Angeblicher BBC-Bericht über gestohlenes Cézanne-Gemälde in Selenskyjs Büro ist gefälscht
- Veröffentlicht am 29. April 2026 um 10:45
- 5 Minuten Lesezeit
- Von: Eduard STARKBAUER, AFP Slowakei
- Übersetzung und Adaptierung: Johanna LEHN, AFP Deutschland
Im März 2026 erbeuteten Diebe Kunstwerke von Cézanne, Renoir und Matisse im Wert von mehreren Millionen Euro bei einem Raubüberfall auf ein Museum in Italien. Etwa einen Monat später tauchte online ein Video auf, das einen BBC-Bericht nachahmt. Darin wird behauptet, das gestohlene Cézanne-Gemälde wäre im Büro des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj während einer seiner Videoansprachen zu sehen gewesen. Die Aufnahme der Rede wurde jedoch vor dem Diebstahl veröffentlicht. Das Video ist außerdem manipuliert worden.
"Gestohlenes Cézanne-Gemälde in Selenskyjs Video identifiziert", lautet die englische Schlagzeile eines Videos, das angeblich von der britischen Rundfunkanstalt British Broadcasting Corporation (BBC) veröffentlicht worden sein soll. Nutzerinnen und Nutzer teilten dieses Video Ende April 2026 auf X, Facebook und Telegram. Auch auf anderen Sprachen wie Englisch und Slowakisch kursierte es.
Die meisten der Posts auf Slowakisch enthalten dieselbe Videobeschreibung, was auf eine koordinierte Desinformationskampagne hinweisen könnte. Andere Beiträge enthalten ein Foto der Nachrichtenagentur AP, auf dem mehrere Schlagzeilen zum Diebstahl von Kunstwerken der französischen Maler Paul Cézanne, Pierre-Auguste Renoir und Henri Matisse aus einem italienischen Museum im März 2026 zu sehen sind. Mehrere Medien nutzten dieses Foto.
Das Video ist 1:24 Minuten lang und ein Voice-Over mit US-amerikanischem Akzent spricht darin zu Beginn darüber, dass drei Gemälde der französischen Maler aus dem Museum der Stiftung Magnani Rocca in Italien gestohlen worden seien.
"Überraschenderweise tauchte weniger als einen Monat nach dem Raub eines der gestohlenen Gemälde, 'Eine Tasse und ein Teller mit Kirschen' von Paul Cézanne, in einem der Videos von Präsident Selenskyj auf. Das mutmaßlich am 16. April aufgezeichnete Video zeigt Selenskyj, wie er sich an die Ukrainerinnen und Ukrainer wendet, während ein gestohlenes Gemälde an der Wand direkt hinter seinem Rücken zu sehen ist", fährt die roboterhaft klingende Stimme fort, während im Video das Gemälde angeblich hinter dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hängt.
Die Aufzeichnung, in der das Gemälde hinter Selenskyj zu sehen gewesen sein sollte, wäre von der ukrainischen Präsidialverwaltung auf der offiziellen Website veröffentlicht und später wieder entfernt worden, heißt es weiter.
Der vorgebliche BBC-Bericht ist jedoch erfunden. Die im Video eingeblendete Ansprache Selenskyjs wurde am 19. Januar 2026 veröffentlicht und ist nach wie vor auf der offiziellen Website des ukrainischen Präsidialamts abrufbar.
Bericht der BBC wurde manipuliert
Die BBC veröffentlichte am 29. März 2026 einen Artikel über den Diebstahl der Gemälde aus dem italienischen Museum und stellte am Tag darauf einen Bericht auf Youtube online. Der Großteil des Filmmaterials in dem gefälschten Video stammt aus dem ursprünglichen BBC-Bericht.
Zum Beispiel ahmt das Vorschaubild des gefälschten Videos das Vorschaubild des BBC-Videos nach und zeigt zwei Bilder nebeneinander: links eine Nahaufnahme des Cézanne-Gemäldes, rechts einen Screenshot von Selenskyj und dem gestohlenen Kunstwerk an der Wand hinter ihm. Im Vorschaubild des BBC-Berichts ist hingegen auf der rechten Seite das ebenfalls gestohlene Gemälde "Die Fische" von Renoir neben Cézannes "Stillleben mit Kirschen" zu sehen.
Auch die Überschriften des authentischen BBC-Berichts und des gefälschten Videos unterscheiden sich. Während die BBC in ihrem Video "Gemälde im Millionenwert bei Raubüberfall gestohlen" schreibt, lautet die Überschrift im gefälschten Bericht: "Gestohlenes Cézanne-Gemälde in Selenskyjs Video identifiziert." Außerdem wird der Titel des Gemäldes im manipulierten Video fälschlicherweise als "Eine Tasse und ein Teller mit Kirschen" angegeben. Tatsächlich nennt sich das Gemälde jedoch "Stillleben mit Kirschen".
Der echte BBC-Bericht enthält weder eine Rede noch ein Interview von Selenskyj. Allerdings ist ein Interview mit dem Geschäftsführer von Art Recovery International, Christopher Marinello, Teil des Berichts. Art Recovery International ist eine Organisation, die darauf spezialisiert ist, gestohlene Kunstwerke aufzufinden und zurückzuführen.
Marinello erklärte gegenüber der BBC, dass Kunstdiebe versuchen würden, gestohlene Kunstwerke "über Belgien oder vielleicht Osteuropa in den Nahen Osten oder nach Russland zu bringen – in Länder, in denen Sorgfaltspflichten häufig nicht so eingehalten werden wie im Westen". Zwar kommt das Interview mit Marinello auch im gefälschten Video vor, allerdings wurde es so geschnitten, dass Russland nicht erwähnt wird.
Audiospur ist KI-generiert
AFP analysierte die Audiospur des gefälschten Videos mit dem Audiodetektor Hiya, der Teil des Verifikationstools InVID WeVerify ist, das wiederum von AFP mitentwickelt wird. Hiya untersucht, ob Tonspuren mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt wurden. Dem Analyseergebnis zufolge wurde die Audiospur des gefälschten Videos mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent mit KI generiert. Nur in jenen Passagen, in denen Selenskyj und Marinello sprechen, stellte das Tool keine KI-Erstellung fest.
Die BBC bestätigte auf AFP-Anfrage in einer E-Mail vom 24. April 2026, dass der irreführende Bericht "eine Fälschung" sei. Eine Stichwortsuche auf der Website der BBC führte zu keinem Ergebnis für die Behauptung aus dem gefälschten Video.
Auch das Center for Countering Disinformation, eine Organisation zur Bekämpfung von Desinformation des ukrainischen Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, bezeichnete das Video in einem X-Beitrag vom 22. April 2026 als Fälschung.
Hinter Selenskyj hängt ein anderes Gemälde
Eine umgekehrte Bildsuche führte zu dem Originalvideo, aus dem der Ausschnitt mit Selenskyj im gefälschten Video stammt. Es handelt sich um eine Videoansprache an Ukrainerinnen und Ukrainer, die Selenskyj am 19. Januar 2026 hielt – lange vor dem Diebstahl der drei Gemälde. Darin informierte er über neue Luftverteidigungssysteme und Wiederaufbaumaßnahmen in Gebieten, die von russischen Angriffen getroffenen worden sind. Die Ansprache wurde auf der Website des ukrainischen Präsidialamts und auf dessen Youtube-Kanal veröffentlicht. Selenskyj teilte sie auch auf seinem eigenen Youtube-Account.
Das Gemälde, das hinter Selenskyj zu sehen ist, ist im Originalvideo ein anderes als im gefälschten Video: Tatsächlich hängt an der Wand hinter dem Präsidenten ein Kunstwerk des zeitgenössischen ukrainischen Künstlers Andrii Chebotaru. Es stellt eine Szene auf der Halbinsel Krim dar. Chebotaru schreibt selbst auf seiner Website, dass dieses und weitere seiner Gemälde im Büro des ukrainischen Präsidenten hängen.
Diebstahl dauerte nur wenige Minuten
Bei dem Diebstahl in der Nacht vom 22. auf den 23. März 2026 drangen vier maskierte Männer in die Villa der Stiftung Magnani Rocca nahe Parma in Norditalien ein. Sie benötigten laut Medien knapp drei Minuten, bis sie mit Renoirs "Die Fische", Cézannes "Stillleben mit Kirschen" und Matisses "Odaliske auf der Terrasse" flohen.
Im Oktober 2025 wurde ein anderes europäisches Museum Ziel eines Raubüberfalls: Damals brachen Diebe bei Tag in den weltberühmten Louvre in Paris ein und stahlen in weniger als acht Minuten Juwelen im Wert von mehr als 102 Millionen US-Dollar. Auch diese Beute wurde in einer Falschbehauptung mit der Ukraine in Verbindung gebracht, die AFP widerlegte.
Fälschungen authentischer Medienberichte in sozialen Medien zu verbreiten, ist eine gängige Strategie koordinierter Desinformation, über die AFP bereits mehrfach berichtet hat. Einige dieser Fälschungen sind Teil einer umfassenderen russischen Desinformationskampagne, die von der französischen Behörde Viginum "Storm-1516" getauft wurde.
Weitere Faktenchecks zur Ukraine und Selenskyj sammelt AFP auf der Website.
Fazit: Ein angeblicher BBC-Bericht über ein gestohlenes Gemälde, das im Büro des ukrainischen Präsidenten aufgetaucht sein soll, ist gefälscht. Die Audiospur des gefälschten Videos ist jedoch KI-generiert. Das Originalvideo von Selenskyjs Ansprache, das für die Fälschung verwendet wurde, zeigt außerdem ein anderes Kunstwerk an der Wand hinter dem Präsidenten.
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