Nein, dieser verunglückte Pilot war nicht für die Wartung der Nord-Stream-Turbinen verantwortlich

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Nachdem Anfang September 2022 ein Kölner Geschäftsmann mit seinem Privatflugzeug über der Ostsee abstürzt, kursieren online Verschwörungstheorien zu dem Vorfall. Angeblich sei die Firma des Mannes für die Wartung der Nord-Stream-Turbinen zuständig gewesen, heißt es im Netz. Auch über einen Abschuss des Flugzeugs wird spekuliert. Für Verbindungen zwischen dem Unternehmen und der Gas-Pipeline finden sich allerdings keine Hinweise. Zuständig für die Wartung der Turbinen ist deren Hersteller Siemens. Auch die Luftwaffen der Ostsee-Anrainerstaaten, die das Flugzeug in seinen letzten Stunden begleitet haben, wissen nichts von einem Abschuss.

Die Behauptungen zu dem Absturz wurden dutzende Male auf Facebook geteilt. Auf Telegram sahen Hunderttausende entsprechende Beiträge.

Die Behauptung: In den Beiträgen wird darüber spekuliert, ob das im September 2022 über der Ostsee abgestürzte Privatflugzeug des Geschäftsmannes Peter Griesemann von Kampfflugzeugen abgeschossen wurde. Der Unternehmer sei angeblich für die Wartung der Nord-Stream-1-Turbine verantwortlich gewesen, heißt es.

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 24.09.2022

Tatsächlich hatte der Irrflug eines Privatflugzeuges am 4. September 2022 ein dramatisches Ende gefunden. Eine Cessna 551 war auf dem Weg vom südspanischen Jerez nach Köln gewesen, änderte allerdings seinen Kurs und stürzte vor der Küste Lettlands in die Ostsee. Kampfjets aus Deutschland, Frankreich, Dänemark und Schweden hatten die Maschine auf ihrem Flug begleitet und erfolglos versucht, Kontakt mit dessen Insassen aufzunehmen.

Ähnliche Spekulationen gab es im Oktober auch um Ermittlungen zu Lecks in den Nord-Stream-Pipelines. User behaupteten, der zuständige Ermittler sei tot aufgefunden worden. AFP widerlegte diese Behauptung hier. Weitere Faktenchecks zum Krieg in der Ukraine sammelt AFP hier.

Keine Verbindung zu Nord Stream

Anfang September 2022 hatte der russische Konzern Gazprom die zuvor bereits reduzierten Gaslieferungen durch Nord Stream 1 unterbrochen. Als Grund nannte das Unternehmen regelmäßig stattfindende Wartungsarbeiten sowie eine fehlende Turbine. AFP berichtete hier:

In den aktuell online zirkulierenden Postings heißt es, das Unternehmen des über der Ostsee abgestürzten Piloten sei für die Wartung der Turbine verantwortlich gewesen. Dazu wird ein Artikel des Nachrichtenportals "Focus Online" vom 7. September 2022 geteilt.

Laut "Focus Online" handelt es sich bei dem Piloten um den Kölner Geschäftsmann Peter Griesemann. Auf der Website seines Unternehmens, der Griesemann-Gruppe, heißt es, Peter Griesemann habe das Unternehmen gegründet, heute sei sein ältester Sohn Geschäftsführer. Die Firma ist unter anderem im Bereich der Anlagentechnik tätig.

Auf AFP-Anfrage bestätigte ein Sprecher des Unternehmens am 8. September 2022, dass sich Peter Griesemann unter den Opfern des Absturzes über der Ostsee befand. "Mit ihm zusammen waren zwei Familienmitglieder und eine weitere Person." Eine Verbindung zu Nord Stream dementierte der Unternehmenssprecher allerdings. "Es gibt keine Verbindung der Griesemann Gruppe oder von Peter Griesemann zu einer der beiden Nord-Stream-Pipelines oder Teilen davon."

Ein Sprecher der Betreibergesellschaft von Nord Stream 1, der Nord Stream AG, erklärte am 28. September 2022 gegenüber AFP, ihm sei ebenfalls nicht bekannt, dass die Griesemann-Gruppe in die Wartung der Pipeline oder ihrer Pumpen involviert sei. Es gebe keine geschäftlichen Beziehungen zwischen den beiden Unternehmen, so der Sprecher.

Medienberichte nannten zudem bereits mehrfach Siemens Energy als Hersteller der Nord-Stream-Turbinen (hier, hier, hier). Auf AFP-Anfrage bestätigte dies ein Siemens Energy-Sprecher am 13. September 2022: "Siemens Energy ist der Hersteller von Turbinen, die in der Verdichterstation von Nord Stream 1 eingesetzt werden. Im Frühjahr 2022 hat Siemens Energy den Auftrag zur Wartung einer Turbine erhalten und diese im Werk in Kanada durchgeführt."

Die gewartete Turbine sei Anfang August von Kanada nach Deutschland transportiert worden und habe sich Mitte September 2022 im Siemens Energy Werk im deutschen Mühlheim an der Ruhr befunden. Die Griesemann-Gruppe sei in keiner Weise an der Wartung der Turbine beteiligt gewesen. Laut einem Faktencheck der Nachrichtenagentur dpa wartet die Griesemann-Gruppe auch nicht die restlichen Pipeline-Anlagen.

Luftwaffe: Keine Kenntnis über einen Abschuss

Die Ermittlungen zur Absturzursache hat die deutsche Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) übernommen. Deren Pressesprecher, Germout Freitag, erklärte am 26. September 2022 gegenüber AFP, die BFU könne zu diesem Zeitpunkt keine Angaben zur Ursache des Unfalls machen. "Bei Flugunfalluntersuchungen wird von vorneherein nichts ausgeschlossen", sagte er.

Derzeit würden die Wrackteile aus der Ostsee geborgen und untersucht. Die Untersuchungsergebnisse und eine mögliche Unfallursache würden jedoch erst im Abschlussbericht der BFU dargestellt. Wann genau der Bericht veröffentlicht werde, sei derzeit unklar, sagte Freitag, ein erster Zwischenbericht könne jedoch Ende November 2022 vorliegen.

Ein Sprecher der deutschen Luftwaffe erklärte gegenüber AFP am 13. September 2022, im Fall der über der Ostsee abgestürzten Maschine sei "ausschließlich eine Begleitung und Sichtidentifikation des Luftfahrzeuges" erfolgt. "Darüber hinausgehende Maßnahmen erfolgten nicht."

Nachdem das Flugzeug den deutschen Luftraum über der Ostsee verlassen hatte, wurde es von Abfangjägern der dänischen Luftwaffe begleitet. Ein Sprecher der dänischen Streitkräfte erklärte am 4. Oktober 2022 per E-Mail gegenüber AFP, dass dort keine Informationen über einen Abschuss des Jets vorliegen. Die dänischen Militärflugzeuge drehten kurz vor dem schwedischen Luftraum ab und Abfangjäger der schwedischen Armee übernahmen daraufhin die Verfolgung der Maschine.

Die Pressestelle der schwedischen Armee gab am 10. Oktober 2022 per E-Mail gegenüber AFP an, zwei schwedische Kampfjets hätten das Privatflugzeug verfolgt, das in gerader Flugrichtung und mit konstanter Höhe und Geschwindigkeit geflogen sei. Auch die schwedische Luftwaffe wisse nichts über einen angeblichen Abschuss.

Abgestürzt war das Flugzeug schließlich vor der lettischen Hafenstadt Ventspils, wie AFP berichtete. Lettland habe keine eigenen Abfangjäger ausgesandt, erklärte eine Sprecherin der lettischen Streitkräfte am 13. Oktober 2022 per E-Mail gegenüber AFP. Ein Schiff der lettischen Marine sei an dem Such- und Bergungseinsatz nach dem Absturz der Maschine beteiligt gewesen. "Den lettischen Luftstreitkräften sind keine Beweise bekannt, die auf einen Angriff durch Abfangjäger hindeuten würden", so die Sprecherin.

Fazit: Nein, der Absturz des Gründers der Griesemann-Gruppe, Peter Griesemann, steht nicht im Zusammenhang mit der Wartung der Nord-Stream-1-Turbine. Das Unternehmen ist nicht für die Pipeline-Turbine verantwortlich, wie Nord Stream, der Hersteller Siemens Energy und die Griesemann-Gruppe selbst bestätigten. Auch von einem angeblichen Abschuss des Flugzeugs haben die Luftwaffen aus Lettland, Schweden und Dänemark keine Kenntnis.

Ukrainischer-Russisch Krieg