Ungarn: Dubiose Website verbreitet Falschbehauptung über angebliche Memoiren von Peter Magyars Ex-Frau
- Veröffentlicht am 16. April 2026 um 15:41
- 7 Minuten Lesezeit
- Von: Ede ZABORSZKY, AFP Ungarn
- Übersetzung und Adaptierung: Judith KANTNER, AFP Deutschland
Am 12. April 2026 erlangte die konservative Tisza-Partei bei der ungarischen Parlamentswahl eine Zweidrittelmehrheit, womit der 16-jährigen Regierungsperiode der Fidesz-Partei unter Viktor Orban ein Ende gesetzt wurde. Während des Wahlkampfes kursierten verschiedene Falschbehauptungen über den Oppositionsführer Peter Magyar, wie etwa, dass seine frühere Ehefrau Judit Varga kurz vor der Wahl Memoiren publiziert hätte, in denen sie erhebliche Vorwürfe gegenüber Magyar öffentlich machte. Varga bestätigte gegenüber AFP, dass sie jedoch keine Autobiographie veröffentlicht hatte. Das angebliche Buch ist auf eine dubiose Website zurückzuführen, die das Erscheinungsbild einer Nachrichtenseite nachahmt.
"'16 Jahre mit einem Monster' – so lautet der erschütternde Titel der Biografie, in der Judit Varga schonungslos mit dem Chef der oppositionellen Tisza-Partei, Péter Magyar, abrechnet. Die neuen Vorwürfe, die die ehemalige Ministerin gegen ihren Ex-Mann erhebt, sind von einer derartigen Abartigkeit, dass man sich fast übergeben möchte", postete am 10. April 2026 ein Nutzer auf Facebook.
Eine andere Facebook-Nutzerin veröffentlichte am 12. April 2026, am Tag der Wahl, Folgendes: "Doch nun wirft seine Ex-Frau die grauenhaften Abgründe des Politikers Péter Magyar in den Ring. Was Ex-Justizministerin Judit Varga beschreibt, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren." Während viele Nutzerinnen und Nutzer skeptisch auf den vielfach geteilten Beitrag reagierten, schenkten andere dem Inhalt Glauben und beschimpften Magyar in den Kommentaren. Ein Nutzer schrieb: "Das Buch von Varga Judit muss ich mir schnellstmöglich besorgen."
Auch auf X postete ein User "schwere Vorwürfe gegen Péter Magyar". Der User teilte zudem ein Video, dessen Voice-Over in ungarischer Sprache ist und mit englischen Untertiteln versehen ist. Im Video werden die Behauptungen wiedergegeben, die Varga angeblich in ihren Memoiren publik macht, sowie explizite Bilder gezeigt, die Magyars angebliche Taten beweisen sollen. Im Video ist ebenfalls ein Bild erkennbar, das die angeblichen Memoiren im Online-Shop des größten ungarischen Buchhandelsunternehmens namens Libri zeigen soll.
In mehreren Posts, die auf verschiedenen Plattformen die Behauptungen verbreiten, wurde zudem ein Artikel des österreichischen Blogs Report24 verlinkt. "Die schockierenden Abgründe des Péter Magyar", titelte Report24 am 10. April 2026. AFP hat bereits mehrfach Falschbehauptungen überprüft, die von Report24 verbreitet wurden (hier und hier). Im Artikel ging es unter anderem um Behauptungen, die die minderjährigen Kinder von Magyar und Varga betreffen. Magyar wird zudem vorgeworfen, einen Hund der Familie getötet zu haben. Auch hier verwies Report24 als Quelle auf die angeblich von Judit Varga publizierten Memoiren.
Vier Tage nach der Veröffentlichung des Artikels, publizierte Report24 einen neuen Artikel mit dem Titel: "Aufwändige Fälschung vor Ungarn-Wahl: Buch der Ex-Frau Peter Magyars existiert gar nicht". Seither ist auch der ursprüngliche Artikel mit Korrekturen versehen.
Die Behauptungen, die aus diesen angeblichen Memoiren stammen sollen, kursierten in verschiedenen Sprachen wie Ungarisch, Englisch, Niederländisch und Polnisch. Die Aussagen sind jedoch falsch, wie AFP-Recherchen ergaben.
Zweidrittelmehrheit für Tisza-Partei
Am 12. April 2026 konnte die konservative Partei "Recht und Freiheit" (Tisza) den Wahlsieg bei den ungarischen Parlamentswahlen verzeichnen. Mit 53,6 Prozent der Stimmen kam Magyars Partei auf 138 Mandate im 199 Sitze zählenden Parlament in Budapest. Damit hat die Partei die Zweidrittelmehrheit erobert. Die Fidesz-Partei von Viktor Orban kam mit 37,9 Prozent der Stimmen auf 55 Sitze im Parlament.
Der Ausgang der vergangenen Wahl, die eine Rekordbeteiligung von rund 78 Prozent verzeichnete, bedeutet das Ende der 16-jährigen Regierungsperiode unter Orban. Laut Verfassung muss der Regierungswechsel durch den Orban-nahen Staatspräsidenten Tamas Sulyok innerhalb von 30 Tagen nach der rechtskräftigen Bestätigung des Wahlergebnisses stattfinden. Peter Magyar war einst selbst Mitglied von Fidesz, bis er sich vor zwei Jahren von Orbans Partei entfernte und folglich zur Parteispitze der konservativen Tisza-Partei wurde. Magyar verkündete bereits in der Wahlnacht umfassende Reformen und einen "vollständigen Regimewechsel". Während Magyar eine proeuropäischere Politik als Orban verfolgt, vertritt der 45-jährige eine ähnliche politische Linie wie Orban, wenn es um Themen wie Migration oder Waffenlieferungen an die Ukraine geht.
Der Wahlsieger Magyar war mit der früheren Justizministerin und Fidesz-Politikerin Judit Varga 14 Jahre verheiratet, bis sie im März 2023 die Scheidung verkündete. Nach ihrem Rücktritt als Justizministerin und dem darauffolgenden politischen Debut von Magyar, beschuldigte Varga ihren früheren Ehemann in einem Interview sie in der Ehe verbal misshandelt und sich aggressiv verhalten zu haben. Abgesehen von einigen kurzen, kritischen Kommentaren über ihren Ex-Mann verbrachte Varga die letzten zwei Jahre größtenteils fernab der ungarischen Öffentlichkeit.
Keine Spur von angeblichen Memoiren auffindbar
Eine Stichwortsuche ergab, dass es keine Beweise dafür gibt, dass Judit Varga 2026 ein Buch mit dem Titel "16 Jahre mit dem Monster – Die Geständnisse der ehemaligen Ehefrau von Peter Magyar" publiziert hat. Die frühere ungarische Justizministerin bestätigte dies gegenüber AFP in einer E-Mail vom 9. April 2026: "Ich kann bestätigen, dass ich keine Autobiographie verfasst habe. Jede Person die etwas anderes behauptet, missbraucht meinen Namen".
Auch auf Facebook kommentierte die frühere Justizministerin unter einem ihrer Posts, dass sie keine Biographie veröffentlicht hat.
Zudem konnte AFP keine gesicherten Hinweise finden, die belegen, dass Varga über ihren ehemaligen Ehemann solche Behauptungen öffentlich getätigt hat.
Im zirkulierenden Video ist ein Bild enthalten, das das angebliche Buch in der Rubrik "Autobiographien" im Libri-Webshop zeigen soll. Laut dem Bild soll das Buch über 309 Seiten verfügen und von "Központi Kiado" im Jahr 2026 publiziert worden sein. AFP-Recherchen ergaben allerdings, dass es keine Hinweise im Libri-Webshop gibt, die die Existenz dieses angeblichen Buches beweisen können. AFP fand zudem keine Hinweise, dass Judit Varga ein anderes Buch publizierte, das im Libri-Webshop auffindbar ist.
"Központi Kiado" ist ein ungarischer Verlag, der vom Fidesz-nahen Thinktank "Alapjogokert Központ" gegründet wurde. Das einzige Buch, das von diesem Verlag herausgebracht wurde und im Libri-Webshop auffindbar ist, ist die ungarische Übersetzung des Buches des italienischen Politikers Matteo Salvini.
Unechte Nachrichtenseite
Eine Stichwortsuche nach dem ungarischen Buchtitel führte AFP auf eine Website namens Magyar Hirek 24, auf der am 6. April 2026 ein Artikel veröffentlicht wurde, in dem es um die angeblichen Memoiren von Varga geht. Es handelt sich hierbei um keine bekannte ungarische Nachrichtenseite. Darüber hinaus gibt es Anzeichen dafür, dass die Website lediglich erstellt wurde, um die Falschinformationen zu verbreiten. Die Website weist kein Impressum auf und unter "Kontakt" ist lediglich Filler-Text zu finden. Auch den Registerdaten zufolge wurde die Domain der Website am 6. April 2026 registriert, was dem Publikationsdatum des Textes entspricht, der die Falschinformationen über Vargas angebliche Memoiren verbreitet hat.
Viele Artikel auf der Website weisen mehrere fragwürdige Elemente auf. Zum Beispiel wurde am 9. April 2026 ein Artikel veröffentlicht, in dem es um den ungarischen oppositionellen Parlamentarier Ervin Nagy geht. Die Einleitung des Artikels erinnert an eine KI-generierte Zusammenfassung. Zudem wird Nagy im Text wiederholt zitiert, ohne dass spezifiziert wird, woher die Zitate stammen. Allerdings verdeutlicht ein einzelnes direktes Zitat, dass es sich hierbei um die Zusammenfassung eines authentischen Interviews mit Nagy handelt, das von Ungarns bekanntester Nachrichtenseite 24.hu publiziert wurde. Die Website verwendet darüber hinaus noch das Foto des Mediums, zitiert jedoch 24.hu an keiner Stelle. AFP konnte weitere Artikel auf der Website finden, die ebenfalls zusammengefasste Artikel von 24.hu darstellen (hier und hier).
Mehrere Artikel haben zudem das ungarische Wort "cím" im Titel stehen, was übersetzt tatsächlich "Titel" bedeutet. Es ist naheliegend, dass die Inhalte ohne Sorgfalt oder Ungarischkenntnisse auf der Website eingefügt wurden oder von einem automatisierten System generiert wurden.
Laut InVid-WeVerify, einem Tool zur Erkennung synthetischer Bilder, an dessen Entwicklung AFP beteiligt ist, wurde mindestens eines der Bilder in dem Artikel über die angeblichen Memoiren von Varga mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt.
Ein weiteres bemerkenswertes Detail ist, dass Artikel auf der Website bis auf den 31. März 2026 zurückdatiert sind, obwohl die Domain der Website erst später registriert wurde.
Russische Desinformationskampagnen auch in Ungarn aktiv
Laut einem Bericht des Institute for Strategic Dialogue (ISD), das sich in seiner Forschung den Themenfeldern Extremismus, Desinformation und Online-Bedrohungen widmet, haben im Vorfeld der ungarischen Wahlen Russland nahestehende Desinformationsakteure "massive Kampagnen gegen die Opposition in Ungarn, insbesondere gegen die TISZA-Partei und deren Führung, durchgeführt und aufrechterhalten".
Dem Bericht zufolge gehören zu den Desinformationstaktiken "die Nachahmung der Berichterstattung seriöser Nachrichtenseiten, fingierte Medienseiten, die Falschinformation verbreiten, sowie kremlfreundliche Influencer und Bot-Netzwerke, welche diese Narrative streuen". Der ISD-Bericht stellt fest, dass die russische Desinformationskampagne "Storm-1516", die mit Fake-News-Seiten in verschiedenen europäischen Sprachen arbeitet, in den vergangenen Monaten in Ungarn besonders aktiv war. Das ISD bringt auch die in diesem Faktencheck identifizierten Falschbehauptungen, die über die gefälschte Nachrichtenseite verbreitet wurde, mit der Desinformationskampagne "Storm-1516" in Verbindung.
In der Vergangenheit hat AFP bereits Websites identifiziert, die ausschließlich zur Verbreitung von Desinformation erstellt und in kürzester Zeit mit Artikeln gefüllt wurden, um den Anschein eines seriösen Nachrichtenmediums zu erwecken. Im Februar 2026 berichtete zudem das Desinformations-Monitoring-Projekt Gnida, dass die Desinformationskampagne Storm-1516 in Ungarn aktiv sei.
Fazit: In sozialen Medien kursiert die Behauptung, dass Judit Varga Memoiren veröffentlicht hätte, in denen sie den ungarischen Wahlsieger und ihren früheren Ehemann Peter Magyar schwer belastet. Varga bestätigte allerdings gegenüber AFP, dass sie keine Autobiographie veröffentlicht hat. Die Falschbehauptung ist auf eine dubiose Website zurückzuführen, die mit ihrem Erscheinungsbild versucht, eine seriöse Nachrichtenseite nachzuahmen.
Copyright © AFP 2017-2026. Für die kommerzielle Nutzung dieses Inhalts ist ein Abonnement erforderlich. Klicken Sie hier für weitere Informationen.