Nein, dieses Video zeigt keinen Angriff auf die Ukraine 2022, sondern einen Sturm im Jahr 2021

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Tausende User haben seit Ende Februar ein Video auf Facebook gesehen, das angeblich Explosionen in der Ukraine während eines russischen Angriffs zeigen soll. Die Aufnahme stammt allerdings von einen Sturm im Jahr 2021, der sich in der russischen Stadt Wolschsk ereignete.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben das vermeintliche Video des russischen Angriffs auf die Ukraine auf Facebook gesehen (hier, hier). Auch auf Telegram sahen Hunderttausende die Aufnahme (hier, hier, hier).

Die Behauptung: "Nach der Ankündigung einer Militäroperation durch den russischen Präsidenten Putin wurden Explosionen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, Mariupol und anderen Teilen des Landes gemeldet", heißt es in einem Facebook-Posting. Auf Telegram wird behauptet, die Aufnahme zeige die Schlacht um die Donbass-Hafenstadt Mariupol, welche in der Nacht begonnen habe.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 07.03.2022

Nachdem sich der Konflikt um die Ukraine schon länger zugespitzt hatte, verkündete der russische Präsident Wladimir Putin am 21. Februar die Anerkennung der selbst ernannten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk in der Ostukraine. Am Morgen des 24. Februar 2022 begannen russischen Truppen mit dem Angriff auf die Ukraine. Seither haben Hunderttausende Menschen das Land verlassen. Der vom russischen Präsidenten Wladimir Putin angeordnete Angriff wurde weltweit verurteilt.

Seither kursieren zahlreiche Bilder, die aus ihrem Kontext gerissen wurden. AFP zeigte beispielsweise, dass es sich bei angeblichen russischen Militärflugzeugen über der Ukraine genauso wie bei dem Bild eines angeblichen Luftangriffs um alte Aufnahmen handelte. Ein Video von Soldaten, die angeblich mit Fallschirmen in der Ukraine landen, ist ebenfalls alt. AFP sammelt Faktenchecks im Kontext des Ukraine-Konflikts hier. Das vermeintliche Video der Schlacht um Mariupol gehört ebenfalls zu diesen Fehlinformationen.

Woher stammt die Aufnahme?

Das Video wurde im Zusammenhang mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 in Umlauf gebracht. In dem Clip ist allerdings keine Aufnahme der Invasion zu sehen.

Eine Bildrückwärtssuche nach Ausschnitten aus dem Video führte AFP zunächst zu einer identischen Aufnahme, die am 29. Januar 2022 auf TikTok veröffentlicht wurde – also fast einen Monat, bevor Russland seine Invasion in die Ukraine begann.

In der Bildbeschreibung des Clips auf TikTok heißt es auf Russisch: "Blitzschlag im Kraftwerk". Ungefähr bei Sekunde sieben in der Aufnahme ist tatsächlich ein Blitz im Video zu erkennen, der im aktuell verbreiteten Video weniger klar zu sehen ist. Bezug zu einem militärischen Angriff gibt es darin keinen.

TikTok-Screenshot des Videos: 02.03.2022

Die Videoausschnitte sind allerdings auch in einem 16-sekündigen Clip zu finden, der bereits am 28. Juni 2021 auf TikTok gepostet wurde. Darin zu sehen ist eine gespiegelte Version des aktuell geteilten Videos. In der russischen Videobeschreibung heißt es: "#Natur #Sturm #Gewitter #Auto #Regen #28.06.21 #Blitz #Explosion Etwas explodierte und das Licht ging aus". Einen Bezug zu einem Bombenangriff gibt es hier ebenfalls nicht.

Auf Nachfrage erklärte der Nutzer, der die Aufnahme hochgeladen hatte, am 29. Juni 2021 in den Kommentaren, das Video stamme aus der russischen Stadt Wolschsk.

TikTok-Screenshot des Videos: 02.03.2022

Auf AFP-Anfrage bestätigte der TikTok-Nutzer mit dem Nutzernamen "MiEvgen823", die Aufnahme selbst angefertigt zu haben. Diese stamme tatsächlich aus der russischen Stadt Wolschsk und entstand am 28. Juni 2021. Der User stellte AFP zudem eine längere Version des Clips zur Verfügung. Eine Überprüfung der Metadaten des Videos belegt ebenfalls, dass das Filmmaterial an diesem Tag aufgezeichnet wurde.

"Das ist im Sommer passiert, im Juni. Es gab ein starkes Gewitter, und offenbar schlug ein Blitz in einen Transformator ein, so dass die Lichter ausgingen", erklärte der TikTok-Nutzer gegenüber AFP. Ein weiteres Video, das ebenfalls am 28. Juni 2021 auf TikTok veröffentlicht wurde und nach Angaben des Autors der Veröffentlichung in Tscheboksary (etwa 110 km entfernt von Wolschsk) aufgenommen wurde, zeigt ebenfalls einen starken Sturm.

Auch die Wettervorhersage für die Stadt Wolschsk deutete am 28. Juni 2021 auf Unwetter im Laufe des Tages hin. Eine Nachrichten-Website in Wolschsk warnte an diesem Tag vor der Entstehung von Gewitter und berief sich dabei auf eine Mitteilung des für die Region Mari El zuständige Stelle des russischen Katastrophenschutzministeriums.

Eine Suche auf Google Maps in der Stadt Wolschsk nach den Gebäuden aus dem Video führte außerdem zu einer Wohnanlage, deren Standortdaten mit den Koordinaten des Videos und der zu sehenden Bauart übereinstimmen.

Fazit: Das Video zeigt weder Explosionen im Rahmen des russischen Angriffs auf die Ukraine, noch die Hafenstadt Mariupol. Der Clip wurde im Juni 2021 während eines Unwetters im russischen Wolschsk aufgenommen.

Übersetzung:
Russisch-Ukrainischer Krieg