die Ukraine dementierte. In diesem Kontext verbreiteten Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien das Porträt eines ukrainischen Soldaten und behaupteten, der Soldat sei nach einem iranischen Angriff in Dubai getötet worden. Doch die Fotos sind alt und zeigen einen bereits im Jahr 2024 in der Ukraine verstorbenen Soldaten.
"Dies ist der erste bestätigte Fall eines durch iranische Streitkräfte getöteten ukrainischen Soldaten", lautet die Facebook-Beschreibung zu einem schwarzweißen Bild eines Mannes in Militäruniform am 2. April 2026. Ein angeblicher Nachruf aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ist auf den Namen Anatoli Onischtschuk ausgestellt, dieser soll auch auf den geteilten Fotos zu sehen sein. In einem anderen Facebook-Beitrag vom 1. April 2026 wurde ein weiteres Bild geteilt, das vier Soldaten zeigt, darunter auch Onischtschuk, wie es heißt. Laut der Behauptung seien "21 ukrainische Drohnenspezialisten ums Leben" gekommen, "die Selenskyj dorthin entsandt hatte, um die Amis zu unterstützen".
Ähnlich kursierte die Behauptung auf X und Telegram sowie auf Französisch, Italienisch, Polnisch, Russisch und Türkisch. In einigen auf Englisch geteilten Beiträgen wird das Hotel "Emaar" in Dubai genannt, vor dem der Soldat angeblich mit Kollegen zu sehen sein soll.
Die Behauptungen kursierten, nachdem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Zusammenarbeit bei der Luftverteidigung mit mehreren Golfstaaten am 28. März 2026 bei einem überraschenden Besuch in den VAE ankündigte.
Doch bei den Fotos handelt es sich um ein – künstlich verjüngtes – Porträt eines ukrainischen Soldaten, der im Juli 2024 in der Ukraine ums Leben kam. Das andere Foto, das ihn angeblich mit drei weiteren Militärangehörigen in Dubai zeigt, ist eine Fotomontage, wie AFP feststellen konnte.
Porträt zeigt einen im Juli 2024 in Donezk verstorbenen Soldaten
Eine umgekehrte Bildsuche des Porträts des Soldaten führte zu einer Website der Stadtverwaltung von Luzk in der Ukraine vom 23. Juli 2024. Damit liegt die Datierung des Schwarzweißbildes mehrere Monate vor Beginn des aktuellen Konflikts im Nahen Osten.
Der Eintrag erwähnt eine am selben Tag abgehaltene Trauerfeier für den "Helden Mikola Syschchyk", einen 43-jährigen Soldaten, der im Ukrainekrieg in der Region Donezk "im Kampf gefallen" ist.
Doch sein Gesicht wirkt älter als auf dem Bild, das die Falschbehauptungen online begleitete. Das verbreitete Foto wurde offenbar bearbeitet, um das Gesicht zu verjüngen und den angeblichen Tod eines ukrainischen Soldaten in Dubai zu illustrieren, wie der folgende visuelle Vergleich zeigt.
Eine Analyse mithilfe des europäischen Projekts zur Bekämpfung von Desinformation vera.ai, an dessen Entwicklung AFP beteiligt ist, hebt die Bereiche des Bildes hervor, die visuell verändert wurden. Wie nachstehend zu sehen ist, konzentrieren sich diese Bereiche auf das Gesicht.
Das angebliche Foto ukrainischer Soldaten in Dubai, das dort kürzlich aufgenommen worden sein soll, wurde ebenfalls bearbeitet.
Gruppenfoto ist alt und zeigt eine Musikband
Das Originalfoto stammt aus einem Facebook-Beitrag der ukrainischen Band Budmo vom August 2024, in dem angekündigt wurde, dass ihre Mitglieder sich der ukrainischen Armee angeschlossen hätten.
Wie ein animierter Vergleich zeigt, wurden die Männer auf dem Originalfoto vor eine Kulisse aus Dubai montiert.
Im Hintergrund sind auf dem im Zusammenhang mit Falschbehauptungen kursierenden Bild beleuchtete Palmen und Hochhäuser statt Tannen zu sehen.
Behauptungen zum angeblichen Todesfall sind widersprüchlich
AFP ging dem Gerücht über den Tod eines ukrainischen Soldaten namens Anatoli Onischtschuk in Dubai nach.
Am 31. März 2026 erklärte die ukrainische Historikerin Marta Hawryschko, die zuletzt zu sexueller Gewalt im Krieg forschte, auf X, es sei "die erste Todesanzeige eines ukrainischen Militärs veröffentlicht worden, der im Krieg im Nahen Osten getötet wurde". Dabei handele es sich um einen gewissen Anatoli Onischtschuk. Als Quelle nannte Hawryschko die Facebook-Seite mit dem Namen "Dnipro Preratyvnyi", die sich als Informationsquelle über die Millionenstadt und über die Ukraine präsentiert.
Die Historikerin teilte einen angeblichen Screenshot der Facebook-Seite und schrieb: "Die offizielle Mitteilung lautet: 'Er nahm an der Ausbildung von Kämpferinnen und Kämpfern aus verbündeten Ländern teil und teilte seine Erfahrung im Einsatz ukrainischer Abfangdrohnen.'" Erst vor drei Tagen habe der "Iran erklärt, einen Standort in Dubai getroffen zu haben, an dem sich 21 ukrainische Militärangehörige befunden hätten". Dennoch bleibe "alles bewusst vage – weil die Regierung Selenskyj sich weigert, offen einzugestehen, dass Soldatinnen und Soldaten im Krieg von jemand anderem sterben würden", schrieb Havryshko. AFP konnte nicht abschließend feststellen, ob die von Marta Hawryschko geteilte Mitteilung zum Schwarzweißbild authentisch ist.
Eine umgekehrte Bildsuche über Google führte zu einer Veröffentlichung von "Dnipro Preratyvnyi", die inzwischen nicht mehr verfügbar ist. Die Vorschau des Suchergebnisses zeigt jedoch, dass diese Seite tatsächlich einen Beitrag mit dem Porträt, auf dem das Gesicht des oben erwähnten "Helden Mikola Syschchyk" verjüngt war, veröffentlicht hatte. In der Vorschau ist ein Textauszug zu lesen, der lautet: "Eine Schweigeminute für die Vermissten. Leutnant Anatoli Oleksandrowytsch Onischtschuk (geboren 1976), aus Dnipro".
Die Facebook-Seite hat auf Anfragen von AFP bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks nicht reagiert.
Die Behauptung von Hawryschko, wonach das retuschierte Porträt von einer Facebook-Seite mit Verbindung zu ukrainischen Behörden stammen soll, wurde zudem am selben Tag ohne weitere Belege von Anatolij Sharij auf X aufgegriffen, der sich selbst als einen "gegen Selenskyj opponierenden Politiker" bezeichnet. Behauptungen des ukrainischen Vloggers überprüfte AFP bereits in der Vergangenheit.
Das iranische Militär hat nach eigenen Angaben am 28. März 2026 in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Depot mit ukrainischen Systemen zur Drohnenabwehr zerstört. Das Depot habe sich in Dubai befunden und der Unterstützung des US-Militärs gedient, erklärte das operative Zentralkommando der iranischen Streitkräfte. Die Ukraine wies die Angaben umgehend zurück. "Das ist eine Lüge", sagte ein Sprecher des ukrainischen Außenministeriums. "Das iranische Regime führt oft solche Desinformationsoperationen aus – genau wie die Russen."
Am 31. März 2026 wiederum sagte das Ukrainische Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation, bei der Behauptung handele es sich um "russische Propaganda" und "Lügen über den angeblichen Tod ukrainischer Soldatinnen und Soldaten in den Vereinigten Arabischen Emiraten". Die ukrainische staatliche Behörde wurde eingerichtet, um Gerüchte zu entkräften, die online im Zusammenhang mit der Ukraine kursieren. Als mutmaßlichen Beleg für eine Manipulation des Schwarzweißbildes führte die Behörde das retuschierte Foto des im Sommer 2024 verstorbenen Soldaten ins Treffen.
Fazit: Behauptungen, wonach ein Schwarzweißbild einen in Dubai getöteten ukrainischen Soldaten zeigen würde, sind falsch. Zudem kursiert ein Bild, das ihn mit anderen Soldaten in Dubai zeigen soll. Die verwendeten Fotos sind jedoch alt und nachträglich bearbeitet worden. Das Schwarzweißfoto zeigt vielmehr einen im Jahr 2024 in der Ukraine verstorbenen Soldaten.
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