Nein, Klimadaten wurden nicht mithilfe von "Geisterstationen" manipuliert
- Veröffentlicht am 20. März 2026 um 17:33
- 4 Minuten Lesezeit
- Von: Elena CRISAN, AFP Österreich
Obwohl die Wissenschaft sich einig ist, dass menschliche Aktivitäten hauptsächlich für die globale Erwärmung der letzten 200 Jahre verantwortlich sind, stellen Leugnerinnnen und Leugner des menschengemachten Klimwandels dies immer wieder in Frage. Im März 2026 kursierte eine Behauptung in sozialen Medien, wonach Daten von Hunderten von "nicht existierenden" Wetterstationen dafür benutzt würden, um Rekordtemperaturen vorzutäuschen und "Klimaschwindel" zu betreiben. Diese Darlegung ist jedoch falsch. Wetterstationen können aus verschiedenen Gründen geschlossen oder umgelagert werden. Verfügbare Messungen belegen seit Jahrzehnten einen Anstieg an Temperaturen. Die Auswertung von historischen oder gegenwärtigen Daten von Wetterstationen unterliegt strengen wissenschaftlichen Protokollen, sagten Fachleute.
"Mainstream-Medien erklären uns laufend, man habe die 'höchste Temperatur aller Zeiten' gemessen", lautet ein Facebook-Beitrag am 3. März 2026, doch dabei handele es sich um "Klimaschwindel". Dazu wird ein Sharepic geteilt, auf dem der österreichische FPÖ-Europaabgeordnete Roman Haider zu sehen ist.
Haider teilte das Sharepic, welches erneut kursiert, ursprünglich am 17. Dezember 2024. Darauf zu lesen ist "Riesenbetrug bei Klimadaten: Hunderte Wetterstationen existieren nicht, liefern aber Daten!". Als angeblicher Beleg wird unter anderem auf Artikel des österreichischen Blogs Report24 verwiesen. Darin wird wiederum ein bekannter US-amerikanischer Klimaskeptiker zitiert. Report24 mit Sitz in Linz hat bereits mehrfach falsche und irreführende Behauptungen verbreitet, die AFP überprüfte. Zu den Quellen zählen auch ein Verein namens EIKE, der AFP immer wieder mit Klimawandelleugnung auffiel, sowie der rechtspopulistische Blog Kettner Edelmetalle.
Laut der Behauptung, die sich auf Instagram und in tschechischer Sprache verbreitete, "kommt man auf eine große Zahl von Messstationen in den USA, welche schon lange abgebaut waren". Dazu würden "Berichte aus Großbritannien" kommen, "wo 103 Stationen rein 'virtuell' sind, aber Daten in die Wetter- und Klimamodelle einspeisen". Das sei ein "Betrug der Extraklasse, um den Klimaschwindel aufrechtzuerhalten".
Doch die Behauptungen führen in die Irre, wie AFP-Recherchen und verschiedene Wetterdienste belegen.
Urheber ist Mitglied einer Lobbygruppe für fossile Brennstoffe
Die Behauptungen gehen laut den verlinkten unseriösen Quellen auf Aussagen eines gewissen John Shewchuk zurück, der sich auf seinem X-Account als Meteorologe und pensionierter Pilot bei der US Air Force präsentiert. Er ist auch Mitglied der CO2 Coalition, einer Lobbygruppe für die fossile Brennstoffindustrie, wie die englischsprachige Website DeSmog herausfand, die sich gegen Desinformation im Bereich des Klimawandels einsetzt.
Laut Shewchuk soll die US-amerikanische Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA) Daten von "Geisterstationen" heranziehen, um Temperaturen zu fälschen, was AFP in einem französischen Faktencheck im Jahr 2025 entkräftete. Shewchuk zitiert als Beispiel eine Wetterstation in Quitman im US-Bundesstaat Georgia. Doch die genannte Wetterstation war teil eines historischen Messnetzes, welches im Jahr 2014 durch das United States Climate Reference Network (USCRN) abgelöst wurde.
"Die meisten sind weiterhin vorhanden", sagte US-Klimatologe Zeke Hausfather am 20. November 2025 gegenüber AFP. Doch sie seien nicht mehr Teil des einzigen Messnetzes, das von der NOAA genutzt wird, erklärte er. Die übriggebliebenen Stationen würden in eine neue Datenbank einfließen, die jene von tausenden anderen Stationen aus anderen Messnetzen zusammenführt. Dazu zählt auch das moderne Messnetz USCRN.
Bis Mitte der 1990er-Jahre umfasste das historische Messnetz namens US Historical Climatology Network (USHCN) 1218 Wetterstationen, die Temperaturmessungen in den USA durchführten und in einem Raster von 2,5 Längengraden und 3,5 Breitengraden verteilt waren, wie auf der NOAA-Website angegeben ist.
Anfang der 2000er-Jahre leitete die NOAA eine Umstrukturierung ein, um präzisere Messungen zu erhalten und in der Lage zu sein, die langfristige Klimaentwicklung auf dem Gebiet der USA zu überwachen. Die Messgeräte wurden modernisiert und das Stationsnetz wurde verdichtet. Neue Stationen wurden in ländlichen Gebieten installiert, also an Orten, die langfristig nur wenig durch menschliche Aktivitäten beeinflusst werden dürften. Mit dem Städtewachstum können sich einige Stationen hingegen inzwischen auch in urbanen Gebieten befinden.
Das neue USCRN-Netzwerk umfasst knapp 140 Stationen US-weit. Die Zahl dieser Stationen sei laut der NOAA zwar "relativ gering", aber die Stationen seien "sorgfältig lokalisiert und äußerst präzise".
Daten in Großbritannien stammen von umgebenden Stationen
Zu den 103 "rein virtuellen" Stationen in Großbritannien, die in den geteilten Beiträgen erwähnt werden, wird ein Report24-Beitrag verlinkt, wonach der britische Wetterdienst Met Office Daten von "nicht existierenden" Wetterstationen nutze.
Ein Sprecher des Met Office erklärte AFP jedoch in einem finnischen Faktencheck am 3. Juni 2025, dass bei der Schließung von Stationen stattdessen Daten ähnlicher, nahegelegener Stationen verwendet werden, um einheitliche langfristige Reihen zu gewährleisten. "Die Behauptung, wir würden Daten erfinden, ist nicht richtig. Alles, was wir beim Met Office tun, basiert auf begutachteter Wissenschaft und externer Prüfung", sagte er.
Unabhängige Fachleute bestätigten AFP, dass dieses Vorgehen etabliert und begutachtet ist. Ed Hawkins, Professor für Klimawissenschaft an der Universität Reading, erklärte am 17. Juni 2025 gegenüber AFP: "Stationen werden im Laufe der Zeit geöffnet und geschlossen, und wir müssen alle verfügbaren Informationen nutzen, um belastbare Schätzungen darüber zu erstellen, wie sich das Klima verändert."
Temperaturdaten sind wissenschaftlich stichfest
Darüber, dass der Klimawandel hauptsächlich auf menschliche Aktivitäten zurückgeht, ist sich die Wissenschaft laut dem Weltklimarat (IPCC) einig. Die fortschreitende globale Erwärmung führe bereits weltweit zu gravierenden Veränderungen.
Die Wetteraufzeichnungen der meisten staatlichen Wetterdienste unterliegen der Kontrolle durch die Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Sie gibt Standards und Richtlinien heraus, welche die Qualität und Vergleichbarkeit der Messungen weltweit ermöglichen sollen. Diese sorgen dafür, dass lokale Effekte auf die Messung möglichst gering gehalten werden, sagte eine Sprecherin des Deutschen Wetterdienstes (DWD) am 9. März 2026.
Die WMO hat in einer Aussendung bestätigt, dass 2025 eines der wärmsten jemals gemessenen Jahre war und die Serie außergewöhnlich hoher globaler Temperaturen weiterging.
Dass der Klimawandel menschengemacht ist, erklärten Expertinnen und Experten in mehreren AFP-Faktenchecks.
Fazit: Online verbreitete sich die Behauptung, dass Temperaturrekorde auf Messungen an nicht existierenden Wetterstationen beruhen und nicht auf den menschengemachten Klimawandel zurückgehen würden. Dem widersprechen AFP-Recherchen und mehrere Expertinnen und Experten. Wetterdienste müssen sich bei ihren Messungen an strenge Vorgaben halten.
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