Video zeigt Weihnachtsmärkte in Kiew vergangener Jahre, keine aktuellen

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Wegen der durch den Krieg in der Ukraine ausgelösten Energiekrise ruft die deutsche Regierung zum Stromsparen auf. In diesem Kontext teilten User sozialer Netzwerke ein angeblich aktuelles Video, das einen prunkvoll beleuchteten Weihnachtsmarkt in Kiew zeigt. Das Video zeigt aber Weihnachtsmärkte der vergangenen Jahre. Im Dezember 2022 gibt es laut Kiewer Behörden keine Weihnachtsmärkte, sondern nur einen für wenige Stunden beleuchteten Weihnachtsbaum.

Dutzende User haben das Video mit der Behauptung auf Facebook geteilt. Ähnliches wurde auch auf Niederländisch geteilt.

Die Behauptung: Im Video werden hinter der Einblendung "Kiev 2022" aufwendig geschmückte Weihnachtsbäume gezeigt. Dazu heißt es im Beitragstext: "Wir sind solidarisch mit der Ukraine und müssen Strom sparen! Video: Kiew 2022." User kommentieren den Beitrag unter anderem mit den Worten: "Dafür spenden und frieren die Deutschen doch!"

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 21. Dezember 2022

Seit der Invasion russischer Truppen in die Ukraine am 24. Februar 2022 kursieren zahlreiche Desinformation über den Krieg. Ein sehr einfaches und häufig verwendetes Mittel ist es dabei, ältere Bilder aus dem Kontext zu reißen und sie als aktuelles Material aus der Ukraine zu präsentieren. Schon zu Beginn der Invasion kursierte etwa ein irreführend beschriebenes Video einer Fallschirmjägerübung und eines Sturms in Russland als vermeintliche Kriegshandlung in der Ukraine. Andersherum wird auch echten Bildern mit dem Argument des falschen Kontexts die Glaubwürdigkeit abgesprochen. So etwa nach einem Raketeneinschlag in einem ukrainischen Wohnhaus und einem Bombenangriff in Kiew. Das aktuell geteilte Video nutzt dieselben Techniken, um anti-ukrainische Narrative zu verbreiten. Faktenchecks zum Thema sammelt AFP hier.

Video zeigt Weihnachtsmärkte vergangener Jahre

Im auf Facebook geteilten Video sind drei Szenen von zwei Weihnachtsmärkten zu sehen. Die beiden ersten Szenen in den ersten acht Sekunden des Videos zeigen einen beleuchteten grünen Pavillon vor einem Kirchturm und einem Weihnachtsbaum. Der Baum ist in der zweiten Szene einzeln zu sehen.

Eine Suche auf Google mit den Begriffen "Kirche" und "Kiew" führt zur Sophienkathedrale auf dem Sophienplatz im Zentrum Kiews. Die auf Google Maps dazu verknüpften Fotos zeigen denselben Kirchturm auf einem genauso gepflasterten Platz.

Eine weitere Googlesuche auf Ukrainisch mit den Begriffen "Sophienkathedrale" und "Weihnachtsmarkt" führt zu einem Bild des gleichen Weihnachtsbaums wie im Video. Der Stern an der Spitze, die leuchtenden Kugeln, die Lichterketten und die Umzäunung des Baumes sind gleich. Der erste in dem Video gezeigte Weihnachtsmarkt ist allerdings nicht aktuell, sondern von 2021/2022.

Der ukrainische Artikel der Nachrichtenseite "Unian" berichtete vor einem Jahr am 25. Dezember 2021 über einen Weihnachtsmarkt und die damals herrschenden Corona-Beschränkungen. Sowohl im Artikel als auch im Video sind Menschen mit Mundschutz zu sehen. Auch ein anderer Artikel der Nachrichtenseite "Radio Svoboda" zeigte am 25. Dezember 2021 den Weihnachtsmarkt auf dem Sophienplatz.

Falschbehauptung auf Facebook (links) und Screenshot des ukrainischen Mediums "Unian", das über den Weihnachtsmarkt 2021 berichtete (rechts)

Am 18. Dezember 2021 schaltete der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko die Lichter des 31 Meter hohen Weihnachtsbaumes ein. Rund um den Baum sind Stände zu sehen. Laut des Telegram-Accounts des Bürgermeisters sei damals geplant gewesen, den Weihnachtsmarkt bis zum 16. Januar 2022 dort geöffnet zu lassen.

In der Ukraine ist es üblich, Weihnachtsmärkte erst Mitte Dezember zu öffnen und bis Mitte Januar geöffnet zu lassen. Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche nutzt nämlich den julianischen Kalender statt den in Deutschland üblichen gregorianischen Kalender. Das bedeutet auch, dass Weihnachten in der Ukraine erst im Januar gefeiert wird.

Bei der Googlesuche fand AFP außerdem Bilder des zweiten Weihnachtsmarktes aus dem Video. Dieser ist grüner gestaltet, mit feineren Lichterketten und blauen Lichtern am unteren Teil des Baumes. Auch der zweite Weihnachtsmarkt aus dem Video auf Facebook ist nicht aktuell, sondern von 2020/2021. Artikel der ukrainischen Nachrichtenseiten "Depo Kiev" und der "Religiöse Informationsdienst der Ukraine" berichteten Ende Dezember 2020 von dem Weihnachtsmarkt am selben Ort, dem Sophienplatz. Bürgermeister Klitschko eröffnete auch 2020 den Weihnachtsmarkt in Kiew.

Falschbehauptung auf Facebook (links) und Screenshot eines Berichts der Stadt Kiew über den Weihnachtsmarkt von 2020 (rechts)

AFP hat die Sprecherin des Kiewer Bürgermeisters nach dem Facebook-Video gefragt. Oksana Zinovyewa sagte gegenüber AFP am 21. Dezember 2022: "Das ist eine absolute Provokation. Diese Aufnahmen sind aus den vorigen Jahren."

Auch die Kiews Stadtsprecherin Kateryna Baranowa bestätigte die Rechercheergebnisse am selben Tag.

Weihnachten aktuell in Kiew

Zinovyewa erklärte auch: "Dieses Jahr haben die lokalen Behörden entschieden, keine Weihnachtsmärkte, Imbissstände und Beleuchtung zu veranstalten." Der aktuelle Weihnachtsbaum auf dem Sophienplatz sei der wichtigste und viel kleiner und bescheidener als in den Jahren zuvor. Der Baum am Sophienplatz würde trotzdem für wenige Stunden am Abend von einem Generator betrieben beleuchtet. In anderen Bezirken würden ebenfalls "bescheidene Bäume" stehen.

Stadtsprecherin Baranowa sagte, der Baum sei mit Energiespargirlanden geschmückt, die täglich von 17.00 bis 21.00 Uhr mit Strom versorgt würden. Sie wies darauf hin, dass die Stadt selbst keinerlei Haushaltsmittel dafür ausgegeben habe. "Der Baum wurde ausschließlich auf Kosten von Gönnern und Unternehmen aufgestellt und geschmückt. Der Generator wurde von Spendern zur Verfügung gestellt."

Kiews Bürgermeister Klitschko veröffentlichte ein Bild des aktuellen Weihnachtsbaumes auf Instagram. Er habe die Lichter am 19. Dezember 2022 angestellt. In dem Beitrag weist er darauf hin, dass es in diesem Jahr angesichts des Krieges viele Diskussionen gegeben habe, ob man einen Weihnachtsbaum aufstellen solle. Tausende Bürgerinnen und Bürger hatten zuvor eine Petition gegen die Errichtung des traditionellen Christbaums in Kiew ausgesprochen. Die Stadt entschied sich jedoch trotzdem für einen Baum.

"Aber ich glaube, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Es muss einen Weihnachtsbaum geben! Trotz aller Bemühungen der russischen Barbaren, den Ukrainern die Freude an Weihnachten und Neujahr zu nehmen, müssen unsere Kinder Ferien haben", schrieb Klitschko auf Instagram zum diesjährigen Baum.

Auf der Seite der Stadt Kiew heißt es außerdem zum Baumschmuck: "Der Hauptweihnachtsbaum der Ukraine wurde mit Spielzeug aus vergangenen Jahren geschmückt – etwa tausend Kugeln in blauen und gelben Farben, weißen Tauben und Flaggen von Ländern, die Kiew helfen, die Herausforderungen und Folgen des Krieges zu bewältigen. Und auch das Bild des Verteidigers von Kiew – Erzengels Michael. Das Wappen der Ukraine krönt die Spitze des Baumes."

Auch private Instagram-User (hier, hier) teilen den aktuellen Weihnachtsbaum. Es sind keine Weihnachtsmarktstände auf dem Sophienplatz zu sehen. Ein AFP-Fotograf schoss vor der Eröffnung am 19. Dezember 2022 ebenfalls ein Foto des Baumes.

Weihnachtsbaum am Sophienplatz am 19. Dezember 2022 ( AFP / SERGEI SUPINSKY)

Fazit: Das auf Facebook geteilte Video zeigt keinen aktuellen Weihnachtsmarkt auf dem Sophienplatz in Kiew. Die Aufnahmen stammen aus den vergangenen Jahren. Der aktuelle Weihnachtsbaum ist bescheidener geschmückt. Einen Weihnachtsmarkt mit Ständen gibt es nicht.

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