Waffenruhe in Nahost: Aussagen des türkischen Präsidenten zu Israel stammen aus früherem Kontext

Mitte April 2026 kam es zwischen den Regierungen der Türkei und Israels zu heftigen Auseinandersetzungen über den Nahost-Krieg. Vor diesem Hintergrund verbreiteten Nutzerinnen und Nutzer Beiträge mit besonders kriegerischen Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, wonach er angeblich mit einem türkischen Kriegseintritt gedroht hätte. Die geteilten Aussagen stammen jedoch teils aus älteren Reden oder sind verkürzt. Einige sind sogar frei erfunden. 

"Erdogan beschuldigte Israel am Sonntag, Gräueltaten gegen Palästina und Libanon verübt zu haben und drohte mit Militäroperationen gegen [Israel], ähnlich früheren Interventionen [der Türkei] in Bergkarabach und Libyen", zitierte ein X-Nutzer am 14. April 2026 aus einem verlinkten Artikel der Zeitung "The Jerusalem Post" angebliche Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vom April 2026. Auf Facebook und Telegram sowie in anderen Sprachen wie Arabisch, Englisch, Französisch und Spanisch wurden diese und ähnliche Behauptungen ebenfalls geteilt. 

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X-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 20. April 2026

Gleichzeitig kursieren weitere Äußerungen Erdogans, die er im Frühjahr 2026 zum Nahost-Krieg getätigt haben soll. Der türkische Präsident hätte gesagt, "unsere Pflicht ist es, Israel anzugreifen", falls die Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran gebrochen würde. Oder auch, dass Benjamin Netanjahu "der Hitler unserer Zeit" sei, "geblendet von Blut und Hass", oder dass "jeder Angriff auf den Libanon von nun an als Angriff auf die Türkei betrachtet wird". 

Türkische Regierung dementierte Äußerungen

Angesichts zahlreicher solcher Beiträge in sozialen Medien veröffentlichte das offizielle Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation des türkischen Präsidialamts für Kommunikation am 12. April 2026 zwei Pressemitteilungen.  

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Screenshots der Pressemitteilungen des türkischen Präsidialamts für Kommunikation auf X: 13. April 2026

Die Mitteilungen wurden im Abstand von einer Stunde veröffentlicht und widersprechen einem Teil der Erdogan zugeschriebenen Äußerungen. "Die unserem Präsidenten, Seiner Exzellenz Recep Tayyip Erdogan, zugeschriebenen und in einigen sozialen Netzwerken verbreiteten Aussagen, wonach 'wir im Falle eines Angriffs auf den Iran oder den Libanon diesen als einen Angriff auf die Türkei betrachten würden', sind völlig haltlos", heißt es in dem ersten Schreiben, dem Beispiele irreführender Beiträge auf X beigefügt sind. 

Die zweite Mitteilung widerlegt die Behauptung, die Türkei hätte "Invasionsdrohungen gegen Israel geäußert", die Erdogan von "einigen Medien und Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken" zugeschrieben werden.

Neben Nutzerinnen und Nutzern haben einige Medien diese angeblichen Äußerungen verbreitet, etwa das britische konservative Nachrichtenportal GB News, die israelische Zeitung "The Jerusalem Post" oder die britische Tageszeitung "The Telegraph". Die beiden Zeitungen haben ihre Artikel anschließend gelöscht. Das deutsche Magazin "Focus" veröffentlichte einen Artikel, in dem es die Berichterstattung des "Telegraph" zitierte. Auf eine AFP-Anfrage hin korrigierte der "Focus" den Artikel entsprechend.

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Screenshots eines X-Beitrags sowie der Artikel von GB News und der "Jerusalem Post", rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 13. April 2026

Vor allem die Artikel des "Telegraph" und der "Jerusalem Post" wurden häufig in Posts mit der Falschbehauptung als Quellen verwendet. 

"Die in diesen Beiträgen enthaltenen Behauptungen entsprechen nicht der Realität und stellen Äußerungen dar, die darauf abzielen, die regionale Stabilität zu untergraben", heißt es in den Mitteilungen des türkischen Präsidialamts für Kommunikation. Dennoch wurden in den darauffolgenden Tagen, vom 12. bis 15. April 2026, weiterhin zahlreiche Posts in sozialen Medien veröffentlicht, in denen die angeblichen Zitate aufgegriffen wurden.

Eines der Zitate ist ausgedacht

AFP hat die Videoausschnitte von Erdogans Reden überprüft, die in einigen Posts geteilt wurden, um festzustellen, ob dessen Äußerungen tatsächlich im Zusammenhang mit den Entwicklungen des Nahost-Krieges im Frühjahr 2026 stehen. So wird dem türkischen Präsidenten in manchen Beiträgen mit einem rund 30 Sekunden langen Ausschnitt einer Rede folgender Satz zugeschrieben: "Wenn der Krieg weitergeht und Pakistan es nicht schafft, den Frieden herbeizuführen, ist es unsere Pflicht, Israel anzugreifen."

Der Ausschnitt stammt aus einer Rede, die der türkische Präsident am 10. April 2026 in Istanbul vor der Internationalen Konferenz Asiatischer Parteien (Icapp) hielt und die auf der Website der türkischen Nachrichtenagentur Ihlas veröffentlicht wurde. Die Icapp ist ein Forum, das zahlreiche asiatische Länder vereint.

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Screenshots der Website der türkischen Nachrichtenagentur Ihlas (links) und eines X-Beitrags mit der Behauptung (rechts), rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 13. April 2026

Die Rede enthält durchaus Angriffe auf Israel. Der Staat wird als "genozidales Netzwerk" beschrieben, das "weiterhin unschuldige Kinder, Frauen und Zivilisten" töte, "ohne jede Achtung für menschliche Werte".

In dieser Rede findet sich auch der Ausdruck "geblendet von Blut und Hass", der in zahlreichen Beiträgen aufgegriffen wurde (wenn auch oft zusammen mit dem falschen Mitschnitt der Rede). Auch einen Vergleich zwischen einem vom israelischen Parlament verabschiedeten Gesetz und der "Politik Hitlers" zieht Erdogan darin: "Die Todesstrafe einzuführen – ist das nicht Apartheid? Ist das nicht eine Instrumentalisierung des Rechts im Dienste eines rassistischen Faschismus? Wie ist das zu bewerten? Gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen Hitlers monströser Politik gegenüber den Juden und der Entscheidung, die das israelische Parlament mit großem Stolz getroffen hat?"

Dabei bezieht er sich auf ein Ende März 2026 vom israelischen Parlament verabschiedetes Gesetz, das "die Todesstrafe für palästinensische Straftäter" vorsieht, "die aus 'terroristischen' Motiven Israelis töten – nicht aber für Israelis, die aus solchen Motiven Palästinenser töten", wie AFP berichtete.

Die Äußerungen wurden vielfach in der türkischen Presse aufgegriffen

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Screenshots eines X-Beitrags sowie einer Website türkischer Medien: 13. April 2026

In dieser Rede spricht der türkische Präsident jedoch an keiner Stelle über eine mögliche "Invasion Israels" oder über einen Hinweis auf die Gespräche zwischen den USA und dem Iran in Pakistan. Auch in der Berichterstattung nationaler Medien ist davon nichts zu finden. AFP hat darüber hinaus keine Spur der betreffenden Formulierungen ausmachen können.

Weitere Zitate stammen von 2024

Andere Äußerungen wie "So wie wir in Libyen und in Karabach interveniert haben, können wir in Israel intervenieren. Es gibt keinen Grund, dies nicht zu tun" werden in den online geteilten Beiträgen unter anderem mit Auszügen der Rede vom 10. März 2026 verbunden. Dieser Satz ist jedoch ebenfalls kein Bestandteil der Rede, die Präsident Erdogan im März 2026 in Istanbul auf dem Icapp-Gipfel hielt.

Im Gegenteil: AFP fand den Satz in einer Bildunterschrift zu einem Videoausschnitt, der aus einer anderen Rede stammt. Eine umgekehrte Bildsuche, kombiniert mit einer Stichwortsuche, führte zu einer Rede von Präsident Erdogan vor einem lokalen Ableger seiner Partei AKP im Jahr 2024 in Rize in der Türkei. 

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Screenshots eines X-Beitrags und eines Youtube-Videos, grüne Hervorhebungen von AFP hinzugefügt: 13. April 2026

Die Transkripte des Ausschnitts und der Originalrede zeigen (hier archiviert), dass es sich bei der Äußerung um ein echtes Zitat von Erdogan handelt. In der Rede sagte er: "Derzeit hat das Bruttoinlandsprodukt 4,11 Milliarden erreicht. Als wir an die Macht gekommen sind, gab es eine solche Summe nicht. Unsere Exporte beliefen sich auf 36 Milliarden Dollar, auf ein paar Dutzend Milliarden Dollar. Aber heute haben wir 250 Milliarden erreicht. Wie sah es in der Rüstungsindustrie mit unseren Importen und Exporten aus? Wo sind wir hingekommen? Aber meine lieben Brüder, lasst euch durch all das nicht täuschen. Wir müssen sehr stark sein, damit Israel in Palästina nicht tun kann, was es will. So wie wir in Karabach eingegriffen haben, so wie wir in Libyen eingegriffen haben, werden wir es mit ihnen genauso machen. Nichts hält uns davon ab. Wir müssen nur stark sein, um diese Schritte gehen zu können. Wenn wir heute Israel gegenüber zuerst im Namen Allahs handeln, wenn wir jeden Handel mit ihnen beendet haben, wenn wir unsere Beziehungen abgebrochen haben, dann ist das vor allem eine Frage des Respekts."

Unmittelbar nach der zitierten Passage wechselt das Staatsoberhaupt das Thema und spricht über den Besuch des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas im türkischen Parlament. Auf seine vorigen Ausführungen kommt er nicht mehr zurück. Der türkische Präsident hielt diese Rede am 28. Juli 2024. Das darin enthaltene Zitat hat somit nichts mit dem Nahost-Krieg und der Waffenruhe im Frühjahr 2026 zu tun. Im Juli 2024 wurden Erdogans Aussagen auch von nationalen und internationalen Medien aufgegriffen.

Kein Bestandteil dieser Rede ist hingegen das Zitat "Wenn Israel weiterhin mit dem Feuer spielt und den Friedensprozess in der Region behindert, werden wir dafür sorgen, dass es daraus eine Lehre zieht". Diese angebliche Äußerung wurde von mehreren Nutzerinnen und Nutzern als Bildunterschrift zu dem Video geteilt. 

Falschinfos kursieren in angespannter Lage

Die direkten Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran sind am 11. April 2026 vorerst gescheitert, nachdem der US‑Vizepräsident JD Vance die pakistanische Haupstadt Islamabad am 12. April 2026 ohne Einigung verlassen hatte. Das löste Befürchtungen aus, dass die vereinbarte Waffenruhe brüchig sein könnte. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels galt das Abkommen, dass die Waffenruhe am 22. April 2026 auslaufen würde. 

Die Türkei erklärte, sie sei in die Verhandlungen mit Ägypten und Pakistan eingebunden und halte die Zusicherungen beider Seiten, die Waffenruhe einzuhalten, für aufrichtig. Pakistan rief zu einer Verlängerung der Waffenruhe auf. US-Präsident Donald Trump hatte die Wiederaufnahme der Gespräche mit dem Iran in Pakistan für den 20. April 2026 angekündigt. Am Tag darauf hatten diese jedoch noch nicht begonnen. Zwei Tage später hatte ein libanesischer Regierungsvertreter eine Verlängerung der Waffenruhe um einen Monat gefordert. Die Verhandlungen mit Israel sollten am 23. April 2026 in Washington fortgesetzt werden. 

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Rede vor der Großen Nationalversammlung der Türkei am 25. Oktober 2023 (AFP / Adem ALTAN)

Die Warnungen Erdogans vor "möglichen Provokationen und Sabotageakten" nach dem Inkrafttreten der Waffenruhe am 7. April 2026 zielten indirekt auf Israel und waren der Ausgangspunkt heftiger Auseinandersetzungen mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu. Dieser kritisierte den türkischen Präsidenten am 11. April 2026 scharf und warf der Türkei Untätigkeit "angesichts des iranischen Terrorismus" und das "Massakrieren ihrer eigenen kurdischen Bürger" vor. 

Auf diese Angriffe reagierte das türkische Präsidialamt durch seinen Kommunikationsdirektor Burhanettin Duran: "Netanjahu, der in Gaza einen Völkermord orchestriert und sieben Länder in der Region angegriffen hat, attackiert aus Verzweiflung unseren Präsidenten", kommentierte er auf X

Diese Schlagabtäusche fanden vor dem Hintergrund schlechter Beziehungen zwischen Israel und der Türkei statt. Diese Spannungen sind nicht neu, wie die zitierten Äußerungen von Erdogan aus dem Jahr 2024 belegen. Sie erreichten jedoch einen neuen Höhepunkt, als die Istanbuler Staatsanwaltschaft bekannt gab, eine Anklage gegen Netanjahu, Verteidigungsminister Israel Katz und den Minister für nationale Sicherheit Itamar Ben Gvir sowie 32 weitere Personen vorzubereiten. Grund dafür war die Blockade der "Freiheitsflotte" vor der Küste des Gazastreifens im Sommer 2025, die Hilfsgüter in das palästinensische Gebiet bringen sollte.

In dieser vor allem symbolische Anklageschrift werden laut der türkischen staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Gefängnisstrafen von Tausenden von Jahren, insbesondere wegen Völkermordes, Freiheitsberaubung und Folter gefordert

Am 14. April 2026 gaben Israel und der Libanon ihre Entscheidung bekannt, direkte Verhandlungen mit dem Ziel eines dauerhaften Friedens aufzunehmen, was ein mögliches Ende des Konflikts zwischen dem jüdischen Staat und der schiitischen Hisbollah-Bewegung in Aussicht stellte. Diese Perspektive trübten beide Parteien jedoch am Tag darauf durch erneute gegenseitige Angriffe.  

Weitere Faktenchecks im Zusammenhang mit dem Nahost-Krieg sammelt AFP auf der Website.

Fazit: Aussagen des türkischen Präsidenten Erdogan, wonach er Israel im April 2026 mit einer Invasion gedroht hätte, die den türkischen Eingriffen in Libyen oder Karabach gleichen würde, stehen nicht im Zusammenhang mit dem Nahost-Krieg im Frühjahr 2026. Einige Zitate, die Erdogan zugeschrieben werden, sind frei erfunden. Andere stammen aus einer Rede, die er im Jahr 2024 hielt.

Kontext zu Verhandlungen über die Waffenruhe im 22. Absatz aktualisiert
22. April 2026 Kontext zu Verhandlungen über die Waffenruhe im 22. Absatz aktualisiert

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