Nein, die ukrainische Botschafterin nahm bei Korrespondenten-Dinner in den USA keine Flaschen mit

Ein bewaffneter Angreifer versuchte am 25. April 2026, gewaltsam in das Korrespondenten-Dinner in Washington einzudringen. US-Präsident Donald Trump und Mitglieder seiner Regierung wurden in Sicherheit gebracht. Online kursierten zahlreiche Videos der Veranstaltung. Eines zeigt eine Frau, die Flaschen von einem verlassenen Tisch nimmt. Es wurde behauptet, die Frau wäre die ukrainische Botschafterin in den USA. Das stimmt jedoch nicht. Die Botschafterin war zwar auf der Gala anwesend, trug allerdings ein anderes Outfit als die gefilmte Frau. Ein schwedischer Sender identifizierte sie als US-Journalistin.

"Die Identität der diebischen Frau, die während des Attentatsversuchs auf Trump Champagner und Wein vom Tisch gestohlen hat, wurde als die ukrainische Botschafterin in den USA, Olga Stefanishyna, entlarvt!", schrieb ein X-Nutzer am 27. April 2026 in einem Beitrag. Darin teilte er ein Video einer blonden Frau in schwarzer Kleidung, die Flaschen von einem leeren Tisch nimmt und sich zum Gehen wendet. Daneben zu sehen ist ein Screenshot mit einem Bild der ukrainischen Botschafterin in den USA, Olha Stefanischyna

Auch der AfD-Politiker Jens Cotta, Mitglied des Thüringer Landtags, teilte das Video samt der Behauptung. Lutz Bachmann, Gründer der Pegida-Bewegung, verbreitete es ebenfalls. Die Bewegung demonstrierte von 2014 bis 2024 montags und machte "Stimmung gegen Muslime, Geflüchtete, Politiker und Medien", wie AFP berichtete. Die Behauptung kursierte auch in zahlreichen weiteren Sprachen.

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X-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 4. Mai 2026

Am 25. April 2026 hatte ein bewaffneter Mann versucht, eine Sicherheitskontrolle im Hilton-Hotel in der US-Hauptstadt Washington zu überwinden, wo das jährliche Gala-Dinner der Korrespondentinnen und Korrespondenten des Weißen Hauses stattfand. Bei seiner Festnahme fielen mehrere Schüsse.

US-Präsident Donald Trump, seine Ehefrau Melania Trump und mehrere Mitglieder der US-Regierung wurden vom Secret Service, der für ihren Schutz zuständig ist, in Sicherheit gebracht. Die Gäste des Dinners wurden zunächst im Inneren des Festsaals eingesperrt. Der 31-jährige Angreifer aus dem US-Bundesstaat Kalifornien ist wegen versuchten Mordes des US-Präsidenten angeklagt.

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Agenten ziehen ihre Waffen, nachdem laute Knallgeräusche während Korrespondenten-Dinners im Washington Hilton am 25. April 2026 zu hören waren. (AFP / Mandel NGAN)

Kurz nach dem versuchten Angriff kursierten online zahlreiche Aufnahmen, unter anderem verbreitete Trump selbst einige auf seinem Netzwerk Truth Social. Manche Nutzerinnen und Nutzer nahmen vor allem Videos, die von Anwesenden aufgenommen worden waren, besonders genau unter die Lupe: Manche suchten darin nach Beweisen dafür, dass der Anschlag in Wirklichkeit inszeniert gewesen sei – eine wiederkehrende Verschwörungserzählung, die bei Angriffen auf Trump erneut aufflammt.

Eines dieser Videos ist jenes, in der eine blonde Frau in Abendgarderobe Flaschen von einem Tisch nimmt und damit gehen zu wollen scheint. Accounts, die häufig prorussische Propaganda gegen die Ukraine und ihre Verbündeten teilen, behaupteten, es würde sich dabei um Olha Stefanischyna handeln, die ukrainische Botschafterin in den USA. Das ist jedoch eine Falschbehauptung.

Frau im Video ist nicht die Botschafterin

Es ist nicht bekannt, zu welchem Zeitpunkt des Abends das Video genau aufgenommen wurde. Allerdings sind die Frau und eine Personengruppe aus dem Video in der Live-Übertragung der Gala des Mediums USA Today bei Stunde 4:56:20 zu sehen (hier archiviert).

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Youtube-Screenshot der Live-Übertragung von USA Today: 29. April 2026

In dem online geteilten Video, das angeblich zuerst von einem X-Nutzer namens TeslaBoomerPapa gepostet worden sein soll, sind im Hintergrund Gäste zu erkennen, die ruhig den Raum verlassen. Eine kleine Gruppe von Männern und Frauen bewegt sich um einen Tisch, schließlich nimmt eine erste Frau eine Flasche und macht damit gemeinsam mit anderen Gästen ein Foto von sich. Danach hebt eine blonde Frau zwei Flaschen von demselben Tisch hoch. 

Stefanischyna ist seit Juli 2025 ukrainische Botschafterin in Washington und nahm tatsächlich am Korrespondenten-Dinner teil, das traditionell zahlreiche Diplomatinnen und Diplomaten versammelt. Auf ihrem Facebook-Account veröffentlichte sie Fotos von dem Moment, als die Gäste im Festsaal des Hilton-Hotels eingeschlossen waren.

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Facebook-Screenshot des Posts von Olga Stefanischyna: 4. Mai 2026

Auf diesen Fotos hat die Botschafterin die Haare zusammengebunden und trägt ein silbernes Oberteil, das mit Federn verziert ist. Die blonde Frau aus dem online geteilten Video ist jedoch anders gekleidet: Sie trägt ein Oberteil, einen Pelzmantel und einen schwarzen Rock mit Schlitz. Ihr Haar ist nicht hochgesteckt und außerdem länger als das der Botschafterin. Ein aktuelles Foto Ende April 2026 zeigt Stefanischyna mit halblangen Haaren.

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Vergleich eines Facebook-Posts vom 22. April 2026 mit einem Foto von Olga Stefanischyna (links) und eines Screenshots des online geteilten Videos (rechts): 29. April 2026

Auf einem anderen Foto, das die Nachrichtenagentur Reuters am Gala-Abend aufgenommen hat, sitzt Stefanischyna während des Angriffs mit anderen Gästen hinter einem Tisch auf dem Boden. Darauf ist sie mit silberner Hose zu sehen – sie trug also nicht den Rock mit Schlitz, den die Frau im geteilten Video trägt. 

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Screenshot des Fotos der Nachrichtenagentur Reuters: 29. April 2026

In derselben Kleidung wie auf diesem Foto von Reuters erscheint Stefanischyna auch in der Live-Übertragung von USA Today. 

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Youtube-Screenshot der Live-Übertragung von USA Today: 29. April 2026

Tatsächlich ist die Frau in dem online geteilten Video Journalistin bei einem US-Medienunternehmen. "Dies können wir bestätigen, da unser früherer USA-Korrespondent Fouad Youcefi mit einer Kollegin der Frau in Kontakt stand", berichtete der schwedische öffentlich-rechtliche Sender SVT in einem Video, in dem es um Behauptungen über gestohlenen Wein bei der Gala ging. "Die Kollegin der Frau sagt uns, dass der Wein von dem Medienunternehmen bezahlt worden sei und dass ihre Vorgesetzten sie gebeten hätten, das mitzunehmen, wofür sie bezahlt hätten." 

Auf X gab sich ein Mann als Organisator des Korrespondenten-Dinners aus und beschwerte sich in einem Beitrag vom 27. April 2026 darüber, dass die Gäste Wein im Wert von 29.000 US-Dollar mitgenommen hätten. Der Beitrag, den mehrere Medien aufgriffen, stammt jedoch von einem Parodie-Account.

Prorussische Accounts verbreiteten Narrative

Falschmeldungen um den versuchten Angriff auf die Gala wurden schnell von Verschwörungsgläubigen oder anderen Nutzerinnen und Nutzern befeuert, die durch die Monetarisierungssysteme von Plattformen wie X oder TikTok mit viralen Videos Geld machen wollen. 

Zahlreiche dieser Falschinformationen wurden mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) generiert und stellen den Angreifer als jemanden dar, der der israelischen Armee oder öffentlichen Personen nahesteht. Damit soll Interesse, Wut und vor allem Interaktion in sozialen Medien geweckt werden. 

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Die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, US-First Lady Melania Trump und US-Präsident Donald Trump beim Korrespondenten-Dinner am 25. April 2026 (v.l.n.r.) (AFP / Mandel NGAN)

Auch prorussische Propagandakanäle nutzten das Ereignis, um antiukrainische Narrative zu streuen. So hat das unabhängige russische Investigativmedium The Insider die Verbreitung mehrerer Falschmeldungen in sozialen Netzwerken nachgezeichnet, die den versuchten Anschlag mit der Ukraine in Verbindung brachten und von einem Bot-Netzwerk befeuert wurden. Die Bots vermischen Falschinformationen, erfundene Zitate und frei erfundene Berichte über Polizeieinsätze gegen Ukrainerinnen und Ukrainer in den USA.

The Insider führt diese Falschinformationen auf ein undurchsichtiges Geflecht fiktiver Accounts zurück, das vom Netzwerk Matrjoschka betrieben wird – einer russischen Desinformationskampagne, die seit Beginn des Krieges in der Ukraine besonders aktiv ist. Ihre Methoden reichen von der Erstellung von Propagandavideos mit Statisten oder KI-generierten Inhalten bis hin zu einfachen, an die jeweilige Nachrichtenlage anknüpfenden Beiträgen in sozialen Medien.

Weitere Faktenchecks mit Bezug zur Ukraine und zur US-Politik sammelt AFP auf der Website.

Fazit: Ein Video des Korrespondenten-Dinners in Washington, auf das Ende April 2026 ein versuchter Anschlag verübt wurde, zeigt eine Frau, wie sie Weinflaschen von einem Tisch nimmt. Entgegen zahlreicher Behauptungen handelt es sich dabei nicht um die ukrainische Botschafterin in den USA. Die Botschafterin, Olha Stefanischyna, nahm zwar an der Gala teil, trug aber andere Kleidung als die Frau im Video. Dem schwedischen öffentlich-rechtlichen Sender SVT zufolge ist die Frau im Video Journalistin eines US-Mediums.

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